Herrschaftserzählungen. Wilhelm II. in der Kulturgeschichte

Ort
Freiburg
Veranstalter
Nicolas Detering, Johannes Franzen, Christopher Meid, Graduiertenkolleg „Fiktionales und Faktuales Erzählen“, Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)
Datum
17.07.2014 - 19.07.2014
Von
Simon Sahner/Elisabeth Tilmann, Deutsches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Vom 17.–19. Juli 2014 fand am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) die Tagung „Herrschaftserzählungen. Wilhelm II. in der Kulturgeschichte“ statt. Im Mittelpunkt der von Nicolas Detering, Johannes Franzen und Christopher Meid organisierten und von dem Graduiertenkolleg „Fiktionales und Faktuales Erzählen“ ausgerichteten Konferenz stand die Figur des letzten deutschen Kaisers. Die Tagung ging von dem Befund aus, dass die narrativen Repräsentationen des Monarchen zentral für die politische und kulturelle Landschaft des wilhelminischen Reichs gewesen seien, und fragte aus historischer, literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive nach den verschiedenen Herrschaftserzählungen um Wilhelm II. zwischen systemstabilisierender Legitimation und subversiver Kritik. Im Sprechen über die kontroverse Figur des Kaisers habe sich ein Kampf um die narrative Hegemonie in der wilhelminischen Kultur manifestiert: Narrative und Gegennarrative über den Monarchen hätten Möglichkeiten geboten, sich innerhalb der politischen und kulturellen Sinnstiftungskonkurrenz zu positionieren.

Eröffnet wurde die Tagung von MARTIN KOHLRAUSCH (Leuven), der in seinem Forschungsüberblick die provokante Frage stellte, ob zu Wilhelm II. überhaupt noch etwas Neues geschrieben werden könne. Dabei ging er vor allem auf den Einfluss der großangelegten dreibändigen Biographie des englischen Historikers John Röhl ein, deren erster Band (1993) zu einer Wiederbelebung der wissenschaftlichen Diskussion um die Rolle des Monarchen geführt habe.[1] In der Folge habe sich nicht nur das Quellenspektrum erweitert, sondern Röhls Biographie habe auch innovative kulturwissenschaftliche Perspektiven eröffnet – insbesondere in Bezug auf die Rolle der Medien, der Öffentlichkeit und der materiellen Repräsentationskultur des Kaiserreichs.

Der Vortrag von PHILIPP REDL (Heidelberg) leitete die erste Sektion der Tagung ein (Herrschaftskult und literarischen Skandale), in der die wechselhafte – affirmativ wie kritische – Rezeption des Kaisers während seiner Regierungszeit (1888–1918) in den Blick gerückt wurde. Mit seiner Untersuchung zu Wilhelm-Bildern in der panegyrischen Gelegenheitsdichtung der Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien widmete sich Redl einem bisher kaum beachteten Korpus von Lobgedichten auf Wilhelm II. Ganz weitgehend stammten sie aus der Feder national gesinnter Schullehrer und erfüllten eine didaktische Funktion, da sie bei nationalen Festen zu Kaisers Geburtstag oder am Sedantag verlesen werden konnten. Redl analysierte die formalen Mittel und das rigide Motivinventar der Texte, die besonders die nationale Liedtradition beleihen, während tagesaktuelle Bezüge fast völlig fehlen. Durch die ständige Reproduktion immer gleicher Formeln und Zuschreibungen habe die Kaiserpanegyrik maßgeblich zur Verbreitung eines positiven Herrschaftsbildes beigetragen.

Im Gegensatz zur affirmativen Haltung der bürgerlichen Gelegenheitsdichtung steht die von JOHANNES FRANZEN (Freiburg) in den Fokus gerückte verschlüsselte Kaiserkritik. Am Beispiel der Schrift „Caligula, eine Studie über den Caesarenwahnsinn“ des Historikers Ludwig Quidde, die 1894 einen Skandal auslöste, untersuchte Franzen die Möglichkeiten ‚äsopischen Schreibens‘ aus fiktionstheoretischer Perspektive. Quidde sei es gelungen, durch geschickte Selektion und Andeutung Ähnlichkeiten zwischen dem römischen Kaiser Caligula und Wilhelm II. nahezulegen. Zensur und Strafverfolgung sei er vor allem deswegen entgangen, weil er eine Strategie der faktualen Analogisierung verfolgt habe: Im Gegensatz zur fiktionalen Herrschaftskritik habe er negative Eigenschaften des Monarchen nicht auf eine erfundene, sondern auf eine reale historische ‚Surrogatfigur‘, nämlich Caligula, übertragen. Damit erschwerte er den Vorwurf der Majestätsbeleidigung: Der Historiker Quidde konnte sich stets damit verteidigen, lediglich eine wissenschaftliche Untersuchung über den spätantiken Kaiser vorgelegt zu haben, während seine Kritiker zuallererst selbst die Analogien zwischen Caligula und Wilhelm II. eingestehen und nachweisen mussten, bevor sie Quidde hätten ‚überführen‘ können.

Einem zweiten bedeutenden Literaturskandal des Kaiserreichs widmete sich ACHIM AURNHAMMER (Freiburg) in seinem Vortrag zu Frank Wedekinds lyrischen Parodien auf Kaiser Wilhelm II. Im Mittelpunkt der Analyse stand das Gedicht „Im Heiligen Land“, eine Satire auf die Palästinareise des Kaisers. Sie erschien 1898 im Simplicissimus und führte zur Anklage Wedekinds wegen Majestätsbeleidigung. Aurnhammer befasste sich vor allem mit dem bisher vernachlässigten intertextuellen und intermedialen Anspielungsreichtum des Gedichts, in dem sich ein weitläufiges Netz aus Bezügen zu anderen Gedichten und Karikaturen feststellen lassen. Dieses intermediale wie auch intertextuelle Geflecht verweisen auf weitere kaiserkritische Texte: Durch Rückbezüge auf die Titelblatt-Karikatur der Simplicissimus-Ausgabe verarbeite sie beispielsweise den Barbarossa-Mythos parodistisch, während sich diese Karikatur selbst wiederum auf das Titelblatt der britischen Zeitschrift Punch bezog.

In einem Abendvortrag entwarf PETER SPRENGEL (Berlin) ein umfangreiches Panorama der literarischen Rezeption Wilhelms II. und dessen spannungsreichem Verhältnis zur Kultur der Moderne. Sprengel legte dar, wie die ursprüngliche Hoffnung der Künstler auf kulturellen Fortschritt angesichts der konservativen Kulturpolitik des Kaisers desillusioniert wurde und allmählich einer kritischen Auseinandersetzung weichen musste. Die Figur des Monarchen diente als Ausgangspunkt eines umfassenden literarischen Angriffs auf die gesellschaftlichen Umstände des Kaiserreichs und dessen Repräsentationskultur, die zunehmend als pompös, verstaubt und antimodern wahrgenommen wurde.

Mit einer idiosynkratischen Form der Kaiserkritik beschäftigte sich MARC WURICH (Freiburg), nämlich mit Oskar Panizzas erst posthum bekannt gewordener Schrift „Imperialja“. In seinem von inszenierter oder tatsächlicher Paranoia geprägten Werk entwarf Panizza ein Netz aus Verschwörungstheorien, in dessen Mitte stets der Kaiser selbst steht. Wurich skizzierte den Lebensweg des von psychischen Problemen geplagten Autors, der 1905 entmündigt wurde und den Rest seines Lebens in Heilanstalten verbrachte. Vor dem Hintergrund der Autorbiographie stellte Wurich die theoretische Frage nach dem Fiktionsstatus der Schrift: Wenn Panizza in seinem Verfolgungswahn die erzählte Pseudorealität „Imperialjas“ geglaubt habe, müsse man mit der neueren Erzähltheorie von einem faktualen ‚Geltungsanspruch‘ ausgehen. Dispensiere man hingegen die Autorintention als Kriterium, lasse sich der Text, in dem Wilhelm II. als Drahtzieher aller Weltverbrechen dargestellt wird, als vielschichtiges Spiel mit Herrschaftskritik und Wahnsinn, mit Wahrheit und Fiktion verstehen.

Den Abschluss der ersten Sektion bildete der Vortrag von NICOLAS DETERING (Freiburg), der sich einer ‚metonymischen‘ Form literarischer Herrschaftsverhandlung widmete, nämlich der literarischen Exegese und Parodie von beliebten Aussprüchen Wilhelms II. Während dessen überladene Reden oft kritisiert und verspottet wurden, fand das bündige ‚Kaiserwort‘ weitgehend zustimmende Verbreitung durch Anthologien, auf Bildpostkarten und in populären Liedern. Besonders nach Kriegsausbruch 1914 verwendeten patriotische Schriften das Wilhelm-Zitat als diskursives Erkennungszeichen, das Kaisertreue und ideologische Zugehörigkeit signalisierte. Dagegen variierte die literarische Herrschaftskritik (Ludwig Thoma, Heinrich Mann) die Kaiserworte nicht nur, um Wilhelms ‚persönliches Regiment‘ aufs Korn zu nehmen, sondern auch, um die topisierte Sprache jener Untertanen bloßzustellen, die bei jeder Gelegenheit ein geflügeltes Wort des Kaisers zitierten.

Die zweite Sektion der Tagung stand unter dem Motto Wilhelm als Kriegsherr: Der Erste Weltkrieg. Eingeleitet wurde sie von JÖRN LEONHARD (Freiburg), der den schleichenden Bedeutungs- und Prestigeverlust des ‚Medienkaisers‘ Wilhelms II. während des Ersten Weltkriegs untersuchte. Leonhard legte dar, wie Wilhelm II. zwischen 1914 und 1918 zunehmend ins politische Abseits geriet. Insbesondere sein ungeschickter Umgang mit den Medien und seine unglücklichen öffentlichen Auftritte, aber auch der gleichzeitige Aufstieg Ludendorffs und Hindenburgs zu nationalen Vertrauensfiguren, drängten den Kaiser in den Hintergrund. Am Bedeutungsverlust des Monarchen zeige sich eine grundlegende Glaubwürdigkeitskrise in allen Bereichen der Gesellschaft.

Mit dem Bild des Kaisers im Weltkrieg befasste sich auch WERNER FRICK (Freiburg). Im Fokus seines Vortrags stand die Rezeption des Monarchen in der populären Kriegslyrik. Inhalt, Form und Funktion dieser Texte seien darauf ausgerichtet, Wilhelm II. als Kriegsherr zu idealisieren. Diese Strategien wurden anhand zahlreicher Beispiele aus Analogien wie „Der Kaiser im Felde“ und „Jeder Stoß ein Franzos!“ analysiert. Ähnlich wie die Panegyrik der 1890er-Jahre zeigte sich auch an den Kriegsgedichten eine starke Tendenz zur Rhetorisierung und Konventionalität – eine formale Institutionalisierung, welche für die affirmativen Herrschaftserzählungen im Kaiserreich charakteristisch war.

Zwei abschließende Vorträge zu US-amerikanischen Jazzsongs und russischen Bilderbögen erweiterten das Spektrum um internationale und intermediale Perspektiven auf Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg: Die von TOBIAS WIDMAIER (Saarbrücken/Freiburg) vorgestellten Repräsentationen in amerikanischen Songs während des Krieges zeigen zwar, was ihre propagandistische Vereinfachung angeht, durchaus Ähnlichkeiten mit der heroisierenden deutschen Kriegslyrik, unterscheiden sich aber in ihrer politischen Stoßrichtung: Der Monarch wird hier als Monster dargestellt. Widmaier legte dar, wie sich die US-amerikanische Musikindustrie, angeleitet von einer strategisch denkenden Kulturpolitik des Commitee on Public Information, in den Dienst des Krieges stellte. Mit dem Kriegseintritt der USA 1917 sei die Anzahl der Songs, die den Kampf gegen Deutschland thematisieren, stark angestiegen. Dabei wurde vor allem Wilhelm II. als Feind inszeniert, weniger das deutsche Volk an sich. Das von Widmaier vorgestellte Korpus illustrierte, welche Bedeutung dem Kaiser als Repräsentationsfigur zukam, nicht nur für seine Anhänger und innenpolitischen Gegner, sondern auch für die Entente und die USA.

An Widmaiers Beobachtungen zur propagandistischen Funktion der Kaiserfigur knüpfte MARTIN HINZE (Freiburg) an. Sein Vortrag zu russischen Volksbilderbögen, den Lubok, schloss die zweite Sektion ab. Hinze zeigte, wie die russischen Volksbilderbögen im Ersten Weltkrieg eine neue Blüte als Propagandamaterial erfuhren. In den bewusst volkstümlichen Darstellungen der Lubok wurden alte russische Mythen und bekannte Geschichten im tagespolitischen Kontext aktualisiert, um das Identifikationspotential der traditionsreichen Form in politische Breitenwirkung umzusetzen.

Zu Beginn der dritten Sektion Erinnerung und Historisierung nach 1918 widmete sich SONIA GOLDBLUM (Mulhouse) dem Bild Wilhelms II. in der jüdischen Presse des Kaiserreichs. Anhand ausgewählter Periodika stellte Goldblum das ambivalente Verhältnis von jüdischem Bürgertum und Monarch in seiner Entwicklung dar. Der junge Kaiser wurde zunächst an der liberalen Politik Friedrichs III. gemessen worden. Die Hoffnung, Wilhelm II. durch implizite Mahnungen auf die philosemitische Agenda seines Vaters zu verpflichten, wurde allerdings enttäuscht, worauf die Einstellung der jüdischen Presse zu Wilhelm zunehmend von Misstrauen und Desillusionierung geprägt war. Oft wurde Kritik ausgerechnet in den Lobreden zum Kaisergeburtstag versteckt. Verschlimmert wurde das Verhältnis durch Wilhelms ambivalente Beziehung zu dem antisemitischen Hofprediger Adolf Stoecker. Insgesamt sei daher, so Goldblum, der Versuch der Blätter gescheitert, den Kaiser zum Sprachrohr des deutschen Judentums zu machen und sich mittels einer strategischen ‚Herrschaftserzählung‘ das politische Potential der Kaiserfigur anzueignen.

PHILIPP STIASNY (Heidelberg) befasste sich mit dem Fall des amerikanischen Films „Kaiser Wilhelms Glück und Ende“, der 1919 wegen seiner Darstellung des Monarchen zu einem Politikum wurde. Bis 1918 sei Wilhelm „Herr über sein eigenes Leinwandbild“ gewesen und auch aus dem Exil habe er durch das Verbot der Darstellung seiner Person auf deutschen Bühnen Einfluss genommen. Stiasny analysierte anhand von fragmentarischem Filmmaterial, das bisher als verschollen galt und auf der Tagung erstmals seit 1919 vorgeführt wurde, die Diskreditierungsstrategien des Films, dessen Skandalon vor allem in der Nebeneinanderstellung von realen und fiktionalen Aufnahmen bestand.

CHRISTOPHER MEID (Freiburg) setzte sich mit den autobiographischen Schriften Wilhelms II. und ihrem publizistischen Echo auseinander. Fast alle Schriften Wilhelms dienten der nachträglichen Legitimation seiner Herrschaft. Seine Autobiographie bewirkte jedoch das Gegenteil und unterstützte ungewollt die Positionen seiner Gegner. Meid untersuchte Wilhelms Rechtfertigungsnarrativ in seinen Kontexten und ging dabei sowohl auf die Entstehungsbedingungen als auch auf die Textstrategien der autobiographischen Schriften ein. Inhaltlich sei die Biographie von völkisch-konservativen, simplifizierenden Argumentationsmustern geprägt, die Wilhelms politische Gegner diskreditieren sollten und ihn selbst als Volkskaiser verklärten.

GESA VON ESSEN (Freiburg) analysierte die Darstellung des Kaisers in Heinrich Manns Kaiserreich-Trilogie – insbesondere anhand des bislang wenig beachteten „Auftritt Wilhelm Imperator Rex“ im dritten Teil „Der Kopf“ (1925). Die drei Romane intendierten eine sinnbildliche Spiegelung von Zeitalter und Monarch und verknüpften fiktionale und faktuale Elemente. Im thematischen Zentrum von „Der Kopf“ stehe die Erosion von politischer Autorität. Wilhelm erscheine hier als Regisseur seiner eigenen Macht. Obwohl der Figur des Kaisers in der Gesamtkonzeption der Trilogie eher die Funktion eines Komparsen zukomme, könne vor allem sein persönlicher Auftritt in der Salonszene als Brennglas der anti-wilhelminischen Gesellschaftskritik gelesen werden. In der Figur des Monarchen verdichtet sich demnach die nachträgliche Kritik an den kulturellen und politischen Pathologien des untergegangenen Kaiserreichs.

Ähnlichen Mechanismen der retrospektiven Gesellschaftsanalyse widmete sich BARBARA BESSLICH (Heidelberg) in ihrem Vortrag zu Carl Sternheims Roman „Libussa“ (1922), geschrieben aus der Perspektive des Lieblingspferdes Wilhelms II. Die Komik des Romans beruht darauf, dass die in Kaiserliebe entbrannte Stute noch das eklatanteste Fehlverhalten ihres Herrn umständlich zu exkulpieren versucht. Die Figur des Pferdes, die unter Verweis auf das kaiserliche Gottesgnadentum Wilhelms Regierungsstil zu rechtfertigen versucht, erweist sich als effektives Vehikel einer satirischen Kritik des Wilhelminismus. Der Text greift parodistisch auf Tonlage und Struktur zahlreicher Memoiren der alten politischen Akteure zurück, die bezweckten, ihre eigene Rolle und die Rolle des Monarchen in ein vorteilhaftes Licht zu rücken. Insofern erweist sich Sternheims Herrschaftserzählung als literarischer Eingriff in den Deutungskampf, der um die Figur Wilhelms II. auch nach seiner Regierungszeit ausgefochten wurde.

Abgeschlossen wurde die die Tagung von JULIA ILGNER (Freiburg), die Reinhold Schneiders Schrift „Die Hohenzollern. Tragik und Königtum“ untersuchte. Ilgner skizzierte zunächst Schneiders enges Verhältnis zu den Hohenzollern und seine ambivalente Beziehung zu Wilhelm II. Schneider beschrieb chronologisch 300 Jahre Hohenzollern-Herrschaft und arbeitete stark selektiv. Nach Maßgabe seines von der Romantik geprägten Geschichtsbildes idealisierte Schneider die Hohenzollern zwar. Trotz seiner konservativen Einstellung habe sich der Autor aber nicht für die Zwecke der Mystifizierung des Monarchen instrumentalisieren lassen.

Die Freiburger Tagung zeigte, in wie hohem Maße Wilhelm II. zum Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Kaiserreich wurde. Der Kaiser dient, so wurde deutlich, als Schlüsselfigur in den unterschiedlichen Diskursen zwischen Regierungsantritt und Weimarer Republik.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Herrschaftskult und literarische Skandale (1888–1918)

Martin Kohlrausch (Leuven), Zu Wilhelm II. noch etwas Neues? Tendenzen der Forschung der letzten zwei Jahrzehnte

Philipp Redl (Heidelberg), Wilhelm-Bilder in Panegyrik und Gelegenheitsdichtung 1888–1914

Johannes Franzen (Freiburg), Der Caligula-Skandal (1894) und die verschlüsselte Herrschaftskritik im Kaiserreich

Achim Aurnhammer (Freiburg), Frank Wedekinds lyrische Parodien auf Kaiser Wilhelm II.

Peter Sprengel (Berlin), Zerrbild, Sinnbild, Wunschbild: Kaiser Wilhelm II. im Blick der literarischen Moderne

Marc Wurich (Freiburg), Vom Kaiser verfolgt. Der literarisierte Wahn in Oskar Panizzas Imperjalja (1901–1904)

Nicolas Detering (Freiburg), Kaiserworte. Verbreitung, Inszenierung und Parodie von Aussprüchen Wilhelms II.

Sektion II: Wilhelm als Kriegsherr: Der Erste Weltkrieg

Jörn Leonhard (Freiburg), Ein Medienkaiser im Schatten: Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg

Werner Frick (Freiburg), „Der Kaiser im Schützengraben“: Wilhelm II. und die Literatur zum Ersten Weltkrieg

Tobias Widmaier (Saarbrücken/Freiburg), „Can the Kaiser“. Das Bild Wilhelms II. in amerikanischen Songs 1917/18

Martin Hinze (Freiburg), „Der Teufel Wilhelm und der deutsche Krieg“ – Wilhelm II. im russischen Volksbilderbogen 1914-1915

Sektion III: Erinnerung und Historisierung seit 1918

Sonia Goldblum (Mulhouse), Kaiserbilder. Blicke aus der jüdischen Presse auf Wilhelm II.

Philipp Stiasny (Heidelberg/Berlin), Der Kaiser auf der Leinwand (oder auch nicht)

Christopher Meid (Oxford), Selbstrechtfertigung und Verdammung. Die autobiographischen Schriften Wilhelms II. und ihr publizistisches Echo

Gesa von Essen (Freiburg), „Auftritt Wilhelm Imperator Rex“: (Zerr-)Bilder der Majestät in Heinrich Manns Kaiserreich-Trilogie

Barbara Beßlich (Heidelberg), Kaiserliche Rösser. Carl Sternheims „Libussa“ (1922) und Felix Saltens „Florian“ (1933)

Julia Ilgner (Freiburg), (Un)politische Betrachtungen. Reinhold Schneiders Hohenzollernbild zwischen Fakt und Fiktion

Anmerkung:
[1] Vgl.: John Röhl, Wilhelm II. 3 Bände, München 1993–2008.

Zitation
Tagungsbericht: Herrschaftserzählungen. Wilhelm II. in der Kulturgeschichte, 17.07.2014 – 19.07.2014 Freiburg, in: H-Soz-Kult, 09.01.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5761>.