HT 2014: Gewinner und Verlierer „Nach dem Boom“ in Westeuropa

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Reinhild Kreis, Historisches Institut, Universität Mannheim

Kaum eine Epochenbezeichnung der letzten Jahre ist so zum geflügelten Wort geworden wie „Nach dem Boom“. Anselm Doering-Manteuffels und Lutz Raphaels These von einem radikalen Strukturbruch und der Entwicklung eines neuen Produktionsregimes, nämlich des globalen, digitalen Finanzmarktkapitalismus, hat den Rahmen gesetzt für eine intensive Diskussion über den historischen Stellenwert des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts.[1] Wo ein Boom endet, wo Altes verschwindet und Neues entsteht, da lohnt es sich, nach den Gewinnern und Verlierern des Umbruchs zu fragen. Sechs Jahre nach dem Erscheinen der namensgebenden Programmschrift von Doering-Manteuffel und Raphael zog ein Panel auf dem 50. Deutschen Historikertag eine Zwischenbilanz, wie es um Gewinne und Verluste, Gewinner und Verlierer der wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik seit den 1970er-Jahren bestellt sei. Somit diente die Sektion auch dazu, die These des Strukturbruchs selbst auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen.

MORTEN REITMAYER (Trier) betonte in seiner Einleitung, die Sektion wolle vermeintliche Gewissheiten über Verlauf und Bedeutung der Umbrüche „nach dem Boom“ für die westeuropäischen Gegenwartsgesellschaften überprüfen. Hierzu gelte es, die Handlungsspielräume der Akteure auszuloten, ihre Erwartungshorizonte zu analysieren und nach den Strategien bei der Bewältigung von Umbrüchen zu fragen. Klärungsbedarf herrsche auch bei der Frage, wer zeitgenössisch und wer retrospektiv zu den Gewinnern oder Verlierern gezählt wurde. Dabei war Reitmayer jedoch skeptisch, inwiefern „Gewinner und Verlierer“ tatsächlich hilfreiche Kategorien zur Erfassung sozialen Wandels seien. Er regte an, vielmehr Gewinne und Verluste zu identifizieren und nebeneinanderzustellen.

Den Ton für die Sektion setzte LUTZ RAPHAEL (Trier), der in seinem pointierten Überblick über „Gewinner und Verlierer in der industriellen Arbeitswelt“ in doppelter Hinsicht für die Nahperspektive und für begriffliche Reflexion plädierte. Zum einen zeigte er auf, wie unterschiedlich die Wege westeuropäischer Gesellschaften in die industrielle Schrumpfung verliefen, dass der industrielle Sektor für Länder wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich von unterschiedlicher Bedeutung war und dass der Blick auf verschiedene Branchen enorme Unterschiede bei Schrumpfungs- und Wachstumsprozessen zeigte. Zum anderen betonte er, „Gewinner und Verlierer“ seien keine „unschuldigen Kategorien“, sondern mit dem „Stallgeruch neoliberalen Denkens“ behaftet.

Auf der Basis dieser Grundsatzüberlegungen entwickelte Raphael sechs Felder, die über Gewinner und Verlierer in der Arbeitswelt nach dem Boom informieren können: Erstens Inklusion und Exklusion in den Arbeitsmarkt; zweitens Armut und Ungleichheit; drittens das Verhältnis von Zentrum und Peripherie; viertens die Machtverteilung zwischen Kapital und Arbeit; fünftens die Qualität industrieller Arbeit sowie sechstens deren soziale Anerkennung. Raphael zeigte, wie neue Exklusionen aus dem Arbeitsmarkt wie Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit oder Frührente Gegenstrategien von politischer wie privater Seite notwendig machten, andererseits aber Industrielöhne „nach dem Boom“ real anstiegen und Leiharbeit oder andere atypische Arbeitsverhältnisse ein Phänomen erst der 1990er- und 2000er-Jahre waren. Machtverhältnisse verschoben sich: Alte Industriezentren wurden zu neuen Peripherien, die Gewerkschaften verloren an Verhandlungsmacht, Arbeitnehmer erhielten mehr Gestaltungsmöglichkeiten an ihrem Arbeitsplatz, mussten damit aber auch mehr Verantwortung übernehmen, und während das Ansehen von Facharbeitern stabil hoch blieb, verloren An- und Ungelernte Anerkennung. Diese Entwicklungen verliefen national und regional unterschiedlich und erfordern einen differenzierten Blick.

Die folgenden Beiträge der Sektion vertieften verschiedene Problemfelder. CHRISTIAN MARX (Trier) stellte mit Multinationalisierung eine Strategie vor, mit der Unternehmen auf sinkende Wachstumsraten reagierten. Die Fusion mit ausländischen Konkurrenten sollte helfen, Produktionskosten zu senken und neue Märkte zu erschließen. Bei der Entwicklung solcher Bewältigungsstrategien traten neue Spieler auf den Plan, etwa Unternehmensberater und supranationale Institutionen, die helfen sollten, die komplexen Herausforderungen von Fusionen über Ländergrenzen hinweg zu bewältigen und zu regulieren. Sie gehören somit ebenfalls zu den Gewinnern der Multinationalisierung.

Am Beispiel der Chemieindustrie zeigte Marx, wie in den Jahren nach dem Boom Joint Ventures und Multinationalisierung an die Stelle von Export als Wachstumsgenerator traten. Gewinner in geographischer Perspektive waren dabei weniger Billiglohnländer als westliche Industriestaaten mit ähnlichen Strukturen. Auslandsinvestitionen erfolgten überwiegend in den USA und innerhalb der EWG, weniger in der Dritten Welt. Doch nicht alle Unternehmensteile profitierten gleichermaßen von solchen Zusammenschlüssen. Die Umstrukturierungen erforderten neue Kompetenzen, während andere überflüssig wurden. Sie erzeugten innerhalb der Betriebe Gewinner und Verlierer, deren Arbeitsbereiche aufgewertet oder abgekoppelt wurden.

DIETMAR SÜSS (Augsburg) vertiefte den Blick auf die betriebliche Ebene. Unter dem Schlagwort „Flexibilisierung der Arbeitszeit“ rückten Zeitkritik und Zeitordnungen als ein Konfliktfeld der 1970er-Jahre auf die Agenda, das neue Spannungen schuf. Zum einen war Arbeitszeitflexibilisierung nicht gleichermaßen an allen Arbeitsplätzen möglich, so dass neue Hierarchien zwischen Arbeitnehmern entstanden. Zum zweiten entbrannten Diskussionen darüber, ob Flexibilisierung als Autonomiegewinn der Arbeitnehmer zu bewerten sei, oder ob die damit einhergehenden Kontrollmechanismen nicht zu mehr Arbeit und weniger Freiraum führten. Während der Rezession der frühen 1970er-Jahre entdeckten Politik und Unternehmen die Flexibilisierung von Arbeitszeit zudem drittens als ein Instrument zur Regulierung des Arbeitsmarktes, welches Arbeitnehmer in ganz unterschiedlichem Ausmaß zu Gewinnern und Verlierern machte.

Süß zeigte exemplarisch für die westdeutsche Metallindustrie der 1980er-Jahre, wie Debatten um Zeitmodelle in verschiedene Arbeits- und Lebensbereiche hineinragten. Während Arbeitgeber Flexibilisierung als Teil der Tarifpolitik in Krisenzeiten betrachteten, ging es der IG Metall um eine gerechtere Verteilung der Arbeitsmenge und die 35-Stunden-Woche als Ausweg aus der Krise. Beide hielten jedoch an der Norm des vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers fest, die an männlichen Lebensläufen orientiert war und keinen Spielraum für Forderungen weiblicher Beschäftigter ließ, die an Teilzeitlösungen interessiert waren.

So zog Dietmar Süß eine gemischte Bilanz. Schon zeitgenössische Sozialwissenschaftler sahen jene „Zeitpioniere“ der 1980er-Jahre als Gewinner, die eigenständige Zeitmodelle entwickeln und umsetzen konnten. Umgekehrt bedeutete die Flexibilisierung von Arbeitszeit aber oft auch Verlust: Pausen fielen weg, die Arbeitsmenge wurde auf weniger Arbeitnehmer verteilt, und wer nicht zu Normarbeitszeiten arbeitete, lief Gefahr, in der Betriebshierarchie abzusteigen, denn Informationsfluss und Verwaltung blieben vielfach an Normalarbeitszeiten orientiert.

Mit der staatlichen Kulturpolitik in Frankreich lenkte STEFANIE MIDDENDORF (Halle an der Saale) die Aufmerksamkeit auf einen Modus der Krisenbewältigung jenseits der betrieblichen Ebene. In den ausgehenden 1960er-Jahren veränderte sich die Problemwahrnehmung in der Debatte, die um Homogenität und Heterogenität als zentrale Kategorien kreiste. Zielte die staatliche Kulturpolitik der 1950er- und 1960er-Jahre noch auf die egalitäre Teilhabe aller an der „Hochkultur“ ab, wuchs nun die Kritik an der staatlichen Intervention im Kulturbereich. In ihrer Diskussion der Semantiken und wissenschaftlichen Konstellationen identifizierte Middendorf neue, wenngleich umstrittene Leitbegriffe einer Debatte, die zunehmend um „Diversität“, „kulturelle Demokratisierung“ und „kulturelle Entwicklung“ kreiste und den Nutzen kollektiver Kulturnormen kritisch hinterfragte. Unter Beteiligung führender Intellektueller wie Michel de Certau ging es um Kulturen im Plural, um die Vermarktlichung von Kultur, um die Kreativität des Einzelnen, um eine Abkehr von der Uniformierung und um mehr Dezentralisierung, Individualisierung und Pluralisierung. Die „Massenkultur“ wurde aufgewertet, galt sie doch als demokratisierend.

Seit der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre gestaltete die französische Regierung ihre Kulturpolitik tatsächlich offener und folgte der Idee von Kultur als Markt. Kultur wurde damit zunehmend zu einem Teil der Wirtschaftspolitik. Trotz dieser Öffnung erhielten Kulturträger und Projekte jenseits der Hochkultur nur wenig öffentliche Subventionen. Die Effekte ihrer Politik ließ die französische Regierung in der Folge durch statistische Erhebungen ebenso überprüfen wie kulturelle Verhaltensweisen der französischen Bevölkerung. In diesem zwar staatlich moderierten, nicht aber kontrollierten Diskurs um Kulturformen, so Middendorf abschließend, waren Gewinner und Verlierer kaum identifizierbar.

Waren die 1970er- und 1980er-Jahre nun eine Epoche der Verlierer? HARTMUT KAELBLE (Berlin) stellte diese Frage in seinem abschließenden Kommentar und plädierte dafür, auch die Gewinner systematischer in den Blick zu nehmen. Von Unternehmensberatungen bis zur Europäischen Union, von neuen sozialen Bewegungen bis zu einer großen Zahl an Arbeitnehmern haben die Umbrüche dieser Dekaden auch viele Gewinner hervorgebracht, wie die Beiträge der Sektion gezeigt hätten. Kaelble verwies zudem auf die zeitgenössischen Sozialwissenschaftler. Deren Diagnosen von einer Erlebnisgesellschaft, postindustriellen Gesellschaft oder Dienstleistungsgesellschaft konstatierten Veränderungen, beabsichtigten aber keinesfalls Verlierergesellschaften zu beschreiben. Abschließend warf Kaelble die grundsätzliche Frage auf, wie Verluste und Verlierer bewertet werden könnten. Er gab zu bedenken, dass ein Gutteil der Gesellschaft weder als Gewinner noch als Verlierer einzuschätzen sei (oder sich selbst so sah). Gewinner und Verlierer seien nicht einfach zu definieren: Kategorien wie belastete Gewinner, innovative Verlierer usw. ließen ein deutlich differenzierteres Bild entstehen.

Um den Nutzen der Kategorien Gewinner und Verlierer bei der Analyse der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbrüche im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kreiste auch die anschließende Diskussion. Während die Panelisten sich in unterschiedlichem Maße skeptisch geäußert hatten, sprach sich Jürgen Kocka explizit für diese Begriffswahl aus, da sie helfe, die Gemischtheit der historischen Wirklichkeit sichtbar zu machen. Konsens herrschte darüber, dass eine globale Perspektive das Feld der Verlierer und Gewinner noch einmal anders ordnen würde, als es die Fallstudien zu Westeuropa gezeigt hätten. Es blieb die Frage nach dem Status quo der Forschung zu den Jahrzehnten „nach dem Boom“. Auch hier herrschte fruchtbarer Dissens. Äußerten sich die einen grundsätzlich skeptisch gegenüber einer primär sozioökonomisch definierten Zäsursetzung, zeigte jedoch die Zwischenbilanz auf dem Historikertag ein ausgesprochen dynamisches Forschungsfeld. Dabei erwies sich nicht jede These des programmatischen Buches von 2008 als tragfähig. Vielleicht gerade deshalb warf die Frage nach Gewinnern und Verlierern „nach dem Boom“ eine inspirierende und ertragreiche Perspektive auf die Veränderungsdynamiken der letzten Jahrzehnte im großen Zusammenhang.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Morten Reitmayer (Trier)

Morten Reitmayer (Trier), Einführung. Gewinner und Verlierer „nach dem Boom” in Westeuropa

Lutz Raphael (Trier), Gewinner und Verlierer in den Veränderungen der industriellen Arbeitswelt in Westeuropa

Christian Marx (Trier), Gewinner und Verlierer von Multinationalisierung

Dietmar Süß (Augsburg), Gewinner und Verlierer der Flexibilisierung der Arbeitszeit

Stefanie Middendorf (Halle an der Saale), Gewinner und Verlierer der kulturellen Moderne in Frankreich

Hartmut Kaelble (Berlin), Kommentar

Anmerkung:
[1] Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Gewinner und Verlierer „Nach dem Boom“ in Westeuropa, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 20.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5631>.