Neue Forschungsfelder zur Geschichte kirchlicher Institutionen und ihrer Normativität in Neu-Granada (16.-19. Jh.)

Ort
Bogotá
Veranstalter
Benedetta Albani / Otto Danwerth / Pilar Mejía, Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte (MPIeR), Frankfurt am Main
Datum
20.06.2013 - 22.06.2013
Von
Otto Danwerth, Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte, Frankfurt am Main

Das vom Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte (Frankfurt am Main) organisierte internationale Seminar über „Neue Forschungsfelder zur Geschichte kirchlicher Institutionen und ihrer Normativität in Neu-Granada (16.-19. Jahrhundert)“ fand vom 20. bis 22. Juni 2013 in der Biblioteca Luis Ángel Arango in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá statt. 17 jüngere Wissenschaftler/-innen – Promovierte, Doktoranden, Magistranden – aus sechs Ländern (Kolumbien, Venezuela, Mexiko, Spanien, England, Frankreich) stellten aktuelle Forschungsvorhaben zur Diskussion. Sie vertraten folgende Disziplinen: Geschichtswissenschaften, Rechtsgeschichte, Theologie, Philosophie und Ethnohistorie. Tagungssprache war Spanisch.[1]

In ihrer Einführung erläuterten die Organisatoren des Symposiums – BENEDETTA ALBANI, PILAR MEJÍA und OTTO DANWERTH (Frankfurt am Main) – die Motive der Veranstaltung. Sie ist Teil eines Seminarzyklus, der sich der gleichen Thematik mit jeweils unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten widmet. Während 2011 in Mexiko-Stadt das Vizekönigreich Neuspanien und 2012 in Lima das Vizekönigreich Peru im Mittelpunkt standen[2], ging es 2013 um das Nuevo Reino de Granada, das sich über die Gebiete der heutigen Staaten Kolumbien, Venezuela, Panama und Ecuador erstreckte und im 18. Jahrhundert (seit 1717/1739) ein neues Vizekönigreich bildete.

Die erste Sektion, die sich mit theologischen Konzepten und rechtlichen Instituten beschäftigte, wurde von Fabio Ramírez (Bogotá) moderiert. CARLOS ARTURO ARIAS SANABRIA (Bogotá) behandelte die restitutio als moralisches und rechtliches Problem anhand des Manuskripts Controversia de restitutione necessaria pro injuriis et damnis in omnibus humanorum bonorum generibus (1668). Die von Martín de Eussa S.J. (1631-1693) verfasste Schrift soll bald in einer kritischen Edition mit spanischer Übersetzung erscheinen. Die Interpretation stellte Zusammenhänge mit zeitgenössischen Rechtstraktaten und der Moraltheologie her.

JUAN SEBASTIÁN BALLÉN RODRÍGUEZ (Bogotá), näherte sich dem thomistischen Denken. Anhand des Werks von Fray Jacinto Antonio de Buenaventura O.P. (1730-1786), besonders seines Tratado de los actos humanos (1759), versuchte er folgende These zu belegen: Ende des 17. Jahrhunderts ermöglichte es eine in der thomistischen Universität Neu-Granadas gepflegte praktische Philosophie, dass die Debatten um das Konzept der Freiheit sich in das Projekt der „Moderne“ einfügten.

MARÍA E. HERNÁNDEZ CARVAJAL und WILMAR ROLDÁN SOLANO (beide Bogotá) präsentierten die Untersuchung eines unveröffentlichten Werks von Fray Cristóbal de Torres O.P. (1573-1654). Der spanische Dominikanermönch kam 1636 als ernannter Erzbischof von Santafé de Bogotá nach Neu-Granada. Um 1630 hatte er das Manuskript Cuna Mística verfasst, dessen kritische Edition von den Referenten vorbereitet wird. Sie interpretierten das aus verschiedenen dem Rosenkranz gewidmeten Texten bestehende Werk als „panegyrische Predigtsammlung“.

Die zweite Sektion trug den Titel “Missionspolitik und Jurisdiktionskonflikte” und wurde von Jorge A. Gamboa (Bogotá) geleitet. JUAN FERNANDO COBO BETANCOURT (Cambridge) verdeutlichte, dass die Vorstellung von “lenguas generales” – Kern des linguistischen Projekts der Krone in Hispanoamerika – für Neu-Granada nicht umsetzbar war (1574-1625). Luis Zapata de Cárdenas O.F.M. (1515-1590), Erzbischof von Santafé, versuchte erfolglos, der linguistischen Vielfalt mit der Ordination von kreolischen und mestizischen Priestern zu begegnen. Seine Nachfolger ordneten die Verwendung von in indigene Sprachen übersetzten katechetischen Werken an, gerieten aber in Konflikt mit der tridentinischen Kirche.

ANDRÉS CASTRO ROLDÁN (Rennes) behandelte jesuitische Aktivitäten im frühen 17. Jahrhundert. Martín de Funes S.J. kehrte 1606 nach Europa zurück, um an der VI. Generalkongregation in Rom teilzunehmen. Statt die dortigen Jesuiten zu informieren, präsentierte er dem Papst direkt seine Kritik der spanischen Kolonialherrschaft. Er wurde wegen Aufsässigkeit aus der Societas Iesu ausgeschlossen. Die zweite Fallstudie behandelte die „secularización“ der doctrina von Chita: Seit 1604 zogen die Erzbischöfe Mendikanten aus Indianerpfarreien ab, von denen einige an Jesuiten vergeben wurden. In den 1620er-Jahren mussten diese, bedrängt von Weltklerus und Erzbischof, Chita wieder verlassen.

NEIDA JIMÉNEZ NAVARRO (Vitoria) untersuchte einen Prozess zwischen Bischof und Gobernador in der Provincia de Venezuela (1618). Gegenstand war der Konflikt um eine capellanía, die – obschon diese Materie der kirchlichen Gerichtsbarkeit zugehörte – mittels des Rechtsmittels „recurso de fuerza“ der weltlichen Gerichtsbarkeit übertragen werden sollte. Die Referentin beschrieb, wie weltliche Autoritäten die Ausübung der kirchlichen Gerichtsbarkeit behinderten. Sie stellte die Argumente in den Kontext kasuistischer Rechtsprechung. Das Urteil des Indienrats (1619) erkannte die Zuständigkeit der kirchlichen Gerichtsbarkeit an.

Die dritte Sektion – über religiöse Orden und das Erziehungswesen – wurde von José Fernando Rubio (Bogotá) moderiert. JUANA MARÍA MARÍN LEOZ (Bogotá) stellte ein Forschungsprojekt über die Zöglinge des Real Colegio Mayor y Seminario de San Bartolomé in Santafé (1742-1792) vor. Der Zeitraum verdankt sich der Entscheidung, die “bartolinische Familie” jeweils 25 Jahre vor und nach der Vertreibung der Jesuiten (1767) zu untersuchen. Mit dem Ziel, eine „soziale Genealogie“ zu erarbeiten, konzentrierte sich die Referentin auf institutionelle, familiäre und relationale Aspekte.

Neben den Jesuiten – und in Konkurrenz zu ihnen – spielte der Predigerorden die wichtigste Rolle, wenn es um höhere Studien im Nuevo Reino de Granada ging. CESAR AUGUSTO VÁSQUEZ GARCÍA (Bogotá) analysierte die Universidad Tomística von Santafé de Bogotá aus sozial- und bildungsgeschichtlicher Perspektive (1750-1810). Die Debatten um königliche und kirchliche Regelungen mit Bezug auf die Autonomie dieser Universität wurden in zwei Fallstudien behandelt: erstens zum Streit mit den Jesuiten, zweitens zur Reaktion der Dominikaner auf den Plan, eine staatliche Universität zu gründen; dieser wurde 1774 bis 1779 umgesetzt.

FABIÁN LEONARDO BENAVIDES SILVA (Bogotá) befasste sich mit dem dominikanischen Convento Universidad San José in Cartagena de Indias. 1744 erhielt es die Lizenz, „studia generalia“ anzubieten. Es kamen administrative und ökonomische Aktivitäten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur Sprache. Bei der Diskussion der Unabhängigkeitskriege und der neuen politischen Normen wurden auch überregionale Aspekte berücksichtigt. Nach 1815 übernahmen die Mönche zahlreiche verlassene Pfarreien in der Provinz von Cartagena. 1833 hob man das Dominikanerkloster auf.

WILLIAM ELVIS PLATA (Bucaramanga) untersuchte, wie die neugranadinischen Dominikaner den Bourbonischen Reformen begegneten. Ihnen gelang es zwar, die Säkularisation der doctrinas zu verzögern (1749-1753), doch in Erziehungsfragen zeitigten die Reformen Wirkung. Die „aufgeklärte“ Kritik scholastischer Lehrinhalte wurde am 1768 begonnenen Prozess um die oben erwähnte Planung einer staatlichen Universität sichtbar. Obwohl die Mönche 1798 erreichten, dass der Universidad Santo Tomás die für die Verleihung von Universitätsgraden notwendigen Privilegien wieder gewährt wurden, blieben lokale Eliten dem intellektuellen Angebot der Dominikaner gegenüber misstrauisch.

Im Anschluss an die dritte Sektion folgte ein intermezzo durch die anwesenden Wissenschaftler/innen des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte. BENEDETTA ALBANI, PILAR MEJÍA und OTTO DANWERTH (alle Frankfurt am Main) präsentierten Geschichte und Profil des MPIeR, das vier Forschungsschwerpunkte verfolgt: Multinormativität, Translation, Rechtsräume, Konfliktregulierung. Sie erläuterten das Interesse an der Rechtsgeschichte Iberoamerikas, vor allem an der Geschichte kirchlicher Institutionen und ihrer Normativität, die sich besonders gut an Artikulationen des Kirchenrechts in lokalen Kontexten untersuchen lässt. Auf diesem Feld wurden folgende Forschungsprojekte vorgestellt: zur Römischen Kurie und der Neuen Welt; zur Rechtsgeschichte der Schule von Salamanca; sowie ein Historisches Wörterbuch zum kanonischen Recht in Hispanoamerika und auf den Philippinen (16.-18. Jh.).

Die vierte Sektion des Seminars, die unter der Leitung von Diana Bonnett (Bogotá) stand, behandelte Themen kirchlicher Verwaltung und Gerichtsbarkeit. JULIÁN ANDREI VELASCO PEDRAZA (México, D.F.) präsentierte einen wirtschaftshistorischen Ansatz zur Erforschung der Pfarrgemeindeverwaltung im Bistum Santafé um 1780. Die Rechnungsbücher der Dörfer San Gil und Socorro stellen eine zentrale Quelle für die Erforschung kirchlicher Finanzen dar, enthalten aber auch Daten zur territorialen Organisation der Gemeinden und zum Alltagsleben des Weltklerus im 18. Jahrhundert.

MARÍA VICTORIA MONTOYA GÓMEZ (México, D.F.) untersuchte das Verhältnis zwischen kirchlicher und staatlicher Gerichtsbarkeit in Antioquia (1750-1809). In ihrer Auswertung von 125 wegen „verbotener Beziehungen“ (Ehebruch, Konkubinat) geführten Prozessen beobachtete sie, dass sich staatliche Richter besonders seit 1780 der Delikte des forum mixtum bemächtigten. Sie diskutierte zwei Hypothesen und vertrat die These, dass sich die kirchlichen Autoritäten auf staatliche Richter stützten, um eine „sittliche Reform“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu erreichen.

Im gleichen Untersuchungszeitraum beschäftigte sich NICOLÁS CEBALLOS BEDOLLA (Medellín) mit von „indios“ angestrengten Klagen gegen Missbrauch durch Kleriker in der Audiencia von Santafé. Er interpretierte die Justiznutzung durch Indigene als Form von Widerstand und Anpassung. Die indigenen Akteure bewiesen in ihren Klagen und Verteidigungsstrategien eine gute Kenntnis des kolonialen Rechtssystems; sie äußerten Gehorsam gegenüber der Kirche, widersetzten sich aber konkreten Missbräuchen.

In einer Studie von Kriminalfällen (1820-1830) versuchte GILBERTO ENRIQUE PARADA GARCÍA (Ibagué) zu zeigen, dass sich in der ersten Dekade nach der Unabhängigkeit ein „religiöses Schema“ in der Interpretation der Deliktskategorien erhalten habe, das nicht mit republikanischen Ideen übereinstimmte. In den behandelten Kriminalfällen (Raub und Totschlag) stellte er eine Mischung religiöser und liberaler semantischer Komponenten fest, die angewandt worden seien, um Kriminelle in Bogotá an bestimmten Deliktsorten zu lokalisieren.

Die fünfte Sektion des Seminars – zu “juristischen Kulturen und religiöser Legitimität” – wurde von Francisco A. Ortega (Bogotá) moderiert. GUILLERMO AVELEDO COLL (Caracas) widmete sich der “religiösen Frage” in politischen Diskursen Venezuelas (1810-1830), die unter anderem Kultfreiheit, Patronatsrecht und republikanische Tugenden behandelten. Der Referent beobachtete, dass in dieser Zeit Eliten ihre „monarchisch-katholischen“ Ansichten zugunsten einer „säkular-republikanischen“ Perspektive aufgaben. Er identifizierte fünf „politisch-religiöse Sprachen“: “katholischer Absolutismus”, “katholischer pactismo”, „christlicher Republikanismus“, „kreolischer Republikanismus“ und „liberaler Republikanismus“.

Gestützt auf die Interpretation von Normen, Prozessakten und causes célèbres, konstatierte ANDRÉS BOTERO BERNAL (Medellín) eine Laisierung der gerichtlichen Eidespraxis im 19. Jahrhundert in Kolumbien. Zunächst habe noch eine enge Beziehung zwischen Religion und Eidespraxis vor säkularen Gerichten bestanden. Der Wert des religiösen Schwurs als Wahrheitsgarant wurde im Prozess, der auf Zeugenaussagen beruhte, evident. Noch Mitte des 19. Jahrhundert folgte der gerichtliche Eid religiösen Riten, verlor seither jedoch an Feierlichkeit. Richter zogen nun andere Beweismittel vor: Dokumente und Sachverständige.

Im letzten Referat behandelte JOSÉ DAVID CORTÉS GUERRERO (Bogotá) das spannungsreiche Staats-Kirchen-Verhältnis in Kolumbien zwischen 1824, als die junge Republik das Patronat übernahm, bis zur Trennung beider Gewalten (1853). 1835 erkannte der Heilige Stuhl die Unabhängigkeit des Landes an. Wenig später initiierte die Katholische Kirche einen Prozess der „Wiederherstellung“, doch die „Restauration“ der Societas Iesu währte nur kurz (1844-1850). So beschleunigten die „liberalen Reformen“ Mitte des 19. Jahrhunderts die Trennung; andererseits ließen sie lange ungelöste Konflikte sichtbar werden.

Die abschließende, konstruktive Debatte begann mit einem Resümee der Seminare dieser Reihe in Mexiko-Stadt (2011) und Lima (2012). Von ihnen unterschied sich das Seminar über Neu-Granada – „eine periphere, aber keine marginale Region“ (so ein Referent) – in vierfacher Hinsicht: Es gingen überwiegend Vorschläge zum 18. und 19. Jahrhundert ein; Themen der höheren Bildung und der religiösen Orden (S.J. und O.P.) waren stark vertreten; kirchliche Normativität im kulturellen Leben wurde kaum erwähnt; schließlich war großes Interesse an politischer und religiöser Sprache zu registrieren.

Zahlreiche Forschungsvorhaben basierten auf Quellen aus zum Teil selten konsultierten Archiven. Obwohl in Kolumbien wie Venezuela der Zugang zu kirchlichen Archiven schwierig ist, stehen einige dominikanische und jesuitische Archive der Forschung offen. Die Notwendigkeit, archivalische Quellen zu konsultieren, verdankt sich unter anderem der Tatsache, dass vor dem letzten Drittel des 18. Jahrhundert keine (Buch-)Druckereien in Neugranada existierten; die Imprenta Real wurde 1777 gegründet. Nicht nur deshalb sind die erwähnten Editions- und Digitalisierungsprojekte verdienstvoll.

Es erwies sich als vorteilhaft, einen weiten Untersuchungszeitraum – 16. bis 19. Jahrhundert – zu wählen. Bei einigen Referaten führten die mittel- und langfristigen Perspektiven zu innovativen Ergebnissen, weil das Studium von Kontinuitäten einige angenommene Zäsuren relativierten. Es wurde empfohlen, die jeweiligen Dynamiken kirchlicher Institutionen herauszuarbeiten.

In Einzelfällen hinterfragte man die Terminologie (z.B. „Feudalismus“). Weitere lexikalische und methodologische Fragen bezogen sich auf Begriffe wie “transición” oder “reconstitución”, mit denen historische Prozesse bezeichnet wurden. Es bestand Konsens, dass die Wege von „zirkulierenden“ Ideen mitsamt ihren sozialen Kontexten untersucht werden müssten. Der vertretene Ansatz, politische oder religiöse Sprachen zu studieren, unterscheidet sich deutlich von der traditionellen Ideengeschichte.

Herausgestellt wurde die Notwendigkeit eines adäquaten Forschungsstandes für jedes Projekt. Viele der vorgestellten Arbeiten blieben einer nationalen Historiographie verhaftet und nahmen Forschungsliteratur aus anderen lateinamerikanischen und europäischen Ländern oder den USA kaum zur Kenntnis. Man rief zur internationalen Zusammenarbeit auf, um den historiographischen Austausch und die Zirkulation von Quellen zu ermöglichen. Ein weiteres Hindernis stellten ideologische Tendenzen dar. So finden sich noch immer in Bezug auf kirchliche Institutionen einseitige Darstellungen zwischen Apologie und Antiklerikalismus.

Zahlreiche Diskutanten bezeichneten eine komparatistische Perspektive als wünschenswert. Dies bezog sich zunächst auf Vergleiche zwischen Kolumbien, Venezuela und Ecuador, die drei Territorien Großkolumbiens (1821-30). Ferner wurde eine hispanoamerikanische Sicht als sinnvoll erachtet. Schließlich sollte die europäische Geschichte, vor allem die spanische, nicht vergessen werden.

Mit Bezug auf die indigene Bevölkerung verwendeten einige Referenten den Begriff “los indios”; andere stellten die ethnische und linguistische Diversität heraus oder wiesen darauf hin, dass die „Ethnie der Muisca“ eine koloniale Erfindung war. Obwohl der Begriff „indio“ auch ein juristischer Begriff war, sollte versucht werden, die indigenen Akteure genauer zu fassen. Einige Vorträge sprachen von „colonizadores“ und „dominados“. Statt aber – wie in der Historiographie der 1970er-Jahre – Dominanz und Widerstand schematisch gegenüberzustellen, seien die individuellen Aspekte der behandelten Fälle zu untersuchen.

Ein gutes Beispiel von Interdisziplinarität war die Zusammenarbeit zwischen Historikern und Theologen. Viele Teilnehmer – nicht nur Kleriker – beklagten den Verlust fundamentaler Kenntnisse über kirchliche Institutionen. Andere Kommentare bemängelten das universitäre Angebot in Kolumbien: es fehlen rechtshistorische Kurse für Historiker ebenso wie methodisch reflektierte historische Seminare für Juristen. Verschiedene Stimmen äußerten die Notwendigkeit kirchenrechtlicher Einführungen für (Rechts-)Historiker und moderner Nachschlagewerke.

Diese Defizite hängen damit zusammen, dass in Kolumbien die Rechtsgeschichte nicht als Disziplin mit langer Tradition existiert. Historiker, Juristen, Theologen oder andere Wissenschaftler, die sich diesem Forschungsgebiet widmen, bringen unterschiedliche Vorkenntnisse mit. Viele Referenten unterstrichen die Bedeutung „des Rechtlichen“ für Menschen des 16. bis 19. Jahrhunderts. Man war sich einig darin, dass Recht sich nicht auf verschriftlichte Normen reduzieren lasse (“law in books” nach Roscoe Pound), sondern auch die Praxis umfasse (“law in action”). Die Erforschung der Normativität, normativer Diskurse und der rechtlichen Praxis sei ferner mit der Untersuchung von Religiosität und Sozialgeschichte zu verbinden. Besonders relevant mit Blick auf kirchliche Institutionen im Nuevo Reino de Granada sei das Problem der Multinormativität, das sich aus dem Zusammenfluss von staatlichem Recht, kanonischem Recht und Moraltheologie ergebe.

Das vierte Seminar dieser Reihe soll im November 2015 in São Paulo stattfinden und sich in regionaler Hinsicht Brasilien widmen. Ein entsprechender Call for Papers wird voraussichtlich im April 2015 veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Saludos iniciales

Primera Sesión: Elaboración de figuras jurídico-teológicas

Carlos Arturo Arias Sanabria (Pontificia Universidad Javeriana, Bogotá), Restitutio como problema moral y jurídico en un manuscrito del siglo XVII de la Nueva Granada

Juan Sebastián Ballén Rodríguez (Universidad Santo Tomás, Bogotá), Fundamentación histórica al surgimiento del pensamiento científico tomista en la Nueva Granada: el problema de la libertad en fray Jacinto de Buenaventura O.P. (1730-1786)

María E. Hernández Carvajal / Wilmar Roldán Solano (Universidad del Rosario, Bogotá), “El hablar temporal, puso en vuestro brazo las eternidades en tiempo”. Pensamiento y teología en Cuna mística, obra inédita de Fray Cristóbal de Torres O.P., siglo XVII

Fabio Ramírez (Bogotá), Discusión

Segunda Sesión: Políticas de misión y conflictos de jurisdicción

Juan Fernando Cobo Betancourt (Universidad de Cambridge), El colonialismo en la periferia: la política lingüística de las autoridades eclesiásticas del Nuevo Reino de Granada, 1574-1625

Andrés Castro Roldán (Universidad de Rennes 2), Evangelización de indios y secularización del clero: una mirada crítica a las políticas jesuitas en el Nuevo Reino de Granada (1598-1700)

Neida Jiménez Navarro (Universidad del País Vasco, Vitoria), Capellanía o auto de legos: Dos argumentos de un litigio entre el obispo y el gobernador en la Provincia de Venezuela de 1618

Jorge A. Gamboa (Instituto Colombiano de Antropología e Historia, Bogotá), Discusión

Tercera Sesión: Ordenes religiosas y educación

Juana María Marín Leoz (Pontificia Universidad Javeriana, Bogotá), La familia bartolina. Los colegiales del Real Seminario de San Bartolomé de Santafé, 1742-1792

Cesar Augusto Vásquez García (Universidad Santo Tomás, Bogotá), Las políticas educativas de la Comunidad Dominicana: Nuevo Reino de Granada (siglos XVIII y XIX)

Fabián Leonardo Benavides Silva (Universidad Santo Tomás, Bogotá), El Convento Universidad San José en Cartagena de Indias durante la independencia

William Elvis Plata (Universidad Industrial de Santander, Bucaramanga), “Dios está muy alto y el Rey vive muy lejos”. O de cómo los dominicos neogranadinos afrontaron las reformas borbónicas (siglo XVIII)

José Fernando Rubio (Bogotá), Discusión

Presentación de proyectos de investigación del Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte
Benedetta Albani/Otto Danwerth/Pilar Mejía (Frankfurt am Main)

Cuarta Sesión: Administración de la justicia eclesiástica

Julián Andrei Velasco Pedraza (Universidad Nacional Autónoma de México), Administrar la fe: Consideraciones y propuestas de análisis en torno a la administración de curatos (villas de San Gil y Socorro, 1780)

María Victoria Montoya Gómez (Universidad Nacional Autónoma de México), Algunas hipótesis respecto a la justicia eclesiástica en materia de relaciones ilícitas y reforma de las costumbres. La ciudad de Antioquia, 1750-1809

Nicolás Ceballos Bedolla (Universidad de Antioquia, Medellín), “Dando rejo con sus consagradas manos“. Quejas de indígenas contra abusos cometidos por miembros del clero en el Nuevo Reino de Granada, 1750-1810

Gilberto Enrique Parada García (Universidad del Tolima, Ibagué), El locus del crimen: la tienda. Un análisis histórico y social de las ideas de la justicia en la Nueva Granada, 1820-1830

Diana Bonnett (Universidad de los Andes, Bogotá), Discusión

Quinta Sesión: Culturas jurídicas y legitimidad religiosa

Guillermo Aveledo Coll (Universidad Metropolitana, Caracas), La cuestión religiosa en los lenguajes políticos durante la crisis de la sociedad colonial venezolana (1810-1830)

Andrés Botero Bernal (Universidad de Medellín), Jurar, rezar y testificar: el fundamento religioso del juramento procesal en la primera mitad del siglo XIX en la Nueva Granada

José David Cortés Guerrero (Universidad Nacional de Colombia, Bogotá), Las relaciones Estado-Iglesia en los primeros años republicanos. Colombia: Del Patronato republicano (1824) a la separación (1853)

Francisco A. Ortega (Bogotá), Discusión

Debate final

Anmerkungen:
[1] Ein spanischsprachiger Bericht findet sich auf: <http://www.academia.edu/9289781> (25.11.2014).
[2] Siehe meine Tagungsberichte auf H-Soz-Kult: <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3793> und <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4772> (25.11.2014).

Zitation
Tagungsbericht: Neue Forschungsfelder zur Geschichte kirchlicher Institutionen und ihrer Normativität in Neu-Granada (16.-19. Jh.), 20.06.2013 – 22.06.2013 Bogotá, in: H-Soz-Kult, 25.11.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5704>.