Der Erste Weltkrieg in der deutschen und britischen Erinnerungskultur

Ort
Coburg
Veranstalter
Prinz-Albert-Gesellschaft e.V., Coburg
Datum
04.09.2014 - 06.09.2014
Von
Marian Bertz, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal. Unzählige Veranstaltungen, Ausstellungen, Konferenzen, Projekte und Publikationen nehmen sich hierbei eines Themas an, das in Deutschland – anders als in Großbritannien – in der allgemeinen Wahrnehmung, aber auch der Wissenschaft, lange vom Zweiten Weltkrieg weitgehend überlagert war. Daher befasste sich auch die Prinz-Albert-Gesellschaft im Rahmen ihrer 33. Jahrestagung mit dem Ersten Weltkrieg, wobei jedoch nicht der Krieg an sich im Mittelpunkt stand, sondern in teils kontroversen Referaten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erinnerungskultur, also dem Nachleben des Ersten Weltkrieges, in Deutschland und Großbritannien herausgearbeitet wurden.

Einen interessanten einführenden Vortrag hielt STEPHEN BADSEY (Wolverhampton), in dessen Kern es ihm um die politischen, sozialen und kulturellen Aspekte des Krieges ging. Die Planungen zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg hatten in Großbritannien bereits in der Endphase des Krieges begonnen. Immer sei es dabei um die Gefallenen, nicht aber eine triumphierende Darstellung des Sieges gegangen, zumal sich dies gut in die Vorstellung eines multikulturellen, diversifizierten, nicht jedoch in den Mythos eines geeinten und siegreichen Großbritanniens füge. Zudem seien die drei französisch-deutschen Kriege zwischen 1870 und 1945 als europäische Bürgerkriege zu werten, in denen nur die europäische Zivilisation verloren habe. Diskussionen über Sieg und Niederlage, gar Schuld, seien bedeutungslos. In diesem Sinn habe sich, gerade in letzter Zeit, auch die Vorstellung von Deutschland als einzigem Land, das den Krieg langfristig plante und anstrebte, gewandelt. Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“, das diese Diskussion maßgeblich neu entfachte, sei jedoch nicht überzeugend, da es dem Autor letztlich nicht gelinge, die Gründe für den Kriegsausbruch zu erklären. Das aktuelle Gedenkjahr, so eine der Feststellungen Badseys, unterscheide sich nicht nur aufgrund des runden Datums und der großen Anzahl neuer Publikationen, Ausstellungen usw. von vorangegangenen, sondern auch dadurch, dass nun die letzten Frontkämpfer verstorben sind und Historiker mehr denn je an der Konzeption von Gedenkveranstaltungen, am Gedenken an den Ersten Weltkrieg, beteiligt seien. Immer noch gäbe es viele, bisher unbekannte Aspekte zu beleuchten.

Nach der Einführung und Begrüßung durch FRANK-LOTHAR KROLL (Chemnitz) und einem Hinweis Silvia Pfisters auf den Weimarer Appell zum Schutz der schriftlichen Überlieferung, der tatkräftige Unterstützung benötige, folgte ERNST PIPER (Potsdam) mit einem Vortrag zum Ersten Weltkrieg in der deutschen und britischen Erinnerungskultur. Sein Befund, die Erinnerungskultur in Großbritannien und Deutschland sei maßgeblich durch Sieg auf der einen und Niederlage auf der anderen Seite geprägt, unterschied sich grundlegend von dem Badseys. Seit 1917 habe es in Großbritannien mit einer Diskreditierung des Kriegsgegners verbundene Ausstellungen und Schlachtfeldführungen zum Ersten Weltkrieg gegeben. Maßgeblich von der Erinnerung an den eigenen Sieg kündeten auch die erstmals angelegten Soldatenfriedhöfe, bei denen nicht Trauer, sondern Verehrung der Gefallenen das Ziel war und ist. In allen und für alle Teile des Vereinigten Königreiches und des British Empire gab und gibt es zahlreiche Kriegerdenkmale. Sehr profan, aus deutscher Perspektive vielleicht sogar geschmacklos, muten darüber hinaus die Souvenirs an, die es in britischen Gedenkstätten oftmals zu kaufen gibt. So sei der Verkauf eines „Remembrance Beer“, das der Referent auf einem Foto präsentierte, in deutschen Museen oder Gedenkstätten undenkbar. Im Deutschen Reich seien keine Ehrenmale gestattet gewesen, die Kreuze für die auf den deutschen Soldatenfriedhöfen im Ausland beerdigten Gefallenen mussten von schwarzer statt weißer Farbe sein. Bis 1925 sei es zudem den Deutschen nicht gestattet gewesen, diese Friedhöfe zu besuchen. War die deutsche Meistererzählung durch den verlorenen Krieg ohnehin dramatisch zu einer Erzählung des Scheiterns geworden, sorgten solche Festlegungen der Siegermächte für zusätzliche, tiefe Verbitterung. In der heutigen deutschen Erinnerungskultur gäbe es durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges keinen unverkrampften Umgang mit den Gefallenen mehr, die Politik stünde dem aktuellen Gedenkjahr weitgehend hilflos gegenüber und hoffe, sich ins nächste Jahr, dem 70. Jubiläum des Endes des Zweiten Weltkrieges, hinüberretten zu können.

Aus britischer Perspektive beleuchtete MATTHEW STIBBE (Sheffield) den bereits zuvor von Ernst Piper thematisierten Sachverhalt. In Großbritannien bestünde aktuell eine große Unsicherheit, wie an den Krieg erinnert werden solle. Als Gründe identifizierte der Referent die offene Zukunft des Vereinigten Königreiches, aber auch die Debatte, wie und warum der Erste Weltkrieg ausbrach. Sei der Erste Weltkrieg für Großbritannien eine „continuity of values“, stelle er sich für Deutschland als „warning from history“ dar. Deutschland könne nicht an den Ersten Weltkrieg erinnern, ohne auch den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die DDR mit einzubeziehen. Darin lägen auch die Gründe, weshalb es „so little appetite in Germany today for controversies about the First World War“ gäbe. Letzterer Meinung wurde in der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion allerdings deutlich widersprochen.

Da die Ausführungen von BERND HÜPPAUF (Berlin / New York) rissen viele Themenbereiche nur an und blieben so leider teils inkonsistent. Die Bezeichnung „Great War“ oder „Grand Guerre“ sei nur in den westeuropäischen Ländern gebräuchlich, nicht dagegen in Deutschland. Dies verweise bereits auf die weiterhin dominanten nationalen Erfahrungen und Perspektiven, die eine gesamteuropäische unmöglich machten, zumal es östlich einer Linie Königsberg-Triest kein Interesse an Erinnerung an den Ersten Weltkrieg gäbe. In Großbritannien dominierte in der Nachkriegszeit die Ansicht, man habe im Krieg die zivilisierte Überlegenheit des Westens, gar eine ganze Generation verloren. Deutschland dagegen betrauerte den Verlust der Großmachtstellung, was der Dolchstoßlegende Vorschub geleistet habe. Gänzlich melancholisch sei die Erinnerung im ehemaligen Österreich-Ungarn geprägt, das Zerbrechen der Donaumonarchie als echter Verlust gewertet worden. Beschäftige man sich mit dem Ersten Weltkrieg, seien also allenfalls vergleichende Studien zu bestimmten Ländern verfügbar, nicht jedoch ein europäischer Blick auf die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Als wesentliche Folge des Ersten Weltkrieges identifizierte Hüppauf das Entstehen der Idee eines „blutlosen Krieges“, eines Cyberwar, was, für eine Zeit lange vor der Erfindung des Computers und erst recht des Internets, allerdings unglaubwürdig erscheinen musste.

Ungleich greifbarer und sehr aussagekräftig war der Vortrag von SUSANNE KOLTER (Göttingen), die eine veritable Tradition britischer Schlachtenmalerei vorstellen konnte. Mit dem Krimkrieg trat die Fotografie hinzu, ab dem Ersten Weltkrieg sogar der Film. Da die neuen Medien den Bedarf aber jeweils nicht zu decken vermocht hätten, spielte die Malerei weiterhin eine gewichtige Rolle. Die Authentizität der Gemälde profitierte dabei stark von der Fronterfahrung, welche die Maler unabhängig von ihrer künstlerischen Tätigkeit zu sammeln hatten, zumal tradierte ikonographische Muster aufgrund der Unübersichtlichkeit des Krieges und der völlig neuen Destruktionsfähigkeit der Waffen scheiterten, und in vielen Experimenten neue gefunden werden mussten. Deutschland entwickelte sich neben dem militärischen und politischen, auch zu einem Gegner in der Kunst. Immer sei aber über eine bloße Schmähung des Gegners hinauszugehen gewesen, auch die Kriegspropaganda sollte einem hohen künstlerischen Anspruch genügen, was die Referentin anhand zahlreicher Bildbeispiele visualisieren konnte.

ERIK LOMMATZSCH (Mannheim) präsentierte anhand dreier Beispiele eine kleine Auswahl aus dem reichen Fundus der Memoirenliteratur von Mitgliedern ehemals regierender Häuser. Kaiser Wilhelms II. „Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918“ ist dabei sicher das populärste, zumal es eine außerordentlich weite Verbreitung fand. Es gibt beredten Ausdruck von seiner Selbst- und Zeitsicht, führt aber auch viele Marginalien auf. Wesentliches Charakteristikum des Werkes ist das Bemühen Wilhelms, das eigene Verhalten, die eigenen Entscheidungen zu rechtfertigen und Enttäuschungen, etwa über Russland, Ausdruck zu verleihen. Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, der dritte Sohn König Friedrich Augusts III., hielt seine Fronterlebnisse in Memoiren fest, die Lommatzschs zweites Beispiel bildeten. Ernst Heinrichs Text sei eine jugendlich-abenteuerliche Schilderung des Krieges, wie bei Kaiser Wilhelm II. finde sich auch bei ihm viel Anekdotisches, doch gerate die Schrecklichkeit des Krieges immer wieder in den Blickpunkt. 1968 wurde dieses Buch erstmalig publiziert. Mathilde Gräfin Keller, eine der Hofdamen Kaiserin Auguste Viktorias, gewährte einen Einblick in die Welt des Hofes, aber auch dessen Bemühen, den Armen der Gesellschaft zu helfen. Die genannten Werke vermittelten, so das Fazit des Referenten, einen probaten Eindruck vom Wahrnehmungshorizont von Herrscherpersönlichkeiten.

OLIVER WALTON (London / Duisburg) wandte sich der Marine zu. Trotz der im Vergleich zur Armee sehr geringen Verlustzahlen der Flotte sei diese an einigen der wichtigsten Wendepunkte des Krieges beteiligt gewesen, der Seekrieg von großer Bedeutung für den Sieg der Entente. Beim Gedenken stünde man allerdings vor dem Problem, dass keine Schlachtfelder und Friedhöfe besucht werden könnten, die Gefallenen mit ihren Schiffen untergegangen und nicht lokalisierbar sind. Im Deutschland der Zwischenkriegszeit kam das Fehlen einer Flotte hinzu, welches die Tradition abreißen, den Einblick der Gesellschaft in das Leben auf See verloren gehen ließ.

ULRIKE HOLLENDER (Berlin) stellte das Internetportal „Europeana 1914-1918“ vor, welches als „Kulturdatenbank“ das Wissen, das im Internet über den Ersten Weltkrieg zu finden ist, bündeln soll. Auch Hinweise zu und Fotos von Erinnerungsstücken und Exponaten jeglicher Art sind dort zu finden und können von Privatpersonen hochgeladen werden.

JULIANE HAUBOLD-STOLLE (Berlin) gab zunächst einen Überblick über die Präsenz des Ersten Weltkrieges in den Museen Europas. Als herausragende Beispiele sind dabei das Imperial War Museum in London, das Musée de l’Armée in Paris, das Heeresgeschichtliche Museum in Wien und das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin zu nennen. Aber auch in Osteuropa fänden Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg statt, was die Behauptung Bernd Hüppaufs widerlegte, es gäbe östlich der Linie Königsberg-Triest kein Gedenken an den Krieg. „Der Erste Weltkrieg 1914-1918“ heißt die Ausstellung des DHM, deren Kuratorin die Referentin ist. Anhand von 14 Orten und 14 Zeitpunkten wird dort die Geschichte des Ersten Weltkrieges dargestellt.

PATRICK MAJOR (Reading) stand für das wohl schillerndste Thema der Tagung. Anhand ausgewählter Filmbeispiele rekonstruierte er die Entwicklung der Deutschlandrezeption in den USA. Das Spektrum dieser Hassliebe reichte dabei von ausgemachter Feindschaft in Titeln wie „To Hell with the Kaiser“ oder „The Kaiser. The Beast of Berlin“ bis zur Darstellung des „Good German“ in „The Life and Death of Colonel Blimp“, während in „Mata Hari“ von 1931 mit Begierden, die nationale Loyalitäten untergraben, und unscharf getrennten, wenn nicht doppelten Identitäten, gespielt wird, vielleicht gar eine Faszination des Bösen zum Ausdruck kommt. In den Bereich des Antikriegsfilmes fällt das bekannteste Werk, „All Quiet On The Western Front“, die Verfilmung des Romanes „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque.

Der Vortrag von HUBERTUS HABEL (Coburg) stellte den Bezug zu Coburg (wieder) her und bildete einen gelungenen Abschluss der Tagung. Er zeichnete unter programmatischen Überschriften Ereignisse während und Folgen des Krieges am lokalhistorischen Beispiel Coburg nach. So leistete das britische Königshaus „aktivem Vergessen“ Vorschub, in dem es sich 1917 von Sachsen-Coburg und Gotha in Windsor umbenannte. Die Stadt Coburg begann, ebenfalls 1917, mit der öffentlichen „Heldenverehrung“, indem sie Hindenburg zum Ehrenbürger ernannte und eine Tannenberg- und eine Hindenburgstraße schuf. Am 11. November 1918 fand auch in Coburg eine „Revolution“ statt, Herzog Carl Eduard entsagte dem Thron – von Habel der Überschrift „Jung/Arbeitslos“ zugeordnet. 1920 trat die Stadt dem Freistaat Bayern bei, die Coburger Bevölkerung jedoch bekam die Tragweite dieser Entscheidung erst 1945 richtig zu spüren, als ihre Heimat der amerikanischen und nicht der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen wurde. Nun plagten die deutsche Seele allerdings „Phantomschmerzen“, abzulesen bis heute an Straßennamen wie Danziger, Elsässer oder Lothringer Straße. Um heutiger politischer Korrektheit zu entsprechen und Alternativen aufzuzeigen, an denen es auch damals freilich nicht gemangelt hat, wurde mit Anna B. Eckstein im Coburger Stadtbild nun eine Pazifistin geehrt.

Die 33. Jahrestagung der Prinz-Albert-Gesellschaft förderte interessante Desiderate zutage, stellte lobenswerte Projekte vor und zeichnete die aktuellen Entwicklungslinien der Forschung zum Ersten Weltkrieg nach. Dabei wurde deutlich, dass dem Ersten Weltkrieg vor allem in Deutschland nun wieder verstärkt öffentliche Aufmerksamkeit zuteilwird. Sowohl hier als auch in Großbritannien herrschen in der Politik jedoch Unsicherheiten vor, wie mit diesem Gedenkjahr umzugehen ist. Der Wissenschaft kommt also mehr denn je bzw. weiterhin die Aufgabe zu, Deutungsmöglichkeiten zu erarbeiten und anzubieten.

Konferenzübersicht:

Stephen Badsey (Wolverhampton), A Hundred Years On: Recent and Changing Views on the History of the First World War

Frank-Lothar Kroll (Chemnitz), Begrüßung und Einführung

Sektion I: Großbritannien und Deutschland im Vergleich

Ernst Piper (Potsdam), „Dulce et decorum est“. Der Erste Weltkrieg in der britischen und deutschen Erinnerungskultur

Matthew Stibbe (Sheffield), Great War vs Forgotten War? The First World War in Germany and Britain

Sektion II: Kunst und Kriegserinnerung

Bernd Hüppauf (Berlin / New York), Der erinnerte Krieg in Deutschland nach 1918

Susanne Kolter (Göttingen), „A record of facts“? Britische Malerei und der Erste Weltkrieg

Sektion III: Visualisierung und symbolische Kontextualisierung

Erik Lommatzsch (Mannheim), Erinnerung der Gestürzten. Der Erste Weltkrieg in den Memoiren deutscher Fürstenhäuser

Oliver Walton (London / Duisburg-Essen), Navy, Empire and War. The First World War as a Maritime Place of Remembrance

Sektion IV: Populäre Erinnerungswelten

Ulrike Hollender (Berlin), Der Erste Weltkrieg im Internet und das Portal Europeana 1914-1918

Juliane Haubold-Stolle (Berlin), Der Erste Weltkrieg im Museum

Patrick Major (Reading), Mud, Monocles and Mata Hari. Hollywood’s Love-Hate Relationship with Germany after the First World War

Hubertus Habel (Coburg), Coburg und der Erste Weltkrieg. Folgen und Nachwirkungen

Zitation
Tagungsbericht: Der Erste Weltkrieg in der deutschen und britischen Erinnerungskultur, 04.09.2014 – 06.09.2014 Coburg, in: H-Soz-Kult, 30.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5617>.