HT 2014: Veni, vidi, vici: (Re)präsentationen von Sieghaftigkeit in der Antike

Ort
Göttingen
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
23.09.2014 - 26.09.2014
Von
Eva Baumkamp, Seminar für Alte Geschichte/Institut für Epigraphik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Sektion unter Leitung von Volker Menze (Budapest) beschäftigte sich mit der Darstellung militärischer Erfolge und der medialen Inszenierung des Siegers zur persönlichen Herrschaftslegitimation vom Hellenismus bis zur Spätantike. Das Hauptaugenmerk lag also auf den militärischen Gewinnern in kriegerischen Auseinandersetzungen.

In seiner Einleitung „Staat, Regierung, Repräsentation und Akzeptanz. Einleitung zur aktuellen Forschungsdiskussion“ machte VOLKER MENZE (Budapest) fünf Punkte aus, die für die Analyse der (Re)präsentation von Sieghaftigkeit in den einzelnen Vorträgen der Sektion leitend waren. Der dialogische Charakter der Repräsentation stand dabei überwiegend im Vordergrund: 1. Die Repräsentation der Sieges musste auf die jeweiligen Adressaten/Untertanen abgestimmt und bezogen werden, um der Legitimation dienen zu können; 2. Dieser Dialog konnte auch auf unabhängige Staaten erweitert werden, die von der Sieghaftigkeit des Herrschers beeinflusst werden konnten; 3. Die Einbindung der Freunde (philoi/amici) war für eine erfolgreiche Repräsentation wichtig; 4. Die Legitimation überhaupt einen Krieg führen zu können, hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Inszenierung des Sieges. 5. Die Rolle der Götter oder Gottes bei der Darstellung des Sieges galt es zu identifizieren.

GREGOR WEBER (Augsburg) beschäftigte sich mit „Siegen, Verlieren, Kompensieren. Darstellungsmodi von Sieghaftigkeit und Misserfolg im frühen Hellenismus“. Ausgehend von der Annahme, dass der hellenistische Herrscher siegreich sein musste und Alexander als Referenzpunkt diente, betonte Weber, dass gerade durch diese Zuschreibungen Modi gefunden werden mussten, mit militärischen Misserfolgen umzugehen, ohne als Herrscher zu sehr an Prestige zu verlieren. Erstaunlich sei dabei, dass die konkreten Ereignisse und Handlungen nach einem Sieg selten detailliert fassbar sind. In der vorhellenistischen Tradition finden sich nur in Ausnahmefällen dauerhafte Siegesmonumente, da Feindschaft nicht perpetuiert werden sollte, nur Weihungen an Gottheiten besaßen einen dauerhaften Charakter. Die hellenistischen Könige erinnerten dagegen an ihre Siege durch Tropaia nebst Opfer und die Einrichtung von Festen, durch Plünderungen von besiegten Heerlagern und Städten, durch Beuteweihungen in Heiligtümern, durch die Errichtung von Siegesmonumenten und Gedenktagen. Letztlich wurden mit dem Sieg die Identität und die Bindung der Truppen an den siegreichen Feldherren gestärkt. Dichtung und Münzemissionen spielen gemäß der griechischen Tradition in der Erinnerung an konkrete Siege dagegen eine untergeordnete Rolle. Gleiches gilt für Siegerbeinamen, die laut Weber insbesondere in der Kommunikation mit den poleis problematisch sein konnten. Der Umgang der Sieger mit den Besiegten war häufig zuvorkommend, was zwar die Anerkennung des Verlierers als gleichwertigen Gegner voraussetzte, diesen aber auf geschickte Weise gleichzeitig zwang, seine Niederlage anzuerkennen. Um die eigene Legitimation wiederzugewinnen, traten die Verlierer nicht als solche auf, um den eigenen Status zu erhalten und potentielle Unterstützer wie Heere oder poleis zu gewinnen. So trug Antigonos Gonatas trotz Niederlage weiter den Purpur als Zeichen der Herrschaftslegitimation. Verlierer wiesen nach Weber bewusst auf vergangene Leistungen, Familienprestige und potentiell verfügbare Ressourcen hin, um den Makel der Niederlage abzustreifen. Einzelne Siege wurden daher nur in Ausnahmefällen dauerhaft kommemoriert, zumal die Gefahr einer Niederlage – auch durch den Willen der Götter – stets gegeben war. Dies führte letztlich dazu, dass gerade nicht konkrete Siege, sondern Sieghaftigkeit als inhärente Qualität einer Person kommuniziert wurde.

Die Darstellung der Sieghaftigkeit im Kontext der Legitimationsstrategien von Ptolemaios III. war Gegenstand des Vortrags von STEFAN PFEIFFER (Halle an der Saale). Aus drei unterschiedlichen Perspektiven betrachtete Pfeiffer die Darstellung der Sieghaftigkeit. In der sogenannten Adulisinschrift zeigten sich vier zentrale Referenzpunkte in der Selbstdarstellung von Ptolemaios III.: 1. Die Bezeichnung Großkönig weise auf den Weltherrschaftsanspruch; 2. Dionysos und Heraklas dienten als mythische Präfigurationen, da beide mit Asienfeldzügen verbunden seien, die einerseits auf den siegreich feiernden König, andererseits auf den Akt des Siegens bezogen werden könnten; 3. Herkunft und Sieghaftigkeit bildeten eine Einheit; 4. Die Rückführung der Götterbilder war für die Legitimation vor der ägyptischen Bevölkerung notwendig. Die bloße Sieghaftigkeit sei aber gerade nicht zentraler Bestandteil der Legitimation, vielmehr spielten mythischer Bezug, Dynastie und Wohltätigkeit eine viel größere Rolle. In einem zweiten Schritt zeigte Pfeiffer, wie aufschlussreich für die Wahrnehmung und Verarbeitung des königlichen Sieges die Sicht der Priester sei. Diese betteten Ptolemaios III. in die indigene religiöse Welt Ägyptens ein, indem sie seinen Feldzug zu einem Verteidigungskrieg und erfolgreichem Beutezug stilisierten, der ganz in der Tradition der ägyptischen Pharaonen verhaftet sei. In der Kommunikation der griechischen Städte spielte die Sieghaftigkeit dagegen eine untergeordnete Rolle, wobei der maßvolle Sieg des Herrschers anerkannt wurde, aber der König als Euerget im Vordergrund stünde. Letztlich zeige die besprochene Inschrift eine zielgruppenorientierte Darstellung des Ptolemaios III., wobei der Hinweis auf die Rückführung der Götterbilder einen eindeutig ägyptischen Bezug aufweise, die anderen Referenzpunkte jedoch einen überwiegend griechisch-makedonischen Rahmen hätten. Da unterschiedliche Adressaten angesprochen seien, belege die Inschrift die Delegitimtierung des Königs durch zwei politische und symbolische Rückschläge. Zum einen führte ein Aufstand gegen die ptolemäische Fremdherrschaft zu einer engen Anbindung an die Priester, wie sie gerade in der Rückführung der Götter sichtbar wurde. Zum anderen waren die genannten Eroberungen nur temporärer Natur, so dass Ptolemaios III. seinen Feldzug für die griechisch-makedonischen Adressaten als Beutezug im Stile des Dionysos legitimierte.

SANDRA SCHEUBLE-REITER (Halle an der Saale) wandte den Blick nach Rom. Sie fragte einerseits, wie Augustus damit umging, dass Sieghaftigkeit als persönliche Leistung im Krieg betrachtet wurde, andererseits wie sich die Beziehung des ersten Princeps zu ‚seinen‘ siegreichen Feldherren gestaltete und es dem Princeps gelang, ihre Leistungen auf sich zu übertragen. Republikanische Traditionen wurden anfänglich nicht angetastet, so wurden Beutegelder weiterhin für den Ausbau Roms verwendet. Dies wies gleichzeitig auch auf die Akzeptanz des Prinzipats. Siegreichen Feldherren oder Unterbefehlshabern wurden materielle Leistungen oder Beförderungen zuteil: Die dignitas der Feldherren wurde zwar auf diese Weise aufgewertet, doch dadurch, dass es Augustus allein war, der dies leisten konnte, war nach Scheuble-Reiter klar, dass dessen Autorität noch größer war. Keiner der Feldherren durfte mehr dignitas als der Princeps besitzen, wie die Berichte über Crassus und Agrippa zeigen. Agrippa habe das verstanden und verzichtete beispielsweise auf einen Triumph. Sein zurückhaltendes Verhalten besaß Vorbildcharakter. So wurden Triumphzüge in der Folge vom iulisch-claudischen Haus monopolisiert. Dies hatte jedoch gleichzeitig zur Folge, dass die senatorischen Stiftungen zur Verschönerung der Stadt endeten. Welche besondere Rolle Agrippa spielte wird nach Scheuble-Reiter auch in der neuartigen Ehre durch die corona navalis und eine eigene Münzprägung deutlich. Sie ordnet beides in die Zeit der von ihr so bezeichneten Coregentschaft mit Agrippa ein, die dieser jedoch von Augustus angetragen bekommen hatte. Augustus selbst triumphierte nach 27 v. Chr. nicht mehr, doch war seine persönliche Anwesenheit auf den Kriegsschauplätzen weiterhin gefordert. Sichtbar wurde die Sieghaftigkeit des Princeps in Bauten und Denkmälern, die die siegreichen Feldherren und den Princeps zeigten. Das Forum Augusti legt hiervon ein eindrückliches Zeugnis ab, wurden doch dort die Statuen der Feldherren, die mit den ornamenta triumphalia ausgezeichnet waren, aufgestellt. Die untrennbare Verbindung von siegreichen Feldherren und Princeps führte zu einer Erhöhung der dignitas des Princeps.

In seinem Vortrag behandelte MATTHIAS HAAKE (Münster) das von außenpolitischem Druck geprägte späte 3. Jahrhundert. Laut Haake standen römische Kaiser unter dem Erwartungsdruck, Siege erringen zu müssen. Archäologische, epigraphische und numismatische Zeugnisse feierten beständig die Sieghaftigkeit. Fehlende Siege waren daher erklärungsbedürftig. Haake fragte daher, wie sich das wechselseitige Verhältnis von kaiserlichem Sieg und Sieghaftigkeit des Kaisers in einer Zeit der quantitativ wie qualitativ zunehmenden Niederlagen gestaltete. Sein Fokus lag dabei auf der Tetrarchie. Die Tetrarchie bezeichnete Haake als eine Siegesmaschine – zumindest würden dies die vielfachen Beinamen der Tetrarchen suggerieren. Ein Triumph, der an das symbolische Zentrum des Reiches gebunden blieb, wurde erst am 20.11.303 in Rom gefeiert. Dieser Triumph besaß insofern eine andere Qualität, da hier eine unbestimmte Anzahl von Siegen gefeiert wurde. Der Triumph wurde zusätzlich mit dem Herrscherjubiläum verknüpft. Anders als bei früheren Triumphen wurden in Rom auch keine Nachfolger präsentiert. Die Caesaren waren nicht anwesend, sondern führten Kriege an Rhein- und Donaugrenze. Ihr Fehlen sei daher eine bewusste Leerstelle, die so die Sieghaftigkeit der Tetrarchie unter Beweis stellte. Sichtbar waren die Caesaren durch das Fünfsäulenmonument. Dass der Triumph auch außerhalb Roms propagiert worden ist, belege der Neufund einer Matrix aus Terrakotta, die vermutlich den Triumph innovativ propagieren wollte. Welche Probleme das Ausbleiben von Siegen machte, zeige auch die Ausweitung der Begrifflichkeiten auf innere Gegner trotz einer potentiellen Gefahr der Delegitimierung. Gleichzeitig wurden Siege entkonkretisiert, um die Sieghaftigkeit der Kaiser zu betonen. Die extreme Inszenierung von Sieghaftigkeit, der Glaube an die Qualität der Sieger wird in den unterschiedlichsten Zeugnissen immer wieder fassbar und auch nicht durch das Ende der Tetrarchie abgeschafft.

VOLKER MENZE (Budapest) stellte die Frage, wie es möglich war, dass trotz der frühchristlichen Ablehnung des Militärdienstes am Ende der Antike der christliche Kaiser seinen im Krieg verstorbenen Soldaten das Himmelreich versprechen und selbst als Stellvertreter Gottes auf Erden einen „Heiligen Krieg“ ausrufen konnte. Als ein entscheidendes Kriterium macht Menze die rituelle und symbolische Christianisierung des Heeres aus. Seit Konstantin finden sich labarum und Chi-Rho, später das Kreuz als Zeichen in der römischen Armee. Gleichzeitig kommt es zu einer Transformation Christus‘, der als Christus Victor wahrgenommen werde. Die rituelle Christianisierung der Armee wurde durch Hymnen, Gebete, Gottesdienst, die durch die Feldherren gefördert wurden, vollzogen. Dies stand nicht im Gegensatz zur Haltung der christlichen Autoren, auch wenn gerade frühchristliche Schriften auf die Friedfertigkeit des Christentums und die Gefahr der Idolatrie beim Militär wiederholt hinweisen. Legitimiert wurde ein zunehmend christliches Heer durch die biblischen Grundlagen. Dabei berief man sich wiederholt auf den brutalen und kriegerischen Gott des Alten Testaments. Athanasius und später Augustin gingen noch einen Schritt weiter und erkannten den von Gott befohlenen Krieg als ‚gottesfürchtig‘ an. Diese Form des ‚gerechten Krieges‘ wurde auf diese Weise durch eine höhere Instanz legitimiert. Diese Sicht sollte nach Menze jedoch nicht als direkter Aufruf zum Heiligen Krieg verstanden werden. Belege für christlich sakralisierte Kriege fänden sich erstmals an der Peripherie des Imperium Romanum in Armenien und Südarabien. Dort versuchten sich Adlige bzw. Könige im fünften und sechsten Jahrhundert gegen mächtige und andersgläubige Gruppen bzw. Staaten durchzusetzen. Die Heerführer sahen den Schlachtentod für den Staat nun ganz explizit als Akt des Glaubens an und appellierten an die Martyriumsbereitschaft ihrer Soldaten. Sie waren daher mithin militanter als die spätrömischen bzw. byzantinischen Kaiser. Christsein bedeutete für sie auch immer eine politische Entscheidung, da auf diese Weise eine Bindung an Konstantinopel vollzogen wurde. Der Kaiser in Konstantinopel selbst nutzte diese Legitimationsstrategien erst in der Auseinandersetzung mit den Persern, indem nun auch er die theologische Auslegung des gerechtfertigten Heiligen Krieges in der Auslegung der Kirchenväter kolportierte. Letztlich hat der Vortrag von Menze gezeigt, welches Potenzial Gewalt, Krieg und Siege zu legitimieren und repräsentativ für den Staat nutzbar zu machen, im Christentum inhärent war.

In allen Beiträgen wurde der Adressatenbezug, damit der dialogische Charakter der Inszenierung von Sieghaftigkeit, deutlich. Die variierende Deutung von Siegen und damit ihre Legitimation waren in den besprochenen Epochen immer auf bestimmte Rezipientenkreise abgestimmt. Die Diskussion zu den verschiedenen Beiträgen eröffnete zudem weitere Perspektiven und Analysemöglichkeiten dieses für die gesamte Antike grundlegenden Phänomens. Insbesondere die Emotionengeschichte könnte neue Akzente setzen und weitere Aspekte konturieren, wie Monarchien Siege zur Herrschaftslegitimierung nutzten oder Niederlagen verarbeiteten, ohne ihre Akzeptanz zu verlieren.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Volker Menze (Budapest)

Volker Menze (Budapest), Staat, Regierung, Repräsentation und Akzeptanz. Einleitung zur aktuellen Forschungsdiskussion

Gregor Weber (Augsburg), Siegen, Verlieren, Kompensieren. Darstellungsmodi von Sieghaftigkeit und Misserfolg im frühen Hellenismus

Stefan Pfeiffer (Halle an der Saale), „… nachdem er sich den gesamten Rest bis nach Baktrien untertan gemacht hat.“ Ptolemaios III. und die Rückeroberung des Alexanderreichs

Sandra Scheuble-Reiter (Halle an der Saale), „Wegen der durch mich oder durch meine Heerführer unter meinem Oberbefehl zu Wasser und zu Land glücklich geführten Kriege…“ Augustus und seine siegreichen Feldherren

Matthias Haake (Münster), Siegreiche Kaiser und kaiserliche Sieghaftigkeit. Die Inszenierung römischer Kaiser zwischen konkretem Ereignis und ontologischem Zustand im 3. Jh. n.Chr.

Volker Menze (Budapest), In hoc signo victor eris. Die Christianisierung des Sieges in der Spätantike

Zitation
Tagungsbericht: HT 2014: Veni, vidi, vici: (Re)präsentationen von Sieghaftigkeit in der Antike, 23.09.2014 – 26.09.2014 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 16.01.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5796>.
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Veröffentlicht am
16.01.2015
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