28. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung (SAK)

Ort
Schwerte
Veranstalter
Nicole Priesching, Paderborn; Andreas Henkelmann, Bochum; Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung (SAK); Katholische Akademie Schwerte des Erzbistums Paderborn
Datum
07.11.2014 - 09.11.2014
Von
Andreas Henkelmann, Katholisch-Theologische Fakultät, Ruhr-Universität Bochum; Nicole Priesching, Institut für Katholische Theologie, Universität Paderborn

Zur 28. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung (SAK) versammelten sich vom 7. bis 9. November 2014 ca. 25 Historiker und Theologen. Geleitet wurde die Tagung von Nicole Priesching (Paderborn) und Andreas Henkelmann (Bochum) in Kooperation mit der Katholischen Akademie Schwerte des Erzbistums Paderborn. Die Generaldebatte setzte sich in diesem Jahr mit Perspektiven einer globalen Katholizismusgeschichte auseinander.

Die Tagung begann am Freitagabend mit einem Vortrag von ANDREAS LINSENMANN (Mainz). Darin stellte er als sein Habilitationsprojekt eine kulturwissenschaftlich erweiterte historiografische Studie zu Wilhelm Emmanuel von Ketteler vor. Er legte dar, wie er diesen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein als Identifikationsfigur des deutschen Katholizismus fungierenden Mainzer Bischof mit dem Akteurs-, Diskurs- und Habitusbegriff interpretiert und dabei lange vorherrschende Deutungsmuster vom „Sozialbischof“ oder „Arbeiterbischof“ hinterfragt. In einer regen Diskussion wurde erörtert, welches Maß an theoretischen Vorannahmen bei solch einem Untersuchungsgegenstand erkenntnisfördernd sein kann und inwiefern der Zugriff als biografisch zu verstehen ist.

Den Samstag eröffnete EVA MARIA VERST (Mainz) mit einem Referat über ihr Dissertationsprojekt zu christlich motivierten Reisen aus der Bundesrepublik in das sogenannte „Heilige Land“. Sie untersuchte die Interpretationsmuster, die Reisende heranzogen, um ihre Reiseeindrücke einzuordnen. Wie Reisende durch ihre Wahrnehmung und Deutung das „Heilige Land“ konstruierten und in welchem Zusammenhang diese mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der westdeutschen Gesellschaft stehen, sind zentrale Fragestellungen des Projekts. Ihre Thesen und das Erkenntnisinteresse veranschaulichte sie durch die exemplarische Vorstellung je einer Organisation aus den Bereichen Pilgerreisen, Studienreisen und Freiwilligendienste. Erste Ergebnisse für die 1950er- und 1960er-Jahre konnten zeigen, wie unterschiedlich christlich motiviertes Reisen in diesem Zeitraum war und wie die Reisenden sich zu bestimmten zeitgenössischen Themen – wie bspw. dem Holocaust und dem Nahostkonflikt – verhielten.

Es folgte ein Beitrag von BERNADETTE EMBACH (Trier) zu ihrem Dissertationsprojekt „Feminisierung der religiösen Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Realität oder Fiktion?“. Darin untersucht sie konkret Gebetbücher, Andachts- bzw. Erbauungsbücher sowie ergänzend Predigtliteratur sowie ihre Produzenten und Rezipienten. Dabei beeindrucken die immens hohen Auflagenzahlen. Die genannten Quellen werden unter einer geschlechterspezifischen Perspektive diskursanalytisch ausgewertet und so die These einer Feminisierung der Religion kritisch hinterfragt. Dabei stellte Embach die terminologische Unschärfe der Feminisierungsthese heraus und erläuterte ihre historischen und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen.

Anschließend referierte KONSTANTIN MANTHEY (Berlin) über sein Projekt zum Berliner Kirchenbaumeister Carl Kühn. Nach einem Überblick zum Kirchenbau in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen anhand der bekannten Kirchen St. Engelbert in Köln-Riehl (erbaut 1928-32) von Dominikus Böhm und der Frauenfriedenskirche in Frankfurt am Main (erbaut 1927-29) von Hans Herkommer wurden auch Entwürfe beider Baumeister zu Berliner Kirchen gezeigt. Diese erwiesen sich als nicht realisierbar, da die Sakralarchitektur in der katholischen Diaspora einfach gestaltet sein musste. Die Gründe dafür lagen in den Vorgaben des Bonifatiusvereins, mit dessen Geldern die Bauvorhaben finanzierten wurden. Stilistisch gelten deswegen Kirchen aus den Diasporaregionen oft als uninteressant. Dabei prägen Architekten wie der erste Berliner Diözesanbaurat Carl Kühn (1873-1942) das Bistum mit ihren zurückhaltenden Bauwerken. Für die Berliner Region wird nach 1933 deutlich, dass im Vergleich zum evangelischen Kirchenbau weniger Möglichkeiten bestanden. Es gab keine politische Kirchenarchitektur und viele Projekte wurden vom Staat abgelehnt.

Der Vortrag von VERENA KÜCKING (Köln) lenkte dann den Blick auf katholische Jugendgruppen im Zweiten Weltkrieg, denen es gelang, ihr Gruppenleben auch nach der kriegsbedingten Entzerrung der Mitglieder über enge Briefkonversationen aufrecht zu erhalten. Es bildeten sich flexible Kommunikationsräume, welche eine verlagerte Gruppenpraxis gewährleisteten. Dies stellt laut Kücking eine Besonderheit dar, da die katholischen Jugendverbänden im Gegensatz zu allen anderen nichtstaatlichen Jugendorganisationen bis Ende der 1930er-Jahre – wenn auch eingeschränkt – weiterbestehen konnten und somit eine günstigere Ausgangsbasis für den fortlaufenden Zusammenhalt im Krieg hatten. Über die Perspektive von Raum- und Netzwerkkonstellationen möchte Kücking mit ihrer Dissertation einen neuen Blick auf die vielschichtige und auch widersprüchliche „soziale Praxis“[1] der jungen Katholiken im Krieg liefern.

Abschließend stellte JUDITH SAMSON (Bochum) ihr DFG-Projekt zur Würzburger Synode vor. Darin geht es um einige ihrer „heißen Eisen“. Der Fokus richtet sich so auf die Themen wiederverheiratet Geschiedene, Empfängnisverhütung, Homosexualität, Frauendiakonat und die Diskussionen um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mittels einer Diskursanalyse soll erforscht werden, wie außersynodale Diskurse mit synodalen interagierten: Konkret geht es dabei um die veränderten Geschlechterbilder in den katholischen Verbänden, vatikanische Positionen, politische Diskurse in der BRD, protestantische Sexualitätsdiskurse und die säkulare sowie die beginnende katholische feministische Bewegung. Dabei spielt auch die Positionierung der Synodalen, die in den jeweiligen Kontexten auftraten, eine wichtige Rolle. So werden die entsprechenden Akteure durch ihre politischen, theologischen und sozialen Haltungen kontextualisiert.

Am Abend stellte TILLMANN BENDIKOWSKI (Hamburg) sein neues Buchprojekt vor. Der provokante Buchtitel „Martin Luther, der Papst und das geteilte Jungenklo. Das politische Erbe der Reformation“ deutet auf den Sitz im Leben, das Reformationsjubiläum 2017, und auch die These hin: Über Olaf Blaschkes Entwurf eines zweiten Konfessionellen Zeitalters hinausgehend betont Bendikowski, dass das erste Konfessionelle Zeitalter nicht mit der Aufklärung geendet, sondern sich bis in unsere Gegenwart durchgezogen habe.

Am Sonntag wurde die ursprünglich geplante Generaldebatte (Geschichtsbilder in Christentum und Islam), die leider wegen Krankheit beider Referenten ausfallen musste, durch einen methodisch induktiven Vortrag von OLAF BLASCHKE (Münster) über „Katholizismus und andere Religionen in globalgeschichtlicher Perspektive“ ersetzt. Dabei lotete Blaschke aus, welche Chancen sich ergeben, wenn man globalgeschichtliche Perspektiven und Methoden auf das Thema Religion anlegt. Es sei erstaunlich, dass Globalhistorikerinnen und -historiker ausgerechnet das Thema Religion bislang vernachlässigt haben. Umgekehrt erspare sich aber auch die Religionsgeschichte globalgeschichtliche Perspektiven. Meist bleibe sie einzelnen Religionen verhaftet oder gar, wie Katholizismusforscher und Protestantismushistoriker, nur einer Konfession. Blaschke wünschte sich eine stärkere Verschränkung beider Felder. Dafür sortierte er die Forschungslandschaft und schlug einige analytische Schneisen durch das Themenfeld. Die größeren Religionen seien per se transnational. Deshalb müssten grenzüberschreitende Expansionsprozesse, Ideentransfers, etwa beim Ultramontanismus, und transnationale Institutionalisierungsprozesse untersucht werden, wie sie im bekannten Weltparlament der Religionen 1893 wenigstens symbolisch zum Ausdruck kamen. Auch die Entfesselung, manche sagen Erfindung der Weltreligionen im späten 19. Jahrhundert und der dadurch ausgelöste Veränderungsdruck auf das europäische Christentum gehöre zu jenen globalen religiösen Transformationsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts, die letztlich zur Provinzialisierung Europas mitsamt seines Christentums beitrugen.

Die anschließende rege Diskussion vertiefte vor allem vier Bereiche: Bei der Erweiterung der Perspektive von einer Konfession auf mehrere Religionen stellte sich die Frage nach dem Begriff der „Religion“ und der Vergleichbarkeit von Religionen, vor allem wenn diese nicht als Systeme, sondern als Gemeinschaften aufzufassen sind. Im Hinblick auf die Konstruktion der Weltreligionen fallen die -ismen (Hinduismus, Buddhismus etc.) als Konstruktionsmerkmal auf. Da Bewegungen, die als „-ismen“ gekennzeichnet werden (z.B. Modernismus, Ultramontanismus, Fundamentalismus), meist in Abgrenzung zum Eigenen als ideologische Systeme konstruiert werden, stellt sich die Frage, inwiefern dies auch den Blick auf die Weltreligionen im 19. Jahrhundert prägte. Ferner wurde problematisiert, ob eine globalgeschichtliche Perspektive auf Religionen nicht aufpassen müsse, hinter die mühsam errungene Überwindung von Essentialisierungen („das Christentum“, „der Islam“ etc.) zurückzufallen. Schließlich wurde über eine verschränkende Perspektive von globaler Wirtschaftgeschichte und Religionsgeschichte diskutiert.

Im Rahmen der Tagung erfolgte auch ein Wechsel des Sprecherteams. Nicole Priesching (Paderborn) und Andreas Henkelmann (Bochum) gaben das Amt nach acht Jahren erfolgreicher Sprechertätigkeit ab. Zu ihren Nachfolgern wählte der Arbeitskreis Florian Bock (Tübingen) und Daniel Gerster (Münster).

Konferenzübersicht:

Andreas Linsenmann (Mainz), Ketteler - kontextualisierende Biografik oder historische Diskursanalyse

Eva Maria Verst (Mainz), Nach Israel oder ins „Heilige Land“? Deutungen westdeutscher Pilger und Studienreisender in den 1950er- und 1960er-Jahren

Bernadette Embach (Trier), Feminisierung der religiösen Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - Realität oder Fiktion?

Konstantin Manthey (Berlin), Carl Kühn (1873-1942) – Kirchenbauten für
das junge Bistum Berlin. Zwischen Moderne und Tradition in der Diaspora

Verena Kücking (Köln), Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Kontext katholischer Jugendgruppen aus raum- und netzwerktheoretischer Perspektive

Judith Samson (Bochum), Die Synodalinnen der Würzburger Synode und die „heißen Eisen“ in den Diskussionen um Sexualität und Geschlechterfragen

Tillmann Bendikowski (Hamburg), Martin Luther, der Papst und das geteilte Jungenklo. Das politische Erbe der Reformation – Diskussion eines Buchprojektes

Olaf Blaschke (Münster), Katholizismus und andere Religionen in globalgeschichtlicher Perspektive

Anmerkung:
[1] Der Begriff wird nach Alf Lüdtke verwendet. Vgl. ders., passim.

Zitation
Tagungsbericht: 28. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung (SAK), 07.11.2014 – 09.11.2014 Schwerte, in: H-Soz-Kult, 15.01.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5767>.