HT 2014: Von der Sowjetunion lernen? Der gesellschaftliche Umgang mit Veteranen des Sowjetisch-Afghanischen Krieges

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Anne Hasselmann, Departement Geschichte, Universität Basel

Weitgehend unbemerkt jährte sich im Februar 2014 der 25. Jahrestag des Abzuges der sowjetischen Truppen aus Afghanistan. Die Rückkehr der sowjetischen Soldaten im Jahr 1989 fiel mit dem politischen Zusammenbruch der UdSSR zusammen. Die Sektion ging der Frage des gesellschaftlichen Umganges mit den über 620.000 Soldaten aus den ehemals sowjetischen Staaten, die in dem über neun Jahre währenden Krieg für den Erhalt der „internationalen Sicherheit“ kämpften nach.

Für das Verständnis des Verhältnisses der „Afgancy“ genannten Veteranen zu dem Krieg und ihr Bemühen um gesellschaftliche und juristische Anerkennung, sind die soldatischen Selbstbilder und die ideologische Zuschreibung von staatlicher Seite relevant. Besonders aufschlussreich wird dieses Spannungsfeld an dem Begriff der „internationalen Pflicht und Brüderhilfe“ mit dem MARKUS MIRSCHEL (Zürich) in die visuelle Berichterstattung zweier offizieller Printmedien der Sowjetunion einführte. Zeitungen, Berichterstatter und Fotografen präsentierten das gewünschte Bild der Machthaber und gestalteten ein Kriegsnarrativ welches sich im Verlauf des Konfliktes diversifizierte, jedoch stets ein positiv konnotiertes Bild des Soldaten zeigte. Mirschel argumentiert, dass sich die sowjetische Kriegsfotografie einer traditionellen Bildsprache bediente, die ihre Ursprünge in der Abbildung des Neuen Menschen beim Aufbau des Kommunismus hat. Während die Fotografie den Status eines Leitmediums der Agitation und Propaganda bis zuletzt beanspruchte, büßte sie laut Mirschel im sowjetisch-afghanischen Krieg ihre Glaubwürdigkeit ein.

Die Bildmotive sind vertraut und sollen dadurch Kontinuität suggerieren. Das Vokabular der Presseberichterstattung korrespondiert mit der Bildsprache und die Invasion wird als Weiterführung einer jahrzehntelang währenden Zusammenarbeit legitimiert. Die Begriffe „internationale Pflicht“ und „Brüderhilfe“, die als Bildunterschriften die Perzeption des Betrachters lenkten, waren keine für diesen Krieg geschaffenen Hülsen. Vielmehr sind sie traditioneller Bestandteil des sowjetischen Propagandavokabulars und unterstützen auf diese Weise die wirkmächtige Mär der „unterstützenden sowjetischen Hand“ die die militärische Intervention als Fortführung einer Brüderhilfe darstellt. Realpolitische Gründe des Konflikts verschwanden völlig hinter den die sowjetische Gesellschaft durchdringenden Schlagworten der Freundschaft, internationalen Pflicht und Hilfe sowie der Solidarität. Die Berichterstattung präsentierte somit eine scheinbar gesellschaftlich akzeptierte Selbstverständlichkeit der sowjetischen Unterstützung im nationalen Befreiungskampf, in dem sich Afghanistan befände. Hierbei konnte auf vergangene Hilfsmaßnahmen der UdSSR zurückgegriffen werden, die die Bruderrepublik Afghanistan seit den 1920er-Jahren in infrastrukturellen, militärischen sowie sozialen und ökonomischen Bereichen unterstützte.

Anhand von Pressefotografien verfolgte Markus Mirschel die Brüderhilfe in der visuellen Berichterstattung und untersuchte Traditionslinien, Brüche und Veränderungen in der Kriegsbebilderung. Mithilfe von beschreibenden Kategorien, wie die des „visionären Blicks“ können deutliche Parallelen zu Bildkompositionen von Militär- und Arbeiterhelden aus den 1920er-, 1930er- und 1960er-Jahren gezogen werden. Eine weitere Traditionslinie, die ihre Widerspiegelung in den Darstellungen des Personen- bzw. Führerkultes der 1930er- bis 1950er-Jahre findet, sind die Gruppenbilder in denen sich einfache Soldaten um einen erfahrenen Kämpfer scharen.

Veränderungen lassen sich hingegen in der Darstellung der Soldatenportraits feststellen. Während zu Beginn der Intervention die sowjetischen Soldaten noch beim Pflanzen einer Allee oder als Ärztinnen gezeigt wurden, die afghanischen Mitstreiter bei der Lektüre der Lenin-Bibel porträtiert wurden, liess sich im Verlauf der 1980er-Jahre die Realität der Gefallenen nicht mehr verschweigen. Die Armeezeitschrift „Krasnaja Zvezda“ sowie das Medium der kommunistischen Partei „Pravda“ publizierten Bilder hochdekorierter Soldaten in Paradeuniform. Während versiegelte Zinksärge die Heimat erreichten, sollten heroische Bilder ausgezeichneter Kämpfer und Verbrüderungsszenen mit den afghanischen Kombattanten den Erfolg des Einsatzes beweisen und die vaterländische Pflichterfüllung die Trauer der Hinterbliebenen mit Stolz kompensieren.

Unter dem Titel „Kabul in Moskau. Soziale Strategien zur Legitimierung der sowjetischen Afghanistan-Intervention im Russland des 21. Jahrhunderts“ schlug MICHAEL GALBAS (Konstanz) den Bogen in die Gegenwart. Der Referent präsentierte in seinem Vortrag die Praktiken der postsowjetischen Geschichtspolitik mit dem sowjetisch-afghanischen Krieg und ihre Verknüpfung mit der Vergangenheitsarbeit afghanischer Veteranenverbände. Vor dem Hintergrund der Prägungskraft von Geschichtspolitik auf individuelle Erinnerung, wurde nach der Wirkung auf die soziale Reidentifikation der Afgancy im postsowjetischen Russland gefragt. Können erinnerungspolitische Strategien zu einer Reintegration dieser Randgruppen führen? Und kann das Kriegsgedenken zur Erlangung einer gesellschaftlichen Kohärenz instrumentalisiert werden?

Anknüpfend an den vorherigen Vortrag skizzierte Galbas die Entwicklung der politischen Deutungsmuster des sowjetisch-afghanischen Krieges über den Zusammenbruch der UdSSR hinaus bis in das Jahr 2014. Obwohl es unter dem Eindruck von Glasnost und Perestrojka zu öffentlicher Kritik und einer Verurteilung der Intervention kam und den Afgancy 1994 der offizielle Status der Veteranen zugesprochen wurde, kam es zu keiner substantiellen Neubewertung bzw. inhaltlichen Aufarbeitung des Krieges. Im Zuge der postsowjetischen Identitätsbildung unter Vladimir Putin in dessen Zentrum der „Große Vaterländische Krieg“ steht, geriet auch der sowjetisch-afghanische Krieg erneut in den Fokus. Der „Heldenhafte Soldat“ und die „Vaterlandspflicht“ waren Topoi anhand welcher sich die politischen Deutungsmuster etablierten. Den Veteranen wurden in öffentlichen Reden Mut und Standhaftigkeit attribuiert und ein Nutzen für die Nation als militärpatriotische Vorbilder zugesprochen. Durch die Verknüpfung von Pflicht und Heimat schliesst dieses Deutungsmuster des Krieges als nationales Ereignis, neben den Veteranen die Gesamtbevölkerung ein.

Galbas betont, dass die kritisch anmutenden Äußerungen Putins, in denen er den Afgancy Verständnis für eine fehlende Anerkennung zuspricht, nicht als reflektierende Auseinandersetzung zu deuten seien, sondern vielmehr als Verkehrung der Problematik: Als „Schule des Lebens“ wird das Leid der Veteranen euphemisiert. In diesen Denkmustern zeige sich eine Facette der Instrumentalisierung der Putinschen Geschichtspolitik, die eine Militarisierung von Gesellschaft und Kultur anstrebe.

Galbas schloss sich der These an, dass der Afghanistankrieg als Identifikationspunkt für den nationalen Zusammenhalt instrumentalisiert wird. In der von Putin propagandierten Nationalgeschichte erscheint der Afghanistankrieg als Folge einer Aneinanderreihung von militärischen Großtaten, deren Mittelpunkt der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg darstellt. Durch die Betonung der nationalen Kohärenz während des Krieges und die aufopferungsvolle Pflichterfüllung durch die Soldaten wird der Afghanistankrieg in diese Genealogie eingereiht. Ein weiteres Merkmal der Militarisierung von Geschichtspolitik ist für Galbas der einheitliche Zeitbezug zwischen den Veteranen und der Bevölkerung. Der im Krieg erprobte Veteran wird zum Vorbild soldatischer Verhaltensweisen und Tugenden eines zivilen Alltaglebens. Diese Idolfunktion bietet den Afgancys gleichzeitig eine gesellschaftliche Reintegrationsmöglichkeit.

Anhand einer Diskursanalyse der afghanischen Veteranenverbände hinterfragte der Referent die Wirkmächtigkeit dieser staatlichen Narrative. In der Übernahme der offiziellen Motive des Krieges durch Verbandsvertreter lassen sich geteilte Narrative der Institutionen feststellen. Hier werde die Zusammenarbeit der zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteure in der Geschichtspolitik manifest, die für beide Seiten fruchtbar sei. Der offizielle Heldenkanon stelle die Rahmung für das Selbstbild der Afgancys dar, während die Arbeit der Veteranenverbände den nationalpatriotischen Identitätsaufbau des Staates und die russische Außenpolitik unterstütze. Abschließend gab Galbas einen Einblick in die individuellen Deutungsmuster der Afgancy. Die Auswertung von narrativ-biographischen Interviews zeigte, dass diese sehr heterogen sind und teilweise konträr zum offiziellen Bild stehen können. Sie reichen von einer affirmativen Übernahme der staatlichen Diskurse und einer Heroisierung des Selbstbildes bis hin zu einer Dekonstruktion des Heldennarrativs die sich in der vollständigen Sinnentwertung des Krieges und der Selbstbezeichnung als Opfer zeigten.

Der Referent fasste zusammen, dass die Glorifizierung des Militärischen nicht umfassend wirke, und sich die geschichtspolitische Narrative nur bedingt für die Herausbildung einer gesamtgesellschaftlichen Kohäsion eigne. Der afghanische Heldendiskurs sei ein Instrument staatlicher Institutionen, das die Veteranenorganisationen an das politische Programm anbinde und zugleich als Scharnier zwischen den Verbandsmitgliedern funktioniere.

Anhand von zwei belarussischen Denkmälern präsentierte FELIX ACKERMANN (Vilnius) die Materialisierung, bzw. die Lokalisierung von sowjetischer Kriegserinnerung im postsowjetischen Kontext. Die diskursive Praxis der Minsker Denkmalkomplexe zeige nicht nur Merkmale der gesamtsowjetischen Narrative sondern auch nationalstaatliche Varianten vergangenheitsbezogener Sinnstiftung im heutigen Belarus auf. Mit dem Ziel die 1991 erlangte Souveränität zu legitimieren werde das sowjetische Erbe im Kontext der staatlichen Unabhängigkeit aktualisiert.

Der Referent betonte, dass beide Denkmäler von zivilgesellschaftlichen Akteuren initiiert worden seien und erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR staatliche Unterstützung erfuhren. Bereits in den späten 1980er-Jahren konzipierten Soldatenmütter die „Insel der Tränen“, die als Mahnmal an ihre im sowjetisch-afghanischen Krieg gefallenen Söhne erinnert. Vor diesem Hintergrund spiegelt die doppelte Semantik der Denkmalsinschriften die erinnerungs-politischen Umbrüche: Auf Belarussisch wird der nationalstaatliche Verdienst am sowjetisch-afghanischen Krieg geehrt und auf Russisch wird an die internationalistische Pflicht und Brüderhilfe erinnert. Das 1996 im Zentrum von Minsk eingeweihte Mahnmal zeigt eine Kirche mit Skulpturen trauernder Frauen. Durch diesen christlichen Deutungshorizont wird es in erster Linie zu einem Ort der Trauer und der Demütigung, dem eine verklärende Heroisierung fehlt. Ackermann sieht in der Gewährung privaten Gedenkens einen starken Kontrast zu sowjetischen Mahnmalen, die in erster Linie als öffentliche Räume für offizielle Zeremonien konzipiert waren. Während die sowjetischen Traditionslinien der trauernden Mütter und der männlichen Opfer fortgeführt würden, verweise ein weinender Engel mit männlichen Zügen auf die Opfer psychologischer Kriegsfolgen; ein Element das bislang vollständig aus dem Gedenkkanon ausgeschlossen war.

Dennoch sollte dies nicht als gesellschaftliche Hinwendung zum Christum oder einer gesteigerten Relevanz des sowjetisch-afghanischen Krieges missverstanden werden. Vielmehr beobachtet Ackermann eine säkulare Popularisierung durch pragmatische Aneignung, die sich beispielsweise in der Wahl des Ortes als Kulisse für Hochzeitsfotos oder Picknicks zeigt, und auf eine beschränkte Wirkmacht des nationalstaatlichen Narrativs einer „Nation von Opfern“ hinweist.

Im zweiten Beispiel des Referenten zeigte sich explizit die diskursive Verknüpfung des Großen Vaterländischen Krieges mit dem sowjetisch-afghanistan Krieg. Afghanische Veteranen veranlassten 2006 Baumpflanzungen im „Garten der Erben des Sieges“. Der Garten stellt einen wichtigen Bestandteil des Freilichtmuseums „Stalin-Linie“ dar, das westlich von Minsk an den Ausbruch des Großen Vaterländischen Krieg erinnert. Mit der Setzung der Triebe, die als ausgewachsene Bäume den Sieg im Zweiten Weltkrieg symbolisieren sollen, inszenieren sich die Afgancy als besonders geeignete generationelle Veteranen-Nachfolger. Dabei spielt es keine Rolle, dass der Abzug der sowjetischen Streitkräfte weniger einem Sieg als vielmehr einer Niederlage glich. Unter Berufung auf ihre militärpatriotischen Tugenden, die sie mit den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges vereint, beanspruchen die Afgancy Anteil am symbolischen Kapital des Sieges.

Exemplarisch lässt sich anhand der Denkmäler die Entwicklung der postsowjetischen Kriegserinnerung in Belarus nachvollziehen. Während auf der „Insel der Tränen“ ein nationalfokussierter Märtyrerdiskurs offenbar wird, zeigt sich im Freilichtmuseum „Stalin-Linie“ ein Wiederaufgreifen des sowjetischen Triumphs, der, so Ackermann, indirekt die belarussische Variante autokratischer Herrschaft unter Lukaschenka rechtfertigen soll.

Der Titel der Sektion griff das sowjetische Propaganda-Motto „Von der Sowjetunion lernen, heisst siegen lernen“ auf und die drei Vorträge präsentierten überzeugend den postsowjetischen Umgang mit den Veteranen des Sowjetisch-Afghanischen Krieges. Der abschließende Kommentar PHILIPP FRAUNDs (Konstanz) rundete das Panel mit einem Ausblick auf den gegenwärtigen Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan ab. In der anschließenden Fragerunde bewies sich die aktuelle Relevanz der Thematik, die das Panel trotz kurzfristiger Absagen dreier Referenten souverän aufzeigen konnte.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Felix Ackermann (Vilnius), Michael Galbas (Konstanz)

Felix Ackermann (Vilnius), Einführung

Markus Mirschel (Zürich), „Wir leisten Brüderhilfe“. Die „Sprache“ der sowjetischen Fotografie zwischen Authentizität und Inszenierung von 1979-1989.

Michael Galbas (Konstanz), Kabul in Moskau. Soziale Strategien zur Legitimierung der sowjetischen Afghanistan-Intervention im Russland des 21. Jahrhunderts.

Felix Ackermann (Vilnius), Die Erben des Großen Sieges. Afghanistan Veteranen und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Belarus.

Kommentar: Philipp Fraund (Konstanz)

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Von der Sowjetunion lernen? Der gesellschaftliche Umgang mit Veteranen des Sowjetisch-Afghanischen Krieges, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 10.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5619>.