Zeit - Geschichte – Unterricht

Ort
Luzern
Veranstalter
Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen, Pädagogische Hochschule Luzern
Datum
07.11.2014
Von
Elisabeth Erdmann, Department Fachdidaktiken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Das Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der Pädagogischen Hochschule Luzern veranstaltete am 7. November 2014 ein Kolloquium mit der weitgespannten Thematik. Anlass war die Wahrnehmung, dass die Beziehungen zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft weniger deutlich erscheinen als früher, dass die Grenzen zwischen den Zeitzonen sich auflösen. Die Vorstellungen einer Orientierung an der Vergangenheit und einer zielgerichteten Zukunft verblassen gegenüber dem permanenten Krisengefühl der Gegenwart. Diese Erscheinungen sind bereits in der Wissenschaft reflektiert worden[1] und werden noch diskutiert, nun wurde auch gefragt, welche Konsequenzen das für den Geschichtsunterricht haben kann. Diese Fragestellung war dem sogenannten Lehrplan 21 geschuldet, einem gemeinsamem Werk im Auftrag der Kantone der deutschsprachigen Schweiz, das just an diesem Tag von den Deutschschweizer Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (D-EDK) freigegeben wurde. Nun muss jeder Kanton gemäß seiner jeweiligen Rechtsgrundlagen über die Einführung entscheiden. Erfreulicherweise war das Kolloquium international besetzt, Referenten und Teilnehmer kamen aus sehr unterschiedlichen Ländern, so dass nicht nur eine nationale Perspektive zum Tragen kam, was auch für die Diskussion der Beiträge förderlich war.

PETER GAUTSCHI (Luzern) stellte den kompetenzorientierten Lehrplan im Bereich „Natur, Mensch, Gesellschaft“ für die drei Zyklen vor. Geschichte wird künftig kein eigenständiges Fach mehr sein, sondern in den ersten beiden Zyklen (Kindergarten und 1./2, Klasse sowie 3. - 6. Klasse) unter der Bezeichnung „Natur, Mensch, Gesellschaft“ laufen, während im dritten Zyklus (7. - 9. Klasse) „Natur, Mensch, Gesellschaft“ in vier Fachbereiche unterteilt ist, von denen einer mit „Räume, Zeiten, Gesellschaften (mit Geografie, Geschichte)“ überschrieben ist. Gautschi ging auch auf die Veränderungen im Laufe der Entstehung des Lehrplans ein und machte deutlich, dass er die Verkürzung der Unterrichtszeit, die für Geschichte zur Verfügung steht und das Zusammenlegen der Fächer kritisch sieht.

In Südkorea gibt es, so führte SUN JOO KANG (Incheon/Anyang) aus, seit 1948 ein nationales Curriculum, das häufig verändert wurde. Während in der Elementar- und in der Oberstufe koreanische Geschichte gelehrt wird, wird in der Mittelschule auch Weltgeschichte gelehrt. Sie zeigte auf, welche Dispute es über Zeit- und Weltgeschichte gibt. 2018 soll ein kompetenzorientierter Lehrplan eingeführt werden, doch die Referentin hatte Bedenken, ob angesichts der gegenwärtigen Praxis des Geschichtsunterrichts die Lehrer/innen dafür entsprechend vorbereitet seien.

Im Anschluss daran wurden dann am Beispiel des Kalten Krieges, bezogen auf die Schweiz, die unterschiedlichen Narrative aufgezeigt. MARKUS FURRER (Luzern/Fribourg) zeigte nicht allein die verschiedenen Vorstellungen, die es zu verschiedenen Zeiten vom Kalten Krieg in der Schweiz gab, auf, sondern er ging auch auf die Schweizer Besonderheiten wie Sonderfallmythos und Neutralität ein und inwieweit das Verschwinden des Feindbildes 1989 zu Irritationen führte, im national-konservativen Lager aber auch zu einer Unterscheidung zwischen dem Wandel im Außenbereich und der Kontinuität im Innern.

NADINE RITZER (Bern) machte deutlich, wie der Kalte Krieg im Geschichtsunterricht in Dienst genommen wurde, um Werte wie Heimatliebe, Vaterlandstreue und Demokratie zu vermitteln. Sie zeigte auch, wie sich die Vorstellungen in der jeweiligen Gegenwart auf die Gestaltung des Geschichtsunterrichts auswirkten, wenn zum Beispiel in den 1960er-Jahren im Zusammenhang mit der Forderung nach mehr Demokratie Quellenarbeit im Geschichtsunterricht eingefordert wurde.

BARBARA CHRISTOPHE (Braunschweig) widmete ihren Beitrag schulischen Praktiken des Erinnerns an den Kalten Krieg. Sie zeigte, dass die Narrative in den Schulbüchern immer auch den Standpunkt der Gegenwart widerspiegeln. Ambivalenzen in den Schulbucherzählungen vergrößerten den Spielraum für Kreativität, was an Beispielen verdeutlicht wurde. Weiter ging die Referentin auf die Akteursbilder in Bezug auf den Nationalsozialismus in den bundesrepublikanischen Schulbüchern ein. Der Vortrag schärfte den Blick, das Latente, auch unterschwellige Dispute in den Schulbüchern wahrzunehmen.

In der folgenden Sektion ging es dann um neue Perspektiven. FRANZISKA METZGER (Fribourg/Luzern) zeigte unter dem Titel „Diskursivität der Zeit“ methodische Perspektiven zu Geschichte und Gedächtnis auf. Ausgehend von Paul Ricoeur, Jürgen Straub und David Carr legte sie den Schwerpunkt vor allem auf Geschichtsschreibung und zeigte vom 19. Jahrhundert bis heute die Entwicklung des Umgangs mit Zeit, Geschichte und Erinnerung auf.

Ein qualitativ empirisches Forschungsvorhaben über die Vorstellungen Jugendlicher zur historischen Verantwortung hat JAN LÖFSTRÖM (Helsinki) durchgeführt. Daraus stellte er die Ergebnisse von Gruppeninterviews, die er mit Oberstufenschüler/innen geführt hatte, vor. Es zeigte sich, dass die Gruppen anfangs sich sehr skeptisch über eine mögliche Verantwortlichkeit für die Taten der vorhergehenden Generationen äußerten: „You only can learn from it, that it never happens again.“ Nach längerem Reflektieren und Diskutieren änderten sie ihre Meinung, aber nur für kurze Zeit. GUIDO KOLLER (Bern) machte mit dem Titel seines Vortrags „Erinnerung und historische Sinnbildung in der ‚breiten Gegenwart‘“ deutlich, dass er auf den von Hans Ulrich Gumbrecht geprägten Begriff rekurrieren wollte. Nach Gumbrecht ist die Gegenwart eingeschlossen zwischen einer nicht mehr planbaren, bedrohlichen Zukunft und einer uns überflutenden Vergangenheit. Nach Koller hat die Moderne Vergangenes nicht ausgelöscht, man denke an Archive und Erinnerungsorte, die „Verbreiterung der Gegenwart“ ist dagegen ein Merkmal der Spätmoderne. Außerdem plädierte er für eine „Datenlöschkultur“, denn Vergessen sei für den Menschen existentiell. Die Archivare entschieden nach bestimmten Kriterien, die sich nach dem Informationswert richteten, was gesammelt werden soll. Allerdings müssten historische Informationen kontextualisiert werden. Schließlich seien sie für alle zugänglich.

In ihrem Schlussvortrag erläuterte ALEIDA ASSMANN (Konstanz) den Unterschied zwischen vormodernem und modernem Zeitregime, um dann seine Krise seit den 1980er-Jahren zu beschreiben. Am Ende betonte sie die Verschränkung zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der Vergangenheit sah sie eine wichtige Ressource für die Zukunft, man könnte auch von der Verantwortung der Vergangenheit für die Zukunft sprechen. Auf die Zukunft des Möglichen seien, so ihr optimistischer Schluss, die Menschen von ihrer Natur her angelegt.

Trotz der weitgespannten Thematik des Kolloquiums fügten sich die Beiträge gut zusammen, was auch an der Abfolge und der Strukturierung der Sektionen sowie an der lebhaften Diskussion lag. Nicht allein die eher theoretischen Beiträge enthielten viel Potential, um weitere Konsequenzen für Geschichte und ihre Vermittlung zu ziehen. Es wäre zu wünschen, dass ein weiteres Kolloquium oder eine Tagung folgen und diese Thematik weiterführen würde. Hervorzuheben ist auch das gute Zeitmanagement. Es war genügend Zeit zur Diskussion und man hatte nicht das Gefühl, unter Zeitdruck zu stehen.

Konferenzübersicht:

Curriculare Herausforderungen

Peter Gautschi (Luzern), Swiss history education: new challenges - new curriculum.

Sun Yoo Kang (Incheon/Anyang), Korean history education: new challenges - new curriculum.

Thematische Beispiele

Markus Furrer (Luzern/Fribourg), Gebrochene Geschichten des Kalten Krieges.

Nadine Ritzer (Bern), Der Kalte Krieg und die Schule.

Barbara Christophe (Braunschweig), Schulische Praktiken des Erinnerns an den Kalten Krieg.

Neue Perspektiven

Franziska Metzger (Luzern/Fribourg), Die Diskursivität der Zeit. Methodische Perspektiven zu Geschichte und Gedächtnis.

Jan Löfström (Helsinki), Notions of continuity and discontinuity in Finnish adolescent's reflections on historical responsibility: implications for history teaching.

Guido Koller (Bern), Forget it!? Erinnerung und historische Sinnbildung in der "breiten Gegenwart".

Aleida Assmann (Konstanz), Zuviel Vergangenheit, zu wenig Zukunft: Ist die Zeit aus den Fugen?

Anmerkung:
[1] vgl. Aleida Assmann, Ist die Zeit aus den Fugen?, München 2013.

Zitation
Tagungsbericht: Zeit - Geschichte – Unterricht, 07.11.2014 Luzern, in: H-Soz-Kult, 02.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5702>.