Ländliche Geschichte neu schreiben

Ort
Wien
Veranstalter
Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR); Forschungsschwerpunkt Wirtschaft und Gesellschaft aus historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive, Universität Wien
Datum
13.11.2014
Von
Ulrich Schwarz, Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, St. Pölten

Das „Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes“ (JGLR) feiert im Jahr 2014 sein zehnjähriges Erscheinen. Aus diesem Anlass lud das Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR) gemeinsam mit dem Forschungsschwerpunkt Wirtschaft und Gesellschaft aus historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive der Universität Wien am 13. November 2014 zu einem Workshop nach Wien. Einen Halbtag lang diskutierten internationale Teilnehmer/innen den gegenwärtigen Stellenwert ländlicher Geschichte in der Wissenschaftslandschaft sowie deren Stellung in gesellschaftlichen Bereichen außerhalb des wissenschaftlichen Feldes. Nach der Begrüßung durch BRIGITTA SCHMIDT-LAUBER (Wien) skizzierte IGLR-Leiter ERNST LANGTHALER (St. Pölten) einleitend die Entstehungs- und Herstellungsbedingungen des JGLR.

Im Eröffnungsvortrag ließ CLEMENS ZIMMERMANN (Saarbrücken) die zehn bisher erschienenen Bände des Jahrbuchs Revue passieren. Unter dem Titel „Regionen, Netzwerke, Sinngebungen“, erörterte er den Entwicklungspfad und zukünftige Entwicklungspotentiale dieses Publikationsprojekts. Eingangs schilderte er die 1990er-Jahre als eine Phase, in der die Agrargeschichtsschreibung neuen Schwung aufgenommen habe. Inmitten dieser Aufbruchsstimmung verortete er die Gründung des Jahrbuchs, das jedoch von Anfang an eigene Akzente setzte. Mittels eines inhaltsanalytischen Panoramas, in dem die Beiträge der bisherigen zehn Bände entlang unterschiedlicher Indikatoren sortiert waren, zeigte er anschaulich das Merkmalsprofil des Jahrbuchs.

Zusammenfassend charakterisierte er den im Jahrbuch eingeschlagenen Kurs einer ‚neuen‘ Agrargeschichte durch vier Leitlinien: erstens die Europäisierung der Themen und Untersuchungsregionen; zweitens die Offenheit gegenüber kulturhistorischen Perspektiven, ohne dabei klassische Ansätze der Agrargeschichte aufzugeben; drittens die Akzentuierung von lebensweltlichen und regionalen Kontexten; viertens die bedeutende Rolle theoretischer Modelle. An diese vier Charakteristika fügte er jeweils Vorschläge zur Erweiterung und Vertiefung an. Eine stärkere Rolle komparatistischer Ansätze könne die Abstraktionseben einer europäisierten Agrargeschichte erhöhen und so zur Begriffsschärfung beitragen. Die im Jahrbuch gepflegte Methodenvielfalt würde durch kontrastierende Nebeneinanderstellung der Perspektiven gewinnen, indem dadurch die Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen der einzelnen Zugänge besser sichtbar würden. In Bezug auf den Schwerpunkt auf lebensweltliche Kontexte plädierte er für eine stärkere Gewichtung von Medialisierungsprozessen, denen das Jahrbuch bisher zu geringe Aufmerksamkeit geschenkt habe. Um die Theorie- und Methodenreflexion weiter zu forcieren, schlug er für solche Debatten eine stärkere Nutzung des Forums-Teils vor. In Hinblick auf die Sichtbarkeit der Agrargeschichte in weiter gefassten Zusammenhängen schloss er mit einem Plädoyer für die Offenheit gegenüber aktuellen zeitgeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Debatten.

In der darauf folgenden Podiumsdiskussion setzten sich die Teilnehmer/innen mit der Frage nach der gegenwärtigen Stellung der ländlichen Geschichte auseinander. Dass die Diskussion nicht zu einer bloßen Aneinanderreihung vorbereiteter Statements geriet, sondern sich zu einer lebhaften Debatte entwickelte, war zu einem guten Teil der Moderation durch MARTIN KUGLER (Wien) zu verdanken. Aber auch die vielfältige Zusammensetzung der Gesprächsteilnehmer/innen, die unterschiedliche Fachdisziplinen, Forschergenerationen und Wissenschaftskulturen repräsentierten, hatte ihren Anteil daran, dass dem Publikum ein kurzweiliges, anregendes und durchaus kontrastreiches Spektrum von Ansichten geboten wurde.

Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker ERICH LANDSTEINER (Wien) eröffnete die Diskussion mit einer pessimistischen Einschätzung der zukünftigen Rolle einer eng gefassten Agrargeschichte. Seine Diagnose eines „schrumpfenden Stellenwerts“ der Agrargeschichte im engeren Sinn im wissenschaftlichen Milieu, führte er auf Veränderungen der Lebenswelt von Studierenden zurück, die nicht nur keinen landwirtschaftlichen Bezug mehr hätten, sondern auch nicht mehr von den Debatten über den Verlust agrarisch geprägter Lebenswelten betroffen seien. Für eine weiter gefasste Agrargeschichte, etwa mit Bezug zur Ernährungsgeschichte, relativierte er seine Einschätzung, da die Frage, „was wir essen und trinken“, das öffentliche Interesse an Agrar- und Ernährungsfragen befördere.

Aus Sicht der Europäischen Ethnologie schilderte KONRAD KÖSTLIN (Wien) eine Abwertung agrarischer Themen im Zusammenhang mit der Neuorientierung des Faches mittels der Abgrenzung gegenüber älteren Konzeptionen von Volkskunde, die oft als „Bauernkunde“ aufgetreten sei. Elegant verschob er die Perspektive darauf, dass auch die ältere Volkskunde immer mit (in städtischen und bürgerlichen Kontexten entworfenen) „Bildern vom Land“ operiert habe, die jedoch auch gegenwärtig – etwa in den Hochglanz-Landmagazinen – fortwirkten. Er plädierte dafür, bei der Frage nach dem Stellenwert des ländlichen Raums in den Wissenschaften die institutionalisierten Redeweisen vom Land mit zu reflektieren.

Der Sozialökologe FRIDOLIN KRAUSMANN (Klagenfurt/Wien) betonte aus Sicht der naturwissenschaftlich dominierten Landnutzungsforschung den Bedarf an sozial- und kulturwissenschaftlicher Erweiterung. Gleichzeitig verwies er aber auch auf Problematiken eines solchen interdisziplinären Dialogs, etwa durch unterschiedliche Formulierung der Erkenntnisinteressen, aber auch bei gegenseitigen Vorbehalten in Bezug auf jeweils zulässige Grenzen der Reduktion sowie im unterschiedlichen Umgang mit Skalenfragen. Mit Erich Landsteiner teilte er die Beobachtung, dass das Interesse an isolierten Entwürfen von Agrargeschichte abnehme; eine erweiterte Perspektive, beispielsweise im Zusammenhang mit Ernährungs- oder Klimafragen, besitze aber durchaus Relevanz.

Der Agrarhistoriker PETER MOSER (Bern) zeichnete ein differenziertes Bild der Stellung agrargeschichtlicher Forschungen in der Schweiz. Für die sich mit Agrarfragen beschäftigenden Sozialwissenschaften sei das Interesse an historischer Tiefenschärfe beschränkt. In der Wirtschafts- und Sozialgeschichte komme dagegen etwa seit einem Jahrzehnt niemand mehr an der Agrargeschichte vorbei. In der Kultur- und Geschlechtergeschichte finde das Potential eines agrarhistorischen Blicks zwar Anerkennung, jedoch ohne vollständige Erfassung der erbrachten Leistungen. In der allgemeinen Geschichte hingegen sei die Agrargeschichte nicht präsent – „als ob es sie nicht geben würde“. Für weitere gesellschaftliche Felder schilderte er eine ambivalente Situation: Auf der einen Seite werde ländlicher Raum nur mehr als defizitär, in Relation zur Stadt wahrgenommen; auf der anderen Seite habe der öffentliche Diskurs über die Landwirtschaft in den letzten Jahren an Aktualität gewonnen. In dieser paradoxen Konstellation zwischen dem ländlichen Raum, der wie die Stadt werden und gleichzeitig ‚ganz anders‘ bleiben solle, machte er ein Diskussionspotenzial zwischen Wissenschaft und Gesellschaft aus.

Die Osteuropahistorikerin MADLEN BENTHIN (Leipzig), Verfasserin eine Rezension über alle zehn Bände des JGLR[1], brachte ihre Perspektive als Nachwuchsforscherin in die Debatte ein. Sie berichtete von Erfahrungen, dass Agrargeschichte häufig als methodenarme, etwas „miefige“ Teildisziplin wahrgenommen werde. Die in letzter Zeit vermehrten Drittmittelprojekte zu agrargeschichtlichen Fragestellungen würden zwar zeigen, dass eine temporäre Beschäftigung in diesem Gebiet durchaus en vogue sei. Eine längere Beschäftigung mit Agrargeschichte werde karrieretechnisch jedoch nicht als vorteilhaft angesehen. Dem stellte sie die Erfahrung gegenüber, dass sowohl politische Akteure als auch zivilgesellschaftliche Initiativen erhebliches Interesse an Forschungen zum ländlichen Raum zeigen.

Anschließend daran entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über Problematiken der von allen Diskutanten/innen geteilten Erfahrung eines lebendigen Interesses an Agrargeschichte von Seiten einer Öffentlichkeit abseits des wissenschaftlichen Betriebs. Auf der einen Seite stand die Forderung nach einer aktiven Rolle der Geschichtsforschung, die sich nicht in eine Verteidigungshaltung drängen lässt, sondern ihre Begriffe nachjustiert und Partner außerhalb des wissenschaftlichen Feldes sucht. Dem standen Positionen gegenüber, die Diskrepanzen zwischen öffentlichen, oft romantisierten Ansprüchen und kritischer Geschichtswissenschaft – die etwa auch kommerziellen Interessen der Tourismusindustrie entgegenwirke – betonten. Peter Moser zeigte hier einen möglichen Weg auf, der jedoch ein Umdenken voraussetzt: Man solle die Nachfrage nach vereinfachten Wahrheiten zurückweisen und sich auf das eigene, viel komplexere Angebot stützen. Auf diese Weise käme das kritische Potenzial historischer Forschung öffentlich zum Tragen – kurz: „Historiker/innen können Verunsicherung anbieten“.

In einer abschließenden Runde ging es um zukünftige Potentiale des Jahrbuchs. Hier zeigten sich einige Überschneidungen mit Anregungen, die Clemens Zimmermann bereits in seinem Vortrag geäußert hatte. Dazu zählte die Unterbelichtung der Rolle von Medien in den bisher erschienenen Bänden, aber auch die Forderung nach mehr interkulturellen Vergleichen, die über Europa hinaus etwa auch den globalen Süden einbeziehen sollten. Wiederholt wurde der Wunsch geäußert, bereits behandelte Themen, insbesondere das der ländlichen Arbeitsverhältnisse, erneut aufzugreifen, um dort Angelegtes weiterzuentwickeln. Aber auch neue Themen, etwa Landschaftskommunikation oder Dorfbilder, wurden vorgeschlagen. Zudem wurde das kritische Potenzial der Agrargeschichte eingefordert, um wirkmächtige „Gespenster“ wie jenes des „Bauernstandes“ wenn schon nicht zu verjagen, so doch in die Schranken zu weisen. All diesen Vorschlägen ist gemein, dass sie die „komplexe Relation von sozialen und symbolischen Räumen“ behandeln, die Clemens Zimmermann in seinem Vortrag als „hidden agenda“ des Jahrbuchs ausgemacht hatte. Dies bestärkte die am Podium geteilte Meinung, dass der bisherige Weg des Jahrbuchs konstruktiv war und weitergeführt werden sollte.

Zehn Jahre „Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes“, so eine weitere Übereinstimmung der Diskutanten/innen, sei ein Anlass, ähnlich wie im ersten Band „Agrargeschichte schreiben“ von 2004 den eigenen Standort im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld zu reflektieren. Dafür böte sich meiner Meinung nach ein Thema an – der „ländliche Raum“, der mit Abstand die kontroversesten Diskussionen dieses Workshops stimulierte. Neben der Rede von „ländlicher“ oder „Agrargeschichte“, deren einschließende Funktion durchaus einleuchtet, entwickelten sich immer wieder Diskussionen darüber, was jetzt nun dieser „ländliche Raum“ sei und welche Konsequenzen dies mit sich bringe. Erstaunlich war, dass kaum die Strategie der Pluralisierung, das heißt die Rede von „ländlichen Räumen“, gewählt wurde. Die Pluralisierung würde die notwendige Gegenüberstellung von „Stadt“ und „Land“ entschärfen und verdeutlichen, dass es sich bei „ländlich“ um eine mehrfach relationale Kategorie handelt. Bemerkenswert war überdies, dass die Begriffsgeschichte des Konzepts „ländlicher Raum“ in den Diskussionen völlig ausgeblendet blieb. Ohne hier auf fundierte Untersuchungen aufbauen zu können, scheint es doch beachtenswert, dass dieses Konzept bis in die 1960er-Jahre kaum Verwendung fand, seither aber – vor allem im Kontext staatlicher Planung für als defizitär erachtete Regionen – eine fulminante Konjunktur erlebte. Auf das Fehlen begriffsgeschichtlicher Studien hat kürzlich Juan Pan-Montojo in seiner Rezension der ersten zehn Bände der Serie „Rural History in Europe“ hingewiesen.[2] Ein begriffsgeschichtlicher Zugang böte auch die Möglichkeit, der Forderung Clemens Zimmermanns nach stärker komparatistischen Ansätzen Rechnung zu tragen.

Mehr Reflexivität in der ländlichen Geschichte wäre nicht nur in zeitlicher, sondern auch in räumlicher Hinsicht von Nöten. Sowohl Clemens Zimmermann als auch Juan Pan-Montojo heben in ihren Betrachtungen des „Jahrbuchs für Geschichte des ländlichen Raumes“ und der Buchreihe „Rural History in Europe“ hervor, dass weite Teile Osteuropas stark unterrepräsentiert oder fast gar nicht vertreten seien. Ein Vierteljahrhundert nach den ‚Wendejahr‘1989 scheint es an der Zeit, die Grenzen der Europäisierung der ländlichen Geschichte zu hinterfragen und zu überwinden.

Konferenzübersicht:

Brigitta Schmidt-Lauber (Universität Wien) / Ernst Langthaler (Institut für Geschichte des ländlichen Raums, St. Pölten), Begrüßung und Einführung

Eröffnungsvortrag:
Clemens Zimmermann (Universität des Saarlandes), Regionen, Netzwerke, Sinngebungen. Der Beitrag des Jahrbuchs für Geschichte des ländlichen Raumes zur Neuen Agrargeschichte

Moderation: Franz Eder (Universität Wien)

Podiumsdiskussion: „Ländliche Geschichte in Wissenschaft und Gesellschaft“
Moderation: Martin Kugler (Universum Magazin, Wien)

Madlen Benthin (Universität Leipzig) / Konrad Köstlin (Universität Wien) / Fridolin Krausmann (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) / Erich Landsteiner (Universität Wien) / Peter Moser (Archiv für Agrargeschichte, Bern)

Anmerkungen:
[1] Madlen Benthin, Rezension von: Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (Hrsg.), Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes, Bde. 2004–2013, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 62 (2014), S. 123–126.
[2] Juan Pan-Montojo, Rural History in Europe, vols. 1–10, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire 21 (2014), S. 150–154.

Zitation
Tagungsbericht: Ländliche Geschichte neu schreiben, 13.11.2014 Wien, in: H-Soz-Kult, 18.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5739>.