Archäologie und Krieg. Ein neues Arbeitsfeld

Ort
Trier
Veranstalter
Svend Hansen, Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts; Christian Jansen, Neuere Geschichte, Universität Trier; Friedrich-Ebert-Stiftung
Datum
05.11.2014 - 07.11.2014
Von
Svend Hansen, Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts; Christian Jansen, Neuere Geschichte, Universität Trier; Martijn Eickhoff, Radboud Universiteit Nijmegen/NIOD Amsterdam

2014 gedachten wir nicht nur der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, die vor 75 bzw. 100 Jahren begannen. Leider sind auch aktuell die Nachrichten voll von Kriegen in der ganzen Welt, ja sogar wieder in Europa. Viele reiben sich verwundert die Augen, weil sie Krieg als Mittel der Politik nicht mehr für möglich, geschweige denn für akzeptabel hielten.

Die Tagung war schon lange geplant, bevor sie durch die Ereignisse in der Ukraine eine ungeahnte Aktualität erhielt. Thematisiert werden sollte das Thema Archäologie und Krieg in dreifacher Weise. Erstens sollte die Archäologie des Krieges thematisiert werden, nämlich wie heute die Dokumentation von neuzeitlichen Schlachtfeldern, Stellungen, Lagern, aber auch von Massengräbern zur Aufgabe der Archäologie geworden ist. Zweitens sollte die Rolle der Archäologen im Krieg thematisiert werden, als Bewahrer der Kulturgüter oder als ihre Vernichter. Wo wird der Archäologe aktiv bei der Plünderung von Museen und Zerstörung des historischen Erbes besetzter Gebiete sowie der Neubewertung der Geschichte besetzter Gebiete durch Ausgrabungen? Schließlich sollten diese Fragen eingeordnet werden in das rasant wachsende Interesse in der Archäologie am Krieg auch in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Die Tagung ist Teil der forschungsgeschichtlichen Studien im Deutschen Archäologischen Institut. Veranstaltet wurde sie von Christian Jansen (Trier) und Svend Hansen (Berlin) in Verbindung mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, die das Karl-Marx-Haus als Tagungsort in Trier zur Verfügung stellte.

Die Tagung wurde von ELISABETH NEU (Trier) als Hausherrin eröffnet, die die Beiträge von Karl Marx für die Geschichte und Philosophie der Antike würdigte sowie seine weitgespannten Interessen an der Archäologie, Ethnologie und zuletzt der Geologie unterstrich. In einer gut besuchten öffentlichen Auftaktveranstaltung erläuterten HARALD MELLER (Halle) und HEIDRUN DERKS (Kalkriese), wie der Krieg im Museum präsentiert werden kann. Harald Meller, der eine Ausstellung über den Krieg in Halle konzipiert, gab einen fulminanten Überblick über aktuelle Forschungen zum Thema, wobei die Schlachtfeldarchäologie in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg spektakuläre Neufunde gemacht und mit modernsten Methoden – nicht der Radiocarbon-Datierung, sondern auch mit DNA-Analysen und anderen archäobiologischen Verfahren – untersucht hat. Während im mecklenburgischen Tollensetal ein bronzezeitliches Schlachtfeld gefunden worden zu sein scheint, hat das Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt den Ort der Schlacht von Lützen im November 1632 zwischen schwedischen und kaiserlichen Truppen minutiös untersucht. Es gelang nicht nur, den Ort zu lokalisieren, an dem der schwedische König Gustav Adolf getötet wurde, die Auswertung der Munitionsfunde erlaubt es auch, zeitgenössische Berichte sowie Pläne und Stiche auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Ein Massengrab ist ein eindringliches Zeugnis des Grauens. Es konnte im Block geborgen und in der Werkstatt unter Laborbedingungen freigelegt werden. Die anthropologische Analyse zeigt die vielen Verletzungen, welche die Toten aufweisen, und die auf einen langen Kriegseinsatz hindeuten. Der letzte in das Grab gelegte Tote wurde mit ausgestreckten Armen inszeniert: zynische Erinnerung an den Gekreuzigten?

Heidrun Derks stellte die Konzeptionen der ersten und der jetzigen Ausstellungen im Museum Kalkriese dar. Am seinerzeit identifizierten Ort der sogenannten Varusschlacht entstand das erste archäologische Museum in Deutschland, das die Zeugnisse eines Kriegsereignisses thematisiert. Keine Skelette aus Massengräbern, Funde nur kleiner Dimensionen, die kaum ausstellenswert sind, zwangen dazu, die Menge der beteiligten römischen Soldaten in Form von Zinnsoldaten oder von Kugeln zu verdeutlichen. Installationen, die nicht minder verstören wie die Toten aus einem Massengrab. Das Publikum würdigte die engagierten Vorträge durch rege Nachfragen.

Die eigentliche Fachtagung eröffnete FLORIAN KLIMSCHA (Berlin) mit einem Vortrag über das „neu erwachte Interesse an gewaltsamen Konflikten in der prähistorischen Archäologie“, der einen informativen Überblick über Tendenzen der rasant wachsenden Literatur zum Thema Krieg gab, indem er den Beginn des gewachsenen Interesses am Krieg in Deutschland seit 1990 als ein verspätetes Phänomen deutete. International sei seit 1970 ein Anwachsen des Interesses zu vermerken. Auch in Deutschland sei das Thema seit dem 19. Jahrhunderts sei das Thema in der Archäologie etwa in migrationistischen Erzählungen sehr präsent gewesen. Vielfach sei es aber nicht als Krieg sondern als Kampf bezeichnet worden.

HEIDI KÖPP-JUNK (Trier) gab einen prononcierten Überblick über Gewaltdarstellungen und literarische Erwähnungen des Krieges von der vordynastischen Zeit bis ins Neue Reich Ägyptens. Schon die berühmte Narmerpalette, die in die Zeit um 3100 v. Chr. datiert, zeigt Pharao, wie er die Feinde erschlägt, ein Darstellungstypus, der bis in das Neue Reich, in die Zeit der sogenannten Seevölker, und darüber hinaus in die griechische Zeit nachzuweisen ist. Sie zeigte innovative Techniken, wie Belagerungstürme auf Rädern und die eleganten leichten Streitwagen aus dem Grab des Tutanch Amun. Schriftquellen verdeutlichen uns die Dimensionen des Krieges, die weit über den archäologisch fassbaren Befund hinausgehen.

Literarische Quellen sind jedoch nicht immer ausreichend um die Details der Kriegsführung, die aber entscheidend sein können, voll zu erfassen. CHRISTOPH SCHÄFER (Trier) führte in seinem Vortrag experimentelle Archäologie als Wissenschaft vor. Der Nachbau von Geschützen und von Kriegsschiffen für die Flüsse Rhein und Donau folgen präzise den wenigen archäologischen Funden. Bis in die Details wurden die originalen Materialien verwendet. Alle Schießversuche wurden akribisch aufgezeichnet, denn die Wiederholbarkeit der Experimente stellt eine notwendige Voraussetzung für die wissenschaftliche Verwertbarkeit der Ergebnisse dar. Die Nachbauten erfolgten in einem sehr großen Team unterschiedlicher Fachleute, die die neueste Technik verwendeten.

In die Konfrontation mit den Überresten der Weltkriege führten CHRISTIAN TERZER und MARKUS WURZER (beide Innsbruck) aus der Projektgruppe „Archäologie des Alpenkriegs 1915-18“ von Harald Stadler an der Universität Innsbruck mit ihren Berichten über die Frontarchäologie in den Dolomiten Süd- und Osttirols ein. Oberhalb der Baumgrenze und in teilweise halsbrecherischen Höhenlagen zeigte Terzer nicht nur die Bedingungen auf, unter denen ArchäologInnen heute arbeiten, sondern veranschaulichte damit auch die extremen Bedingungen unter denen die italienischen und die österreichischen Soldaten von 1915 bis 1918 gegeneinander um jeden Meter kämpften. Deutlich wies Terzer darauf hin, dass die Archäologie häufig mit den Wünschen der Gemeinden nach touristischen Attraktionen in Form von Schützengräben und Mannschaftsbaracken in Konflikt gerät.

ERMENGOL GASSIOT BALLBÈ (Barcelona) stellte in seinem Vortrag die Schwierigkeiten bei der historischen Aufarbeitung der Francodiktatur in Spanien zwischen 1939 und 1976 dar. Besonders die etwa 200.000 Menschen, die nach 1939 im Zuge der franquistischen Repression ermordet wurden, liegen noch immer in Massengräbern, ohne dass ihre Kinder, Enkel und Urenkel sie bestatten konnten. Auch Restitutionsansprüche konnten bislang nicht erfolgreich durchgesetzt werden. Sehr eindringlich waren Bilder von einigen der inzwischen 80 freigelegten Massengräber mit ca. 4.000 Toten.

MARTIJN EICKHOFF (Amsterdam/Nijmegen) behandelte in seinem, zusammen mit Marieke Bloembergen geschriebenen Vortrag die japanische Archäologie im besetzten Java zwischen 1942 und 1945. Am Beispiel von Grabungen und Rekonstruktionen am buddhistischen Heiligtum von Borobudur und im Kontext der von den Japanern nach ihren Eroberungen im Zweiten Weltkrieg geplanten „großasiatischen Wohlstandssphäre“ zeigte er einen überraschend toleranten Umgang der japanischen Besatzer mit den kulturellen Überlieferungen der kolonisierten Indonesier, die zum Teil an die niederländische kolonialarchäologische Infrastruktur anknüpfte.

Die dritte Sektion „Archäologen im Krieg“ leitete TIMO SAALMANN (Nürnberg) ein mit einem Beitrag über archäologische Forschungen unter deutscher Besatzung in Belgrad, die vom NS-Ahnenerbe großzügig finanziert, aber von den beteiligten Archäologen wegen der schwierigen Erreichbarkeit Belgrads im Krieg und den ungünstigen Rahmenbedingungen eher halbherzig durchgeführt wurde. Die Grabungen unter der Leitung des Direktors des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, Wilhelm Unverzagt, bestätigten nach damaligem Kenntnisstand die Ablösung der indigenen „Vinča“-Kultur durch die indogermanische „Vučedol“-Kultur. Die Grabung diente aber offenbar nicht nur ideologischen Zwecken, sondern stellte auch ein Prestigeprojekt dar.

BLAGOJE GOVEDARICA (Berlin) berichtete abschließend ausführlich vom Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegovina (1992 bis 1995), dem 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Auch damals gab es ein ungläubiges Staunen, dass Krieg in Jugoslawien und mitten in Europa wieder möglich war. Die Zerstörung der Brücke von Mostar und zahlreicher Moscheen sind auch nach ihrem Wiederaufbau Mahnmale gegen den Krieg. Die archäologische Infrastruktur in Bosnien-Herzegowina ist weitgehend zerstört, es gibt keine Denkmalpflege, das Landesmuseum in Sarajevo ist geschlossen.

In der Abschlussdiskussion wurde betont, wie fruchtbar die Zusammenführung der unterschiedlichen archäologischen Ansätze und Fragestellungen zum Thema Krieg und die interdisziplinäre Kooperation von Prähistorikern, Ägyptologen und Historikern in der Tagung empfunden wurde. Krieg und massenhafte Gewalt sind zwar in der Lage Gesellschaften und Gruppen für Generationen zu trennen, sie führen aber in der Forschung zu einer Menge wichtiger interdisziplinärer Berührungspunkte. Archäologische Forschung, vor allem wenn sie sich nicht nur auf die Orte und Praxis von Krieg und Gewalt beschränkt, sondern auch deren kulturelle Repräsentationen untersucht, hat das Potenzial bestehende literarische oder ikonografische Darstellungen zu ergänzen und zu korrigieren. Der archäologische interdisziplinäre Ansatz, der zu vielfältigen und manchmal sehr anschaulichen Einblicken in die Vergangenheit führt, hilft außerdem die Art und Weise zu reflektieren, wie Gesellschaften früher und heute sich mit den Erfahrungen mit Krieg und Gewalt auseinandersetzen.

Da ein Teil der vorgesehenen Vorträge wegen des GDL-Lokführerstreiks, der mehrere TeilnehmerInnen an der Reise nach Trier gehindert hat, leider ausfallen mussten, wurde angeregt das Thema in einer weiteren Konferenz in nächster Zukunft fortzuführen.

Konferenzübersicht:

Öffentliche Auftaktveranstaltung
Elisabeth Neu (Karl Marx Haus Trier), Begrüßung

Svend Hansen (Berlin)/ Christian Jansen (Trier), Einführung

Harald Meller (Halle), Betrachtungen zur Disziplin der Schlachtfeldarchäologie

Heidrun Derks (Kalkriese), Darstellung eines Kriegs im Museum

Diskussion

1. Sektion: Methodische Zugänge

Florian Klimscha (Berlin), Krieg in der Archäologie – Archäologen im Krieg. Friedensparadigmata und das neu erwachte Interesse an gewaltsamen Konflikten in der prähistorischen Archäologie

Heidi Köpp-Junk (Trier), Quellen zum Krieg im Alten Ägypten

Christoph Schäfer (Trier), Experimentelle Archäologie als Methode zur Erforschung antiker Kriegführung

2. Sektion: Archäologie des Krieges

Christian Terzer / Markus Wurzer (Innsbruck), Frontarchäologie in den Dolomiten Süd- und Osttirols

Ermengol Gassiot Ballbè (Barcelona), The Political, Social and Scientific Contexts of Archaeological Investigations of Mass Graves from Spanish Civil War and Francoism

Martijn Eickhoff (Amsterdam/Nijmegen), Japanische Archäologie im besetzten Java (1942–1945).

3. Sektion: Archäologen im Krieg

Timo Saalmann (Nürnberg), Die Ahnenerbe-Grabungen auf der Festung Belgrad 1942-43

Blagoje Govedarica (Berlin), Archäologie des Bürgerkriegs in Bosnien

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Archäologie und Krieg. Ein neues Arbeitsfeld, 05.11.2014 – 07.11.2014 Trier, in: H-Soz-Kult, 12.01.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5765>.