Europäische Gelehrtenkulturen (1100-1750). Praktiken, Positionen, Periodisierungen

Ort
Göttingen
Veranstalter
DFG-Netzwerk „Institutionen, Praktiken und Positionen der Gelehrtenkultur vom 13.-16. Jahrhundert“; Graduiertenkolleg „Expertenkulturen des 12. bis 18. Jahrhunderts“
Datum
12.11.2014 - 15.11.2014
Von
Jan-Hendryk de Boer, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Vor drei Jahren hat sich das wissenschaftliche Netzwerk „Institutionen, Praktiken und Positionen der Gelehrtenkultur vom 13.-16. Jahrhundert“ konstituiert, um ein Handbuch zu Quellen und Methoden der Universitätsgeschichte zu erarbeiten. Das kurz vor dem Abschluss stehende Projekt wurde nun auf einer Tagung in Göttingen vorgestellt. Diese diente allerdings nicht nur der Präsentation der eigenen Arbeit, sondern vor allem einer Erweiterung der Perspektiven jenseits der formalen und praktischen Zwänge eines Handbuchs. Dass das Handbuch ein wichtiges Hilfsmittel für künftige universitätsgeschichtliche Forschung und Lehre sein könne, strich RAINER CHRISTOPH SCHWINGES (Bern) in einem Kommentar heraus, nachdem zwei Mitglieder des Netzwerks, STEFANIE RÜTHER (Göttingen) und MAXIMILIAN SCHUH (Heidelberg), das Konzept erläutert hatten. Deutlich wurde jedoch bereits in ihrer Präsentation sowie in den Eingangsreferaten von MARIAN FÜSSEL und FRANK REXROTH (beide Göttingen), dass ein derartiges Handbuch eine Komplexitätsreduktion betreiben muss, der die Tagung durch eine Öffnung der Themen, Zugänge und des Untersuchungszeitraums über den im Handbuch abgesteckten Rahmen hinaus begegnete.

Dass Universitätsgeschichte nicht mehr getrieben werden kann, ohne das Zusammenspiel mit und die Konkurrenz zu anderen Institutionen zu berücksichtigen, hatten Marian Füssel und Rainer Christoph Schwinges in ihren einleitenden Beiträgen deutlich gemacht. Den ausgelegten Faden nahm WILLEM FRIJHOFF (Rotterdam) auf, indem er über die institutionellen Veränderungen des gelehrten Feldes im 16. und 17. Jahrhundert berichtete. Nicht nur seien die Universitäten in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich in Lehre und Struktur umgestaltet worden, zusätzlich seien mit den Akademien neue institutionelle Spieler im Feld aufgetreten. In dieses hätten Fürsten massiv durch Neugründungen und Reformen eingegriffen, die häufig den jeweiligen territorialen Interessen gefolgt seien. Die Konfessionalisierung wie die Konkurrenz zwischen den verschiedengestaltigen hohen Schulen hätten dynamisierend gewirkt. Dabei hätten sich Universitäten, Colleges und Akademien keinesfalls abgeschottet, vielmehr habe zwischen den verschiedenen Institutionen eine bemerkenswerte Nähe und Durchlässigkeit bestanden.

FLORIAN HARTMANN (Bonn/Aachen) zeigte, wie die gelehrte Laienschicht italienischer Kommunen im 12. Jahrhundert mit der ars dictaminis eine Lehre entwickelte, die es erlaubte, alle Formen öffentlicher Kommunikation zu regulieren. Überlieferte Musterbriefe befragte Hartmann darauf, wie sie die Rolle des Lehrers und die Stellung der Diktatoren in der Kommune thematisierten. Die fiktiven Briefe wiesen demnach eine beträchtliche Realitätsnähe auf und erlaubten, das Verhältnis von Lehrern und Schülern näher zu untersuchen. Schüler hätten Lehrer aktiv angeworben, die ihnen daraufhin verpflichtet gewesen seien. Auch die Kommunen hätten bald ein Interesse an den Lehrern entwickelt und sie etwa als Ratgeber an sich zu binden versucht.

Ausgehend von den Pariser Studienführern des 13. Jahrhunderts gewann MARCEL BUBERT (Göttingen) der vieldiskutierten Frage nach der philosophischen Identität an der Artesfakultät eine neue Dimension ab. Nicht die Rezeption der aristotelischen Schriften sei entscheidend dafür gewesen, dass sich Artisten im emphatischen Sinne als Philosophen zu verstehen begannen, sondern vielmehr ihre Lehrtätigkeit, über deren Bedeutung die Studienführer reflektierten und die von den Repräsentanten der Fakultät in Beschlüssen und Statuten hervorgehoben wurde. Ebenso wichtig sei die Abgrenzung der Artisten gegenüber den anderen Fakultäten gewesen, durch die sie ein Gruppenbewusstsein herausgebildet hätten.

RUEDI IMBACH (Paris) unterzog den Traktat „Colliget principiorum“ des Heymericus de Campo einer minutiösen Lektüre, um die Metaphysik als Tätigkeit im Kontext zu erweisen, die darauf gezielt habe, politische und ekklesiologische Probleme zu lösen. Der Text sei nur adäquat zu verstehen, wenn das Basler Konzil als Entstehungsrahmen mitberücksichtigt werde. Indem Heymericus Aristoteles gegen die hussitischen Lehren und insbesondere gegen Hieronymus von Prag in Stellung gebracht habe, habe er philosophisch auf eine zentrale Herausforderung des Basiliense geantwortet. Der Traktat „Vincat veritas“ wiederum habe eine konziliaristische Position auf philosophischer Grundlage entwickelt.

NATHALIE GOROCHOV (Paris) beschrieb die mittelalterliche Universität als politisches Labor. Die Universität habe bereitstehende Organisationsmodelle übernommen, sie für ihre Zwecke adaptiert und neue Strategien entwickelt, um Leitprinzipien der Universitätsverfassung wie die Vorstellung, dass das, was alle angehe, auch von allen entschieden werde, umzusetzen. Neue Ämter, Wörter und Verfahren seien geschaffen worden – die in einem Transferprozess wiederum von der staatlichen Verwaltung angeeignet worden seien, die die Universität als Regierungsmodell verstanden und nun ihrerseits deren Ämter und Konzepte adaptiert habe. Die Attraktion der Universität für den französischen König habe sich jedoch als verhängnisvoll erwiesen: Die Könige hätten begonnen, immer stärker in die Universität einzugreifen, was letztlich zum Ende der universitären Autonomie geführt habe, als die Universitäten der Autorität des Parlaments unterstellt worden seien.

THIERRY KOUAMÉ (Paris) schilderte den Einfluss, den die Pariser Universität auf die Gestaltung anderer europäischer Universitäten ausübte. Nicht zuletzt durch Magister, die das Pariser Modell vor Ort kennengelernt hatten, verbreiteten sich die dortigen Beratungs- und Entscheidungsverfahren. Die Weisen, durch Abstimmungen oder Ausschüsse gemeinschaftliche Entscheidungen zu treffen, seien einerseits als vorbildlich verstanden worden, andererseits seien sie anhand der lokalen Gegebenheiten umgestaltet worden, so dass etwa an den Universitäten des Reiches das Pariser Modell sukzessive ausgehöhlt worden sei.

CHRISTOPH SCHÖNAU (Göttingen) wies nach, dass Erasmus in seiner „Apologia ad Fabrum“ philologisch-theologische Differenzen über das richtige Verständnis von Ps 8,6 und Hebr 2,7 gezielt eskalieren ließ, um sein großes Unternehmen einer Neuausgabe des Neuen Testaments gegenüber humanistischen Konkurrenzunternehmen wie dem Pauluskommentar des Jacques Lefèvre d’Étaples zu profilieren. Tatsächlich sei es ihm nicht zuletzt durch seine „Apologia“ gelungen, diesen zumindest außerhalb Frankreichs zu marginalisieren.

ULRICH LEINSLE (Regensburg) schilderte am Beispiel der Jesuitenuniversität Dillingen die in den Akten überlieferten Promotionsdisputationen als Selbstpräsentationen der hohen Schule. Während Niederschriften der Disputationen selten gewesen seien, habe insbesondere Jacobus Pontanus dafür gesorgt, seine Beiträge zu publizieren. So habe er sie zu Dialogen umgearbeitet und in den „Progymnasmata“ veröffentlicht. Gelte auch die Disputation als Inbegriff der Scholastik, seien die Antworten des Pontanus humanistisch-rhetorisch durchgestaltet gewesen – ein Beleg dafür, welche Möglichkeiten die scheinbar starre Form Gelehrten auch im 17. Jahrhundert bot.

Nahtlos schloss sich der persönlich gehaltene Vortrag von HANSPETER MARTI (Engi) an. Marti stellte die Arbeit der von ihm geleiteten „Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche Forschungen“ zu frühneuzeitlichen Disputationen und Dissertationen vor. Statt aus der Adlerperspektive große Entwicklungsgeschichten zu schreiben, gelte es zunächst, Disputationen in konkreten Kontexten zu erforschen. Beispielhaft verwies Marti auf die Untersuchung von in Basel durchgeführten Disputationen, die als komplexe Praxis der Aufwertung des Universitätsalltags gedient hätten. Der kontinuierliche Disputationsbetrieb am Danziger Athenaeum wiederum zeige, dass die Gattung auch jenseits der Universitäten gepflegt worden sei und – wie in diesem Fall – der konfessionellen Selbstbehauptung habe dienen können.

Im öffentlichen Abendvortrag zeigte DANIELA RANDO (Pavia) am Beispiel des Trienter Bischofs Johannes Hinderbach, wie Wissen und Handeln miteinander korreliert sind. Hinderbachs zahlreiche überlieferte Randbemerkungen deutete Rando als Gespräch mit dem Text und mit sich selbst. Gelehrte wie Hinderbach oder Cusanus hätten es verstanden, den Bedarf an nützlichem Wissen in Kirche, Politik und Verwaltung zu befriedigen und so ihre Karriere zu befördern. Wenn sie ihre Kenntnis der historischen Überlieferung und der Rechtsentwicklung in kirchlichen, juristischen und politischen Auseinandersetzungen in Handeln hätten ummünzen können, sei dies nur eine Form, der für das gelehrte Feld des Spätmittelalters kennzeichnenden dynamischen Relation von Wissen und Handeln, wie sie ebenso in den „consilia“ zu finden sei.

Am Beispiel der kaum erforschten Disputationen des Angelo degli Ubaldi gewann THOMAS WOELKI (Berlin) der Gattung eine neue Facette ab. Der angesehene Jurist habe ausgerechnet diese stark formalisierte Gattung genutzt, um zu aktuellen politischen Themen Stellung zu beziehen. Die juristischen Disputationen hätten im Verlaufe des 14. Jahrhunderts sukzessive ihren einst kennzeichnenden diskursiven Charakter eingebüßt und seien zu einem Selbstgespräch des Professors geworden. Formal und inhaltlich hätten sie sich den Repetitionen angenähert. Zwar sei Angelo degli Ubaldi der Beweis gelungen, dass die Disputation tagespolitische Probleme zu lösen vermochte. Epoche habe diese Neuausrichtung jedoch nicht gemacht: Im Italien des 15. Jahrhunderts sei die juristische Disputation außerhalb des Unterrichts endgültig aus der Mode geraten.

Am Beispiel von Fakultäts- und Rektoratsakten aus Wien, Köln und Erfurt zeigte JANA MADLEN SCHÜTTE (Göttingen), dass die medizinischen Fakultäten in doppelter Konkurrenz einmal zu den drei anderen, größeren Fakultäten standen, mit denen sie um Einfluss wetteiferten, aber ebenso zu den medizinischen Empirikern außerhalb der Universität, wozu Chirurgen, Barbiere, Bader und andere Praktiker sowie schließlich die Apotheker gehörten. Nach Ausweis der Akten habe das demonstrative Selbstbewusstsein, das die Medizinprofessoren gerne in ihren Publikationen wie in universitären Zeremonien zur Schau getragen hätten, merklich mit der Bedrängnis kontrastiert, in die sie ihre Konkurrenten gestürzt hätten.

Mit der von JÖRG SCHWARZ (München) untersuchten Wappenwand in der Wiener Neustadt trat nicht nur eine materielle Quelle, sondern eine weitere Institution in den Blick, die für die vormoderne Gelehrtengeschichte von erheblicher Bedeutung ist: der Hof. Detailliert stellte Schwarz die Wappenwand als Repräsentation eines habsburgischen Herrschaftsanspruchs vor. Dass sich unter den 107 Wappen nicht weniger als 93 Fabelwappen befinden, sei damit zu erklären, dass den Schöpfern der Wand eher an einer auf die Besucher am Hof Friedrichs III. eindrücklichen Wirkung als an korrekter Repräsentation der Wirklichkeit gelegen gewesen sei. Piccolominis „Historia australis“ sei möglicherweise als Reaktion auf diesen Machtanspruch zu verstehen.

Dem Nürnberger Gelehrtenleben näherte sich THORSTEN SCHLAUWITZ (Erlangen) über die zeitgenössische (Selbst-)Wahrnehmung an. Dass in der Stadt immer mehr Gelehrte ansässig waren und zu Einfluss kamen, habe sich in panegyrischen wie in genealogischen Texten verzögert niedergeschlagen. Selbst humanistische Autoren hätten in ihr Städtelob die wachsende Gelehrtenschar zunächst nicht als Ruhmestitel aufgenommen, dies habe sich erst im 16. Jahrhundert geändert. Uneinheitlich das Bild bei den Geschlechterbüchern: Erasmus Schürstab habe zwar allein die Doktoren hervorgehoben; Christoph Scheurl habe die Doktoren als eigene Gruppe gefasst; das Große Tucherbuch schließlich habe Graduierte wie Studierte zur Zier der Familie erklärt.

JEAN-LUC LE CAM (Brest) zufolge lässt sich der Unterricht an vormodernen Universitäten anhand dreier Quellengattungen rekonstruieren: Aus Lektionskatalogen, Vorlesungszetteln beziehungsweise Rechenschaftsberichten und Programmschriften. Am Beispiel des Helmstedter Rhetorikprofessors Christoph Schrader demonstrierte Le Cam, welche Früchte eine solche Rekonstruktion zeitigen kann. Lektionskataloge erwiesen sich dabei als einigermaßen unsichere Grundlage, die mit Vorlesungszetteln und Rechenschaftsberichten abgeglichen werden müssten. Weil Schrader skrupulös Buch geführt hat, war es Le Cam möglich, die Entwicklung seiner Lehrtätigkeit während seiner Karriere ebenso zu untersuchen wie synchrone Vergleiche zu anderen Professoren zu ziehen.

YANN DAHHAOUI (Lausanne) nahm das Wissen des 19. Jahrhunderts über das spätmittelalterliche Narrenfest zum Ausgang einer Erkundung der Genese dieses Wissens. Alle Spuren führten ihn zu jenem Brief der Pariser theologischen Fakultät, der 1445 ein Verbot des Festes forderte. Durch Exzerpte und Bearbeitungen seien die Informationen dieses Briefes im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts dekontextualisiert worden, so dass eine situationsspezifische Beschreibung zum Wissen von einem vermeintlich allerorten gefeierten mittelalterlichen Fest geworden sei. Die Spezifika antiquarischer Exzerpier- und Zitationspraxis hätten auf diese Weise das Narrenfest erst hervorgebracht.

JAN-HENDRYK DE BOER (Göttingen) stellte am Beispiel judenfeindlicher Texte des 15. und 16. Jahrhunderts den Traktat als kommunikative Gattung vor, der es gelang, durch die Verwendung der Volkssprache, die Verbindung von Text und Bild und das Schüren des Judenhasses Publika jenseits institutioneller Strukturen zu generieren. Im judenfeindlichen Traktat sei gelehrtes Wissen über die jüdische Tradition amalgamiert worden mit dem Wissen von Konvertiten über jüdische Gebräuche und Riten sowie mit volkstümlichen judenfeindlichen Exempeln. Als „hate speech“ hätten es diese Texte den Christen erlaubt, sich appellativ als Gemeinschaft gegenüber den Juden als den ausgeschlossenen Anderen zu entwerfen.

Wie ein Editionsprojekt Spannungen in der agonalen Gelehrtengemeinschaft der frühen Neuzeit erzeugen konnte, schilderte PATRIZIA CARMASSI (Göttingen/Wolfenbüttel). Der Bibliothekar Marquard Gude kontaktierte in Vorbereitung einer Edition des Henricus Septimellensis Kollegen in ganz Europa, kollationierte Handschriften – und wurde schließlich von einem Rivalen, dem Zwickauer Gelehrten Christoph Daum, ausgestochen, der seine Kontakte geschickter genutzt hatte. Gudes Edition blieb, obschon offensichtlich kurz vor dem Abschluss stehend, ungedruckt.

Konkurrierenden Humanisten am aragonesischen Hof zu Neapel widmete sich MATTHIAS ROICK (Göttingen/Wolfenbüttel). Dort verdingten sie sich als Emissäre, Diplomaten und ideologische Unterstützer der aragonesischen Ansprüche auf Neapel, unter ihnen auch Lorenzo Valla, Antonio Beccadelli und Bartolomeo Fazio. Seinem Verständnis der Philosophie als Suche nach Wahrheit folgend, habe Valla auch die Tradition nicht von Kritik ausgeschlossen, wohingegen Beccadelli und Fazio der Tradition einen hohen Wert beigemessen hätten. Ihr konservativer Humanismus habe – anders als der rigorose Vallas – den Hof ebenso wie die humanistische Gelehrtengemeinschaft wesentlich als hierarchisch strukturiert angesehen. Nachdem es Alfonso I. gelungen war, seine Ansprüche auf den neapolitanischen Thron durchzusetzen, entsprach, so Roick, die Haltung der Traditionsbewahrer eher den Interessen des Hofes; Valla musste Neapel den Rücken kehren.

Abschließend führte BERND ROLING (Berlin) vor, wie Enthaltsamkeit zu Streit führen kann. Fortunio Liceti hatte in einer umfangreichen Abhandlung zahlreiche berichtete Fälle von langer, teils mehrjähriger Nahrungsverweigerung damit zu erklären gesucht, dass es dem Körper möglich sei, die Ernährung für mehrere Jahre einzustellen, indem er ein Gleichgewicht von Wärme und Feuchte erreiche. Den in Pisa lehrenden Rodrigo de Castro habe diese ingeniöse Erklärung nicht überzeugt, was er in einer langen Replik kundgetan habe. Die allzu lange Enthaltsamkeit habe er auf das Wirken von Gott und Teufel zurückgeführt. Die Kontrahenten hätten einander in den folgenden Jahren mit Abhandlungen, Dialogen und Gedichten überschüttet. Liceti habe schließlich den Sieg davongetragen, weil er sich auf Tradition, Empirie sowie bessere philologische Kenntnisse habe stützen und eine kohärentere Erklärung habe anbieten können. Das Vertrauen in die Beweiskraft der Empirie sei auf beiden Seiten so groß gewesen, dass niemand auf den aus heutiger Sicht wohl naheliegenden Schluss gekommen sei: Dass es sich bei der wunderbaren Enthaltsamkeit um Betrug gehandelt habe.

In den Diskussionen der Vorträge sowie in der Schlussdiskussion wurde nach Leitlinien gesucht, anhand derer Gelehrtenkulturen zu kartieren sind – und die künftige, ertragreiche Forschungen versprechen. Als roter Faden erwies sich der Begriff der Praxis. Praktiken zu untersuchen, bedeutete dabei nicht, die Wirksamkeit von Institutionen und Inhalten zu vernachlässigen oder gar zu bestreiten. Vielmehr zeigte sich, dass ein im weiteren Sinne praxeologischer Ansatz erlaubt, die Wirkung von Institutionen, Textgattungen, inhaltlichen Positionierungen und Personen sowie Gruppen zusammenzusehen.

Konferenzübersicht:

Marian Füssel / Frank Rexroth (Göttingen), Begrüßung

Stefanie Rüther (Göttingen) / Maximilian Schuh (Heidelberg), Vorstellung des Netzwerks

Rainer Christoph Schwinges (Bern), Kommentar

Willem Frijhoff (Rotterdam), University, academia, Hochschule, college: early modern perceptions and realities of European institutions of higher education

Florian Hartmann (Bonn/Aachen), Protouniversitäre Lehre in Bologna

Marcel Bubert (Göttingen), Philosophische Identität? Selbst-Kategorisierung und Sozialisation an der Artistenfakultät (13./14. Jh.)

Ruedi Imbach (Paris), Metaphysik am Basler Konzil. Erkundungen zu dem in Basel entstandenen Traktat „Colliget principiorum“ des Heymericus de Campo

Nathalie Gorochov (Paris), Governing the University and the State in the Middle Ages (13th-15th Centuries), Practices, Models and Reciprocal Influences

Thierry Kouamé (Paris), Institutionelle Wirkungsweise der Universitäten vom Pariser Typus in Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich, 13.-15. Jh.

Christoph Schönau (Göttingen), Erasmus' „Apologia ad Fabrum“ in ihrem historischen Kontext

Ulrich Leinsle (Regensburg), Disputationen in philosophischen Promotionsakten an der Jesuitenuniversität Dillingen im 16. Jahrhundert

Hanspeter Marti (Engi), Die frühneuzeitliche Schuldisputation. Perspektiven und Probleme ihrer Erforschung

Daniela Rando (Pavia), „Angewandtes“ Wissen zum „Handeln“: Ein Pisa-Test für Gelehrte des 15. Jahrhunderts

Thomas Woelki (Berlin), Juristische Politikberatung konkret: Die öffentlichen Disputationen des Angelo degli Ubaldi (gestorben 1400)

Jana Madlen Schütte (Göttingen), Konflikte und Konkurrenzen der Mediziner in den Fakultäts- und Rektoratsakten (15./16. Jh.)

Jörg Schwarz (München), Die Wiener Neustädter Wappenwand und die Gelehrtenkultur des Habsburgerhofes um 1450

Thorsten Schlauwitz (Erlangen), Der Stolz der Familie, die Zierde der Stadt? Gelehrte in den genealogischen und panegyrischen Texten Nürnbergs

Jean-Luc Le Cam (Brest), Vorlesungszettel und akademische Programme. Zur Rekonstruktion des akademischen Betriebs und Lebens jenseits der Lektionskataloge: das Beispiel des Helmstedter Rhetorikprofessors Christoph Schrader (Professur 1635-1680)

Yann Dahhaoui (Lausanne), Mehrmals dasselbe mit anderen Worten. Das Exzerpieren und seine Folgen am Beispiel der Historiographie des Narrenfestes (1600-1800)

Jan-Hendryk de Boer (Göttingen), Form und Formlosigkeit des Judenhasses. Elemente universitärer Gelehrsamkeit in judenfeindlichen Traktaten um 1500

Patrizia Carmassi (Göttingen/Wolfenbüttel), Philologie und Gelehrtennetzwerke im XVII. Jahrhundert am Beispiel von Marquard Gude (1635-1689)

Matthias Roick (Wolfenbüttel/Göttingen), Der Jasager und der Neinsager. Humanistische Gelehrtenkultur am Hof der Aragonesen in Neapel

Bernd Roling (Berlin), De asitia: Fortunio Liceti, Rodrigo de Castro und die universitäre Aufarbeitung der Magersucht im 17. Jahrhundert

Maximilian Schuh (Heidelberg) / Sita Steckel (Münster) / Jan-Hendryk de Boer (Göttingen), Zusammenfassung der Tagungsergebnisse

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Europäische Gelehrtenkulturen (1100-1750). Praktiken, Positionen, Periodisierungen, 12.11.2014 – 15.11.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 10.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5721>.