Nach dem Konstruktivismus? Aktuelle Strategien der Kontextualisierung in der Neuen Ideengeschichte

Ort
Tübingen
Veranstalter
Peter Tietze / Stefan Wannenwetsch, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen
Datum
01.10.2014 - 02.10.2014
Von
Daniel Rothenburg, Fachbereich Geschichtswissenschaft, Eberhard Karls Universität Tübingen

Grundlegend für die Neue Ideengeschichte/Intellectual History ist die Prämisse, dass erst der Kontext den Text konstituiert. In den Kulturwissenschaften finden sich daher eine große Zahl verschiedener Strategien, um die „komplexe Wechselwirkung zwischen sozialen Situationen, materiellen Bedingungen, lebensweltlichen Konstellationen einerseits und generalisierungsfähigen und generalisierten Gedankensystemen, Diskursen oder Denkgebäuden“[1] andererseits darzustellen. In jüngster Zeit ist indes eine Hinwendung zu einem „Post-Konstruktivismus“ erkennbar, wie er etwa von Bruno Latour mit seiner Akteur-Netzwerk-Theorie vertreten wird, der fordert, Kontextualisierung müsse über die Sprache und den Text hinausgehen und auch nichtmenschliche Akteure mit einbeziehen.[2] Folgt man diesem „material turn“, so erscheint die Unterscheidung von ideeller und materieller Welt obsolet, was auch die Frage nach den „Strategien der Kontextualisierung“ innerhalb der Ideengeschichte aus einem neuen Blickwinkel thematisch werden lässt, wenn nicht sogar die „Kontextualisierung“ durch die Kategorie des Netzwerks grundsätzlich in Zweifel gezogen wird.

Der Workshop „Nach dem Konstruktivismus? Aktuelle Strategien der Kontextualisierung in der Neuen Ideengeschichte“, der am 1.-2. Oktober 2014 von Peter Tietze und Stefan Wannenwetsch am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Tübingen veranstaltet wurde, stellte das Problem der Kontextualisierung und die daran gekoppelten Zweifel an der Tragfähigkeit des Konstruktivismus daher gleich in den Titel und den Mittelpunkt des Interesses.

Dieses Interesse war dreifach: Die erste Sektion des Workshops beschäftigte sich mit neuen ideengeschichtlichen Theoriebildungen vor dem Hintergrund der problematisch gewordenen Kopplung von Kontextualisierung und Konstruktivismus. Die zweite Sektion nahm die Frage in den Blick, wie der „Materialität“ von Ideen theoretisch Rechnung getragen werden kann. Schließlich war die letzte Sektion der Aneignung und Anwendung von Theorieangeboten im Sinne eines ideengeschichtlichen Werkzeugkastens gewidmet.

Die Veranstalter eröffneten den Workshop mit einem historischen Rückblick auf die Entwicklung der Ideengeschichte. Aus einer sich als Geistesgeschichte verstehenden Disziplin, welche die „Herrschaft des Geistes über die Wirklichkeit“ (E. Cassirer) postulierte[3], über deren Scheitern nicht nur an der Erfahrung des Nationalsozialismus, sondern auch an ihrer Unfähigkeit, politischen Machtverhältnissen und Mythen entschieden kritisch gegenüber zu treten, entstand eine erneuerte Ideengeschichte, die ihre Gegenstände nicht mehr als überzeitliche Entitäten auffasste. Heute stelle sich nun die Frage, ob wir es mit einem epistemologischen Bruch zu tun haben, der ein Ende der Herrschaft des Konstruktivismus bereiten könnte.

HELGE JORDHEIM (Oslo) gab sich in seiner Keynote als „abtrünnigen Kontextualisten“ zu erkennen, wenn er in seinem Vortrag dem Unbehagen Ausdruck gab, dass die Einbeziehung des Kontexts zu einer Binsenweisheit geworden sei: Ein zur Selbstverständlichkeit gewordener „Kontextualismus“ rufe geradezu nach einer Kritik. Möglicherweise, so Jordheim, liege das Problem in der Auffassung von „Kon“-Text als „Cum“-Text: Dadurch grenze man Text und Kontext so voneinander ab, dass sie in einem Verhältnis von interpretans und interpretandum hierarchisiert würden. Es bleibe aber unklar, wie Text und Kontext auseinanderzuhalten seien, außer man greife auf das klassische Primat des „Höhenkammtextes“ zurück. Jordheim skizzierte daher mit Blick auf die Etymologie von contexere im Sinne von „weben“ einen alternativen Ansatz zur Bestimmung des Verhältnisses von Text und Kontext: Diese stünden in keinem hierarchischen Verhältnis, sondern in einem wechselseitigen Verflechtungsprozess, wobei die Frage, wer denn hier webe, vorerst offen bleiben müsse.

BENEDIKT BRUNNER (Münster) fragte in seinem Vortrag nach möglichen Verbindungen semantischer und praxeologischer Strategien der Kontextualisierung. Sein „Theorie-Mix“, mit dem er im Rahmen seines Dissertationsprojektes die Persistenz, Veränderungen und strategische Verwendung des Konzepts der „Volkskirche“ in der Evangelischen Kirche im „Zeitalter der Extreme“ untersucht, bedient sich eines „weiten“ Praxisbegriffs, der sowohl intellektuelle als auch habituelle Praktiken einschließt. Für das Konzept der „Volkskirche“ seien auch gerade die habituellen Amtshandlungen als zentrale Elemente zu verstehen, die handlungsleitend und damit an seiner Durchsetzung beteiligt gewesen seien.

TIMOTHY GOERING (Bochum) konstatierte in seinem Vortrag ein „ideengeschichtliches Revival“, aller Unkenrufe der „no-nonsense-Historiker“ zum Trotz. Goering plädierte zwar für einen „methodischen Konstruktivismus“ als sicheres Fundament der Ideengeschichte, forderte aber zugleich eine Erweiterung ihres Instrumentariums. Der aus der analytischen Philosophie entlehnte Begriff „Handlungsgründe“ sei neben die bereits etablierten Analysebegriffe zu stellen, um die traditionellen wissenssoziologischen Kontextualisierungsstrategien zu ergänzen. Denn ein Handlungsgrund sei ein in einem Begründungskontext gegebener „deontischer Zwang“, der als solcher handlungsleitend wirke. Eine „Ideengeschichte der Handlungsgründe“ reflektiere somit darauf, dass verschiedene Kontexte auch verschiedene Begründungspraktiken bedingen und Ideen mithin als Rechtfertigung für die Herstellung oder Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen dienen können.

Die zweite Sektion, welche die Materialität der Ideen in den Blick nahm, eröffnete HUBERT KNOBLAUCH (Berlin). Er argumentierte in seiner Keynote, der prophezeite „Tod des Sozialkonstruktivismus“ sei eine Chimäre. Latours Kritik, dass ‚der‘ Konstruktivismus keinen Blick für Dinge und nichtmenschliche Akteure habe[4], sei das Resultat eines Missverständnisses, das Knoblauch mit dem Versuch einer Geschichte des Begriffs „Sozialkonstruktivismus“ auszuräumen suchte. Mittels der Unterscheidung zwischen „Radikalem Konstruktivismus“, welcher die Mechanismen zur Konstruktion der Wirklichkeit beim Individuum verorte und „Sozialem Konstruktivismus“, der Wirklichkeit als Ergebnis intersubjektiver Aushandlungen zwischen Subjekten ansehe, attestierte er Latour, den ersten für ‚den‘ Konstruktivismus schlechthin zu nehmen und den letzten zu ignorieren; ein Missverständnis, das von Postkonstruktivisten an die Wissenssoziologie herangetragen werde.

DANIELA ZETTI (Zürich) ging in ihrem Vortrag von der Beobachtung aus, dass Medien grundsätzlich „selbstreflektiv“ seien, und fragte nach den möglichen theoretischen und methodologischen Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft. Neuere Ansätze wie etwa L. Gitelmans Verhandlung von Medien als historische Subjekte stellen demzufolge eine Herausforderung des üblichen konstruktivistischen Selbstverständnisses der Mediengeschichte dar. Die Geschichte der Medien werde nicht aus einer unabhängigen Beobachterperspektive ‚konstruiert‘, sondern im Gegenteil: „the critic is […] always already being ‚done‘ by the media she studies.“ (L. Gitelman)[5] Dieser verabsolutierten Position des Mediums stellte Zetti das von J.T. Caldwell entwickelte Konzept der „televisuality“ zur Seite.[6] Medien wie das Fernsehen demonstrieren demnach ihre „Gemachtheit“ und eröffnen damit den Blick auf Sprecher und Produzenten. Zetti machte somit darauf aufmerksam, dass die Selbstreflektivität der Medien es nicht ausschließt, dass ihre „Macher“ und ihre Historiographen sie in je konkret zu bestimmendem Maße reflektiert beobachten und formen können.

CLAUDIA ZILK (Tübingen/Marbach) zeigte anhand ihres Dissertationsprojekts zur „edition suhrkamp“, wie das Materielle zugleich ein intellektuelles Ordnungsmuster darstellt. Denn ausgehend vom Konzept des „Paratexts“ (G. Genette) kann das Design dieser Taschenbuchreihe als einheitsstiftender Faktor gelesen werden.[7] Dieses vermöge unter den selbstständig erscheinenden Texten Bezüge herzustellen, die sie in einen sinnhaften Gesamtzusammenhang integrieren. Zilk argumentierte, dass die Wirkung der für ihren kulturkritischen Anspruch bekannten Reihe ohne die Hinzunahme ihres Designs, des „Regenbogens“, nicht begriffen werden könne. Schließlich rufe das wechselseitige Bedingungsverhältnis von Text und Reihendesign weitere Fragen hervor, etwa, ob der kritische Anspruch der Reihe nicht durch ihren Status als „Designobjekt“ wieder subvertiert werde.

CHRISTIAN STADERMANN (Tübingen) unternahm zum Auftakt der dritten Sektion den Versuch, den für die Neuzeit entwickelten methodischen Zugriff des Contextualism auf ein Thema aus der Geschichte des Frühmittelalters anzuwenden. Könne noch sinnvoll von intertextuellen Bezügen gesprochen werden, wenn große zeitliche und geographische Räume zwischen den Quellen liegen? Und könne der Ansatz auf nicht primär textuelle Quellen wie etwa Münzen ausgedehnt werden? Mit Quentin Skinners Methode versuchte er[8], die Absichten des Chronisten Fredegar aus dessen diskursivem Kontext zu rekonstruieren, wobei er drei Schritte vornahm: die Datierung auf den Zeitraum zwischen 662 und 668, die soziokulturelle und institutionelle Verortung des Sprechers sowie die Rekonstruktion des politischen Kontexts. Die umstrittene Chronik sei, so eine These, als säkulare politische Legimitation aufzufassen.

ALEXANDER JORDAN (Florenz) stellte sein Dissertationsprojekt über den Einfluss Thomas Carlyles auf die englischen Chartisten und die Anfänge der Labour-Partei vor. Jordan diskutierte zunächst verschiedene Theorieangebote und wog sie gegeneinander ab. Er argumentierte schließlich, geleitet vom Ansatz der Cambridge School, dass die Rezeption Carlyles nicht nur zur Formierung eines Klassenbewusstseins der englischen Arbeiter beigetragen habe, sondern auch dazu führte, dass die Chartisten sich von rein politischen Forderungen wie dem allgemeinen Wahlrecht zu sozialen und wirtschaftlichen Zielsetzungen bewegt hätten. Carlyles Schriften hätten sowohl auf Intellektuelle und Journalisten, als auch auf Arbeiter Einfluss ausgeübt, nicht aber seine anti-demokratischen Impulse.

MATTHÄUS WEHOWSKI (Tübingen) thematisierte in seinem Vortrag einen Teilbereich seiner Masterarbeit, in dem er die Rolle von Massenmedien im Ost-West-Konflikt bei der Verbreitung politischer Ideen analysierte. Hierbei habe die Satellitentechnik eine Schlüsselrolle gespielt, da sie Teil des Modernisierungswettlaufs zwischen Ost und West gewesen sei. Denn die um die Geschlossenheit ihres Kommunikationsraumes bemühten RGW-Staaten fanden sich demzufolge in der Zwangslage wieder, dass sie die technische Entwicklung nicht verhindern konnten und wollten, gleichzeitig aber nicht über die Mittel verfügten, den Wettlauf um die „Suggestivität der Bilder“ in ihrem Sinne zu gestalten. Der vormals nahezu geschlossene Kommunikationsraum des Ostblocks sei dadurch durchlässig geworden.

JULIA ANGSTER (Mannheim) beschloss mit ihrer Keynote den Workshop. Ihr Plädoyer für einen als „fröhliches Raubrittertum“ verstandenen Methodenpluralismus mit „Freude an der Kontingenz“ war der Frage gewidmet, wie in der Geschichtswissenschaft der Schritt von Theorie zu methodischer Umsetzung gemacht werden könne. Angster ging von der Beobachtung aus, dass in der historiographischen Praxis aus theoretischen Vorannahmen ein Erkenntnisinteresse gebildet werde, das dann wiederum eine Präzisierung der theoretischen Vorannahmen erfordert. Der häufig beobachtbare Pluralismus der Theorieansätze sei somit ein Mittel, die verschiedenen Facetten eines Gegenstandes aufzuzeigen. Ein Narrativ sei stets das Produkt theoretischer Anstrengungen, die mitreflektiert werden müssten. Das heuristische Modell für eine Ideengeschichte, die sich dieses „reflektierten Pluralismus“ bediene, sei die Annahme, dass Ideen Erfahrungen prägten und wiederum Erfahrungen Ideen veränderten. Doch diese Heuristik in einen „Ansatz“ zu transformieren, hieße ihn selbst zu erfinden; die Lücke müsse immer wieder aufs Neue geschlossen werden.

Die Abschlussdiskussion leitete Peter Tietze durch ein Resümee der verschiedenen Beiträge ein. Angesichts der in den Vorträgen in verschiedenster Hinsicht zum Ausdruck gebrachten Beobachtung, dass sowohl der konstruktivistische Grundkonsens als auch die eng damit verbundenen Kontextualisierungsstrategien der Ideengeschichte vor neuen Herausforderungen stehen, rückte die Thematisierung und Problematisierung der diachronen wie synchronen „Widerständigkeit“ von Ideen bzw. ideellen Konstruktionen verstärkt in den Blick. Auch im Bewusstsein der Vernetzungen und Verflechtungen erweisen sich somit ideengeschichtliche Gegenstände als irreduzibel in ihrer eigenen Zeitlichkeit und Logik.

Konferenzübersicht:

Peter Tietze / Stefan Wannenwetsch (beide Tübingen), Begrüßung und Einführung

Sektion I: Entwicklung ideengeschichtlicher Theoriebildungen

Helge Jordheim (Oslo), Keynote: Contexere heißt weben: Ideengeschichte im (ausklingenden) Zeitalter der Kontextualisierung

Benedikt Brunner (Münster), Die neuen Kontexte religiösen Wissens im Zeitalter der Extreme

Timothy Goering (Bochum), Handlungen und Gründe. Ideengeschichte jenseits des Konstruktivismus

Sektion II: Does matter matter? Zur Materialität der Ideen

Hubert Knoblauch (Berlin), Keynote: Der Scheintod des Sozialkonstruktivismus

Daniela Zetti (Zürich), Die Selbstreflektivität der Medien. Ansätze zwischen Medienforschung und Geschichtswissenschaft

Claudia Zilk (Tübingen/Marbach), Judging a book by its cover

Sektion III: Anwendung und Aneignung ideengeschichtlicher Methoden

Christian Stadermann (Tübingen), Hausmeier Ebroin, Kaiser Konstans II. und die Legitimation merowingischer Herrschaft in Gallien im 7. Jahrhundert

Alexander Jordan (Florenz), Die Saint-Simonisten, Thomas Carlyle und die intellektuellen Ursprünge der Labour-Partei

Matthäus Wehowski (Tübingen), „A transnational European Communication Space?“ – Satellitentechnik und der Wettkampf der Ideen im Kalten Krieg der 1970er-Jahre

Julia Angster (Mannheim), Keynote: Methodenpluralismus als ‚Werkzeugkasten‘: Zur Gratwanderung zwischen theoretischer Konsistenz und historischem Gegenstand

Anmerkungen:
[1] Lutz Raphael, "Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit": Bemerkungen zur Bilanz eines DFG-Schwerpunktprogramms, in: ders./Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.), Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, München 2006, S. 11-27, hier S. 12.
[2] Vgl. beispielsweise Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft, Frankfurt am Main 2000, sowie ders., Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt am Main 2001, S. 285-331.
[3] Ernst Cassirer, Gesammelte Werke. Hrsg. von Birgit Recki. Teil 17: Aufsätze und kleine Schriften (1927-1931). Text u. Anm. bearb. von Tobias Berben, Hamburg 2004, S. 207-219, hier S. 219.
[4] Vgl. Hubert Knoblauch, Wissenssoziologie, 3., überarb. Aufl. Konstanz 2014, S. 251.
[5] Lisa Gitelman, Always already new. Media, History and the Data of Culture, Cambridge, MA 2006, S. xi.
[6] John Thornton Caldwell, Televisuality. Style, Crisis and Authority in American Television, New Brunswick 1995.
[7] Gérard Genette, Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, Frankfurt am Main 1989.
[8] Quentin Skinner, Visionen des Politischen, Frankfurt am Main 2009.

Zitation
Tagungsbericht: Nach dem Konstruktivismus? Aktuelle Strategien der Kontextualisierung in der Neuen Ideengeschichte, 01.10.2014 – 02.10.2014 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 10.01.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5762>.