HT 2014: Digitalisierung der Geschichtswissenschaften. Gewinner und Verlierer?

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V. (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Torsten Kahlert, Institut für Geschichtswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin

Dass radikale Veränderungen, wie die Digitalisierung einer Disziplin nicht nur Gewinner hervorgebracht haben kann, mag eine Binsenweisheit sein. Versuche, den andauernden Prozess zu erzählen, werden aber dennoch nach wie vor von einseitig erfolgslastigen Narrativen dominiert. Dem Ziel einer differenzierteren Betrachtung der Bilanz von Gewinnern und Verlierer, Nutzen und Potenzialen aber auch von Kosten und ungewollten, negativen Effekten diente die von Rüdiger Hohls (Berlin) und Heiko Weber (Göttingen) organisierte Sektion: „Digitalisierung der Geschichtswissenschaften. Gewinner und Verlierer?“ Während der zweite Teil einer Podiumsdiskussion vorbehalten war, boten die Vorträge des ersten Teils einen Überblick über die mit dem digitalen Wandel verbundenen Veränderungen des institutionellen und diskursiven Geflechts des Publizierens einschließlich der Erschließung und Kommunikation geschichtswissenschaftlicher Forschungsergebnisse.

Während die technische Büroausstattung von Historikern in den 1980er-Jahren, so RÜDIGER HOHLS (Berlin) in seinem Einführungsvortrag, in der Regel aus Telefonen, elektrischen Schreibmaschinen, Fotokopierern und Diktiergeräten (letztere jedoch nur für Professor/innen) bestand, veränderte sich die Arbeitsumgebung zunächst mit der Einführung von PCs und dann nochmals ab Mitte der 1990er-Jahre mit Ausbreitung des Internets radikal. Global, multimedial, interaktiv und synchron wie asynchron vermochte das Internet als Medium anders als seine Vorläufer alle vorherigen Mediensysteme mit ihren Eigenschaften zu vereinen. Nach anfänglich manueller Erstellung von Webseiten entwickelten sich bald datenbankbasierte Content Management-Systeme, die das Eintragen von Daten erleichterten. Durch die Verknüpfung von Daten mit Klassifikationen, Registern oder Wörterbüchern wurde das anfangs noch relativ anarchische Web zunehmend strukturiert und vor allem maschinenlesbar. Diese Entwicklung sei auch als allmähliche Semantisierung beschreibbar, die, so Hohls, keineswegs in ihren Möglichkeiten ausgeschöpft sei. Innerhalb der Wissenschaft habe das Internet Raum für neue Formen der Selbstorganisation geboten. Die frühere Fachkommunikation als Kombination von Fachzeitschriften, Konferenzen, wie beispielsweise dem Historikertag und dem Feuilleton wurde durch das Internet nachhaltig verändert. Während Rezensionen mittlerweile eher im Netz zu finden sind, wofür H-Soz-Kult als wichtigster Akteur im deutschen Sprachraum gesorgt habe, seien im Bereich von Monographien nach wie vor gedruckte bzw. hybride Publikationen der „Goldstandard“.

Aus den Erfahrungen der Arbeit mit H-Soz-Kult skizzierte CLAUDIA PRINZ (Berlin) einige Strukturveränderungen der digitalen historischen Fachinformation und -kommunikation der letzten 20 Jahre. In ihrer Perspektive sind es mehrere parallel oder miteinander verschränkte Veränderungen, die zu beobachten sind. Die wichtigste betreffe das Verhältnis von Produzenten und Rezipienten. Die Möglichkeiten der niedrigschwelligen Verbreitung digitaler Fachinformationen haben Hierarchien aufgebrochen, das Publizieren und Verbreiten erheblich erleichtert und damit alte Kommunikationsräume verändert und vor allem geöffnet, ein Wandel der noch keineswegs abgeschlossen sei. Durch kommerzielle Anbieter, wie beispielsweise google-scholar sind neue Gatekeeper hinzugekommen, die jedoch nicht mit aus der Community sich bildenden fachlichen Kriterien Fachinformation strukturieren, sondern in der Regel technisch vorgehen. Für die Fachcommunity bedeute dies einen Kontrollverlust, da die angewandten Kriterien nicht transparent seien. Zuletzt verwies Prinz noch auf das Spannungsverhältnis von Öffnung der Fachkommunikation in Richtung Internationalisierung, die dem Aufbrechen der Forschung folgte. Kehrseite dieses durchaus wünschenswerten Prozesses, sei ein Kohärenzverlust des Faches, dessen Verwirbelungen durch die Gatekeeper der Fachinformation immer wieder eingeholt werden müsse. Problematisch sei hingegen das weitgehende Fehlen von empirisch belastbaren Daten zum Rezeptionsverhalten, um die analysierten Sachverhalte genauer bestimmen zu können.

Es gebe keine eindeutigen Gewinner und Verlierer, aber durchaus Gewinne und Verluste bei verschiedenen Akteuren, so das Ergebnis von OLAF BLASCHKE (Münster) aus seiner Langzeitbetrachtung der Publikations- und Verlagskultur. Hauptgewinner seien die Leser/innen. In Sachen e-books sei im Bereich der Geschichtswissenschaften hingegen sehr wenig Bewegung erkennbar. Die Verkaufszahlen bewegten sich nach wie vor im homöopathischen Bereich. Der Vorteil der e-books, so Blaschke, löse sich in dem Moment auf, in dem sie nicht mehr kostenlos verfügbar seien. Umgekehrt sei die Reputation von sogenannten p-books sogar noch gestiegen und was wiederum die Relevanz der Bibliotheken erhöht habe. Im Open Access publizierte Monografien hätten schwer damit zu kämpfen, überhaupt eine Rezension zu erhalten. Hier wäre der Autor eindeutig der Verlierer. Nur bei Artikeln sei eine Hinwendung zu Open Access-Publikationen zu beobachten, das die meisten großen Verlage mittlerweile als Geschäftsmodell anbieten. Entgegen der ursprünglichen Idee eines Aufbrechens von Hierarchien durch leichteren Zugang zu Publikationsmöglichkeiten, führe dies zu deren Wiedereintritt über die notwendig zu entrichtende Freischaltgebühr, die sich insbesondere junge Wissenschaftler/innen mit geringerer Vernetzung seltener leisten könnten. Dass Open Access hierbei natürlich open online access meint, sei insofern immer wieder in Erinnerung zu rufen, da prinzipiell jede Bibliothek ihren Benutzern Open Access zu ihrem Bestand anbiete.

Daran schloss JÜRGEN DANYEL (Potsdam) an, der zu Beginn seines Vortrags zu historischen Fachzeitschriften und Nachschlagewerken im Open Access zunächst die alten Feindkonstellationen der Debatte um die Digital Humanities bzw. die digitalen Geschichtswissenschaften als überholt und langweilig des Feldes verweis, aber zugleich anmahnte, die Diskussion um die Digitalisierung zukünftig weniger stark vom Rest der Panels des Historikertags zu trennen. Eine andere Aufspaltung lasse sich auch bei Open Access beobachten. So gerne wir Open Access recherchieren und lesen, so Danyel, publiziert werde, zumindest im Bereich der Monografien, nach wie vor traditionell. Und das vor allem deshalb, weil die Reputation und damit letztlich die Karrieren an diesen Publikationen hingen. Zwei populäre Irrtümer hielten sich hartnäckig im Zusammenhang mit der Praxis des Open Access Publizierens. Zum einen herrsche die Vorstellung vor, die Herstellung von Open Access koste kein Geld. Problem sei hier, dass die Kosten oft versteckter seien als beim gedruckten Buch. Der zweite Irrtum: Open Access sei schneller. Da print und online, open oder restricted access eines Lektorats bedürfen und sich dieses nicht unbegrenzt beschleunigen lasse, unterschieden sich die Publikationsgeschwindigkeiten letztlich gar nicht so viel wie gern angenommen. Viele der neueren Akteure des Publizierens mussten das Handwerk des Publizierens erst mühsam erlernen, was nicht nur Reibungsverluste mit sich gebracht habe, sondern auch einige Akteure auf der Strecke ließ. Das über Jahrhunderte aufgebaute symbolische Kapital der Verlage lasse sich nun einmal nicht innerhalb weniger Jahre aufholen.

Schon in der Einleitung hatte Rüdiger Hohls darauf verwiesen, dass die Bibliotheken noch vor etwa 10 Jahren als Verlierer der Digitalisierung galten, heute aber gestärkt dastünden. Zwar seien die Bibliotheken je nach Typ unterschiedlich von den Folgen der Digitalisierung betroffen, hätten sich aber insgesamt dem Wandlungsprozess erfolgreich gestellt und seien damit von vermeintlichen Verlierern nun mit einer Gewinnbilanz ausgestattet. Diese These bestätigte GREGOR HORSTKEMPER (München) in seinen Überlegungen zum jüngsten Rollenwandel der Bibliotheken. Die frühere apokalyptische Perspektive der Bibliotheken als Verlierer, gelte nur noch für Bibliotheken, die sich nicht anpassten, so die nüchterne Feststellung Gregor Horstkempers. Neuere Trends, wie die stärkere Integration der Bibliotheken in die Forschung, was mit dem etwas missglückten Begriff des „embedded librians“ umschrieben wird, sollen den Funktionsumfang der Bibliotheken zukünftig erweitern. Neue Konkurrenz erwarteten die Bibliotheken eher von privaten Anbietern wie Mendeley, Academia.edu oder Deepdyve, letzterer ein Anbieter bei dem sich Zeitschriftenaufsätze über ein abgestuftes System über bestimmte Zeiträume leihen lassen. Schließlich gehe das Ende des Systems der Sondersammelgebiete auf das Konto der Veränderungen im Zuge der Digitalisierung und werde nun durch die Einführung projektförmiger Förderungen ersetzt. Insbesondere in Bezug auf die Frage der Nachhaltigkeit der in weitaus kürzeren Zeitabschnitten agierenden Projektförderung herrscht noch sehr viel Skepsis. Inwiefern diese berechtigt ist, wird sich noch zeigen müssen.[1]

Die von Heiko Weber (Göttingen) moderierte Podiumsdiskussion, begann mit einer Runde zur Frage, wann DH (sei es nun Digital Humanities oder Digital History) für die Diskutant/innen jeweils begonnen habe.[2] Dass diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet werden kann, bewiesen die Statements von MANFRED THALLER (Köln) und CHARLOTTE SCHUBERT (Leipzig). Für Manfred Thaller besteht das interdisziplinäre Feld seit der Nachkriegszeit. Dass man dieses Feld derzeit Digital Humanities nenne, sei eher zufällig. Für Charlotte Schubert hingegen fällt der Beginn respektive ihr persönlicher Einstieg ins Feld mit dem Start der Programmförderung des BMBF zu den Digital Humanities 2006 zusammen. Auseinander gingen die Kommentare auch hinsichtlich der Frage, wie das Feld näher zu bestimmen sei, das heißt inwiefern es sich um eine Disziplin, eine Hilfswissenschaft, eine Methode oder eine Ansammlung von Werkzeugen handelt. Einigkeit bestand auf jeden Fall darin, dass die Methoden ins Propädeutikum aufgenommen werden müssten, wobei diese Forderung, wie Manfred Thaller ergänzte, bereits zu den „ewigen“ Versprechen gehört und darin, dass die Digital Humanities wieder stärker an das große Fach Geschichte rückgebunden werden sollten, was zuvor bereits Jürgen Danyel betont hatte. Man könne auch statt von einem Fach, von beliebig vielen sprechen und Digital Humanities als Mehrzahl ernst nehmen. Statt Methode seien sie eher Anwendung. Um in den Rang einer Methode gehoben zu werden, fehle ihnen bisher eine kulturkritische Komponente, wie Charlotte Schubert unterstrich.

Implizit einig schienen auch alle Diskutanten, was das analytische Potenzial der Digital Humanities betrifft. Dennoch zeigte sich WOLFGANG SPIKERMANN (Graz) besorgt, dass in der Debatte die Kommunikation so stark im Vordergrund stünde, hingegen die analytische Weiterentwicklung auf der Stelle trete. Jedoch, so Charlotte Schubert, ist hier nur dann eine Weiterentwicklung zu erwarten, wenn wissenschaftliche Fragestellungen am Anfang stünden, nicht aber, wenn es nur um Institutsentwicklung gehe oder um Ressourcen für deren Weiterentwicklung.

Die in den letzten Jahren oft als ultima ratio propagierte Erstellung virtueller Forschungsumgebungen sind nach Manfred Thaller schon wieder demontiert. In Großbritannien gelten die virtual research environments schon nicht mehr als förderungswürdig. Großen Zukunftsversprechungen, ergänzte Charlotte Schubert, stehen eine ganze Reihe von ungeklärten Nachhaltigkeitsproblemen gegenüber. DH-Lehrstühle, so GREGORY CRANE (Leipzig), ziehen oftmals unnötigerweise Studierende und Doktoranden aus klassischen kleinen Fächern ab.

Auch die Notwendigkeit verstärkt Nachwuchs auszubilden, der speziell auf die Schnittstelle von Geschichte und Informatik spezialisiert sei, habe man ebenfalls schon in den 1970er-Jahren angemahnt. Dies sei jedoch in den Geisteswissenschaften bis heute nicht wirklich umgesetzt, wofür aber auch der Mangel an gut bezahlten unbefristeten Stellen verantwortlich gemacht werden müsse, die eine echte Alternative für Informatiker gegenüber gut bezahlten Stellen außerhalb der Akademia bilden könnten. Kurzum: ohne Dauerstellen an den Universitäten gehen diese weiterhin lieber in die Industrie, so Thaller. Damit wäre denn auch der Kontext angerissen, der die Frage des Gewinnens und Verlierens entscheidend mitbestimmt, die Finanzierung von wissenschaftlichem Personal. Ob hierfür bessere Argumente notwendig seien, warum es sich lohne, in das Fach zu investieren, wie Manfred Thaller vermutet, ob die Geschichts- und letztlich auch die Geisteswissenschaften eine den Naturwissenschaften ebenbürtige Vision benötige, scheint mir eine offene Frage, zählt es doch eher zu den Stärken einer kulturkritischen Geisteswissenschaften derartige Visionen zu dekonstruieren.

Die Pointe scheint vorerst darin zu liegen, dass die Digital Humanities durch ihre „ewigen“ Versprechen bisher recht erfolgreich sind, zumindest, was die Einwerbung von Fördermitteln. Vielleicht wird einst das Digitale vor den Humanities nicht mehr notwendig sein, wenn klar ist, dass das eine nicht ohne das andere kann. Eine dauerhafte Trennung erscheint mir jedenfalls keine visionäre Perspektive zu sein.

Sektionsübersicht:

Teil 1:
Rüdiger Hohls (Berlin): Moderation Block 1 und Einführung

Claudia Prinz (Berlin): Tektonik der digitalen historischen Fachkommunikation

Olaf Blaschke (Münster): Publikationskultur – Verlage – Digitalisierung

Jürgen Danyel (Potsdam): Historische Fachzeitschriften und Nachschlagewerke im Open Access

Gregor Horstkemper (München): Rollenwandel im Datenstrom. Bibliotheken zwischen Flexibilisierungsdruck und Nachhaltigkeitsbedarf

Teil 2:
Heiko Weber (Göttingen) und Jörg Wettlaufer (Göttingen): Moderation Block 2 und Podiumsdiskussion zum Thema „Methoden und Paradigmen der Digitalen Geschichtswissenschaften und Digital Humanities”

Gesprächsteilnehmer: Charlotte Schubert (Leipzig), Gregory Crane (Leipzig), Wolfgang Spikermann (Graz), Manfred Thaller (Köln)

Anmerkungen:
[1] Spezifischer wurde dieser Punkt in einem eigenen Panel unter dem Titel: „Von der Literaturversorgung zum Informationsservice. Fachinformationsdienst(e) für die Geschichtswissenschaft“ besprochen.
[2] Die Eingangsstatements waren aus Zeitgründen fallengelassen worden, sind aber nachzulesen im Kommentar des Panel-Mitorganisators Jörg Wettlaufer unter: http://digihum.de/2014/10/digitalisierung-der-geschichtswissenschaften-gewinner-und-verlierer-historikertag/ (04.12.2014)

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Digitalisierung der Geschichtswissenschaften. Gewinner und Verlierer?, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 12.12.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5746>.
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Veröffentlicht am
12.12.2014
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