HT 2014: Migrantenschicksale im mittelalterlichen Jahrtausend. Gewinner und Verlierer in Prozessen kulturellen Wandels

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Philipp Winterhager, Humboldt-Universität zu Berlin

Migration ist, wenn auch lange nicht so benannt, immer ein klassisches Thema der Mittelalterforschung gewesen. Im Gegensatz zu älteren Arbeiten der Völkerwanderungs-, Siedlungs- oder Kreuzzugsforschung wendet sich hingegen die Mediävistik in den letzten Jahren unter bewusstem Rekurs auf den sozialwissenschaftlichen Begriff ‚Migration‘ den Wanderungsbewegungen und Wohnortverlagerungen in der Geschichte mit erhöhter Methodenreflexion zu. Unter dem Eindruck globalhistorischer Perspektiven und transkultureller Theoriebildung gilt das Interesse außerdem mehr und mehr den konkreten Bedingungen und kulturellen Folgen von Migrationen. Einzelne und kleine Gruppen von Migranten bieten somit ein noch vergleichsweise wenig erforschtes, hingegen für aktuelle Fragen hochinteressantes Feld.[1]

Mit dem Titel der Sektion „Migrantenschicksale im mittelalterlichen Jahrtausend. Gewinner und Verlierer in Prozessen kulturellen Wandels“ rückten in diesem Sinne die Lebensumstände einzelner Migranten eher als Massenwanderungen in den Mittelpunkt. In seiner Einführung ging MICHAEL BORGOLTE (Berlin) darüber hinaus auf das Tagungsthema ein: Auch wenn Migration heutzutage meist mit dem Verlust der Heimat, mit Risiko und Unsicherheit assoziiert werde, bedeute die Verlagerung des Wohnortes immer auch einen Zugewinn an Handlungsoptionen. Migrantenschicksale stünden in diesem Sinne exemplarisch für die Ambiguität aller Lebensbedingungen. Mit dem Philosophen Odo Marquard ließen sich denn auch „Schicksalszufälle“, Momente des Gewinnens und Verlierens, wie sie gerade auch Migranten träfen, als konstitutive Faktoren von Geschichte verstehen. Dass die mittelalterlichen Menschen eher von göttlicher Determination gesprochen hätten als von Migrantenschicksalen, müsse den Historiker nicht hindern, der nie anders als aus den Perspektiven seiner Zeit auf vergangenes Geschehen schaue.

Am Beispiel Georgs von Ungarn, der im 15. Jahrhundert 20 Jahre in türkischer Gefangenschaft verbrachte, machte Borgolte das Konzept deutlich: Wenngleich Georg mit dem Schicksal seiner Zwangsmigration und des Lebens unter Andersgläubigen haderte, habe er selbst doch schließlich neue Gewissheit seines Glaubens, seine Zeitgenossen einen Augenzeugenbericht von unschätzbarem Wert gewonnen, den nur der Migrant hatte anfertigen können.[2]

Wirtschaftlicher Druck einerseits, politisch und religiös motivierte Stiftungen andererseits waren auslösende Faktoren für die Wanderungen von Brahmanen, von denen die Indologin ANNETTE SCHMIEDCHEN (Halle / Berlin) berichtete. Dabei wurden einzelne Priester oder kleine Gruppen mit ihren Familien von lokalen Dynasten durch Landstiftungen bewusst an andere Orte gelotst, um dort im Namen des Herrschers Recht zu sprechen, den Kult zu pflegen und die Legitimität der königlichen Herrschaft zu festigen. Im günstigsten Falle hätten die Brahmanen damit rechnen können, Steuerpfründen zu erhalten, in anderen Fällen erhielten die Neuankömmlinge selbst zu bewirtschaftendes Land. Neben den Königen seien daher sie selbst in mehr oder weniger hohem Maße Gewinner ihrer Migrationen (oft Wanderungen über hunderte Kilometer), zu der sie gleichwohl durch die Stiftungen genötigt worden seien. Dasselbe gelte für das Schicksal der höfischen Brahmanen, die nach der Eroberung lokaler Zentren in die Dienste der siegreichen Könige gewechselt seien. Eine Erinnerung an die Herkunftsregionen der Brahmanenfamilien werde zum Teil bis heute aufrechterhalten. Auch die Zielregionen seien aber durch von Brahmanen vermittelte Kenntnisse und Techniken Gewinner ihrer Migration. Hingegen habe die muslimische Eroberung Nordindiens zu solch einer umfassenden und kontinuierlichen Auswanderung von Brahmanen geführt, dass es im 15. Jahrhundert einer gezielten Wiederansiedlung bedurfte, als sich ein Sultan des Verlustes brahmanischen Wissens bewusst wurde.

Religiös motivierte Migrationen standen im Mittelpunkt des Vortrags von TILLMANN LOHSE (Berlin) über das lateinchristliche Europa. Denn die Reisen von Missionaren seien für das Frühmittelalter die wohl am besten dokumentierte Gruppe von Einzelmigrationen. Während die Missionsgeschichte (wie auch die oft hagiographischen Quellen) die Missionare stets als Gewinner darstellen würde, die die Konversion heidnischer Gruppen, mindestens aber das Martyrium erreicht hätten, müsse eine Migrationsgeschichte der Missionare diese Reisen vielmehr vom Verlust von Heimat, Umfeld und Besitz her beschreiben. An den Beispielen Columbans von Bobbio und Augustins von Canterbury untersuchte Lohse den Verlust der alten und die Ungewissheit des Gewinns einer neuen Heimat. Es zeigte sich eine Bandbreite von Möglichkeiten: Während Columban zuerst im familiären, später auch im klösterlichen Umfeld auf Widerstände gegen seine peregrinatio gestoßen sei, hätte sich Augustin als Teil einer Missionsgesandtschaft viel leichter von der alten Heimat lösen können. Des Weiteren habe dieser nicht nur den neuen Wohnsitz in England bereitwillig angenommen, sondern sich auch sensibel für die dortigen Gebräuche gezeigt. Columban hingegen, der an den Sitten seiner keltischen Heimat festgehalten und mit seinen Gefolgsleuten in Luxueil monastische Seklusion angestrebt habe, sei letztlich wegen seines anhaltenden Unwillens zur Verflechtung mit der Umwelt aus Burgund verwiesen worden.

Ein einzelner Migrant war Gegenstand des Vortrags von PHILIPP WINTERHAGER (Berlin). Der päpstliche Kanzleichef Theodotus, Stifter einer Kapelle und einer Kirche in Rom, entstammte einer Gruppe griechischsprachiger Einwanderer. Diese hätten um die Mitte des 8. Jahrhunderts wichtige Positionen in Klerus und weltlicher Oberschicht der Stadt innegehabt. Die Ausstattung der beiden Kirchenstiftungen des Theodotus stelle entsprechend ein Nebeneinander vermeintlich griechischer und römischer Merkmale dar. Bei genauerer Betrachtung zeige sich jedoch, dass eine solche Zuschreibung nicht hinreichend sei und Theodotus vielmehr bewusst Traditionen verschiedener einflussreicher Gruppen der Stadtgesellschaft vermittelt habe. Gerade durch die Wirkung in seinem spezifischen sozialen Umfeld sei Theodotus zum Gewinner geworden. Sein Fall zeige, dass die kulturelle Praxis von Migranten eher aus den Anforderungen des (neuen) sozialen Umfelds als aus der Kultur der Herkunftsregion verstanden werden könne.

LUTZ BERGER (Kiel) verglich mit der aus der Völkerwanderungsforschung entlehnten Frage nach dem Verhältnis von Eroberung und Wandel die Kontinuität von Eliten in verschiedenen Gebieten nach der islamischen Eroberung. Als Quelle könne dabei vor allem das Wissen um die vorislamische Geschichte der jeweiligen Region bei späteren Geschichtsschreibern dienen. So biete die spanische Geschichte des Ibn al-Athīr vergleichsweise gute Informationen über die Westgotenzeit und deren Elitenkonflikte. Ähnliches sei für den Iran zu beobachten, wo Historiker am ehesten die Geschichte der Herrscherelite des vorislamischen Persien bewahrt hätten. In der Levante hingegen hätten eher religions- und kirchengeschichtliche Details Einzug in die arabische Geschichtsschreibung gehalten. Berger erklärte den Befund damit, dass hier staatliche Eliten am ehesten vor den Eroberern nach Byzanz hätten fliehen können; zurückgeblieben seien Gruppen, in deren Tradition Religiöses im Vordergrund gestanden habe. In Spanien und Persien sei es dagegen zu einer Verflechtung von neuen mit den alten Eliten gekommen, deren Traditionen daher stärker in die Geschichtsschreibung eingegangen seien.

Aus einer noch früheren Phase der islamischen Geschichte stammte die Migrationsgeschichte, die JENNY RAHEL OESTERLE (Heidelberg) präsentierte: Im Jahr 615/16 seien einige Gefolgsleute Mohammeds vor Verfolgungen nach Abessinien geflohen, wo sie Aufnahme beim christlichen König gefunden hätten. Dabei sei es bald zu Konflikten mit den dortigen Eliten gekommen, die sich jedoch mit ihrer Forderung, die Flüchtlinge nach Mekka zurückzuschicken, nicht durchgesetzt hätten. Die generelle Verständigung unter Monotheisten habe zu einer Stabilisierung des frühen Islam beigetragen. Muslimische Quellen präsentierten diese Episode im Nachhinein als Siegesgeschichte, nicht zuletzt indem sie eine Konversion des abessinischen Königs unterstellten. So sei die Migration ins Exil später einerseits als konstitutiv für die neue Religion dargestellt worden, habe andererseits aber auch als Beispiel für die Gefahren einer nicht-islamischen Umwelt gedient.

Die Ansiedlung von Juden in Ostmitteleuropa stellte JERZY MAZUR (Nantes) als Schlussglied einer Kette von eher kurzräumigen, oft erzwungenen Migrationen dar. So habe sich das Zentrum jüdischen Lebens zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert in vielen kleinen Schritten von Spanien über Frankreich und Deutschland nach Polen und Litauen verlagert. Dementsprechend ergäben sich neue Perspektiven aus einem migrationsgeschichtlichen Ansatz (statt eines Fokus auf Judenvertreibungen). Ansiedlungswillige Juden in den Städten Norditaliens, die meist von Süden kamen, seien nach Lage der Quellen bis zum 13. / 14. Jahrhundert nicht anders behandelt worden als andere Bürger. Eigene Regelungen für die Ansiedlung von Juden habe es erst ab dem 14. Jahrhundert gegeben, als die meisten jüdischen Migranten nordalpiner Herkunft waren. Es sei daher zu fragen, ob das Vorenthalten des Bürgerrechts gegenüber dieser Gruppe nicht eher mit der „deutschen“ Herkunft der Migranten oder ihrer großen Zahl zu tun habe als generell mit ihrem Jüdischsein. Aus Polen seien aus der selben Zeit städtische Gesetze überliefert, die verschiedenen nationes, auch den Juden, die Wahl gelassen hätten, nach städtischem oder eigenem Recht zu leben. Es sei zu fragen, ob solche und ähnliche Privilegien eher der Grund für die Migration nach Polen gewesen seien als Judenverfolgungen, die auch nicht in allen Herkunftsregionen der Migranten nachweisbar seien.

Dass in dieser Sektion Migrationsforschungen aus der Indologie, Mediävistik, Islamwissenschaft und Judaistik vorgestellt wurden[3] und sich daher eine (geglückte) vergleichende Perspektive ergab, ließ den Wert der Frage nach dem Phänomen Migration deutlich zu Tage treten. Auch die Verbindung des Tagungsthemas „Gewinner und Verlierer“ mit der Migrationsgeschichte erwies sich als gelungen: In den Diskussionen wurde deutlich, dass gerade das kulturhistorische Interesse an den konkreten Umständen einzelner Migrationsgeschichten in neuer Weise auf die Sozialgeschichte verweist. Zwar wurde zurecht festgestellt, dass die Analyse von Push- und Pull-Faktoren wie auch andere Instrumentarien der eher statistischen Erforschung von großen Wanderungsbewegungen in dieser Sektion kaum eine Rolle spielte. Hingegen wurde in der Diskussion aller Beiträge deutlich, dass die Geschichte kleiner Gruppen von Migranten den Blick auf soziale Rollen, Gruppen- und Elitenbildung sowie Aushandlungsprozesse von Zugehörigkeit lenkt. Das Denkmodell von „Gewinnern und Verlierern“, verstanden als akteurszentrierte Perspektive etwa auf lokale Elitenbildungen, soziale Praktiken oder kulturelle Verflechtungsprozesse, erwies sich somit für die hier versammelten Beiträge der Migrationsgeschichte des Mittelalters als fruchtbar.

Sektionsübersicht:

Leitung und Einführung: Michael Borgolte (Berlin)

Annette Schmiedchen (Halle / Berlin): Brahmanische Wanderungsbewegungen im mittelalterlichen Indien

Philipp Winterhager (Berlin): Der primicerius Theodotus – ein Migrant als Kirchenstifter im frühmittelalterlichen Rom

Tillmann Lohse (Berlin): Christliche Missionare als Migranten

Lutz Berger (Kiel): Arabisch-muslimische Migration und Reichsbildung als Phänomen der Völkerwanderungszeit

Jenny Rahel Oesterle (Heidelberg): Schutzgewähr in Phasen religiöser und politischer Expansion

Jerzy Mazur (Nantes): Jewish Migrations to Italy and Poland in the 14th and 15th Centuries in Comparative Perspective

Anmerkungen:
[1] Vgl. aber die Beiträge einer Sektion auf dem Berliner Historikertag von 2010, veröffentlicht in: M. Borgolte / M. Tischler (Hrsg.), Transkulturelle Verflechtung im mittelalterlichen Jahrtausend. Europa, Ostasien und Afrika. Darmstadt 2012. Eine systematische Erfassung von Migrationen in der Welt des Mittelalters bietet jetzt M. Borgolte (Hrsg.), Migrationen im Mittelalter. Ein Handbuch. Berlin / Boston 2014.
[2] Georg von Ungarn, Tractatus de moribus, condictionibus et nequicia Turcorum. Traktat über die Sitten, die Lebensverhältnisse und die Arglist der Türken. Nach der Erstausgabe von 1481 hrsg., übers. und eingel. von Reinhard Klockow. (Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens, Bd. 15.) Köln / Weimar / Wien ²1994.
[3] Geplant war außerdem ein sinologischer Beitrag, der leider zuvor abgesagt werden musste. Als Ersatz sprach der Verfasser dieses (lange zugesagten) Berichts über ein mediävistisches Thema mit Berührungspunkten zur Byzantinistik.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Migrantenschicksale im mittelalterlichen Jahrtausend. Gewinner und Verlierer in Prozessen kulturellen Wandels, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 10.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5620>.
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Veröffentlicht am
10.10.2014