JUNG + NEU. Die Zukunft der Universitätssammlungen. 6. Jahrestagung zu universitären Forschungs- und Lehrsammlungen

Ort
Tübingen
Veranstalter
Museum der Universität Tübingen MUT; Gesellschaft für Universitätssammlungen e.V.
Datum
11.07.2014 - 13.07.2014
Von
Kirsten Vincenz, Kustodie, Technische Universität Dresden

„JUNG + NEU“ – so ungewöhnlich können Universitätssammlungen sein. Das Motto der nunmehr 6. Sammlungstagung klingt fast ein wenig provokant wenn es um größtenteils historische Lehrsammlungen geht. Die Entwicklungen der letzten Jahre geben jedoch genug Anlass: Universitäre Forschungs- und Lehrsammlungen sind seit der ersten Sammlungstagung 2010 an der Humboldt-Universität in Berlin immer mehr ins Blickfeld des Interesses gerückt. Zugleich stieg auch die Aufmerksamkeit für die spezifischen Probleme der Universitätssammlungen. Ist eine Sammlung nicht mehr aktiv in Forschungs- oder Lehrzusammenhänge eingebunden, stellt ihr Erhalt die Universitäten vor große Herausforderungen: Neben dem Aufbau eines professionellen Sammlungsmanagements, das den Zugang zu den Objekten überhaupt erst ermöglicht, bindet auch die Pflege der Objekte finanzielle und personelle Ressourcen. Wie kann unter solchen Bedingungen die Zukunft der Sammlungen gesichert werden? Eine Lösung bietet die stärkere Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Auf der diesjährigen Sammlungstagung wurde dann auch eine Fülle ungewöhnlicher Ideen und neuer Perspektiven präsentiert, um Studenten/innen und junge Wissenschaftler/innen in- und außerhalb der Universitäten stärker für die einzelnen Sammlungsschwerpunkte zu interessieren.

Im ersten Beitrag beschrieb BETTINA HABSBURG-LOTHRINGEN (Graz) die wechselhafte Geschichte der Museen in Europa, die sich angesichts des sozialen und kulturellen Wandels immer wieder neu positionieren müssen. Heute lässt sich eine zunehmende Ökonomisierung auf Kosten der Inhalte beobachten: Die Ausrichtung an Besucherzahlen und Rentabilitätsrechnungen drängt die Aufgabe des Museums als Ort der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen mehr und mehr in den Hintergrund. Die Universitätssammlungen, die über eigene Ausstellungsmöglichkeiten verfügen, sollten sich selbstbewusst diesem Trend entgegenstellen, forderte Habsburg-Lothringen. Ausgehend von ihrer gesellschaftlichen Funktion als Sacharchiv, Lehrort und universitäres Gedächtnis sollten sie eigene Qualitätsmaßstäbe entwickeln und öffentlich dafür eintreten.

Der Leiter des Museums der Universität Tübingen MUT und Gastgeber der diesjährigen Tagung, ERNST SEIDL (Tübingen), betonte die neuen Möglichkeiten für Universitätssammlungen, die sich im Kontext einer stärkeren Hinwendung der Kunstgeschichte als „Objektwissenschaft“ ergeben. Die Auseinandersetzung mit der Materialität und der Konkretheit der Dinge bietet darüber hinaus die Möglichkeit, eine breitere Öffentlichkeit für die Sammlungen zu interessieren. Kinderführungen, Projektseminare mit Ausstellungen, aber auch die Einbindung neuer technischer Medien haben sich für das MUT als sehr erfolgreiche Maßnahmen erwiesen.

Neue Wege im Umgang mit überlieferten Objektbeständen wurden auch im zweiten Panel des Tages diskutiert. ULRIKE WEISS (St Andrews) berichtete über die „Public Engagement“- Aktivitäten und über aktuelle Projekte zur Sammlungserschließung im Rahmen des Aufbaustudiengangs „Museum & Gallery Studies“. THOMAS BECK (Berlin) präsentierte mit dem „Greenguide Tübingen – App ins Grüne“ einen digitalen Führer durch den Botanischen Garten der Universität. Der Greenguide wurde von Studierenden verschiedener Disziplinen und in Zusammenarbeit mit externen Partnern im Rahmen eines Praxisseminars erarbeitet. Künftig könnte die Konzeption solcher medialen Formate durch Baukasten-Systeme zum Selbstprogrammieren vereinfacht und damit auch für weniger technisch versierte Anwender/innen interessant werden.

Der zweite Tag der Sammlungstagung stand unter dem Motto „Junge Kräfte“: Wie können angehende Museologen/innen schon während des Studiums für die Arbeit in den Sammlungen interessiert werden? GISELA WEISS (Leipzig) berichtete aus dem dortigen Studiengang Museologie über die hohe Bedeutung von Praxisphasen in Museen oder Sammlungen. Dort lernen die Studierenden Bestände zu inventarisieren, erarbeiten erste Vermittlungskonzepte oder unterstützen die Vorbereitung neuer Ausstellungen. Auch an der Universität Tübingen hat es sich als sehr erfolgreiches Modell erwiesen, innerhalb von Projektseminaren einzelne Sammlungsbestände gemeinsam mit Studenten/innen aufzuarbeiten und diese anschließend der Öffentlichkeit zu präsentieren, wie EDGAR BIERENDE und PETER MOOS (beide Tübingen) zeigen konnten. Im aktuellen Ausstellungsprojekt „Aufmacher. Titelstorys deutscher Zeitschriften“ konnte beispielsweise ein Großteil der Zeitschriftensammlung des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft digital erfasst werden.

Im Verlauf des Panels folgten weitere gute Beispiele aus der Praxis der Universitätssammlungen. Ein ungewöhnliches, kooperatives Lehrprojekt wurde von den Kustoden der Graphischen Sammlungen ANETTE MICHELS (Tübingen) und STEPHAN BRAKENSIEK (Trier) vorgestellt. In zwei parallelen Seminaren erforschen Studierende der Kunstgeschichte beider Universitäten kleinste Spuren an Objekten, die Rückschlüsse auf die Nutzung und Herkunft der graphischen Blätter zulassen. Die Ergebnisse der intensiven Auseinandersetzung mit der materiellen Beschaffenheit der einzelnen Blätter werden für die Graphikforschung und die Lehre zugänglich gemacht. Der hier präsentierte methodische Ansatz soll künftig auch zusammen mit anderen Universitätssammlungen umgesetzt werden.

Die Beispiele zeigen, dass sich die Museologie, ausgehend vom Wandel in der Museumslandschaft und den gestiegenen Anforderungen im Sammlungsalltag, in jüngster Zeit als ernstzunehmende Wissenschaftsdisziplin etablieren konnte. Museen werden, so STEFANIE MENKE (Würzburg), zunehmend als Resonanzräume gesellschaftlichen Wandels verstanden und stehen als solche im Mittelpunkt kulturwissenschaftlicher Diskurse, die auf die Vermittlung von aktuellen Forschungsergebnissen ausgelegt sind. Auch der Bachelor-Studiengang „Museologie und materielle Kultur“ und der Master-Studiengang „Museumswissenschaft“ an der Universität Würzburg zeichnen sich in diesem Sinne durch eine enge Verbindung von Theorie und praktischer Museumsarbeit aus.

Wie können die Leistungen der universitären Sammlungen künftig noch besser sichtbar gemacht werden? CORNELIA WEBER, SARAH ELENA LINK, MARTIN STRICKER und OLIVER ZAUZIG (alle Berlin) präsentierten die aktuellen Projekte und Strategien der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen. Neben dem Aufbau eines Netzwerkes und vielseitigen Informations- und Serviceangeboten über die Webseite wurde das Webportal „Wissenschaftliche Sammlungen digital“ entwickelt. Hier können besondere Einzelobjekte, Sammlungsbestände, aber auch Akteure und Aktivitäten recherchiert werden. Als Datenbank und Werkzeug zur Vernetzung soll das Portal sukzessive weiterentwickelt werden. Anschließend informierte JOCHEN BRÜNING (Berlin) vom Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik über den aktuellen Stand der „Empfehlungen für Universitätssammlungen“. Das von einer Arbeitsgruppe auf Anregung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erarbeitete Grundsatzpapier gibt auch konkrete Arbeitshinweise für den Umgang mit Universitätssammlungen und verweist auf die hohe Verantwortung der Universitäten für ihr wissenschaftlich-kulturelles Erbe.

Im Anschluss an die Vorträge stellten die bei der Sammlungstagung 2013 in Halle/Saale gebildeten Arbeitsgruppen ihre Arbeitsergebnisse vor: Oliver Zauzig (Berlin) präsentierte einen Leitfaden zum Urheberrecht, der rechtliche Grundlagen zu Besitz und Eigentumsverhältnissen behandelt und Lösungsansätze für das eigene Rechtemanagement bietet. Ein Positionspapier zur Zentralisierung von Universitätssammlungen wurde von FRANK STEINHEIMER (Halle) und UDO ANDRASCHKE (Erlangen) vorgestellt. Hervorgehoben wurden vor allem die vielfältigen Aufgaben einer zentralen Kustodie, zu denen insbesondere Sammlungsschutz und -management, Forschung, Beratung in museologischen Fragestellungen und nicht zuletzt die Interessenvertretung der universitären Sammlungen nach innen und außen zählen. In ihrem Referat zur Grundfinanzierung von Sammlungen betonte STEFANIE RÜTHER (Göttingen) die Notwendigkeit einer umfassenden Finanzierung durch die jeweilige Universität, da gerade die Sammlungen substantielle Beiträge zu Forschung, Lehre und Bildung und damit zu den Kernaufgaben der Universität leisten. Dazu müssen allerdings die Eigentumsverhältnisse an den Sammlungen geklärt sein. In welcher Form diese Klärung stattfinden kann wurde kontrovers diskutiert. MICHAEL STRACHE und JOACHIM HÄNDEL (beide Halle) stellten für die Arbeitsgruppe „Konservierung“ verschiedene Aspekte der Präparation und Konservierung in universitären Sammlungen dar, wobei sich der Aufgabenschwerpunkt von der Präparation neuer Objekte auf den Erhalt der alten Objekte verlagert habe. Erstrebenswert ist hier eine Hochschulausbildung für Präparatoren und die Einführung von Standards in der präventiven Konservierung für wissenschaftliche Sammlungen. Im Rahmen von Übungen am Zentralmagazin Naturwissenschaftliche Sammlungen können solche Techniken von Studenten erlernt werden.

Das letzte Tagungspanel mit dem Titel „Neues Selbstverständnis – unkonventionelle Darstellung“ begann mit dem Beitrag von GREGOR ISENBORT (Dortmund) über die Inszenierung des Objekts und seine Verortung im Raum. Isenbort versteht den Ausstellungsraum als eigenen Topos, der durch die Wechselbeziehung von Objekten und Gestaltung mit Bedeutung aufgeladen wird. Objekte erfahren eine Bedeutungszuweisung, die ihrerseits wiederum in der Ausstellung thematisiert werden sollte. Wie die gewünschte öffentliche Aufmerksamkeit für eine Ausstellung erreicht werden kann, zeigten schließlich die Ausführungen zu Guerilla-Marketing und Fundraising von MATTHIAS KRAMER (München). Unkonventionelle und meist kostengünstige Kampagnen wie Ambush-, Ambient- oder Sensation-Marketing oder auch Flashmobs können laut Kramer mit ihrem Überraschungseffekt gerade an Universitäten eine breite Öffentlichkeit ansprechen.

Insgesamt beeindruckte die Tagung durch ein interessantes und vielfältiges Programm und eine professionelle Organisation. Deutlich wurde, dass die universitären Sammlungen vor allem dann eine Zukunft haben, wenn sie neben ihrem Einsatz in Lehre und Forschung eine möglichst breite Öffentlichkeit ansprechen und junge Leute für die Sammlungen begeistern können. Das opulente Rahmenprogramm mit vielen Ausstellungsbesuchen bot genügend Zeit und Gelegenheit zum Austausch und weiteren Diskussionen zu diesem Thema.

Konferenzübersicht:

Bernd Engler (Tübingen), Grußwort

Ernst Seidl (Tübingen), Begrüßung

Panel 1: Jung + Neu an universitären Sammlungen
Moderation: Christine Nawa (Tübingen)

Bettina Habsburg-Lothringen (Graz), Museen zwischen gestern und morgen. Und inwiefern dies Universitätssammlungen betrifft

Ernst Seidl (Tübingen), „Jung + Neu“ – ausgerechnet in Universitätssammlungen?

Panel 2 : Neue Wege. Erfahrungsberichte
Moderation: Christine Nawa (Tübingen)

Ulrike Weiß (St Andrews), Neue Lehre(n) aus den britischen Universitätssammlungen

Thomas Beck (Berlin), New Media: Greenguide – App ins Grüne

Führungen durch drei Sammlungen (1): Paläontologische Sammlung, Psychologische Sammlung, Mineralogische Sammlung

Panel 3: Junge Kräfte
Moderation: Ernst Seidl (Tübingen)

Gisela Weiß (Leipzig), Praktikanten für Projekte

Edgar Bierende / Peter Moos (Tübingen), Inventarisieren mit Studierenden: Das Projekt MAM|MUT

Stefanie Menke (Würzburg), Training Young Professionals: Museologie als Studiengang in Würzburg

Anette Michels (Tübingen) / Stephan Brakensiek (Trier), Fernbeziehung produktiv: intensives Forschen – innovatives Lehren. Das Modell Tübingen – Trier

Cornelia Weber / Sarah Elena Link/ Martin Stricker / Oliver Zauzig (alle Berlin), Neues von der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Universitätssammlungen

Jochen Brüning (Berlin), Zum aktuellen Stand der „Empfehlungen für Universitätssammlungen“

Arbeitsplenum: Aktuelles aus den Arbeitskreisen
Moderation: Cornelia Weber (Berlin)

Oliver Zauzig (Berlin), Urheberrecht

Frank Steinheimer (Halle) / Udo Andraschke (Erlangen), Zentrale Kustodie

Stefanie Rüther / Marie Luisa Allemeyer / Karin Gille-Linne (alle Göttingen), Grundfinanzierung von Sammlungen: Eigentum verpflichtet?

Michael Stache / Joachim Händel (Halle), Konservierung

Panel 4: Neues Selbstverständnis – unkonventionelle Darstellung
Moderation: Frank Duerr (Tübingen)

Gregor Isenbort (Dortmund), Inszenierung des Objekts und Repräsentation

Matthias Kramer (München), Guerilla-Marketing und Fundraising für Universitätssammlungen

Klaus Mauersberger (Dresden) / Jörg Zaun (Freiberg), Vorstellung der Sammlungstagung 2015

Jochen Brüning (Berlin), Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Universitätssammlungen e.V.

Zitation
Tagungsbericht: JUNG + NEU. Die Zukunft der Universitätssammlungen. 6. Jahrestagung zu universitären Forschungs- und Lehrsammlungen, 11.07.2014 – 13.07.2014 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 20.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5637>.