Sommerakademie: Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert

Ort
Marburg
Veranstalter
Herder-Institut
Datum
29.08.2004 - 08.09.2004
Von
Nicola Hille, Tübingen

Internationale Sommerakademie:
"Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert. Perspektiven historischer Mythosforschung."

Veranstalter: Herder-Institut Marburg
Datum, Ort. 29.08.2004-08.09.2004

Die diesjährige Sommerakademie des Herder-Institutes war dem Thema "Politische Mythen im 19. und 20 Jahrhundert. Perspektiven historischer Mythosforschung" gewidmet. In drei Sektionen stellten junge Wissenschaftler/innen ihre Dissertationen vor: Die 1. Sektion befaßte sich mit den theoretischen Grundlagen der Mythos-Forschung, in der 2. Sektion wurden die Medien der Mythenproduktion untersucht und in der 3. Sektion die Themen der Mythen analysiert. Impulsreferate und Kursarbeiten zu grundlegenden Texten der Mythentheorie rundeten die einzelnen Sektionen ab. Unter der Leitung von Hans-Henning Hahn (Ordinarius für Osteuropäische Geschichte/ Oldenburg) und Heidi Hein (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Institut/ Marburg) wurde über drei Kategorien politischer Mythen - Raum-Mythen, Gründungsmythen und Personenmythen - diskutiert. Dabei wurde bereits zu Beginn der zehntägigen Veranstaltung ersichtlich, daß die historische Mythenforschung insgesamt noch ein Desiderat kulturwissenschaftlicher Forschung darstellt, zumal bisher erschienene Studien zu einzelnen politischen Mythen eher deskriptiven Charakter haben, und wenig über deren Funktionsweisen Auskunft geben. Die fast inflationäre und häufig unreflektierte Verwendung des Begriffs "Mythos" erschwerte eine Definition, die gleichwohl unabdingbar für die weitere Analyse und Typologie politischer Mythen ist. So standen bei der Textlektüre auch die modernen kulturwissenschaftlichen Ansätze, der "lieux de mémoire" (Pierre Nora), der Ansatz des kulturellen Gedächtnisses (Jan Assmann) der "invention of tradition" (Eric Hobsbawn) und der "imagined communities" (Benedict Anderson) im Vordergrund. Sie lieferten die methodischen Grundlagen, auf denen die Teilnehmer/innen die Fragen nach den Ausdrucksformen und den Funktionen politischer Mythen zu beantworten versuchten. Bei der Kursarbeit und anhand der Referate wurde deutlich, daß die historische Mythosforschung nicht nur einzelne Mythen beschreibt und zu erklären versucht, sondern auch zu einer Theoriebildung beitragen möchte.
Anhand der vielfältigen und interessanten Beiträge junger Kulturwissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen wurde das Desiderat der aktuellen Mythosforschung um so deutlicher. Die aus unterschiedlicher Perspektive vorgetragenen Themen machten verständlich, dass politische Mythen in erster Linie auf stereotypen und verfestigten Geschichtsbildern beruhen und sich einer emotional aufgeladenen Begrifflichkeit bedienen. Anhand der einzelnen Studien mit Bezug auf politische Mythen und Kulte des 19. und 20. Jahrhunderts wurde ersichtlich, dass die sinnstiftende Qualität politischer Mythen im kollektiven Gedächtnis das hervorhebt und konserviert, was die jeweilige Gesellschaft oder Kultur für existenziell notwendig hält. Heidi Hein (Marburg / Düsseldorf) hielt einen einleitenden Vortrag über politische Mythen und Kulte, in dem sie einen Rekurs auf ihre Dissertation zum Pisuldski-Kult nahm und dessen Bedeutung für den polnischen Staat von 1926 bis 1939 erläuterte. Wassyl Rassewytsch (L´viv) sprach über Galizische Erinnerungsorte. An seinen Vortrag knüpfte Stefan Guth (Bern) mit einer Untersuchung zu den deutsch-polnischen historiographischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit an. Im Anschluß sprach Miroslav Szabó (Prag) zum Thema: "Mythos vom Orient und Okzident. Zur Depotenzierung der geschichtlichen Vernunft in Ludovit Sturs ‚Das Slaventum und die Welt der Zukunft'". Daran schloß sich der Vortrag von Jonathan Kwan (Oxford) zu Czech National, Austrian Gesamtstaat and Bohemian German Historical Narratives in the Habsburg Monarchy 1830-1914 an. János Bak (Budapest) referierte über das kollektive Gedächtnis in Ungarn. Einer Analyse der Medien der Mythenproduktion widmeten sich Gabriel Eikenberg (Berlin) in seinem Vortrag zur Mythisierung deutscher Kultur in der jüdischen Verbandspublizistik in Deutschland und Österreich 1918-1939, Dusan Koreny (Olomouc) mit einer Untersuchung der Rolle der Symbole und der theoretischen Konzepte bei der Bildung der kollektiven Identität der Sudetendeutschen (1900-1938) und Vasile Dumbrava (Chisinau / Leipzig) anhand einer Darstellung der symbolischen und narrativen Repräsentation der Nation und ethnischer Gruppen in der Republik Moldau nach 1989.
In einer weiteren Sektion zu den Medien der Mythenproduktion sprach Alexandra Kaiser (Tübingen) über den Volkstrauertag als rituell-performatives Medium der Bewältigung von Kriegserfahrungen und des Gedenkens an die Gefallenen und Kriegstoten, Nicole Sabella (Regensburg / Wien) zur Historienmalerei im Dienste der Nation anhand einer Studie zum Gemälde "Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz" von Václav Brozik und Nicola Hille (Marburg / Tübingen) über die Mythenbildung in politischen Plakaten der UdSSR und DDR. Den Abschluß dieser Sektion bildete ein Vortrag von Detlef Hoffmann (Oldenburg) über das nonverbale Gedächtnis sowie eine vertiefte Diskussion zum Thema "Kunst und Mythen".
Während die ersten Vorträge die Vermittlung von politischen Mythen in Medien, Schulbüchern und anhand von Denkmälern, Symbolen und Ritualen untersuchten, widmeten sich die weiteren Vorträge der dritten Sektion den Formen politischer Mythen (Personenmythen, Mythen der Nationen). Die Beiträge fokussierten den Personenmythos sowie Revolutions-, Schlachten- und Gründungsmythen. Einleitend hielt Hans-Henning Hahn (Oldenburg) einen Vortrag zur historischen Stereotypenforschung, dem sich ein Referat von Anna Kochanowska-Nieborak (Poznan) über den Kosciuszko-Mythos und das Bild der Polen als "edle Patrioten" in Meyers Konversationslexika des "langen" neunzehnten Jahrhunderts anschloß. Andreas Hemming (Halle) sprach über die politische Mythologie Albaniens und Janis Augsburger (Berlin) referierte über das Bild Józef Pilsudskis in der polnischen Literatur der Zwischenkriegszeit. Malte Thießen (Hamburg) widmete sich in seinem Beitrag den Gründungsmythen, Durchhaltelegenden und Sonderwegen anhand von Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende von 1943 bis 2003, Ingo Wiworra (Berlin) erläuterte den Germanenmythos in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts und Katja Ludwig (Düsseldorf) untersuchte die politische Rezeption des Nibelungen-Mythos.
Annika Frieberg (Durham) sprach über "Reconciling the Irreconcilables? The Polish-West German Debat 1956-1968", Juliane Haubold-Stolle (Göttingen / Berlin) analysierte Oberschlesien in der politischen Imagination Deutschlands und Polens von 1921-1955 und Marina Liakova (Essen) referierte über "Europa" und "der Islam" als Mythen in Bulgarien im politischen Diskurs des 20. Jahrhunderts. Ein Vortrag von Robert Traba (Warschau) fokussierte das Thema der Raummythen anhand der Kresy und der deutschen Ostgebiete. Zuletzt sprach Magdalena Parus-Jaskulowska (Wroclaw) über "Wir" und "Europa" -zwei Visionen Polens in Europa. Sie konzentrierte sich hierbei auf die Volksabstimmungskampagne vor dem Beitritt Polens zur Europäischen Union. In einem abschließenden Vortrag faßte Ives Bizeul (Rostock) noch einmal Funktionen und Kennzeichen politischer Mythen zusammen und präzisierte die Verwendung der Begriffe "Mythos", "Utopie" und "Ideologie". Die einzelnen Beiträge verdeutlichten, dass politische Mythen nicht nur eine Erklärung und Deutung historischer Vorgänge sind, sondern eine Beglaubigung grundlegender Werte, Ideen und Verhaltensweisen von Gruppen. Es wurde deutlich, dass politische Mythen für soziale Gruppen legitimatorische, identitätsstiftende und integrative Funktionen annehmen und insbesondere in Krisenzeiten und Umbruchsphasen eine unglaubliche Renaissance erleben.
Durch die thematische Breite konnte in vielfacher Hinsicht aufgezeigt werden, wie politische Mythen in spezifischen Situationen eine vermeintliche Orientierung vermitteln wollen oder an die vormalige Bedeutung und Größe eines Staates oder Kulturraums zu erinnern versuchen. Es wurde intensiv diskutiert, auf welche Weise die historische Mythosforschung dazu beitragen kann, politisch-soziale Orientierungen zu erklären und zu analysieren. Als Desiderat der Kulturwissenschaften sind Themen, wie das der diesjährigen Sommerakademie des Herder-Instituts, für die zukünftige Forschung sehr bereichernd. Ein Tagungsband, der die Vorträge versammeln wird, ist für 2005 in Vorbereitung und wird in der Publikationsreihe des Herder-Instituts erscheinen.

Kontakt

Dr. Heidi Hein
Herder-Institut e.V.
Grundlagenarbeit/Veröffentlichungen
Gisonenweg 5-7
D-35037 Marburg
Tel.: +49-(0)6421-184-110
Fax: +49-(0)6421-184-139
E-Mail: heinh@staff.uni-marburg.de

Zitation
Tagungsbericht: Sommerakademie: Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert, 29.08.2004 – 08.09.2004 Marburg, in: H-Soz-Kult, 28.09.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-578>.