HT 2014: Institutionalisierung von Konkurrenz im archaischen Griechenland

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Moritz Hinsch, Exzellenzcluster TOPOI, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Titel großer Konferenzen sind bekanntermaßen nicht als Inhaltsangaben misszuverstehen. Diese Faustregel galt für die althistorische Sektion „Institutionalisierung von Konkurrenz im archaischen Griechenland“ auf dem 50. Historikertag in Göttingen allerdings nicht: Gewinner und Verlierer standen hier als Akteure tatsächlich im Mittelpunkt. Die von Jan B. Meister und Gunnar Seelentag geleitete Sektion zeichnete sich zudem durch thematische und theoretische Kohärenz aus. Die vier Beiträge, die durch einen abschließenden Kommentar ergänzt wurden, schauten aus komplementären Blickwinkeln zum einen auf Gewinner und Verlierer der eliten-internen Konkurrenz, zum anderen auf die Felder und Regeln dieser Konkurrenz selbst.

JAN B. MEISTER (Berlin) leitete die Sektion mit begrifflichen Vorüberlegungen ein. Jacob Burckhardt habe das ‚agonale‘ Denken der Griechen zwar idealisiert[1], nichtsdestotrotz sei das Konkurrenzdenken griechischer Eliten der Archaik ein aktuelles Forschungsthema, besonders seit das ältere Bild einer statischen Adelsherrschaft verworfen wurde.[2] Institutionalisierungsprozesse in archaischer Zeit seien weniger als Konflikt zwischen Adel und Bürgertum zu beschreiben oder als auf politische Herrschaft fokussierte Staatsentstehung, sondern mehr als Versuche agonales Verhalten generell zu regulieren. Methodisch schlug Meister einen akteurs-zentrierten Ansatz vor: Institutionen würden demnach als kollektiv verbindliche Verhaltensmuster verstanden, die den Einzelnen von Entscheidungen entlasten, weil sie gegenseitiges Verhalten berechenbarer machen. Konkurrenz wiederum werde nach Georg Simmel als indirekter Wettbewerb um die Gunst einer dritten Instanz verstanden. Konkurrenz setzte bereits Institutionen voraus, die Anerkennung ihrer Regeln nämlich. Diese Institutionalisierung sei aber labil, weil stets die Gefahr drohe, dass Gewinner Konkurrenten marginalisierten oder umgekehrt Verlierer kurzerhand die Regeln nicht mehr akzeptieren. Eben hier läge ein das Potential für jene Konflikte, die in der Archaik beobachtbar sind.

GUNNAR SEELENTAG (Frankfurt am Main) fragte in seinem Beitrag danach, wie sich Institutionalisierungsprozesse der Polisgemeinschaft erklären ließen. Seelentag wies dabei ältere Modelle von ‚Staatsentstehung‘ zurück, die eine teleologische Zwangsläufigkeit unterstellten. Zu fragen sei stärker akteurs-zentriert: Warum ordneten sich Männer, die über besondere sozio-ökonomische Macht verfügten, kollektiven Regeln unter, die eben diese Macht einschränkten? Seelentag beantwortete diese Frage in zwei Schritten. Im ersten Schritt rekonstruierte er anhand von Inschriftentexten des 7. und 6. Jh. v. Chr. einen idealtypischen Ablauf der gesetzlichen Regulierung. Zuallererst sollten die Vorschriften die Funktionsträger in ihrem Handeln einschränken, weil diese ohnehin über persönliche Macht verfügten. Die Beschränkung sei zunächst zeitlich gewesen: Amtsdauer und Iterationsverbote wurden festgelegt. Daneben traten Versuche, den Zuständigkeitsbereich der Funktionsträger auch sachlich genauer zu bestimmen und Regeln darüber festzulegen, wie Entscheidungen gefällt wurden. Dem Problem, wie die geschaffenen Institutionen durch Sanktionen zu bewahren seien, sei unterschiedlich begegnet worden: Durch Eidesschwur und Inschriftensetzung einerseits, andererseits vor allem dadurch, dass man größere Teile der Gemeinschaft in den Entscheidungsprozess miteinbezog.

Im zweiten Schritt fragte Seelentag, welche Anreize die Akteure zu einer solchen ihre Macht beschränkenden Kooperation gehabt hätten. Hier dienten die Epen als Quelle, um drei Gründe zu benennen. Erstens hätten äußere und innere Bedrohungen effektive Konfliktbeilegung erfordert. Zweitens drohte im Falle dauernder Zerstrittenheit ein kollektiver Ansehensverlust der Elite. Die Ehre (timē) eines griechischen Basileus habe nämlich von der Anerkennung seiner kämpfenden Gefolgschaft abgehangen, die von ihm verlangte, dass er das Gemeinwohl im Blick behielt und die zugleich bei eliten-internen Konflikten eine externe Instanz bildete. Drittens habe jeder einzelne Angehörige der Elite den sozialen Ausschluss gefürchtet. Gerade diejenigen, die nicht zu den führenden Mitgliedern der Elite gehörten, hätten deshalb partizipatorische Konkurrenz, die auf Kooperation setzt, gegenüber positioneller Konkurrenz bevorzugt, die auf Dominanz zielt.

JAN B. MEISTER (Berlin) leitete seinen Beitrag zur Devianz als Strategie mit jenem berühmt-berüchtigten Tanz ein, den der Athener Hippokleides vorgeführt haben soll, als er in den 570er-Jahren in Sikyon um die Hand der Agariste rang, im Rahmen eines Agons, den ihr Vater, der Tyrann Kleisthenes, ausrichtete. Dieser Tanz, so berichtet Herodot, habe den Hippokleides um seinen Sieg gebracht, weil er dem Tyrannen zu unanständig war. Ausgangspunkt der Analyse war allerdings nicht der Tanz, dessen Historizität Meister mit Verweis auf Erkenntnisse der Oral-Tradition-Forschung anzweifelt, sondern vielmehr die flapsige (später sprichwörtliche) Bemerkung mit der Hippokleides seine Niederlage kommentiert habe: „das kümmert Hippokleides nicht!“ Dieser Spruch stellte kurzerhand in Frage, ob die Prämie, die der athenische Konkurrent Megakles erhielt – Prestige durch eine Tyrannenhochzeit in Sikyon – innerhalb Athens überhaupt von Bedeutung sei. Hippokleides konnte es sich dieserart erlauben, so die These, ein schlechter Verlierer zu sein, weil es mehrere Felder eliten-interner Konkurrenz gegeben habe, für die keine verbindliche Hierarchisierung galt.

Meister untermauerte diese These anhand der archaischen Dichtung. Die homerischen Helden strebten zwar danach, in allem der Beste zu sein, müssten aber zugleich eingestehen, dass dies nicht immer möglich sei. Bei den Dichtern wiederum begegne auffallend grundsätzliche Kritik an scheinbar typischen Adelswerten wie Abstammung, Reichtum oder Schönheit. Diese Kritik sei aber nicht Ausdruck einer anti-aristokratischen Ideologie gewesen, sondern vielmehr selbst Mittel der eliten-internen Konkurrenz. In bestimmten Situationen war die Devianz von der adligen Norm also eine rationale Strategie für Einzelne – allerdings mit kollektiven Folgen: Sie erschwerte eine soziale Schließung gegen Aufsteiger und die Ausbildung eines verbindlichen Konzepts von ‚Adeligkeit‘.

TANJA ITGENSHORST (Reims) widmete sich nach einer Pause den ‚Gewinnern im Geiste‘, das heißt den politischen Denkern in archaischer Zeit. Die Auseinandersetzung mit ihnen sei lange einem ‚geistesgeschichtlichen Paradigma‘ gefolgt.[3] Problematisch daran sei zum einen die Ablösung des ‚intellektuellen Bewusstseins‘ von Personen und Orten gewesen. Zum anderen unterliege ihr zumindest unterschwellig das rationalistisch-teleologische Schema ‚vom Mythos zum Logos‘. Itgenshorst empfahl stattdessen die Rekonstruktion der lebensweltlichen Perspektive der Autoren/innen als Akteure. Drei allgemeine Merkmale des politischen Denkens fasste Itgenshorst zusammen. Erstens die Bedeutung der Dichtung für Reflexion über die Belange der Gemeinschaft. Zweitens die Anteilnahme an diesen Belangen und zugleich drittens das distanzierte Verhältnis zu dieser Gemeinschaft. Archaischer Dichter hätten ein ambivalentes Verhältnis zur Bürgergemeinschaft und deren Institutionen gehabt: Also intellektuelle Anteilnahme und Erhalt von Anerkennung einerseits, Kritik und Verachtung, politische Wirkungslosigkeit oder selbst gewähltes Exil andererseits.

Itgenshorst unterschied drei Dimensionen der intellektuellen Konkurrenz. Erstens den direkten Agon im Rahmen einer Festveranstaltung. Zweitens die Abgrenzung von anderen Denkern und deren Überlegungen. Drittens die grundlegende Kritik am Wertesystem der eigenen Gemeinschaft, die über reine Kollegenschelte hinausging. Prominentes Beispiel dafür sei Xenophanes, der seine Mitbürger in Kolophon dafür schalt, dass sie Olympiasieger ehrten, obwohl diese (anders als seine eigene Weisheit) nichts zum Wohl der Stadt beitrügen. Die drei Formen der Konkurrenz belegten die ‚agonale Grundhaltung‘ der Denker. Zugleich zeige sich aber auch, dass es sich im unterschiedlich ausgeprägten Maß um Konkurrenz im Simmelschen Verständnis handelt. Während die musischen Agonen klare Spielregeln und eine dritte Instanz kannten, fehlte es der intellektuellen Konkurrenz an eindeutiger Institutionalisierung. Die Denker wollten nicht bloß Teilnehmer des Agons sein, sondern auch Schiedsrichter und Regelgeber. Mit diesem Anspruch seien sie meist Gewinner im Geiste, Verlierer aber in der politischen Wirklichkeit gewesen. Denn im Prozess der Institutionalisierung der Polis seien die Intellektuellen offenbar keine Hauptakteure gewesen. Stattdessen bevorzugten sie ein Feld jenseits der Polis, um sich zu bewähren, das polis-übergreifende Feld der intellektuellen Konkurrenz nämlich, den Ort des Ideenwettbewerbes.

ADAM RABINOWITZ (Austin) erweiterte die Sektion methodisch um die Archäologie, indem er spätarchaische Grabstätten in Sizilien und Unteritalien untersuchte. Die zwei zu Beginn vorgestellten Grabbefunde aus Himera (550–525 v. Chr.) und Tarent (500–480) erschienen zunächst als typische Repräsentationen aristokratischer Kultur: Das erste Grab barg Waffen und Sportgeräte als Grabbeigaben, das zweite war ein in Stein gehauener Männerspeiseraum (andron), in dem fünf große Weinmischgefäße darauf verwiesen, dass die Bestatteten hier in Ewigkeit ein Symposiongelage feierten. Wegen dieser Beigaben läge es nahe, die in den Gräbern bestatteten als Mitglieder der lokalen Machtelite zu sehen, Gewinner im Diesseits und Jenseits also.

Diese konventionelle Deutung aber stellte Rabinowitz in Frage. Denn trotz der typischen Symbolik der Grabbeigaben waren die Grabanlagen selbst gerade nicht typisch in ihrer Zeit. Zur Erklärung dieser individuellen Innovation zog Rabinowitz die politische Ereignisgeschichte heran. Bürger westgriechischer Städte errangen zahlreiche Siege in panhellenischen Wettkämpfen, so wie der Ringer Milon von Kroton. Die Figur des Milon zeige aber, dass sich athletische Siege nicht direkt in politische Macht ummünzen ließen. Als Angehöriger einer politischen Faktion in seiner Heimatstadt scheiterte Milo nämlich. Die Bürgerkriege, die nicht selten zur Tyrannis führten, produzierten zahlreiche Verlierer innerhalb der Elite: politische Macht war ephemer, die Elite wenig kohäsiv. In diesem Kontext nun seien die Gräber zu deuten. Gerade weil man sich nicht sicher sein konnte am kollektiven Gewinn politischer Macht beteiligt zu sein, verewigte man stattdessen individuelle sportliche Gewinne. Gerade dann, wenn der Bestattete nicht als Sieger starb, so schloss Rabinowitz, habe man mit einer devianten Veränderung der Bestattungsform versucht, in der eliten-internen Konkurrenz doch das letzte Wort zu behalten.

ELKE STEIN-HÖLKESKAMP (Duisburg / Köln) fasste die Sektion zusammen. Alle Beiträge hätten erstens die Dynamik und Handlungsoffenheit der archaischen Epoche betont, zweitens die Vielfalt der Felder der Konkurrenz, die sich nicht ohne weiteres hierarchisieren ließen. Die besonders von Meister und Itgenshorst herausgestellte Uneinheitlichkeit der verschiedenen Felder der Konkurrenz lasse es sinnvoll erscheinen, so Stein-Hölkeskamp, in weitergehender Forschung die Felder nach dem Grad ihrer Institutionalisierung in ein Koordinatensystem einzuordnen und dabei sowohl die Foren als auch Medien der Konkurrenz noch stärker zu berücksichtigen: An welchen Orten wurde konkurriert und vor welchem Publikum? Mit Blick auch auf methodische Herausforderungen verwies Stein-Hölkeskamp einerseits auf die Frage, in wie weit hinter den von Seelentag diskutierten Inschriften weniger Gemeinwohl als vielmehr handfeste Konflikte zu suchen seien. Rabinowitz‘ Neuinterpretation der spätarchaischen Gräber erschien Stein-Hölkeskamp plausibel, doch erinnerte sie an die Schwierigkeiten damit, archäologische Befunde mit historische Individuen zu verbinden.

Ein wichtiger Diskussionspunkt war die Frage nach den Kriterien der Elitenzugehörigkeit. Dem Hinweis, dass Reichtum eine notwendige Voraussetzung für die Elite gewesen sei, stimmten die Beiträger/innen zu. Entscheidend sei dazu allerdings die Art seiner Verwendung gewesen, die im Wesentlichen auf Prestige (timē) gezielt habe. Dem Einwand, dass das Bestehen einer Elite die Ungleichwertigkeit der Handlungsfelder voraussetze, entgegnete Meister mit der Präzisierung, dass die Anzahl der Felder tatsächlich nicht unbegrenzt gewesen sei, sich aber gerade deshalb Anlass zu Konflikt und Diskussion bot, weil die Hierarchisierung noch nicht allgemein verbindlich war.

Kritisiert wurde der Verzicht auf die Verwendung des Staatsbegriffs, mit dem sich das Entstehen eines Gewaltverhältnisses erfassen lasse. Die Replik verwies darauf, dass man den Staat als Prozess durchaus als eine Form von Institutionalisierung verstehen könne, dass aber eine Beschränkung auf diesen Begriff wichtige Bereiche von Konkurrenz aus dem Blick nehme. Dass die Entwicklung des intellektuellen Felds ein gestreckter Prozess gewesen sei, der erst im 4. Jh. seinen Abschluss gefunden habe, wie eine Bemerkung festhielt, bekräftigte Itgenshorst.

Die Debatte zeigte, dass die Sektion nicht bloß einzelne Begriffe und Interpretationen zur Diskussion gestellt hatte, sondern zum Überdenken der archaischen Epoche als solcher anregte. Insofern die Beiträge Überlegungen ausführten, die aus dem Kontext von Habilitationsprojekten stammen, darf man hoffen, dass den aufgeworfenen Fragen in weiterer Forschung nachgegangen wird.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Jan B. Meister (Berlin) / Gunnar Seelentag (Frankfurt am Main)

Gunnar Seelentag (Frankfurt am Main), Gewinn und Verlust im „Spiel” um die Macht. Ämter als kontrollierte Prominenzrollen in der Archaik

Tanja Itgenshorst (Reims), Gewinner im Geiste. Die politischen Denker der archaischen Zeit

Jan B. Meister (Berlin), Schlechte Verlierer? Devianz als Strategie archaischer Eliten

Adam Rabinowitz (Austin), Winners in This World or the Next? Burials and Political History in Late Archaic Sicily and South Italy

Elke Stein-Hölkeskamp (Duisburg / Köln), Kommentar und Perspektiven

Anmerkungen:
[1] Jacob Burckhardt bezeichnete die griechische Archaik als "das koloniale und agonale Zeitalter", vgl. Jacob Burckhardt, Griechische Culturgeschichte IV. Kritische Gesamtausgabe Bd. 22. München 2012.
[2] Meister verwies auf die Ergebnisse von Elke Stein-Hölkeskamp, Adelskultur und Polisgesellschaft, Stuttgart 1989, die eine Adelskultur ohne Adelsstand feststellte und Alain Duplouy, Le prestige des élites, Paris 2006, der eine stark individualisierte Elite rekonstruiert.
[3] Itgenshorst verwies auf Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt a. M. 1980 und Bruno Snell, Die Entdeckung des Geistes, Hamburg 1946.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Institutionalisierung von Konkurrenz im archaischen Griechenland, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 20.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5632>.