Der Zweite Weltkrieg: Erinnerung / Politik / Tourismus. Workshop zur Zusammenarbeit deutscher und polnischer Museen in Berlin-Brandenburg (Deutschland) und der Ziemia Lubuska (Lebuser Land)/Polen

Ort
Frankfurt an der Oder
Veranstalter
Deutsch-polnisch-russisches Trialog-Projekt
Datum
10.06.2014
Von
Karl-Konrad Tschäpe, Projekt „Trialog“, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Auch acht Jahre nach dem Beitritt Polens zu den Schengener Verträgen gibt es immer noch zu wenig Brücken über die Oder, im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Dies liegt nicht an der gegenseitigen Offenheit der Multiplikatoren in der Grenzregion, aber die Zusammenarbeit zwischen historischen Museen links und rechts der Oder ist im Interesse potentieller Besucher im Nachbarland deutlich ausbaufähig, das zeigte sich an der Frage nach der Behandlung des Zweiten Weltkriegs in Regionalmuseen der Euroregion ProEuropa Viadrina.[1] Schon während mehrerer Treffen von deutschen und polnischen MuseumsmitarbeiterInnen und AkteurInnen der Geschichtsvermittlung im Vorfeld des Workshops wurde klar, wie stark das Interesse jeweils am Nachbarn ist, nur fehlt ein Forum, über das man sich verständigen kann und auf dem die beiderseits vorhandenen Sprachprobleme ausgeräumt werden können. Ein solches Forum zu initiieren hatte sich das deutsch-polnisch-russische wissenschaftliche Kooperationsprojekt Trialog vorgenommen, ein Vorhaben, das finanziell mit Mitteln der Europa-Universität Viadrina und der Euroregion Pro Europa Viadrina möglich gemacht wurde. Die einzelnen Beiträge sollen an dieser Stelle nicht referiert werden, denn sie werden noch gesondert veröffentlicht [2] – Ziel dieser Vorträge war vor allem, die Zuhörer darüber zu informieren, welche Museen es in der Region überhaupt gibt und in welcher Form dort der Zweite Weltkrieg präsentiert wird. Vielmehr soll es im Folgenden darum gehen, einen Eindruck von den sehr produktiven Diskussionen zu vermitteln, die sich hieraus entspannen.

So antwortete KRZYSZTOF WOJCIECHOWSKI (Frankfurt (Oder)/Słubice), der Verwaltungschef des Collegium Polonicum – der „Słubicer Universiät“ – auf die Frage, welche Defizite in den Museen der Region er denn sehe, dass es in Polen ein großes Bedürfnis gebe, in den Darstellungen zum Zweiten Weltkrieg erwähnt zu werden. Es sei in Westeuropa generell kaum bekannt, dass Polen im Zweiten Weltkrieg nach sowjetischen, deutschen und amerikanischen die höchste Zahl an Soldaten gestellt habe. In Polen sei der Verdacht verbreitet, Deutsche wollten den Zweiten Weltkrieg verstärkt als eigene Opfergeschichte behandeln. Andererseits plädierte er dafür, in Museen die Tätergruppen nicht als „Deutsche“ zu identifizieren, sondern konkreter zu fassen – „die SS“, „die Wehrmacht“ usw. – was jedoch von deutschen MuseumsmitarbeiterInnen als „komplexes Problem“ beschrieben wurde.

Der Leiter der Gedenkstätte Seelower Höhen, GERD-ULRICH HERRMANN (Seelow), nahm den Faden Wojciechowksis auf und betonte die Rolle der 1. Polnischen Armee in einer der letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs im Großraum der Seelower Höhen. Die Rolle polnischer Truppen etwa bei der Oderforcierung kann in polnischen Museen stark herausgestellt sein, während sie in deutschen Museen kaum Erwähnung findet. Gleichzeitig kritisierte Herrmann die in Polen sehr populäre Inszenierung von Kriegsereignissen durch HobbyhistorikerInnen und LaienschauspielerInnen (sogenannte „Reenactments“), insbesondere auch des Zweiten Weltkriegs. In Deutschland würden solche Kriegsspiele oftmals für starkes Befremden sorgen. Damit hatte Herrmann ein Thema angesprochen, das von vielen TeilnehmerInnen immer wieder aufgegriffen wurde. Polnische MuseumsmitarbeiterInnen sahen in diesen Schlachtinszenierungen eine wichtige Motivation für eine breitere Öffentlichkeit, sich überhaupt mit Geschichte auseinanderzusetzen, dies wiederum locke auch BesucherInnen in die Museen. Gerade junge Menschen würden sich auf diesem Wege für geschichtliche Ereignisse begeistern. Wenn Polen etwa „faschistische Uniformen“ anzögen, würden sie die Vergangenheit besser verstehen. Bei der Nachinszenierung der historischen Niederlage Friedrichs II. von 1759 in der „Schlacht bei Kunersdorf“ 2009 hätten sich EinwohnerInnen Słubices plötzlich mit Preußen identifiziert, in Deutschland sei man an diesem Punkt möglicherweise übersensibel und verkenne das Potential, auf diesem Wege über eine gemeinsame europäische Geschichte ins Gespräch zu kommen. Für deutsche Museumsfachleute und GeschichtsvermittlerInnen scheint dies in der großen Mehrheit trotz dieser Begründung eine Form der Auseinandersetzung mit Geschichte zu sein, die auch mit Blick auf die Opfer mit starker Skepsis betrachtet wird. Ob der deutsche Weg der Geschichtspopularisierung über Guido-Knopp-Dokumentationen und Fernsehschmonzetten tatsächlich zu bevorzugen ist, sei an dieser Stelle allerdings dahingestellt.

Ein weiterer wichtiger Diskussionspunkt, der von GERD KÜHLING (Berlin) vom Deutschen Historischen Museum Berlin angestoßen wurde, war das Problem der Übersetzungen. Wie sich herausstellte, waren alle Museen der Region bemüht, für ausländische Gäste Übersetzungen anzubieten, meist in Form von Audioguides. Dennoch, die Frage der Vermittlung von Museumsinhalten im Grenzgebiet wurde von allen Beteiligten als noch nicht befriedigend gelöstes Problem beschrieben, obwohl es hier in den letzten Jahren mit Hilfe der EU durchaus Fortschritte gegeben habe und fremdsprachlliche Beschriftungen für die Exponate in einigen Museen gerade in Arbeit sind (z.B. am Militärmuseum Drzonów). Generell wurde die fehlende Betextung von Ausstellungen in der Sprache des Nachbarn oder zumindest auf Englisch als Mangel empfunden, den zu beheben aber oft die finanziellen Mittel fehlten. Während deutsche Beschriftungen in Polen gelegentlich zu finden sind, fehlen polnische Beschriftungen in Deutschland in den meisten Museen. Gerd-Ulrich Herrmann gab zu bedenken, dass das Fehlen polnischer Übersetzungen in seinem Museum gerade von Deutschen bemängelt werde, beklagte andererseits die schlechte Qualität der Übersetzungen im Nachbarland und bot hier an, auf diesem Gebiet besser zusammenzuarbeiten und vorhandene Kapazitäten zu nutzen. Polnische MuseumsmitarbeiterInnen berichteten mit Befremden, dass deutsche Gäste Übersetzungen in ihre Muttersprache im Nachbarland nicht selten geradezu mit Anspruchshaltung einfordern würden. Hier scheint es starke kulturelle Unterschiede zu geben, die erhebliches Potential für gegenseitige Missverständnisse bergen könnten. RYSZARD SKAŁBA (Küstrin/Kostrzyn), Leiter des Museums der Festung Küstrin/Kostrzyn, machte darauf aufmerksam, dass es zwar üblich geworden sei, Ausstellungen neben der Landessprache auch auf Englisch zu präsentieren, dabei sprächen jedoch lediglich ein Prozent der Besucher seines Museums andere Sprachen als deutsch oder polnisch.

Auch Inhalte von Ausstellungen können für interkulturelle und sogar innerkulturelle Missverständnisse sorgen. PIOTR DZIEDZIC (Drzonów) vom Militärmuseum Drzonów/Polen berichtete von den Diskussionen, die eine Ausstellung in seinem Hause entfachte, in der deutsche Selbstzeugnisse zum Zweiten Weltkrieg präsentiert wurden, was einige polnische BesucherInnen vor den Kopf gestoßen habe.

Ein weiterer Diskussionspunkt, den BOGUMIŁA BURDA (Zielona Góra) von der dortigen Universität in die Diskussion einbrachte, war die oft fehlende Vernetzung von Schul- und Museumsarbeit. Für den Geschichtsunterricht würde sich ein auch grenzüberschreitender Museumsbesuch geradezu anbieten und wäre dazu eine gute Gelegenheit, gegenseitige Stereotypen abzubauen. Eine bessere Zusammenarbeit der Kultusministerien könnte hier helfen, Lehrinhalte und Museumsangebote aufeinander abzustimmen. Generell würden unterschiedliche deutsche und polnische, aber auch innerdeutsche Lehrpläne die Zusammenarbeit mit Museen erschweren.

SUSANNE KÖSTERING (Potsdam), Geschäftsführerin des Museumsverbandes Brandenburg, konstatierte, dass wichtige Aspekte des Zweiten Weltkriegs in den Museen Berlin-Brandenburgs unterrepräsentiert seien, obwohl gerade diese Region traditionell besonders stark vom Militär geprägt worden sei und der Zweite Weltkrieg gerade in Berlin-Brandenburg maßgeblich geplant und vorbereitet worden sei. Militärgeschichte in deutschen Museen nannte sie geradezu ein Desiderat. Hier wäre ein längerfristig ausgelegtes deutsch-polnisches Forum der Museumsfachleute wünschenswert, der Vorschlag, ein entsprechendes deutsch-polnisches Netzwerk zu gründen, wurde von allen Beteiligten begrüßt.

OLGA KURILO (Frankfurt (Oder)/Berlin), die Initiatorin des Projekts, fragte nach der offenbar unterschiedlich starken Rolle der Wissenschaften in den deutschen und polnischen Museen, zumindest in den Präsentationsformen seien geradezu kulturelle Grenzen zu konstatieren. Zu diskutieren sei auch, wie weit man in Museen generationenspezifische Angeboten unterbreiten könne.

KARL-KONRAD TSCHÄPE (Frankfurt/Oder) fragte aus dem Publikum, ob neben der dezentralen Museumsstruktur nicht doch ein zentrales Museum für den Zweiten Weltkrieg wünschenswert wäre, da viele Aspekte des Krieges keinen Bezug zur Region Berlin-Brandenburg haben – etwa der Seekrieg oder der Krieg in Afrika oder Italien. Diese Idee wurde mit allgemeiner Skepsis aufgenommen. Neben den hohen Kosten für solch ein Projekt sahen die Museumsfachleute aus Deutschland und Polen die Gefahr, dass die kleinen Museen dann gleichsam zu Fußnoten eines solchen Zentralmuseums missraten würden und dies letztlich die bestehende Museumskultur an historischen Schauplätzen langfristig unterminieren würde. Bogumiła Burda wies in diesem Zusammenhang auf die Erfahrung in Frankreich mit solchen zentralen Museen hin, diese hätten durchaus ihre Vorteile, doch würden BesucherInnen dort mit Informationen überfrachtet, individuelle Schicksale könnten kaum behandelt werden, und entsprechende Einrichtungen hätten eben auch keinen örtlichen Bezug – sie seien daher dazu verdammt, oberflächliche Informationen zu vermitteln. Dahingegen könnte aus der Mikrogeschichte heraus durchaus auf Zusammenhänge in der Makrogeschichte verwiesen werden. Hierin sah auch Susanne Köstering eine bisher noch nicht genug genutzte Chance: Man könne darstellen, wohin die Soldaten gezogen sind, was für Kriegshandlungen von denen begangen wurden, die in einer Region stationiert waren – und auf diese Weise einen überregionalen Kontext berücksichtigen.

Neben solchen Diskussionen war ein weiteres wichtiges Ergebnis dieses Zusammentreffens, dass über die jeweils unterschiedlichen Zielgruppenprobleme gesprochen werden konnte. Die Museumsgäste rekrutieren sich tatsächlich aus recht heterogenen Kreisen – das gilt für die einschlägigen Stadtmuseen, in denen der Zweite Weltkrieg als ein Thema neben vielen anderen behandelt wird, über Museen zu Einzelanlässen wie in Berlin-Karlshorst oder etwa die eher technik- und abenteuerbegeisterten deutschen und polnischen TouristInnen am ehemaligen „Ostwall“. Für die Suche nach Synergieeffekten durch eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist dies sicher einer der Punkte, über den weiterer Austausch von großer Bedeutung ist, zumal von den Zielgruppen und deren Erwartungen und Vorwissen auch Präsentationsformen und -kulturen abhängig sind.

Die Diskussionen um die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in deutschen und polnischen Museen der Euroregion ProEuropa Viadrina sind selbst ein kleines Stück Mikrogeschichte und zeugen davon, wie Europa an seinen inneren Nähten zusammenwächst. Hier gibt es ganz augenscheinlich noch viel zu tun, und es bleibt spannend, diesen Prozess auch in Zukunft weiterzuverfolgen.

Konferenzübersicht:

Grußworte:
Gunter Pleuger (Europa-Universität Viadrina) / Krzysztof Wojciechowski (Collegium Polonicum)

Olga Kurilo (Frankfurt (Oder)/Berlin), Vorstellung des Projektes und thematische Einführung: Der Zweite Weltkrieg in der musealen Landschaft der Euroregion Pro Europa Viadrina: deutsch-polnische Reflexionen

Sektion 1: Der Zweite Weltkrieg im Museum

Przemysław Słowiński (Dobiegniew), Das Museum Woldenberg in Dobiegniew

Susanne Köstering (Potsdam), Der Museumsverband Brandenburg. Der Zweite Weltkrieg in brandenburgischen Museen

Diskutant: Piotr Dziedzic (Drzonów)
Moderatorin: Olga Kurilo (Frankfurt (Oder)/Berlin)

Sektion 2: Militärisches Erbe und Tourismus

Jörg Morré (Berlin), Zusammenarbeit am historischen Ort. Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst

Grzegorz Urbanek (Pniewo), Entwicklungsprobleme des Tourismus am Beispiel von Militärbauwerken aus dem Zweiten Weltkrieg im Lebuser Land

Diskutant: Martin Schieck (Frankfurt (Oder))
Moderator: Werner Benecke (Frankfurt (Oder))

Sektion 3: Der Zweite Weltkrieg und Bildung

Bogumiła Burda (Zielona Góra), Die Problematik des Zweiten Weltkriegs in zeitgenössischen polnischen Schulbüchern

Gerd Kühling (Berlin), Der Zweite Weltkrieg als Thema der Bildungs- und Vermittlungsarbeit am Deutschen Historischen Museum Berlin

Diskutant: Gerd-Ulrich Herrmann (Seelow)
Moderator: Brigitta Helbig-Mischewski (Słubice)

Anmerkungen:
[1] Dieser regionale Bezug war nicht mit letzter Strenge Voraussetzung für die Teilnahme am Workshop, so dass auch Museen und Institutionen, die im etwas weiteren Umfeld der Euroregion angesiedelt sind, mit einbezogen werden konnten.
[2] Europa-Universität Viadrina (Hrsg.), Der Zweite Weltkrieg in deutschen und polnischen Museen. Erinnerung/Politik/Tourismus. II wojna światowa w niemieckich i polskich muzeach. Pamięć/polityka/turystyka, Berlin 2014. Bei Interesse an dieser Schrift wird um Nachricht an trialog@europa-uni.de gebeten.

Zitation
Tagungsbericht: Der Zweite Weltkrieg: Erinnerung / Politik / Tourismus. Workshop zur Zusammenarbeit deutscher und polnischer Museen in Berlin-Brandenburg (Deutschland) und der Ziemia Lubuska (Lebuser Land)/Polen, 10.06.2014 Frankfurt an der Oder, in: H-Soz-Kult, 30.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5658>.