HT 2014: Aufstieg und Fall frühmittelalterlicher Warlords

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Francisca Hoyer, Freie Universität Berlin

Mit der Bemerkung, dass frühmittelalterliche Warlords, die die Herrschaft in den Provinzen des Imperium Romanum durch kriegerische Aktivitäten übernahmen, diese etablierten, legalisierten und gegebenenfalls auch wieder verloren, besonders gut geeignet seien, um sie unter dem Motto des 50. Historikertages „Gewinner und Verlierer“ zu betrachten, eröffnete MATTHIAS BECHER (Bonn) die von ihm und GUIDO M. BERNDT (Erlangen-Nürnberg) initiierte Sektion „Aufstieg und Fall frühmittelalterlicher Warlords“.

In öffentlichen und politikwissenschaftlichen Debatten wird von „Warlords“ besonders im Zusammenhang mit sogenannten „failed states“ oder „zerfallenden Staaten“, wie Afghanistan, Irak oder auch Syrien, gesprochen. Geprägt wurde der Begriff mit Blick auf jene „Kriegsherren“, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Teile der Republik China unter ihre Gewalt gebracht hatten. Mit Warlords werden dabei, so die einleitende Definition von Matthias Becher, Machthaber bezeichnet, die „mit Hilfe [ihnen] treu ergebener bewaffneter Verbände ein mehr oder weniger abgegrenztes Gebiet kontrollier[en] und es dem Zugriff des eigentlichen Herrschers entzieh[en]“. Unter der Prämisse, dass sich das Imperium Romanum ebenfalls als „gescheiterter Staat“ beschreiben lässt, erweise sich das Konzept des Warlords als flexible Deutungskategorie, die, aus ihrem ursprünglichen Entstehungskontext herausgelöst, Einzug auch in historische Arbeiten zu Spätantike und Frühmittelalter gefunden habe, so Becher weiter. Die Beispiele des römischen Heermeisters Aegidius und des Frankenkönigs Chlodwig zeigten, dass sich der Deutungsansatz des Warlords dazu eigne, kriegerische Aktionen und die gewaltsame Etablierung neuer Herrschaftsgebiete als wichtigen Bestandteil jener Transformationsprozesse in den Blick zu nehmen, die den Übergang von Spätantike zum Frühmittelalter kennzeichneten. Darüber hinaus könnten auch „zentrifugale Tendenzen innerhalb des Reiches und die allmähliche Militarisierung der römischen Gesellschaft“ mit dem Konzept analysiert werden.

Anknüpfend an diese einleitenden Überlegungen argumentierte GUIDO M. BERNDT in seinem Beitrag, dass sich der Terminus Warlord als analytische Kategorie anbiete, um die Anführer von frühmittelalterlichen Kriegerverbänden besser zu fassen und zu beschreiben sowie ihre Handlungsmuster herauszuarbeiten. Das Konzept des Warlords beziehe sich dabei auf die Beschreibung einer Übergangsphase in der Laufbahn der jeweils Benannten, in der Aspekte wie „Kampf“, „Beute“ und „Ehre“ „entscheidende Gesichtspunkte der Lebenswirklichkeit“ darstellten. Einen Schwerpunkt legte Berndt in seinem Beitrag auf die mehr oder weniger erfolgreichen „Prozesse der Verstetigung von in der Regel gewaltsam erlangter Herrschaft“, die er anhand von drei Fallbeispielen – Attila und die europäischen Hunnen, Childerich und die Franken sowie Alboin und die Langobarden – in den Blick nahm. Nicht allen Warlords gelang es dabei, ihre erkämpfte Herrschaft zu legitimieren oder gar in eine Königs- bzw. königsähnliche Herrschaft zu transformieren. Childerich beispielsweise konnte durch die situationsabhängige Annahme verschiedener Rollen, die zwischen der eines Warlords und der eines römischen Funktionsträgers changierten, seine gewaltsam erlangte Machtstellung schließlich formalisieren und dynastisch verstetigen, indem sie an seinen Sohn Chlodwig überging und von diesem erweitert wurde. Entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg der kriegerischen Anführer sei in erster Linie, so auch bei Childerich, ihre „individuelle Gewaltbereitschaft“ gewesen, die in allen Berichten über sie als zentrales Charakteristikum hervorgehoben wird. Daneben hätten kriegerische Erfolge und damit verbunden hohe Beuteeinnahmen, die unter den Gefolgsleuten aufgeteilt ein wichtiges Instrument zur Herstellung von Loyalität und Gruppenhierarchie darstellten, eine wichtige Rolle gespielt, wie Berndt am Beispiel von Attila zeigte. Der Fall des langobardischen Warlords Alboin machte schließlich deutlich, dass es sich bei dem auf Austausch beruhenden Verhältnis zwischen dem Warlord und seiner Kriegergemeinschaft um ein stark personales Verhältnis handelte, das nicht nur bei Tod des Anführers oder Ausbleiben von Beutezahlungen, sondern auch in Folge von fehlenden Gelegenheiten zum Erwerb von Ehre und Prestige im Kampf aufgelöst werden konnte. Vor dem Hintergrund dieser drei Fallstudien resümierte Berndt, dass sich zwar kein „idealtypischer“ Warlord abgezeichnet habe, der Begriff des Warlords als Analysekategorie dennoch geeignet sei, um zu einem „vertieften Verständnis von frühmittelalterlichen Kriegergruppenanführern und der Organisation ihrer Gewaltgemeinschaften“ beizutragen.

Im Zentrum des Vortrages von LAURY SARTI (Berlin) standen die Fragen, ob im merowingischen Gallien eine militärische Elite greifbar ist, welche Merkmale ggf. eine Abgrenzung dieser Elite zu anderen Bevölkerungsgruppen zulassen, und welche Rolle militärischen Leistungen für die Gruppenzugehörigkeit zukam. Diesen Fragen näherte sich Sarti in einem methodischen Zweischritt, indem sie zuerst terminologische Hinweise in den schriftlichen Quellen in Hinblick auf höhergestellte militärische Gesellschaftsgruppen auswertete und die Ergebnisse schließlich mit verwandten archäologischen Befunden abglich. Sie verwies auf Begriffe wie francus, leudes, belligeratores, bellatores, proeliatores, pugnatores und armigeri, sehr ambivalente Termini, die eine genauere Zuordnung zu einer spezifischen Gesellschaftsschicht oder Personen nur durch umfassende Kontextualisierungen erlaubten. Gemein sei diesen Begriffen, dass sie militärische, höhergestellte, königsnahe Gesellschaftsgruppen bezeichneten. Diesen zum Teil übergeordnet war die Gruppe königlicher Amtsträger, darunter der comes, dux und patricius, die eine hervorragende gesellschaftliche Position innehatten. Neben ihren militärischen Funktionen übernahmen diese Personen auch zivile oder administrative Aufgaben. Daneben ging Sarti auf die conviva regis und antrustiones ein, die in unmittelbarer Königsnähe bezeugt seien. Neben diesen Gruppen gebe es jedoch auch vereinzelt Hinweise auf militärisch bedeutende Eliten, für die kein direkter Bezug zum König nachweisbar sei. Die Analyse archäologischer Befunde bestätige diese Ergebnisse. Unter der Prämisse, dass reiche Grabbeigaben auf eine hohe gesellschaftliche Gruppenzugehörigkeit verweisen, zeigte Sarti, dass sich reiche Waffengräber den aus den Schriftquellen bekannten Gesellschaftsschichten zuordnen ließen. Darüber hinaus erlaubten Knabengräber, die ebenfalls Waffen und Kriegsgeschirr beinhalten, Rückschlüsse auf das Selbstverständnis einer Elite zu ziehen, die sich mit ihrer militärischen Funktion identifiziert habe. Sarti kam zu dem Schluss, dass es im untersuchten Zeitraum durchaus eine herausragende militärische Elite gab. Diese kennzeichnete sich durch Merkmale wie militärische Aktivität, eine gehobene gesellschaftliche Stellung, politisches Gewicht, Nähe zum König sowie die Identifikation mit militärischen Fähigkeiten. Schwierigkeiten bereite aber die Abgrenzung dieser Elite mit Blick auf Mitglieder einer niederen Oberschicht ohne Führungsaufgaben gegenüber den anderen Bevölkerungsschichten. Bei dieser diffusen Abgrenzung müsse es sich jedoch nicht zwangsläufig um eine Folge lückenhafter Quellenüberlieferung handeln. Denkbar sei vielmehr, dass diese Ungenauigkeit eine „tatsächlich vorhandene Durchlässigkeit“ der militärischen Elite widerspiegle. Mit dem Ausblick, dass am Ende der Merowingerzeit militärische Fähigkeiten nicht mehr allein Merkmal einer Militärelite, sondern Merkmal der frühmittelalterlichen Elite insgesamt geworden seien, schloss Sarti ihren Vortrag.

Im letzten Beitrag der Sektion stellte MATTHIAS HARDT (Leipzig) die Frage, ob es auch im Gebiet an der mittleren und unteren Donau sowie an der Ostgrenze des Frankenreiches in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. Persönlichkeiten gab, die der modernen Vorstellung von Warlords entsprechen könnten. Diese Frage ordnete er in die Forschungskontroverse um die Genese der slawischen Welt zwischen Ostsee, Adria und Schwarzen Meer ein. Anhand von sechs Lebensläufen aus den Jahren zwischen 530 n. Ch. und 967 n. Chr. – Chilbud, Hildigis, Samo, Woynimir, Pribina und Wichmann der Jüngere – zeichnete Hardt dazu Handlungsmöglichkeiten und Handlungsräume slawischer Kriegerpersönlichkeiten nach. Als erster Warlord werde Chilbud greifbar. Sein Lebenslauf zeige, dass der Dienst in der römisch-byzantinischen Armee eine Möglichkeit der slawischen Herrschaftsbildung darstellte. Bei dem zweiten und dritten Beispiel, dem Langobarden Hildigis und dem Franken Samo handelte es sich jeweils um Fremde, denen es gelang, slawische Gefolgschaften aufzubauen. Im Jahr 795 n. Chr. machte sich Woynimir, die vierte vorgestellte Kriegerpersönlichkeit, wie ein moderner Warlord die Schwäche des Awarenreiches zu Nutze. Die letzten zwei Beispiele von Pribina und Wichmann dem Jüngeren zeigten schließlich noch einmal, dass sich slawische Warlords an den Grenzen bewegten und diese häufig überschritten. Die sechs Lebensläufe machten deutlich, so das Resümee von Hardt, „dass an den Grenzen des frühbyzantinischen Reiches, des awarischen Kaghanats und des ostfränkischen Reiches immer wieder Bedingungen entstanden, unter denen Kriegerpersönlichkeiten die sich ihnen ergebenden Chancen ergreifen und auf militärischer Gewalt, ökonomischen Gewinn und häufigen Grenzüberschreitungen beruhende Herrschaft aufbauen konnten“. In Anknüpfung an die eingangs gestellte Frage kam Hardt zu dem Schluss, dass die Definitionen der modernen Politikwissenschaft zwar zuträfen, das Wirken der untersuchten Männer jedoch über das eigennützige und gewalttätige Handeln moderner Warlords hinaus gegangen sei. So habe ihr militärischer Erfolg nicht zuletzt dazu geführt, dass der Name der Slawen eine Anziehungskraft auf fast alle erfolgreichen Ostmitteleuropäer entfaltet und somit zur Entstehung der slawischen Welt beigetragen habe. Mit dieser Lesart machte Hardt einen Kompromissvorschlag für die zu Beginn aufgeworfene Frage nach der Genese slawischer Fürstenherrschaft.

Die abschließende Diskussion, in deren Mittelpunkt Fragen nach der Anwendbarkeit des modernen Begriffs des Warlords sowie nach dem Mehrwert der Kategorie des Warlords für die Erforschung des Frühmittelalters standen, zeigte die Aktualität der Suche nach Konzepten zur Erfassung von militärischen Führungspersönlichkeiten und –gruppen in der Zeit des Übergangs von der Antike zum Mittelalter. Auch wurde dabei deutlich, dass die Debatte um Deutungsansätze für die Entstehung und Etablierung neuer Herrschaftsformen im Frühmittelalter noch nicht abgeschlossen ist.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Matthias Becher (Bonn) / Guido M. Berndt (Erlangen-Nürnberg)

Matthias Becher (Bonn), Einführung. Frühmittelalterliche Warlords

Guido M. Berndt (Erlangen-Nürnberg), Kampf, Beute, Ehre. Warlords und ihre Kriegergruppen im frühen Mittelalter

Laury Sarti (Berlin), Duces, antrustiones und bellatores. Eine Militärelite im nachrömerzeitlichen Gallien?

Matthias Hardt (Leipzig), Warlords bei den frühen Slawen

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Aufstieg und Fall frühmittelalterlicher Warlords, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 28.11.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5686>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.11.2014
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