HT 2014: Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskultur in der Weimarer Republik

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Senta Herkle, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Als tiefe Zäsur auch für die Überlieferungsbildung beschrieb WOLFGANG ZIMMERMANN (Karlsruhe / Heidelberg) in seiner Einleitung den Ersten Weltkrieg. Durch die Auflösung des Generalstabs musste einerseits ein Weg des Umgangs mit obsolet gewordenen insbesondere militärischen Akten gefunden werden, andererseits seien Sammlungen entstanden, die den Kriegsalltag dokumentierten. Ziel der Sektion „Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskultur in der Weimarer Republik“ war es, die Sicherung und Bildung der Überlieferung zu kontextualisieren und eine „ideologiekritische Analyse ideologiegesättigter Überlieferungsbildungen“ anzustoßen. Der Prozess der Überlieferungsbildung bildete dabei die Basis für das künftige Narrativ des Ersten Weltkrieges. Neben der militärischen Überlieferung sollte in der Sektion aber auch etwa die Überlieferung der Kirchen und die Wissenschaftsreaktion auf den Ersten Weltkrieg Beachtung finden.

Zu Beginn skizzierte ROBERT KRETZSCHMAR (Stuttgart / Tübingen) die Bedeutung des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik für die Geschichte der Überlieferungsbildung. Kernpunkt war dabei die Frage nach neuen Ansätzen in der archivischen Methode, die durch die Überlieferung der nach 1918 obsolet gewordenen behördlichen Aktenmassen entwickelt werden mussten. Es war, so Kretzschmar, eine „neue und hohe Sensibilität für die historische Relevanz auch jüngster Aktenbestände“ entstanden; der Weltkrieg sollte als epochales Ereignis in den Archiven dokumentiert werden. Allerdings sei hinter diesem Ansatz eine geschichtspolitische Motivation gestanden, die den „nationalen Abwehrkampf“ demonstrieren und die „Kriegsschuld“ widerlegen sollte.

Kretzschmar zeigte auf, dass nur im Reichsarchiv, das im Jahr 1919 eingerichtet wurde, konzeptionelle Überlegungen zur Überlieferungsbildung angestellt und umgesetzt wurden; sie umfassten neben der gezielten Bestandsbildung auch den Aufbau zeitgeschichtlicher Sammlungen. Bemerkenswert sei dabei, dass die Archive sonst während des Krieges und in der Zeit danach nicht selbst als aktive Sammler in Erscheinung traten, sondern erst wesentlich später Sammlungen von Privatpersonen oder Behörden übernahmen. Dafür seien eine konservative Haltung zum Berufsbild, aber auch die eingeschränkte personelle Ausstattung der Archive während des Krieges verantwortlich gewesen, die neben einer chronischen Unterbesetzung auch dem Militärdienst geschuldet war.

Die vom Reichsarchiv entwickelten methodischen Grundlagen einer systematischen Überlieferungsbildung, die zugleich die Professionalisierung der Überlieferungsbildung überhaupt darstellen, würden bis heute in den Archiven nachwirken. Die zeitnahe Sicherung jüngster Akten werde heute als zentrale Kernaufgabe der Archive gesehen. Dabei würden die archivpolitischen Motivationen und Ziele allerdings immer wieder diskutiert und aktualisiert.

MICHAEL HOLLMANN (Koblenz) zeigte im Anschluss die Gründung des Reichsarchives nach dem Ersten Weltkrieg auf. Im Versailler Vertrag war die Auflösung des Großen Generalstabs festgelegt worden, für dessen obsolet gewordene Akten das Reichsarchiv eingerichtet wurde, das dem Reichsministerium des Innern unterstand. Zunächst bestand das Personal vorwiegend aus Militärangehörigen, während seines Bestehens fand allerdings eine „Zivilisierung“ der Belegschaft statt. Zur Belegschaft gehörte außerdem ein ständiger Vertreter der US-Parallelorganisation, dessen Aufgabenwahrnehmung noch näherer Untersuchungen bedarf. In der Einsetzung eines Militärschriftstellers zum Generaldirektor zeigte sich eine wesentliche Aufgabe des neugegründeten Reichsarchivs: die Dokumentation und Auswertung des Ersten Weltkrieges. Zu diesem Zweck wurde außerdem eigens eine Historische Kommission gegründet. Als Ergebnis ihrer Arbeit präsentierte die Kommission, die sich aus zwölf Wissenschaftlern und drei Militärs zusammensetzte, ein mehrbändiges Werk über den Verlauf des Ersten Weltkrieges. Daneben sollte das Reichsarchiv Benutzern Akten zugänglich machen und damit ebenfalls die wissenschaftliche Erforschung insbesondere des Weltkrieges fördern.

Zu Beginn bestand die Überlieferung des Reichsarchivs aus den Akten der militärischen Dienststellen, später gelangten auch die zivile Überlieferung der obersten Reichsbehörden sowie ältere Bestände des Deutschen Bundes und des Reichskammergerichts dort hin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten unterlag das Reichsarchiv gegen den Willen der Mitarbeiter einer gravierenden Veränderung, denn die Einrichtung des Heeresarchivs Potsdam bedeutete die Herauslösung des Militärs aus der Einrichtung. Die Frage nach dem Umgang mit Militärarchiven und dem Militär unterstellten Archiven sei dabei nicht nur organisationsgeschichtlich, sondern auch politikgeschichtlich von Interesse. Abschließend wies Hollmann auf den reichen Fundus digitalisierter Quellen des Bundesarchivs hin, die im Internet zugänglich sind.[1]

WOLFGANG ZIMMERMANN (Karlsruhe / Heidelberg) nahm anstelle des angekündigten RAINER BRÜNING (Karlsruhe) in seinem Beitrag das „XIV. Armeekorps als zentrale Quelle für den Ersten Weltkrieg am Oberrhein“ in den Blick. Im Zweiten Weltkrieg wurden das Heeresarchiv in Potsdam und mit ihm zentrale Bestände zum Ersten Weltkrieg zerstört. Aufgrund verfassungsrechtlicher Bestimmungen verfügten Württemberg, Bayern und Sachsen über eine militärische Selbstverwaltung, die ausschlaggebend dafür ist, dass die Überlieferung der Armeekorps dieser Länder erhalten ist. Die Akten der badischen Truppenteile entgingen der Vernichtung, weil sie in Außendepots in Südwestdeutschland aufbewahrt wurde. Die Überlieferung des XIV. (badischen) Armeekorps im Generallandesarchiv Karlsruhe stellt dabei, Zimmermann zufolge, mit rund 1,2 km Umfang und 10.000 Fotos eine Besonderheit dar, da die Unterlagen das gesamte Gebiet des Oberrheins betreffen, das während des Ersten Weltkrieges neben Ostpreußen als einziges Gebiet des Deutschen Reiches direkt von den Kampfhandlungen betroffen war; „Front, Etappe und Heimat“ waren dort sehr eng miteinander verbunden. Die Überlieferung ist darüber hinaus nicht lediglich für den badischen Teil interessant, sie gibt auch Auskunft über das Reichsland Elsass-Lothringen, dessen eigene Überlieferung des XV. Armeekorps ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Zimmermann wies darauf hin, dass die Überlieferung des XIV. Armeekorps als Quellengrundlage für die Ausstellung „Menschen im Krieg 1914-1918 am Oberrhein / Vivre en temps de guerre des deux côtés du Rhin 1914-1918“ diente, die als erste Weltkriegsausstellung grenzüberschreitend vom Landesarchiv Baden-Württemberg (Generallandesarchiv Karlsruhe, Staatsarchiv Freiburg) gemeinsam mit den Archives Départementales du Haut-Rhin in Colmar sowie dem Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf konzipiert worden ist.[2] Wesentliche Teile der Überlieferung des XIV. Armeekorps, darunter Kriegs- und Friedensstammrollen und Personalakten, seien außerdem im Internet verfügbar und würden in absehbarer Zeit ergänzt werden.[3]

RAINER HERING (Schleswig / Hamburg) konstatierte in seinem Beitrag zunächst die intensive Auseinandersetzung der Forschung mit dem Kriegsalltag an der Front und in der Heimat, bei der bislang die Rolle der Kirchen zu wenig untersucht worden sei. Er wies auf die wichtige und vielfältige Rolle der Geistlichen während des Ersten Weltkrieges hin, die etwa durch zusätzliche Gottesdienste oder Vorträge die sich zunehmend verschlechternden Lebensbedingungen in den Blick nahmen und in die Öffentlichkeit trugen. Sie überbrachten Todesnachrichten und spendeten Angehörigen von Gefallenen Trost, warben für Kriegsanleihen, verbreiteten staatliche Anordnungen oder koordinierten Hilfsarbeiten und übernahmen damit wichtige staatliche Funktionen. Mit der Abgabe von Kirchenglocken sowie Sammlungen und Kollekten trugen sie zur Kriegsfinanzierung bei. Kriegsbedingt entwickelte sich außerdem eine neue Aufgabe für die Kirchen: die Betreuung der Jugend. Die Abwesenheit der Väter wurde für die wachsende Kriminalität sowie die sinkenden Unterrichtsbesuche der Jugendlichen verantwortlich gemacht. In der kirchlichen Betreuung der Jugend während des Ersten Weltkrieges liegen dabei die Wurzeln der kirchlichen Jugendarbeit überhaupt. Hering verwies auf die zahlreichen Quellen, die in kirchlichen Archiven überliefert sind und die Aufschluss über den Kriegsalltag geben können, darunter etwa kirchliche Amts- und Mitteilungsblätter, Gemeindebriefe und Gemeindechroniken, Predigten oder Schriftwechsel.

Der nachfolgende Vortrag von REINHARD JOHLER (Tübingen) beschäftigte sich mit der „Genese und Funktion ethnologischer und volkskundlicher Sammlungen“, die nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund einer Renaissance volkskundlicher Themen wie Kriegsaberglauben, Soldatenhumor oder Prophezeiungen entstanden waren. Angelegt wurden die Sammlungen durch volkskundliche Institutionen und Einzelpersonen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, „den Krieg zu sammeln“. Diese Sammlungen hatten dabei zwei Funktionen: sie sollten einerseits den Krieg dokumentieren und andererseits auch die Institutionalisierung und universitäre Etablierung der Volkskunde vorantreiben. Die Sammlungen von Soldatenliedern, Soldatensprachen, Soldatenbräuchen oder auch Soldatenglauben waren nach Kriegsende Gegenstand einiger wissenschaftlicher Studien, gerieten allerdings Ende der 1920er-Jahre im Großen und Ganzen in Vergessenheit; zum Teil wurden die Sammlungen unter „rassenbiologischen“ Gesichtspunkten während der Zeit des Nationalsozialismus wieder untersucht. Im Vergleich zur archivischen Überlieferung trugen die volkskundlichen Sammlungen dementsprechend, so Johler, bislang nicht zur Erforschung des Ersten Weltkrieges bei. Der Krieg führte zur Anlage umfangreicher volkskundlicher Sammlungen, die nach Kriegsende nicht weiter beachtet und bearbeitet worden sind. Mit der schrittweisen Digitalisierung der Sammlungen könne nun der im Krieg geschaffene „Kulturtransfer“ aufgearbeitet werden.

Im letzten Beitrag stellte MAIKE ROTZOLL (Heidelberg) unter dem Titel „Uniform und Eigensinn. Militarismus und Erster Weltkrieg in historischen Werken der Sammlung Prinzhorn“ eine außergewöhnliche Sammlung künstlerischer Werke aus psychiatrischen Anstalten vor. Aus gleichsam psychiatrischem wie kunsthistorischem Interesse wurde die Sammlung von den Psychiatern Karl Wilmanns und Hans Prinzhorn, der zugleich Kunsthistoriker war, zwischen 1919 und 1921 angelegt. Bei den Künstlern selbst handelte es sich um Anstaltspatienten, nicht aber um traumatisierte Soldaten; sämtliche Künstler lebten bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Anstalten. Mit Förderung der Volkswagen-Stiftung wurde diese Kunstsammlung unter verschiedenen Fragestellungen aufgearbeitet; ein Teil der Kunstwerke ist derzeit in einer Ausstellung in Heidelberg zu sehen[4], die von der BASF SE gefördert wurde. Im Vordergrund standen dabei etwa die Fragen, wie abgeschottet die Anstaltspatienten waren und ob sie eine spezielle Sicht auf den Militarismus entwickelt haben. Anhand von vier Kategorien (militarisierte Gesellschaft, militärische Träume, Krieg, Frieden) stellte Rotzoll eine Auswahl der Werke vor. Dabei zeigte sie eindrucksvoll, dass die Anstalten durchlässiger waren, als zunächst erwartet wird. Die Anstaltspatienten griffen Themen auf, die auch in der zivilen Gesellschaft von Bedeutung waren und „verzerren sie zur Kenntlichkeit“.

Zu allen Beiträgen ergaben sich Rückfragen und kürzere Diskussionen, die vor allem die gesellschaftliche Bedeutung der angesprochenen Überlieferungsbildungen und Sammlungsaktivitäten betrafen. Auch dabei wurde deutlich, wie sehr sie vom historischen Kontext geprägt waren. So konnte Wolfgang Zimmermann in seinem Fazit nochmals den Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die Überlieferungsbildung der Weimarer Republik hervorheben und im Blick auf die Quellenkritik daraus ableiten, dass der ideologische Hintergrund jeweils entscheidend und zu analysieren sei.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Robert Kretzschmar (Stuttgart / Tübingen) / Wolfgang Zimmermann (Karlsruhe / Heidelberg) / Rainer Hering (Schleswig / Hamburg)

Robert Kretzschmar (Stuttgart / Tübingen), Obsolete Akten, Bewertungsdiskussion und zeitgeschichtliche Sammlungen: Der Erste Weltkrieg und die Überlieferungsbildung in Archiven

Michael Hollmann (Koblenz), Der Erste Weltkrieg und die Gründung des Reichsarchivs

Wolfgang Zimmermann (Karlsruhe / Heidelberg), Der Vernichtung entronnen. Das XIV. Armeekorps als zentrale Quelle für den Ersten Weltkrieg am Oberrhein

Rainer Hering (Schleswig / Hamburg), Gewinnen und Verlieren in der Überlieferung. Kirchliche Quellen zum Ersten Weltkrieg

Reinhard Johler (Tübingen), Sammeln für den Krieg. Genese und Funktion ethnologischer und volkskundlicher Sammlungen

Maike Rotzoll (Heidelberg), Uniform und Eigensinn. Militarismus und Erster Weltkrieg in historischen Werken der Sammlung Prinzhorn

Wolfgang Zimmermann (Karlsruhe / Heidelberg), Moderation

Anmerkungen:
[1] Portal des Bundesarchivs zum Ersten Weltkrieg: <https://www.ersterweltkrieg.bundesarchiv.de/> (21.10.2014).
[2] Menschen im Krieg 1914-1918 am Oberrhein. Deutsch-französische Wanderausstellung <http://www.menschen-im-krieg-1914-1918.de/> (21.10.2014).
[3] Landesarchiv Baden-Württemberg, Soldaten im Ersten Weltkrieg, Online-Findmittel <http://www.landesarchiv-bw.de/web/54389> (21.10.2014).
[4] Die Ausstellung „Uniform und Eigensinn. Militarismus, Weltkrieg und Kunst in der Psychiatrie“ ist vom 2.10.2014 bis 2.2.2015 in Heidelberg zu sehen. Vgl. <http://prinzhorn.ukl-hd.de/> (21.10.2014). Vom 6.6. 2014 bis 7.9.2014 waren einige der Kunstwerke in der Sonderausstellung „Krieg und Wahnsinn. Kunst aus der zivilen Psychiatrie zu Militär und 1. Weltkrieg – Werke der Sammlung Prinzhorn“ im Militärhistorischen Museum Dresden ausgestellt. Vgl. <http://www.mhmbw.de/sonderausstellungen/krieg-und-wahnsinn> (21.10.2014).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskultur in der Weimarer Republik, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 31.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5646>.