Die Tschechoslowakei und Deutschland 1933 bis 1989. Aufnahme von Flüchtlingen und Asyl im Nachbarland

Ort
Regensburg
Veranstalter
Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission
Datum
19.09.2014 - 20.09.2014
Von
Ulrike Lunow, Collegium Carolinum München

Mit der Aufnahme von Flüchtlingen und dem Asyl im Nachbarland widmete sich die Jahrestagung der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission einem wichtigen Aspekt der Migrationsgeschichte. Während der Vertreibung wie kaum einem anderen Thema Aufmerksamkeit geschenkt wurde und wird, haben andere Fluchtbewegungen zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland bislang weniger Beachtung gefunden. Die Zielsetzung der Tagung, die in Kooperation mit dem Collegium Carolinum und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg vom 19. bis 20. September 2014 in Regensburg stattfand, war es, diese „anderen“ Flüchtlinge und damit eine wissenschaftlich kaum berücksichtigte Seite der Beziehungsgeschichte der beiden Länder in den Blick zu nehmen. Im Vordergrund sollten dabei nicht Push-Faktoren, Motivationen und Ursachen von Flucht stehen, sondern die Aufnahmebedingungen, auf die Flüchtlinge trafen. Diese inhaltliche Fokussierung ermöglichte einen konzisen Aufbau der Tagung und den Vergleich der verschiedenen Flüchtlingsgruppen sowie der Konditionen ihrer Aufnahme oder Ablehnung im Zufluchtsland. Die Beiträge der Tagung waren entlang einer chronologisch-geografischen Struktur gegliedert: Zunächst wurde die „Vorgeschichte“ der Asylpolitik in der Zwischenkriegszeit behandelt, darauf folgten Beiträge zur „Flucht aus dem NS-Staat“, zur „Flucht in das Deutsche Reich 1933-1938“, den Abschluss bildete eine Sektion über „Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei in der BRD“.

Die Beiträge innerhalb der einzelnen Sektionen machten deutlich, wie schwer es ist, die staatliche Flüchtlingspolitik und das Erleben der Betroffenen zusammenzubringen. So standen die Lebenswelten der Flüchtlinge selbst nur in wenigen Vorträgen im Mittelpunkt: PETER BECHER (München) etwa stellte biografische Skizzen und Egodokumente von deutschen und österreichischen Schriftstellern im tschechoslowakischen Exil aus den Jahren von 1933 bis 1938/39 vor, die ihre Lebenssituation aus einer Binnenperspektive veranschaulichen sollten. Einen ähnlichen Zugang wählte LENKA ADÁMKOVÁ (Plzeň). Ihr Beitrag präsentierte, wie tschechoslowakische Exilautor/inn/en die Themen „Exil“ und „Heimat“ in ihren (deutschsprachigen) Werken reflektierten. Möglicherweise ist es kein Zufall, dass diese beiden Literaturwissenschaftler am stärksten die Eigenwahrnehmung von Flüchtlingen thematisierten, jedoch Fragen nach der Repräsentativität ihrer Beispiele weitgehend außer Acht ließen. Der klassische methodische Zwiespalt in der Exil- und Migrationsforschung, der entlang der unterschiedlichen Disziplinen die Flüchtlinge und Exilanten entweder aus einer Außensicht als Gegenstand von Politik und damit primär als Objekte untersucht, oder aber aus der reinen Binnenperspektive der Flüchtlinge analysiert und diese somit als Subjekte fasst, tat sich auch auf der Konferenz auf. Kam in den literaturwissenschaftlichen Beiträgen die politisch-historische oder auch soziologische Kontextualisierung mitunter etwas zu kurz, verschwanden die Flüchtlinge als handelnde Subjekte in den meisten Vorträgen der Historiker/innen.

JOCHEN OLTMER (Osnabrück) führte in die Grundlagen von Asylrecht und -politik ein, wobei der sich auf das Deutsche Reich konzentrierte, dieses aber in einen internationalen Kontext einband. Die Gegenüberstellung mit anderen Beispielen von Asyl- und Aufnahmepolitik, die sich zum Beispiel mit dem Beitrag von DETLEF BRANDES (Berlin) ergab, der insbesondere die „Russische Aktion“ in der Ersten Tschechoslowakischen Republik vorstellte, erwies sich als überaus anregend, denn sie machte deutlich, dass eine „Sortierung“ von erwünschten und unerwünschten Flüchtlingsgruppen eine allgemeine Entwicklung in der Aufnahmepolitik unterschiedlicher Länder darstellte.

Auch die anschließenden Referate von KATEŘINA ČAPKOVÁ (Prag) und ZUZANA POLÁČKOVÁ (Bratislava) zur tschechoslowakischen Aufnahmepraxis von jüdischen Flüchtlingen aus dem Deutschen Reich bzw. Österreich nach dem „Anschluss“ zeigten, dass Flüchtlinge nicht nur anhand ihrer Herkunftsländer kategorisiert wurden, und relativierten das Bild der Tschechoslowakei als „Einwandererparadies“ ohne Beschränkungen und diskriminierende politische Praxis. Vielmehr erschloss sich, dass sich die Tschechoslowakei in ihrer Asylpolitik in der Zwischenkriegszeit nicht wesentlich von anderen europäischen Ländern unterschied und eine restriktive Einwanderungspolitik gegenüber Juden auch schon vor den großen Fluchtbewegungen aus dem Deutschen Reich eine gewisse Tradition hatte.

JAN BENDA (Prag) wies in seinem Beitrag nach, dass die jeweiligen Politiken gegenüber Flüchtlingen einander durchaus beeinflussten, da die Zweite Tschechoslowakische Republik – also der tschechische Staat, der nach dem Münchner Abkommen kurzzeitig bestand –, ausschließlich geflohene Tschechen aus den abgetretenen Grenzgebieten aufnahm, Deutsche und die meisten Juden aber zwangsweise repatriierte. Mit dieser Politik hatte sich eine Unterteilung der Flüchtlinge nach ethnischen Kategorien statt nach Staatsbürgerschaft durchgesetzt, die sich auch für die Nachkriegszeit als folgenreich erweisen sollte.

Wie gewinnbringend der synchrone und diachrone Vergleich von Asylpolitik ist, erwiesen auch die folgenden Beiträge. Allerdings wählten auch sie die staatliche Perspektive auf Flüchtlinge. Über diese lassen sich zwar die innen- wie außenpolitischen Intentionen und vielleicht auch die Befürchtungen rekonstruieren, die Regierungen und politische Gruppen hegten, die Flüchtlinge selbst geraten unter diesem analytischen Zugang jedoch zu einer anonymen und tendenziell homogenen Masse. Die Motive der Betroffenen wären gerade bei DUŠAN SEGEŠ (Bratislava) hochinteressant gewesen, der den Bemühungen der tschechoslowakischen politischen Führung nachging, durch die Gewährung von Amnestien tschechoslowakische Exilanten bzw. Flüchtlinge in der BRD zur Rückkehr zu bewegen. NILS LÖFFELBEIN (Frankfurt am Main) befasste sich mit der Aufnahmepraxis und den rechtlichen Regelungen in der BRD für tschechoslowakische Flüchtlinge nach 1968. Zwar präsentierte auch THOMAS OELLERMANN (Ústí nad Labem) großenteils eine Außensicht auf Flüchtlinge, doch ging es bei ihm nicht primär um die Sicht des Staates, sondern eines bestimmten Milieus. Seine Analyse der konkreten Hilfsmaßnahmen von sudetendeutschen Sozialdemokraten für ihre geflohenen reichsdeutschen Parteigenossen erschloss nicht nur die unmittelbare Bedeutung von persönlichen Netzwerken, sondern indirekt auch die Bedürfnisse und partiell die Intentionen der Flüchtlinge selbst.

Aus einer soziologischen oder sozialhistorischen Perspektive näherten sich PETER HEUMOS (München), ANTONÍN KOSTLÁN (Prag) und TOMÁŠ VILÍMEK (Prag) ihren Themen. Auf der Grundlage von statistischem Material charakterisierte Kostlán das Milieu derer, die an der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften beschäftigt gewesen waren und in die BRD gingen, nach Kriterien wie Fachdisziplinen, Auswanderungsgründen und Generationszugehörigkeiten. Deutlich wurde, dass nur eine Minderheit von ihnen die Tschechoslowakei primär aus politischen Gründen verlassen hatte, vielen ging es vor allem um bessere Bedingungen für ihre Forschung. Auch Vilímek stützte sich auf eine statistische Auswertung seiner Quellen, um die Emigration aus der Tschechoslowakei in die BRD zwischen 1968 und 1989 zu untersuchen. Die Aussagekraft des hochinteressanten Materials – Daten der tschechoslowakischen Sicherheitsbehörden – für die Frage, ob es sich bei dieser Emigrationswelle um eine Form von politischem Protest gehandelt habe, ist allerdings beschränkt, als problematisch erweist sich auch die einseitige Sicht des Staates auf die Motive der Emigrant/inn/en, ihr Land zu verlassen.

Die innere Heterogenität einer Flüchtlingsgruppe und ihre unterschiedlichen Wege nach dem Weggang schlüsselte PETER HEUMOS (München) anhand der Fluchtwelle von 1938 aus den abgetretenen Grenzgebieten der Tschechoslowakei ins Landesinnere auf. In seinem Beitrag charakterisierte er die Flüchtlinge nicht nur nach Alter, Beruf und familiärer Situation, sondern thematisierte auch, was sie nach der Ankunft erwartete – angefangen von den Maßnahmen zu deren Unterbringung bis zu den Reaktionen der aufnehmenden Gesellschaft. Zudem sprach Heumos an, wie wichtig persönliche Kontakte und Netzwerke für eine „erfolgreiche“ Emigration waren. Ebenfalls sozialhistorisch ging STEFAN DÖLLING (Berlin) bei seiner Analyse der sudetendeutschen Flüchtlinge im Sudetendeutschen Freikorps vor, die er anhand ihrer Altersstruktur und indirekt auch ihrer Motivation als spezifische Gruppe beschrieb. Am konkreten Beispiel und anhand von Quellen, die die Perspektive des aufnehmenden Deutschen Reiches widergaben, demonstrierte er zudem, wie stark politisch instrumentalisiert und zugleich unbestimmt der Begriff „Flüchtling“ hier war: Denn in ihrer großen Mehrheit handelte es sich bei diesen sudetendeutschen Flüchtlingen um gewaltbereite Freikorpskämpfer, die zu Propagandazwecken als „Flüchtlinge vor dem tschechoslowakischen Terror“ präsentiert wurden.

Eine gute Mischung aus einer Binnen- wie Außenperspektive gelang ANNA BISCHOF (München) und RENÉ KÜPPER (München/Augsburg) auf zwei zentralen Ebenen. So ging Bischof in ihrem Referat über die Mitarbeiter aus der Tschechoslowakei beim Münchner Sender Radio Free Europe einerseits auf die ablehnende Haltung ein, die dieser Gruppe in der Bundesrepublik entgegenschlug, und skizzierte die politischen Rahmenbedingungen, die zu dieser Negativsicht geführt hatten. Andererseits stellte sie die politischen Motivationen und insbesondere die innere Zerrissenheit der Exilanten vor. Es waren nicht nur die politischen Überzeugungen, die diese Gruppe in verschiedene Lager trennten, sondern auch generationelle Konflikte. Ähnlich multiperspektivisch präsentierte Küpper sudetendeutsche Nationalsozialisten, die nach 1933 nach Deutschland geflohen waren: Die Sicht des Deutschen Reichs auf diese Flüchtlinge – von ihrer propagandistischen Ausnutzung, rechtlichen Stellung hin zu den beruflichen und politischen Beschränkungen, die ihnen auferlegt wurden – ergänzte er durch Ausführung zu den (enttäuschten) Erwartungen auf Anerkennung ihrer „Leistungen“ und eine darauf fußende privilegierte Behandlung. In dieser Perspektive zeichnete sich das mitunter konflikthafte Zusammenwirken der Erwartungen der Flüchtlinge, ihren Netzwerken und den wechselnden Absichten und Intentionen der Staatsführung deutlich ab.

Der letzten großen Flüchtlingsgeschichte zwischen der Tschechoslowakei und beiden deutschen Staaten galt nur noch ein Vortrag. Und bei den Ausführungen von JAKUB DOLEŽAL (Prag) über die ostdeutschen Flüchtlinge in der westdeutschen Botschaft in Prag handelte es sich um eine illustrierte Chronik der Ereignisse. Dieses Kapitel deutsch-deutscher Migrationsgeschichte mit wesentlicher Beteiligung des tschechoslowakischen Nachbarn wurde somit auf der Konferenz nicht mehr intensiv diskutiert.

Die Konzentration auf die Aufnahme von Flüchtlingen im jeweiligen Nachbarland und auf dessen Asylpolitik hat sich bei der Tagung als gewinnbringend und erkenntnisfördernd erwiesen. Über den synchronen und diachronen Vergleich wurden Kontinuitäten und Wandel sichtbar, aber auch der Transfer in der Behandlung von Flüchtlingen. Die unterschiedlichen Zugänge zum Thema eröffneten zwar zahlreiche Perspektiven, machten es aber auch schwer, die einzelnen Beiträge zu verknüpfen und zu einer übergreifenden Debatte zu gelangen. Durch das gesamte Programm zog sich eine starke Konzentration auf die Staaten als Akteure – was sicher auch der Quellelage geschuldet ist –, die Flüchtlinge selbst, ihre Lebenswege, Migrationsmotive und ihr subjektives Erleben blieben dabei im Hintergrund. Möglicherweise ist diese starke Konzentration auf staatliche Flüchtlingspolitik auch ein Grund dafür, warum die DDR überhaupt nicht zur Sprache kam. Selbstverständlich galten Bürger der ČSSR in der DDR nicht als Flüchtlinge und konnten dort nicht um Asyl ersuchen, und vice versa. Doch ist dies nicht ausschließlich die staatliche Sicht der Dinge, die sich aus der Perspektive von Migrant/inn/en durchaus anders darstellen könnte?

Konferenzübersicht:

Detlef Brandes (Berlin)/ Edita Ivaničková (Bratislava)/ Jiří Pešek (Prag), Begrüßung.

Vorgeschichte

Jochen Oltmer (Osnabrück), Asylrecht und Aufnahme von Flüchtlingen im Deutschen Reich 1918–1933.

Detlef Brandes (Berlin), Asylrecht und Aufnahme von Flüchtlingen in der Tschechoslowakischen Republik 1918–1933.

Flucht aus dem NS-Staat

Kateřina Čapková (Prag), „Der Staat verdient an den Flüchtlingen.“ Fürsorge für die Flüchtlinge aus NS-Deutschland in der Tschechoslowakei 1933–1938.

Zuzana Poláčková (Bratislava), Flucht in die Tschechoslowakei nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938.

Peter Becher (München), Deutsche und österreichische Schriftsteller (und Künstler) im tschechoslowakischen Exil 1933–1938/39.

Thomas Oellermann (Ústí nad Labem), Die DSAP und ihre Unterstützung der geflüchteten reichsdeutschen Sozialdemokraten.

Peter Heumos (München), Flucht aus den Grenzgebieten der böhmischen Länder: Flüchtlingslager, Hilfsorganisationen, Emigration.

Jan Benda (Prag), Erzwungene Repatriierung als Antwort auf die Immigration aus dem abgetretenen Grenzgebiet.

Flucht ins Deutsche Reich 1933–1938

René Küpper (München/Augsburg), Flucht und Netzwerke sudetendeutscher Nationalsozialisten im Deutschen Reich nach 1933.

Stefan Dölling (Berlin), Sudetendeutsche Flüchtlinge im „Sudetendeutschen Freikorps“.

Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei in der BRD

Anna Bischof (München), Tschechische und slowakische EmigratInnen bei Radio Free Europe in München (1950–1975).

Dušan Segeš (Bratislava), Rückkehrer und Re-Emigranten in die Tschechoslowakei aus der Bundesrepublik Deutschland.

Nils Löffelbein (Frankfurt am Main), Aufnahme der tschechoslowakischen Flüchtlinge in der BRD nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968.

Antonín Kostlán (Prag), Tschechoslowakische Wissenschaftler im deutschen Exil.

Lenka Adámková (Plzeň), Wo ist meine Heimat? Zum Bild des eigenen und fremden Landes bei deutschsprachigen Autoren tschechischer Herkunft.

Tomáš Vilímek (Prag), Emigration als Form des Protestes 1968/69 bis 1989.

Jakub Doležal (Prag), East German Refugees in Czechoslovakia in 1989.

Zitation
Tagungsbericht: Die Tschechoslowakei und Deutschland 1933 bis 1989. Aufnahme von Flüchtlingen und Asyl im Nachbarland, 19.09.2014 – 20.09.2014 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 01.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5701>.