HT 2014: „Rise and Fall“? Normwandel in der Bemessung dynastischen und staatlichen „Erfolgs“ im „Zeitalter der Aufklärung“

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Paul Beckus, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Wie ließ sich im ausgehenden Ancien Régime der Erfolg von Herrschern, von Staaten und Dynastien beurteilen? Welche unterschiedlichen Maßstäbe wurden dabei im 18. Jahrhundert angelegt? Diese Fragen standen in der Sektion „Rise and Fall“ im Mittelpunkt des Interesses. Ausgehend von Paul Kennedys „The Rise and Fall of the Great Powers“[1] erläuterte THOMAS BISKUP (Hull) einführend den zentralen Stellenwert der Kategorien von Aufstieg und Fall für die Geschichte der internationalen Beziehungen. Erfolg und Misserfolg wurde in der Geschichte der internationalen Beziehungen aber überwiegend gemessen anhand der politisch-militärischen Durchsetzungsfähigkeit von Staaten und Herrschern. Zeitgenössische Kriterien der Erfolgszuschreibung und der Rangzuteilung blieben dagegen unbeachtet. Biskup verwies auf eine Reihe weiterer Kriterien, die in der Frühen Neuzeit als Indikatoren von Erfolg unter den europäischen Fürsten gewertet werden konnten. Genannt wurden: der Rang in der europäischen Fürstengesellschaft, das Alter der Dynastie, Attraktivität und Integrationskraft des jeweiligen Hofes und das individuelle Ansehen einzelner Herrscher. Dabei konstatierte Biskup auch einen Wandel der Kategorien im 18. Jahrhundert, durch den territoriale Größe, militärische und finanzielle Stärke sowie das „Gemeinwohl“ als neue Erfolgsindikatoren an Bedeutung gewannen, ohne dass von einer zyklischen Ablösung der älteren Kategorien von Anciennität und Würde gesprochen werden kann.

ANDRÉ KRISCHER (Münster) beschäftigte sich in seinem Beitrag „Rang, Status und Ritual – überlebte Kategorien im 18. Jahrhundert?“ mit dem Fortwirken symbolischer Kommunikation von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Wiener Kongress. Krischer vertrat dabei die Position, dass von einem prinzipiellen Bedeutungsverlust dieser Kategorien keine Rede sein kann, wie er an den Rangstreitigkeiten der Botschafter Russlands und Frankreichs, Englands und Spaniens und den oft beherrschenden Rangdisputen während der Verhandlungen auf dem Wiener Kongress aufzeigte. Krischer konstatierte zwar eine Bedeutungsaufwertung von statistischen Daten, verwies aber zugleich auf das Fortbestehen der älteren Kategorien und nutzte in diesem Zusammenhang Biskups Begriff einer „zeremoniellen Sattelzeit“.

Mit eben diesem neuen Medium der Statistik setzte sich LARS BEHRISCH (Utrecht) in seinem Vortrag „Politische Zahlen. Statistik als neuartige Messlatte staatlichen Erfolgs“ auseinander. Laut Behrisch vollzog sich besonders nach dem Siebenjährigen Krieg ein Prozess, in dessen Verlauf die zahlenmäßige Erfassung von Staaten und ihrer Politik zunehmend an Bedeutung für die Bemessung von Erfolg gewann. Das Instrument dieser Bemessung war die bereits im 16. Jahrhundert entstandene Statistik, die laut Behrisch in der „Zeit der Aufklärung“ zunehmend auch von einer breiten Öffentlichkeit als eindeutiges Analysewerkzeug der Wirklichkeitsaneignung angesehen wurde. Diese öffentliche Wahrnehmung beförderte den Diskurs der Zahlen maßgeblich, wobei er sich zunächst in den kleineren Territorien des Alten Reiches etablierte. Das war laut Behrisch deshalb der Fall, weil diese im „Wettlauf um Prestigeressourcen“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts endgültig auf der Strecke geblieben waren und zum anderen, weil ihre überschaubaren und administrativ homogeneren Territorien besser erfasst werden konnten. Die sich zunehmend allgemein etablierende Statistik diente dabei auch immer dem Vergleich zwischen Staaten und ermöglichte so eine scheinbar eindeutigere Kategorie der Bemessung politischen Erfolges als die zuvor vorherrschenden Kriterien: entscheidender Maßstab für die Glückseligkeit eines Staates war die Anzahl der Einwohner pro Quadratkilometer. Mit Hilfe dieser neuen Erfolgskategorie setzten sich die Fürsten dabei aber – in Tradition älterer Repräsentationsstrategien – wiederum als das Gemeinwohl ins Auge fassende Landesväter in Szene.

In der Diskussion der Vorträge von Krischer und Behrisch standen der Wandel von Rang und den Visualisierungsstrategien von Rang (wie lassen sich Zahlen darstellen?) und die Begrifflichkeit der Sattelzeit im Mittelpunkt. Wolfgang Burgdorf wies darauf hin, dass in der Rangkommission des Wiener Kongresses Rangfragen über die Nutzung des Alphabets entschärft wurden, und Walter Demel fragte nach der Anerkennung afrikanischer und andere außereuropäische Kaisertitel und damit nach der globalen Dimension von Rangkonflikten. Ausgehend von der Beobachtung, dass der Begriff der „Sattelzeit“ von der Auswahl der Beispiele (Großbritannien, Frankreich, Altes Reich) abhänge – in Spanien habe bereits Philipp II. die Größe seiner Besitzungen als Argument für den rangpolitischen Vorrang (trotz mangelnden Kaisertitels) angeführt – bemerkte Arndt Brendecke, dass die Modelle für eine zahlenbasierte Bemessung politischen Erfolgs seit der Renaissance die gesamte Frühe Neuzeit über „in Latenz“ bereitstanden. Lars Behrisch zufolge war jedoch das Wachstumsdenken ein neuer Faktor, der vom früheren ökonomischen oder demographischen Nullsummenspiel deutlich unterschieden sei: Im 18. Jahrhundert wurde nicht mehr statische Größenzahlen verglichen, sondern es erfolgte ein Vergleich des Wachstums.

ANDREAS PEČAR (Halle) warf mit seinem Vortrag „Avantgarde statt Präzedenz? Die Idee der Zivilisationsmission und ihre Folgen für die Länderklassifikation“ die Frage auf, wie die Konzeption des Fortschritts in der Geschichte und die Idee einer zunehmenden Zivilisierung der Menschheit neue Vorstellungen einer hierarchisierten Staatenwelt ermöglichten. Mit Blick auf die europäische Fürstengesellschaft führte er vor, wie die Fortschrittskategorie zunächst um 1700 auch als Kategorie zur Herrscherverehrung Ludwigs XIV. genutzt wurde. Neben das Kriterium der Ranghierarchie rückte bei aufgeklärten Autoren zunehmend der Aspekt der Fortschrittlichkeit und der Rückständigkeit als Kriterium der Staatenklassifikation in den Mittelpunkt. Zentrale Messlatte war die Frage nach den Taten und den Leistungen eines Herrschers für den Fortschritt der Menschheit, insbesondere nach der Förderung der Wissenschaften und Künste. In den konkreten Aussagen über fortschrittliche und rückschrittliche Staaten wurden allerdings selten empirisch nachvollziehbare Urteilskriterien angelegt, vielmehr spielten hier Stereotype und traditionelle Fremdbilder wie die ‚leyenda negra‘ im Falle Spaniens eine zentrale Rolle. Am Beispiel der Bewertung der ersten Teilung Polens als Beitrag zur Zivilisierungsmission durch den preußischen König Friedrich II. gegenüber Voltaire und d’Alembert führte Pečar schließlich vor, wie die Kriterien der Fortschrittlichkeit und Rückschrittlichkeit dann wieder machtpolitisch genutzt werden konnten und territoriale Expansion auch und gerade im Kreis aufgeklärter Autoren als legitim und nachvollziehbar erscheinen ließen.

CASPAR HIRSCHI (St. Gallen) referierte in seinem Beitrag „Das Erbe des ‚Colbertismus‘. Die staatliche Organisation des Wissens im Ancien Régime“ über die Reformen Jean-Baptiste Colberts zur Akkumulation staatlichen Wissens und deren Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Frankreichs. Er widersprach dabei der Annahme, dass der „Colbertismus“ als eine politische Praxis verstanden werden sollte, die zu staatlichem Dirigismus und letztlich zum wirtschaftlichen Niedergang Frankreichs geführt hätte. In der Folge zeigte Hirschi, dass sich die Reformen Colberts vorrangig auf den Justiz- und Verwaltungsapparat beschränkten und dabei die Eindämmung der Beamtenschaft ins Auge fassten. Dies scheiterte aber einerseits daran, dass Colbert zur Durchsetzung seiner Reformen auf die Akteure angewiesen war, deren Interessen er beschneiden wollte, und zum anderen daran, dass Ludwig XIV. kurzfristige Ziele verfolgte, welche eine Umsetzung von Colberts Reformen im Verwaltungsapparat in der angedachten Form unmöglich machten.

In der Diskussion der Beiträge von Pečar und Hirschi wies Birgit Emich darauf hin, dass formelle und informelle Strukturen keinen Gegensatz bildeten, sondern dass Niklas Luhmann zufolge formelle Strukturen nie ohne informelle denkbar seien.

In ihrem Kurzkommentar zum Abschluss der Sektion griff Claire Gantet die Vortragsthemen noch einmal auf und betrachtete sie unter dem Blickpunkt der unterschiedlich verwendeten Begriffe „Staat“ und „internationales Staatensystem“ und deren Konkurrenz zu den traditionellen Hierarchievorstellungen der Fürstengesellschaft. In diesem Zusammenhang warf sie auch die Frage auf, inwiefern das Zeremoniell als ältestes Hierarchieprinzip durch die neueren quantitativen Verfahren nicht eher neu aufgeladen als abgelöst wurden. In der Abschlussdiskussion wies Arndt Brendecke auf die Implikationen der Debatte für unser Epochenmodell hin und fragte, ob der „Absolutismus“ Rang hervorgebracht und auch wieder abgeschafft habe. Barbara Stollberg-Rilinger warf die Frage nach den Vergleichsmaßstäben von Erfolg auf und stellte zur Diskussion, ob in der Bemessung politischen Erfolgs eine Verschiebung von Dynastien hin zu Nationen erfolgt sei. Alle Referenten der Sektion waren sich jedenfalls darin einig, dass man im 18. Jahrhundert keinen geradlinigen Prozess ausmachen könne, in dem traditionelle Erfolgskriterien wie Rang zunehmend an Bedeutung verloren und durch mathematisch messbare statistische Erfolgsindikatoren ersetzt worden seien. Vielmehr überlagerten sich unterschiedliche Klassifikationskriterien und wurden im politischen Raum – abhängig vom Geltungsanspruch der Akteure und der beurteilenden Autoren – auf je spezifische Weise eingesetzt.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Andreas Pečar (Halle) / Thomas Biskup (Hull)

Thomas Biskup (Hull), Einführung in das Thema

André Krischer (Münster), Rang, Status und Ritual – überlebte Größen im 18. Jahrhundert?

Lars Behrisch (Utrecht), „Politische Zahlen“: Statistik als neuartige Messlatte staatlichen Erfolgs

Andreas Pečar (Halle), Avantgarde statt Präzedenz? Die Idee der Zivilisationsmission und ihre Folgen für die Länderklassifikation

Caspar Hirschi (St. Gallen), Das Erbe des „Colbertismus“: die staatliche Organisation des Wissens im Ancien Régime

Anmerkung:
[1] Paul Kennedy, The Rise and Fall of the Great Powers, New York 1987.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: „Rise and Fall“? Normwandel in der Bemessung dynastischen und staatlichen „Erfolgs“ im „Zeitalter der Aufklärung“, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 05.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5734>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.12.2014