HT 2014: Verlierer in der „Konkurrenz unter Anwesenden“. Agonalität in der politischen Kultur des antiken Rom

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Christoph Lundgreen, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden / Jan Timmer, Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bonn

Zu den Verlierern zu gehören, ist nie schön. Zu den Verlierern in einer Gesellschaft zu gehören, in der die Ehre des Einzelnen für seine gesellschaftliche Position von zentraler Bedeutung ist und das Gesicht zu wahren damit Ziel eines jeden sein muss, ist schwer zu ertragen. Wenn eine solche Gesellschaft dann strukturell bedingt regelmäßig eine hohe Zahl von Verlierern produziert, stellt sich die Frage nach den Mechanismen, mit deren Hilfe das Verlieren für die Verlierer akzeptabel gemacht werden kann.

Das theoretisch-konzeptionelle Feld dieses ebenso unumgänglichen wie sichtbaren Verlierens von großen Teilen der römischen Elite wurde eingangs von KARL-JOACHIM HÖLKESKAMP (Köln) abgesteckt. Ausgangspunkte waren hierbei zum einen die „Vergesellschaftung unter Anwesenheit“, was eine spezifische Form von Öffentlichkeit meint, in der und durch die Handlungen in der Stadtstaatlichkeit vollzogen werden, zum anderen die für die Konstitution und Reproduktion der Elite in Rom konstitutive Form der Ämtervergabe durch eine dritte Instanz, nämlich das Volk. Wobei dieser für die römische Aristokratie grundsätzlich pazifizierende und wohl auch alternativlose Modus damit strukturell und systemimmanent immer zu beiden vom Historikertag als Motto ausgesuchten Gruppen führte: Gewinnern und Verlierern. Während letztere zwar prosopographisch gut untersucht seien, konnte Hölkeskamp zu Recht die Fragen nach einem spezifischen Umgang mit der Niederlage und den Verhaltensweisen der Verlierer stellen sowie anregen, auch schon für die Republik nach alternativen Karriereoptionen oder sogar ganz abweichenden Lebensentwürfen außerhalb der Konkurrenz der nobiles zu suchen.

Als erstes Fallbeispiel wurden von HANS BECK (Montreal) die sich seit dem Ende des zweiten punischen Kriegs stark intensivierenden Wahlkämpfe betrachtet. Ausgangspunkte waren für ihn dabei zum einen die große Anzahl von qualifizierten Kandidaten, zum anderen deren Zugriff auf neue Ressourcen des wachsenden Imperiums, was sich unter anderem in immer aufwendigeren und kostspieligeren Spielen, deren eigenmächtiger Ausdehnung und sogar Wiederholung manifestierte. Bedeutete dies für jeden Einzelnen die Steigerung seines Prestiges, führte es insgesamt zu einer problematischen Überbietungsdynamik. Der Senat reagierte nach Beck mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die alle zur Regulierung und Eindämmung der Konkurrenz führen sollten und, so die These, auch führten. Zu denken sei dabei weniger an die Erhöhung der Stellen für Prätoren, was letztlich den Stellenkegel zum Konsulat nur noch weiter verengte, sondern eher an Maßnahmen wie die Beschränkung von Tafelluxus durch die lex Orchia de cenis von 182 v. Chr. Diese, ansonsten eher allgemeinen Luxusgesetzen zugeordnete, Regelung konnte Beck überzeugend als Limitierung öffentlichkeitswirksamer Maßnahmen deuten, ähnlich den Versuchen, die Aufwendungen für Klienten zu begrenzen. Beides sollte verhindern, dass neu erworbene Reichtümer unbegrenzt in symbolisches Kapital transformiert werden konnten. Auch wenn weiter bestimmte Wahlen zum Konsulat oder gar zur Zensur stark umkämpft blieben, konnte somit der Senat die Konkurrenz zumindest zeitweise in einem anerkannten Rahmen halten bzw. die Balance der „Achse von Konsens und Konkurrenz“ immer wieder neu erfolgreich aushandeln – zumal den Verlierern ihr Schicksal durch das Prinzip der Annuität und der immer wieder neu bestehenden Chance zur Wahl erträglich gemacht wurde.

Auch nach der Etablierung des Prinzipats blieb der Konkurrenzkampf unter den Angehörigen des ordo senatorius intensiv. Wenn die Machtfrage auch durch die Existenz des Kaisers entschieden war, so verliehen Ämter immer noch Ehre, und ihre Bekleidung war damit Grundlage für die Reproduktion gesellschaftlicher Hierarchie. Gleichwohl traten neben das Politische zunehmend andere Felder, in denen man sich bewähren und auszeichnen konnte. Diesen alternativen Lebensmodellen römischer Adliger widmete sich ELKE STEIN-HÖLKESKAMP (Duisburg-Essen / Siegen) in ihrem Beitrag „Aussteigen statt Absteigen?“. Anhand der Beispiele des Servilius Vatila, des M. Servilius Nonianus und des Silius Italicus skizzierte sie die Möglichkeiten, sich durch demonstrativen Konsum, als Redner oder aber Literat einen Namen zu machen. Gezeigt wurde, wie die Politik als weitgehend exklusives Medium inneraristokratischen Leistungsvergleichs Konkurrenz bekam. Der Verzicht auf die gemeinsame Arena und die Ausdifferenzierung von Konkurrenzfeldern ermöglichte es einer größeren Zahl von Senatoren, sich als Gewinner zu fühlen. Das Verlieren wurde gleichsam unsichtbar. Dass damit auch der Sieg weniger wert war, war für einige Senatoren durchaus zu verschmerzen.

Für die Meisten aber blieb das Politische und damit der Kampf um die dort zu verteilenden gesellschaftlich knappen Güter der zentrale Bezugspunkt, wie im Folgenden ANDREAS KLINGENBERG (Köln) betonte. Die Formen, die Konkurrenz um Ämter und Ehren im Prinzipat annahmen, untersuchte er an denjenigen, die die dignitas senatoria in der Folge inneraristokratischen Wettbewerbs verloren. Die Kosten etwa für öffentliche Spiele waren immens, ohne aber in gleicher Weise wie zur Zeit der Republik die eigene Karriere zu befördern. Der einem Senator angemessene Lebensstil verschlang Unsummen. Demonstrativer Konsum ruinierte viele alte Familien. Den Weg, den Kaiser um finanzielle Unterstützung zu bitten, scheuten wohl nicht wenige Senatoren wegen des damit einhergehenden Ehrverlustes. Der Statusverzicht war somit nicht selten weniger Folge zunehmend attraktiv erscheinender alternativer Lebensmodelle, als lediglich der Versuch, dem mit dem Ausstoß aus dem Senat verbundenen Ansehensverlust zuvorzukommen.

MARTIN JEHNE (Dresden) konzentrierte sich in seinem Kommentar auf die ersten beiden Vorträge. Neben dem Vorschlag, in der Terminologie noch stärker zwischen „Aussteigern, Absteigern, Umsteigern, Verlierern, Nicht-Einsteigern und Stagnierern“ zu differenzieren, führte er für die Gruppe von Wahlverlierern diejenigen Fälle an, wo erneute Versuche, ein Amt zu erlangen, nicht nur die Bewerber, sondern offensichtlich auch die am Konsens orientierten Wähler unter Druck setzten, nun doch die angemessene Ehre „endlich“ zu vergeben. Dass solche Fälle nicht überhand nahmen, habe wohl daran gelegen, dass die lex Villia annalis den Wettbewerbsprozess insgesamt entzerrt und allein schon durch die Dauer der kostspieligen Präsenz auf der politischen Bühne zum freiwilligen Verzicht einiger Protagonisten beigetragen haben dürfte, deren Rückzug so auch weniger sichtbar als eine tatsächliche Niederlage war. Hinzu kommt nach Jehne aber vor allem, dass den Wahlkämpfen zwar die Fiktion eines rationalen Entscheidungssystems zu Grunde lag, daneben aber ein Diskurs vom unwissenden Volk und zufälligen Ergebnissen trat, der den erfolglosen Bewerber durch das Bewusstsein von der Kontingenz der Ergebnisse vor dem Makel der Niederlage bewahrte.

An die Ausführungen von Stein-Hölkeskamp zur Etablierung alternativer Lebensmodelle schloss schließlich EGON FLAIG (Rostock) seine Überlegungen zu den Verlierern als Katalysatoren für kulturelle Innovation an. Wer scheitert, der muss – so führte Flaig aus – dieses Scheitern deuten, Distanz zu seinem bisherigen Leben gewinnen, ihm neuen Sinn zuweisen. Rutilius Rufus, der in seinem Exil in Smyrna Grieche geworden sei, sei es erstmalig gelungen, eine nachahmungsfähige Umdeutung seines eigenen Scheiterns zu bieten. Von diesem exemplum aus sei – zunächst als transgressiv empfunden, aber durch Wiederholung anderer Gescheiterter und „Vorab-Resignierter“ zunehmend akzeptiert – schließlich ein alternatives Rollenmodell entstanden.

Zu den Verlierern zu gehören, ist nie schön – wie damit umgegangen und Verlieren erträglich und teilweise sogar akzeptabel gemacht wurde, konnte die Sektion durch ihren weiten Bogen und die detailreichen Referate nachzeichnen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Karl-Joachim Hölkeskamp (Köln)

Karl-Joachim Hölkeskamp (Köln), Theoretische und methodische Perspektiven, Begriffe und Konzepte in der neueren Forschung

Hans Beck (Montreal), Der neue Wettbewerb um die öffentlichen Ämter: ambitus und ‘also-rans’ in den Jahren nach dem Hannibalkrieg

Elke Stein-Hölkeskamp (Duisburg-Essen / Siegen), Aussteigen statt Absteigen? Die Entwicklung konkurrierender Felder der Distinktion von der späten Republik zum frühen Prinzipat.

Andreas Klingenberg (Köln), Zwischen republikanischer Tradition und kaiserzeitlicher Realität. Der soziale Abstieg von Senatoren und die senatorischen Rollenbilder im frühen Principat

Egon Flaig (Rostock) / Martin Jehne (Dresden), Rück-, Seiten- und Ausblicke

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Verlierer in der „Konkurrenz unter Anwesenden“. Agonalität in der politischen Kultur des antiken Rom, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 12.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5735>.