Regionen – Grenzen – Identitäten. Trans- und Interkulturalität im östlichen Europa. XII. Ostblick-Jahreskongress

Ort
Greifswald
Veranstalter
Ostblick Deutschland e.V.; Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Datum
10.07.2014 - 13.07.2014
Von
David Leuenberger, Weimar; Martin Munke, Chemnitz; Tony Schmidt, Greifswald

Vom 10.-13. Juli 2014 fand an der Universität Greifswald der XII. Ostblick-Jahreskongress „Regionen – Grenzen – Identitäten. Trans- und Interkulturalität im östlichen Europa“ statt, organisiert von Ostblick Deutschland e.V. in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Universität Greifswald. Zu dieser Nachwuchstagung kamen über 20 Teilnehmende aus Deutschland, Österreich und der Ukraine. In acht Workshop-Panels stellten Studierende und Promovierende ihre laufenden oder abgeschlossenen Qualifikationsarbeiten zur Diskussion.

MATHIAS NIENDORF (Greifswald) eröffnete den Ostblick-Kongress mit dem Vortrag „Eine Frage der Perspektive? Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn als Problem von Makro- und Mikrogeschichte“. In einem ersten Schritt analysierte er (west)deutsche Russenbilder anhand popkulturellen Liedguts: individuelle Begegnungen konnten stets politische Differenzen überbrücken, ohne unbedingt Kulturstereotype abzubauen. Im zweiten Teil seines Beitrags diskutierte Niendorf das Verhältnis von Makro- und Mikrogeschichte und plädierte für ein Verständnis von Mikrogeschichte als selbstgenügende Forschung im Mikrosubjekt und nicht als exemplarische Forschung am Mikrosubjekt.

ALEXANDER WÖLL (Greifswald) sprach über Václav Havel und Viktor Juschtschenko als entzauberte Hoffungsträger. Er skizzierte den Hintergrund der beiden Politiker und verglich sie im Hinblick auf politische Äußerungen, mediale Selbstinszenierung sowie auf ihr Familien- und Frauenbild. Havel, Leitfigur der tschechoslowakischen Dissidenz, verlor zunehmend Ansehen in seiner Heimat, während er international eine symbolische Überhöhung erlebte. Juschtschenko, weltweit mit der Orangenen Revolution assoziiert, versank in der Ukraine in den 2000er-Jahren in die politische Bedeutungslosigkeit – wozu auch sein antiquiertes Nationsverständnis beitrug. Das Potential einer Erweiterung des Vergleichs um Boris Jelzin und Lech Wałęsa wurde anschließend diskutiert.

MARTIN-PAUL BUCHHOLZ (Mainz) untersuchte die Haltung der ukrainischen Kirchen zu Europa aufgrund ihrer Verlautbarungen und mit Blick auf eine kulturelle Zugehörigkeit zu Europa sowie die Haltung zu einer europäischen Integration der Ukraine. Einheitliche Stellungnahmen erschienen schwierig, da vier Kirchen das Erbe der Kiewer Kirche für sich beanspruchen und sich als ukrainische Nationalkirche bezeichnen. Durch den staatlich initiierten „Allukrainischen Rat der Kirchen und religiösen Organisationen“ wurde jedoch ein Gremium geschaffen, das sich seit 2004 zu gesellschaftspolitischen Belangen auf nationaler oder europäischer Ebene zu Wort meldet, mit den EU-Institutionen diskutiert und seine Positionen publik macht.

JARON STERNHEIM (Freiburg im Breisgau) referierte über den Rigaer Erzbistumsstreit 1480-1483. In ihm kämpften der Deutsche Orden und der Rigaer Erzbischof um die politische und territoriale Vormachtstellung in Livland. In seinem Dissertationsvorhaben untersucht Sternheim die Mechanismen politischen Handelns und die Kommunikationsformen der Streitparteien im Betrachtungszeitraum 1480-1483. Besonderes Augenmerk legte er auf die Erweiterung der Perspektiven auf bislang in der Forschung vernachlässigte Akteure des Erzbistumsstreits, etwa auf die ständischen Versammlungen in Livland, sowie auf die Rolle grenzüberschreitender Verflechtungen mit Pskov, Novgorod, dem Russischen Reich sowie der Kurie und dem Kaiserhof.

NATALIA BRÜHL (Bremen) beleuchtete Zensurpraktiken in Polen im Bereich der Kunst vor und nach 1989. Die Abschaffung der Zensur führte nicht zur Auflösung aller Widerstände für Künstler. Stattdessen wurden und werden zensurartige Praktiken nun durch viele Akteure ausgeübt. Brühl verdeutlichte dies an den aktuellen Diskussionen um das Theaterstück „Gólgota Picnic“ (2014) sowie den Debatten um das „Lego-Konzentrationslager“ (1996) Zbigniew Liberas. Dieses sollte 1997 Teil des polnischen Beitrages zur Biennale in Venedig werden. Der Kommissar des polnischen Pavillons lehnte jedoch ab, das vorgeblich unausgereifte Werk auszustellen, obwohl er zuvor Libera eingeladen hatte, Polen zu repräsentieren. Dies könne als Zensurakt verstanden werden. Nach weiteren heftigen Debatten um die Installation im Umfeld einer Ausstellung im Jüdischen Museum New York (2002) wurde ein Exemplar 2011 vom Warschauer Museum für Moderne Kunst erworben.

GLEB KAZAKOV (Bielefeld) präsentierte einen Teilaspekt seines Promotionsprojekts und fragte nach der differenzierten Revoltendynamik und der sich daraus ergebenden transkulturellen Kommunikation, die im Einflussbereich der drei Großmächte Russland, Polen-Litauen und Schweden in der Frühen Neuzeit zu unterschiedlicher Ausprägung kam. Mit besonderer Berücksichtigung der angesprochenen transkulturellen Kommunikation in der Frühen Neuzeit strich Gleb Kazakov die Perspektive von Zeitzeugen heraus, da dieser Aspekt in der Wissenschaft im Vergleich zur Ursachenforschung zu wenig Beachtung gefunden zu haben scheint.

Anhand des Briefwechsels der gebürtigen Deutschen Katharina II. mit Fürst Potemkin zeigte TANJA CHEPURNAJA (Kiev) auf, dass sich mit dem Erlernen der russischen Sprache für die Kaiserin auch das Sprachdenken änderte. Bestimmte Termini wurden von Katharina II. übernommen, abgeändert oder gar verändert, teilweise entstanden Mischungen aus französischen und russischen Ausdrücken. Diese Entwicklung des Erlernens einer Fremdsprache wurde von Chepurnaja anhand der sprachlichen und semantischen Veränderungen in den Briefen nachgezeichnet und stellt für Philologie wie Geschichtswissenschaft ein wichtiges Forschungsobjekt dar.

CHRISTIAN GEPP (Wien) präsentierte die Untersuchungsergebnisse seiner Bachelor- und Masterabschlussarbeiten. Die Pestepidemien, die Wien noch Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts ereilten, wurden durch erste Seuchenpräventionsmaßnahmen bekämpft und mündeten schließlich in die Errichtung eines Pestkordons zwischen dem Erzherzogtum Österreich und dem Königreich Ungarn. Der sanitäre Grenzschutz wurde im 18. Jahrhundert ausgebaut und dämmte erfolgreich die Ausbreitung der Pest ein.

Fragen vormoderner Raumwahrnehmungen wurden von STEFAN STRIEGLER (Greifswald) am Beispiel des südöstlichen Ostseeraumes thematisiert. Entgegen der heutigen kartenbasierten Orientierung speiste sich im Mittelalter das alltagspraktische Raumwissen aus der individuellen Erfahrung und mündlich oder schriftlich kommunizierten Informationen. Diese beruhten auf subjektiven Wahrnehmungen und konnten sich mit jeder Stufe verändern. Das Raumwissen war dabei lokal gebunden, und auch dessen Relevanz nahm mit der zunehmenden Entfernung vom Raum des Alltagserlebens ab. Striegler schlug für den alltagsrelevanten Bereich den Begriff „translokaler Raum“ vor, der alle jene Gebiete umfasse, die für Betroffene noch leicht erreichbar seien.

ANNA ASCHAUER (Bayreuth) untersuchte drei deutsche protestantische Gemeindeschulen im St. Petersburg des 18. Jahrhunderts, die unter Beteiligung pietistischer Gelehrter der Universität Halle nach Peters I. Einladungsedikten gegründet worden waren. In der Diskussion wurde besonders die Offenheit des kürzlich begonnenen Dissertationsvorhabens hervorgehoben und als Chance für verschiedene Schwerpunktsetzungen evaluiert. Nebst der Untersuchung grenzüberschreitender pietistischer Netzwerke erscheint auch eine Konzentration auf russische Bildungsgeschichte oder Petersburger Stadtgeschichte möglich.

RUTA BRUSBARDE (Greifswald) präsentierte Aspekte ihrer Masterarbeit zu den Rigaer Ratssendboten des 15. Jahrhundert. Nach der Konturierung des Begriffs schilderte sie auch den differenzierten Auftrag der Boten: diese waren einerseits gehalten, die Interessen des Rates zu vertreten, wollten andererseits aber auch ihre persönlichen Beweggründe für ihre Städtereisen nicht vernachlässigen. Brusbārde konnte anhand der Darstellung des Profils bestimmter Ratsmitglieder diese verschiedenen Interessenkonstellationen aufzeigen.

In ihrem Impulsreferat erklärte LYUDMYLA PRADIVLYANNAYA (Vinnytsia), wie sich der Impressionismus als Kunstform sowohl in der deutschen als auch englischen Sprache manifestiert hat. Insbesondere in der Verwendung einer spezifischen Klangsymbolik und Lautmalerei bildete dieser den Rahmen, um einen subjektiven-sinnlichen Eindruck von Erfahrung und Lebendigkeit zu schaffen. Dies würde sich auf der semantischen Ebene durch spezielle Muster von Wörtern und Strukturen, von Farbe und Licht sowie der synästhetischen Wahrnehmung und dem Einsatz von Metaphern äußern, welche sich in der spezifischen Kohärenz der impressionistischen Malerei und Literatur manifestieren.

Im dritten Hauptvortrag befasste sich JAN KUSBER (Mainz) mit Geschichte und Gegenwart der Ukraine vor dem Hintergrund von Raum und Identität. Bereits im Namen, der sich auf das Wort „Grenzgebiet“ zurückführen lässt, wird die Umstrittenheit der Region zwischen umliegenden Mächten deutlich. Der ukrainische Staat verfügt demnach erst seit den 1990er-Jahren über völkerrechtlich anerkannte Grenzen. Gerade in der aktuellen Lage im Land und auch in der internationalen Debatte seien es häufig historische Argumente, die zur Begründung der jeweils eigenen Position herangezogen werden. So wird etwa der Treueeid der Zaporožer Kosaken im Akt von Perejaslav 1654 auf den Zar Aleksej I. zur Legitimierung russischer Herrschaftsansprüche benutzt.

Die Juden Bulgariens wurden im Zweiten Weltkrieg nicht deportiert. Davon ausgehend untersuchte NASRIN ARNOLD (Jena) die Entstehung des Narrativs eines „Landes ohne Antisemitismus“. Diese von Arnold als „Mythos“ bezeichnete Erzählung sei wesentlich in den palästinensisch-jüdischen Gemeinden zu Zeiten des Dritten Reichs und den Anfängen des Staates Israel gestiftet worden. Mehr als 90 Prozent der bulgarischen Juden wanderten Ende der 1990er-Jahre nach Israel aus. Hier bildeten sie die einzige aus Europa eingewanderte Gruppe, die sich nicht den Vorwürfen ausgesetzt sah, „willenlose Opfer“ gewesen zu sein, und die sich somit einfacher in die israelische Gesellschaft integrieren konnte.

Mit der österreichischen Polonia beschäftigt sich LUISE ARTNER (Salzburg) in ihrem Dissertationsvorhaben entlang der Begriffe Identität, Transmigration und Netzwerke. An diesen Leitbegriffen orientiert hat sie polnische Migrantinnen und Migranten verschiedener Altersgruppen befragt. Die ersten Ergebnisse offenbaren die Komplexität migrantischer Identität. Dies betrifft soziale und emotionale Verbindungen zu Österreich und Polen, die Unterscheidung zwischen Heimat und Zuhause und die Konstruktion Polens als romantische Illusion. Die Eigenwahrnehmung als Personen „zwischen den Kulturen“ ist dabei wesentlich positiver als das in der österreichischen Öffentlichkeit gezeichnete Bild polnischer Migranten.

ANNA GATZKE (Frankfurt an der Oder) präsentierte ihre Masterarbeit, die sich mit dem Wiederaufbau Warschaus 1945-1955 unter Aspekten der Identität und Denkmalpflege beschäftigt. Das Problem des Wiederaufbaus der Hauptstadt Polens stellte sich infolge ihrer fast kompletten Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Die Frage nach ihrem künftigen Aussehen wurde nicht nur durch den politischen Systemwechsel gezeichnet, sondern wurde zugleich zur Suche nach einer neuen Identität und wies Kontinuitäten zu Entwicklungen der Zwischenkriegszeit auf. Hierdurch gestaltete sich der Wiederaufbau so widersprüchlich wie in kaum einem anderen Land des Ostblocks, so Gatzke. Dies stellte sie anhand konkreter Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Stadtplanung, Architektur und Rekonstruktion historischer Stadtteile heraus.

ODETA MIKŠTAITE (Greifswald) stellte in ihrem Beitrag zum Phänomen der sowjetischen Heimatkunde (kraevedenie) in der Litauischen SSR die nach dem XX. Parteitag 1956 beginnende Ära der politischen Liberalisierung in der Sowjetunion in den Kontext einer sich manifestierenden konformistischen Haltung in der Bevölkerung, die sich exemplarisch in der Gründung der Gesellschaft für Heimatkunde offenbarte. Sie zeigte einen zunehmenden Prozess der sich gründenden Nationalkultur anstelle eines Dorfkultes auf, wodurch letztlich die entstandenen Heimatkunde-Institutionen zur Grundlage eines ethnokulturellen Nationalismus wurden.

Den Erinnerungen an die ehemaligen polnischen Ostgebiete im 19. und im frühen 20. Jahrhundert im Vergleich widmete sich CHRISTOF SCHIMSHEIMER (Mainz). In seiner Untersuchung ausgewählter Werke aus Publizistik, Belletristik und Historiographie arbeitete er mehrere Grundlinien heraus. Während für Polen der Grenzlandcharakter der Gebiete zentral schien, waren sie aus litauischer Perspektive litauisches Kernland. Die östlichen Gebiete der Ersten und Zweiten Rzeczpospolita sind somit in der Erinnerung einerseits Ort traumatischer Unterdrückung der nationalen Identität (etwa für Ukrainer), aber auch mythisches Traumland. Der Vorstellung vom wiederauferstandenen Imperium steht der endgültige Verzicht darauf entgegen. Für den Untersuchungszeitraum lassen sich konkurrierende Erinnerungen nachweisen, die sich allerdings in ihrer Argumentationsstruktur nahe stehen. So wird beispielweise die Verortung von Zentrum und Peripherie zumeist umgekehrt, aber nicht dekonstruiert.

EWELINA WANAT (Chemnitz) befasste sich mit der polnischen Oberlausitz unter dem Aspekt der Identität und skizzierte Konjunkturen regionaler Identitätsbildung nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach 1945 erlebte das Gebiet eine radikale Entgermanisierung durch die Vertreibung der Deutschen. Zugleich bemühten sich die neuen Machthaber, die neu zugezogene Bevölkerung – hauptsächlich Polen aus der Ukraine – in ihrer Polonisierungs-Politik zu integrieren. Nach der Wende 1989 begann hingegen ein Prozess der „Lausitzisierung“ – der Versuch, eine originäre Regionalidentität zu schaffen.

In den 1980er-Jahren kam es zu einem Anstieg von Reisen in das ehemalige habsburgische Kronland Galizien, die auch literarisch verarbeitet wurden. MAGDALENA BARAN-SZOŁTYS (Wien) stellte Grundtendenzen entsprechender Werke deutscher und polnischer Autoren – etwa Sabrina Janeschs „Katzenberge“ – vor. Bei den Reisen spielt die Geschichte des Gebiets mit ihren Grenzverschiebungen, Umsiedlungen und Migrationen eine wichtige Rolle. Man kann beobachten, dass sich Nachgeborene der Umsiedler auf Spurensuche in deren Ursprungsgebiete begeben, um nach ihrer eigenen Identität und der ihrer Vorfahren zu suchen. Die polnische Reiseliteratur zielt verstärkt darauf, das polnische Element in der heutigen Fremde der ehemaligen Ostgebiete wiederzuentdecken.

GALINA GAUSS (Greifswald) fragte in ihrem Beitrag, wie sich in den Werken des in der Forschung bislang vernachlässigten polnischen Schriftstellers Tadeusz Miciński polnisch-nationalistische Romantik, Russophilie und Panslawismus äußerten. Ein zentraler Bestandteil des literaturwissenschaftlichen Dissertationsvorhabens ist die Untersuchung intertextueller Bezüge zwischen Micińskis Werken und Texten der russischen Literatur sowie der polnischen Romantik.

CHRISTIAN BÜLOW (Greifswald) widmete sich der Altindustrieregion Kemerovo in Sibirien, wobei er die Aspekte der Rohstoffförderung und der Restrukturisierung gegenüberstellte. Die zweigliedrige Arbeit erfasst in einem ersten Schritt den aktuellen Entwicklungsstand der Oblast` Kemerovo. Seit den 1920er-Jahren entwickelte sich diese zu einem Zentrum der Steinkohleförderung und der Stahlindustrie. In der Region befindet sich heute das größte Städtenetz Russlands östlich des Urals. Aktuell weist sie die typischen Charakteristiken einer Altindustrieregion auf: hohe Infrastrukturdichte, monostrukturierte Wirtschaft, Umweltschäden und Bevölkerungsverlust durch Abwanderung. In einem zweiten Schritt sollen auf der erhobenen empirischen Grundlage neue Strategien für die Modernisierung der Region entwickelt werden – teils im Vergleich mit dem Ruhrgebiet. Dabei geht es grundsätzlich um die Frage der Entwicklungsperspektiven in peripheren und von der Rohstoffförderung abhängigen Industrieregionen.

ANNA FOX (Wien) präsentierte die Ergebnisse ihrer Diplomarbeit zu den Arbeits- und Lebensrealitäten slowakischer Migrantinnen, die in Österreich in der 24-Stunden-Betreuung älterer Menschen tätig sind. Die entsprechenden Beschäftigungsverhältnisse sind demnach zwar größtenteils auf das europäische Einkommensgefälle zurückzuführen. Die Betroffenen behalten dennoch gewisse Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Sie sind sich ihrer Möglichkeiten bewusst und entschieden sich für die Arbeitsmigration, weil diese für sie, trotz der Unterbezahlung nach österreichischen Maßstäben, eine Verbesserung ihrer Lebenslage darstellen kann. Diskurse, die Migrantinnen lediglich als passive Opfer übermächtiger Ausbeutungsstrukturen darstellen, seien daher nicht zielführend.

JANKA VOGEL (Jena) stellte Aspekte ihrer Bachelorarbeit über die Wahrnehmung der Arbeitsmigration rumänischer Eltern durch ihre Kinder vor. Sie zeigte auf, wie Diskussionen über die Arbeitsmarktintegration in anderen Ländern letztlich stets die Frage nach dem Ergehen der in Rumänien zurückgebliebenen Kinder ignorieren und zeigte durch Praxisbeispiele die interdisziplinäre Relevanz des Themas auf, wenngleich sie dessen erziehungswissenschaftlichen Charakter betonte. Hierzu stellte sie die Ergebnisse einer von ihr erhobenen Studie einer rumänischen Stadt von 2010-2013 vor.

Wieder wurde beim Ostblick-Kongress die Lebendigkeit der deutschsprachigen, osteuropabezogenen Nachwuchsforschung deutlich – in den Kernfächern Osteuropäische Geschichte und Slavistik wie in anderen Fachbereichen: Sozialwissenschaften, Geografie, Erziehungswissenschaft und Kunstgeschichte. Dieser interdisziplinäre Ansatz erwies sich in den Diskussionen als fruchtbar und ermöglichte den Teilnehmenden nebst dem Austausch über die eigenen Forschungsinteressen auch einen vergleichenden Zugang zur laufenden Forschung außerhalb ihres Fachbereichs.

Konferenzübersicht:

Hauptvorträge:
Mathias Niendorf (Greifswald), Eine Frage der Perspektive? Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn als Problem von Makro- und Mikrogeschichte

Alexander Wöll (Greifswald), Václav Havel und Viktor Juschtschenko – zwei entzauberte europäische Hoffnungsträger?

Jan Kusber (Mainz), Grenzen, Regionen und (nationale) Identitäten. Die Ukraine zwischen Ost und West in historischer Perspektive

Lyudmila Pradivlyannaya (Vinnytsia), The Impressionistic effect and its verbalization in the European literature

Workshop Panel 1: Christliche Kirchen und europäische Identität

Martin-Paul Buchholz (Mainz), Die Kirchen in der Ukraine vor der europäischen Frage

Jaron Sternheim (Freiburg im Breisgau), Argument und Strategie im Rigaer Erzbistumsstreit 1480-1483

Workshop Panel 2: Aspekte politischer Kommunikation

Natalia Brühl (Bremen), Zwischen Freiheit und Zensur. Kunst, Politik und Öffentlichkeit in Polen vor und nach 1989

Gleb Kazakov (Bielefeld), Revolten als Kommunikationsereignisse in der frühen Neuzeit

Tanja Chepurnaja (Kiev), Die Verarbeitung des deutschen Sprachsubstrats im Prozess des Erlernens der russischen Sprache in den Briefwechseln Katharinas II.

Workshop Panel 3: Räume und Grenzen

Christian Gepp (Wien), Die Entwicklung des cordon sanitaire an den Außengrenzen der Österreichischen Monarchie und seine Bedeutung

Stefan Striegler (Greifswald), Von der kognitiven zur physischen Karte. Raumwahrnehmung und Orientierung im südöstlichen Ostseeraum (10.-16. Jh.)

Workshop Panel 4: Interkulturalität und Identität in der Frühen Neuzeit

Anna Aschauer (Bayreuth), Deutsche Protestantische Gemeindeschulen im 18. Jahrhundert in St. Petersburg

Ruta Brusbarde (Greifswald), Ratssendboten der Stadt Riga im 15. Jahrhundert

Workshop Panel 5: Nationale und transkulturelle Identitäten

Nasrin Arnold (Jena), “We made Bulgaria a favor!“ Wie der Mythos eines Landes ohne Antisemitismus entstand

Luise Artner (Salzburg), Polnische MigrantInnen in Österreich. Netzwerke – Transmigration – Identität

Anna Gatzke (Frankfurt an der Oder), Der Wiederaufbau Warschaus 1945 – 1955: Formen und Praktiken auf dem Gebiet der Stadtplanung, Architektur und Denkmalpflege

Workshop Panel 6: Regionale und transregionale Identitäten

Odeta Mikštaite (Greifswald), Die Grenzgänger der regionalen Mission: Das Phänomen der sowjetischen Heimatkunde (kraevedenie)

Christof Schimsheimer (Mainz), Litauische, polnische, ukrainische und weißrussische Erinnerungsdiskurse über die östlichen Territorien der Rzeczpospolita seit dem 19. Jahrhundert

Ewelina Wanat (Chemnitz), Der polnische Raum der Oberlausitz – Identitätsdarstellung der Einwohner und deren Identifikation mit der Region

Workshop Panel 7: Identitätsbildung in der Literatur

Magdalena Baran-Szołtys (Wien), Deutschsprachige und polnische Reiseliteratur zu Galizien nach 1989. Auf der Suche nach Spuren und der eigenen Identität

Galina Gauss (Greifswald), Die slawische Frage im Werk von Tadeusz Miciński. Ursprung, Weiterentwicklung und Äußerung

Workshop Panel 8: Arbeit, Wirtschaft und Migration

Christian Bülow (Greifswald), Die Altindustrieregion Kemerovo in Sibirien: Rohstoffförderung oder Restrukturisierung?

Anna Fox (Wien), Lebenswelten in Bewegung. Transnationale Care-Migrantinnen aus der Slowakei in der 24-Stunden-Betreuung in Österreich

Janka Vogel (Jena), Transnationale Familien Rumäniens. Wie Kinder und Jugendliche die Arbeitsmigration ihrer Eltern erleben

Zitation
Tagungsbericht: Regionen – Grenzen – Identitäten. Trans- und Interkulturalität im östlichen Europa. XII. Ostblick-Jahreskongress, 10.07.2014 – 13.07.2014 Greifswald, in: H-Soz-Kult, 11.11.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5664>.