"Abholzung und Aufklaerung" - 'Holzmangel' im 18. Jahrhundert" (Potsdam, 07./08.06.2002)

Ort
Potsdam
Veranstalter
Forschungszentrum Europäische Aufklärung Potsdam
Datum
07.06.2002 - 08.06.2002
Von
Marcus Popplow, TU Cottbus

Abholzung und Aufklärung - "Holzmangel" als gutes Argument und reales Problem im 18. Jahrhundert

Neben den "großen" Historikerdebatten, die von Zeit zu Zeit über die Zunft hinaus auch den Weg in die Tagespresse finden, werden in historischen Teildisziplinen zuweilen nicht weniger heftige Auseinandersetzungen geführt. Ein inzwischen klassisches Beispiel aus dem Bereich der Umweltgeschichte ist die so genannte "Holznotdebatte", initiiert Mitte der 1980er Jahre durch den Bielefelder Historiker Joachim Radkau. Dieser legte eine Neuinterpretation der im 18. Jahrhundert immer wieder geäußerten Klagen um drohende Engpässe in der Holzversorgung vor: Solche Beschwerden seien nicht als Zustandsbeschreibung zu lesen, sondern als strategisches Argument zur Durchsetzung obrigkeitlicher Interessen an der Waldnutzung. Damit widersprach Radkau traditionellen Auffassungen insbesondere der historischen Forstwissenschaft. Diese hatte Holzmangel stets als konkrete Bedrohung der frühneuzeitlichen Gesellschaft verstanden - schließlich definierte sich die Forstwissenschaft als solche seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert über die Aufgabe der Bewahrung des bedrohten Waldes. Die Vehemenz der Holznotdebatte erklärt sich somit auch daraus, dass sie das Selbstverständnis der Forstwissenschaft grundlegend in Frage stellte. In der Folge zeitigte diese Auseinandersetzung zwar auf der persönlichen Ebene die Zerrüttung einiger akademischer Kontakte, der Forschung insgesamt erbrachte sie jedoch erheblichen Nutzen: Die Verfügbarkeit der Ressource Holz ist inzwischen eines der am gründlichsten erforschten Themen der frühneuzeitlichen Umweltgeschichte.

Das Thema "Holzmangel" war zuletzt Gegenstand einer Veranstaltung des Projektes "Preisfragen als Institution der Wissenschaftsgeschichte im Europa der Aufklärung" am Forschungszentrum Europäische Aufklärung in Potsdam. Die Wahl dieses Themas im Kontext des Projektes mag nicht unmittelbar auf der Hand liegen. Preisfragen, ausgeschrieben von Akademien, gelehrten Gesellschaften oder Sozietäten, deckten jedoch im 18. Jahrhundert ein Themenspektrum ab, das von Philosophie, Theologie und Ästhetik bis hin zu ökonomischen und staatstheoretischen Fragen reichte. Entsprechend der zeitgenössischen Bedeutung der Ressource Holz spielte "Holzmangel" unter den Preisfragen mit ökonomischer Thematik quantitativ eine zentrale Rolle. Ziel der Tagung war es, den aktuellen Stand der Holznotdebatte zu reflektieren, darüber hinaus mit der Analyse der Thematisierung des Holzmangels im Kontext der Preisfragen aber auch einen neuen Aspekt in die Diskussion einzubringen: den hohen Stellenwert "außerökonomischer" Argumente in ökonomischen Debatten des 18. Jahrhunderts. Denn aus der Perspektive des Potsdamer Projektes wurde deutlich, dass die Diskussion um die Holznot im 18. Jahrhundert über bisherige Ansätze hinaus auch verstärkt in den Kontext volksaufklärerischer und moralisierender Bemühungen einzuordnen ist.

Die Schlagworte des Tagungstitels nahmen zunächst noch einmal die kontroversen Positionen der Holznotdebatte auf: War der frühneuzeitliche Holzmangel nur ein "gutes Argument", eingesetzt insbesondere von den Territorialherren, um tradierte Rechte der Untertanen am Wald zurückzudrängen und diesen zum Gegenstand der obrigkeitlich organisierten Forstwirtschaft und -wissenschaft zu machen? Oder war Holzmangel ein "reales Problem", das die Existenz des Waldes im 18. Jahrhundert gefährdete? Dass die Tagung im Ergebnis eine differenzierte Betrachtungsweise des Themas "Holznot" nahe legte, kann in Anbetracht der Ergebnisse jüngerer Forschungen kaum verwundern. Insgesamt drängte sich trotz der weiterhin unterschiedlichen disziplinären Sichtweisen jedoch der Eindruck auf, dass inzwischen die Zeit gekommen ist, sich nach einer Phase vertiefender Detailstudien auch wieder um eine zusammenfassende Perspektive auf das Thema "Holznot" zu bemühen.

Im Anschluss an die einleitenden Bemerkungen der Leiterin des Preisfragen-Projektes, Cornelia Buschmann (FEA Potsdam), bot Winfried Schenk (Uni Bonn) zunächst einen konzentrierten Überblick über die Holznotdebatte seit den 1980er Jahren. Seit Mitte der 90er Jahre, so Schenk, seien aus der oben skizzierten Zuspitzung eine Reihe von Arbeiten hervorgegangen, die sich um ein differenzierteres Bild bemühten. Dies zeige sich sowohl an Detailanalysen einzelner Regionen, als auch an den bearbeiteten Quellenbeständen, zunehmend stütze man sich auf Archivalien, und an den herangezogenen Quellenarten wie Forstrechnungen, die eine bessere Einschätzung der tatsächlichen Verfügbarkeit des Rohstoffes "Holz" ermöglichten. Diese neuen Ansätze würden eine differenziertere Definition von Holznot nahe legen, für die im Laufe der Tagung immer wieder auf die von Christoph Ernst ("Den Wald entwickeln", München 2000) entwickelten Kategorien verwiesen wurde: Demnach sei die Frage nach Holznot stets nach dem Zeitpunkt, den betroffenen sozialen Gruppen, dem geographischen Raum und der Holzsorte bzw. Holzqualität zu präzisieren. So wurde beispielsweise mehrmals angemerkt, dass örtliche Probleme der Holzversorgung häufig weniger darin bestanden, dass diese aufgrund des mangelnden Rohstoffes völlig zusammengebrochen war. Vielmehr waren die Preise für bestimmte Hölzer nicht mehr bezahlbar, verursacht beispielsweise durch hohe Transportkosten. Mit einem derartigen methodischen Zugriff könne man, so Schenk mit Blick auf Arbeiten von Uwe Schmidt (Freiburg), auch eine Umdefinition des Phänomens vorschlagen: statt "Holznot", so der Vorschlag von Schmidt, sei zutreffender von "Waldressourcenknappheit" zu reden. Ein solches Verständnis ließe sich, dies sei ergänzend bemerkt, im übrigen auch in Bezug zu neueren Ansätzen der frühneuzeitlichen Technikgeschichte setzen. Auch hier wird verstärktes Augenmerk auf die Knappheit natürlicher Ressourcen im Vorfeld der "Industriellen Revolution" und die Entwicklung ressourceninduzierter Innovationen gerichtet. Im Hinblick auf seine eigenen Arbeiten unterstrich Schenk schließlich die Notwendigkeit, in methodischer Hinsicht verstärkt zwischen der Diskursebene und der Handlungsebene der beteiligten Akteure zu unterscheiden. Dieses Ziel dürfe allerdings nicht dazu führen, zu übersehen, dass zeitgenössische Befürchtungen um das Auftreten von "Holznot" auch ganz unabhängig von ihrem Realitätsgehalt handlungsleitend wirken konnten.

Die von Winfried Schenk angesprochenen, differenzierteren Perspektiven neuerer Forschungen auf das Thema "Holznot" wurden in Potsdam des weiteren durch die Tagungsbeiträge von Bernward Selter, Peter-Michael Steinsiek und Nils Freytag vertreten. Bernward Selter (FH Lippe und Höxter) plädierte dafür, die zeitgenössische Waldwirtschaft im Zusammenhang mit der örtlichen Landwirtschaft zu betrachten. So könnten Interessenskonflikte insbesondere zwischen Landbevölkerung und Obrigkeit rekonstruiert werden, die sich beispielsweise auch in unterschiedlichen Leitbildern eines "guten Waldes" manifestierten. Auch Selter stellte überkommene Gründungsmythen der Forstwissenschaft in Frage und schrieb die Genese der Disziplin eher Faktoren wie Planbarkeitsvorstellungen der Aufklärung oder auch obrigkeitlichen Bestrebungen einer zunehmenden Privatisierung des Waldes zu. Peter-Michael Steinsiek (Uni Göttingen) berichtete über seine Untersuchungen zu der Frage, inwiefern "Holznot" über die breite Zeitspanne vom 15. bis zum 18. Jahrhundert für ein regional begrenztes Gebiet, den westlichen Harz, zu konstatieren sei. Raubbau an den Wäldern konnte er auf der Basis seiner detaillierten Analyse von Materialrechnungen, Forstinventuren und weiteren Quellenbeständen nicht konstatieren. In der Analyse des Zusammenhanges dieser empirischen Befunde mit zeitgenössischen forstpolitischen Maßnahmen kam er zu dem Schluss, dass es gerade konkurrierende Nutzungsinteressen waren, deren Ausbalancieren eine Übernutzung der Wälder verhinderte. Steinsiek selbst betonte, dass sein Befund in vieler Hinsicht in der Tat regionalspezifisch zu werten sei. Aufgrund der langen Tradition des Harzes als Bergbau- und Gewerbegebiet war die Organisation und Planung der Rohstoffbewirtschaftung hier stärker ausgeprägt als in anderen Regionen. Nils Freytag (Uni München) ging von der These aus, dass sich frühneuzeitliche Diskussionen um die Zukunft der Holzversorgung vorwiegend in der Stadt abspielten, da Holzknappheit hier besonders deutlich zutage trat. Die städtischen Debatten um "Waldbilder" seien an unterschiedlichen Quellenbeständen zu überprüfen, die die Ausdifferenzierung der aufklärerischen Öffentlichkeit spiegeln. In seinem Vergleich der Situation in Nürnberg und München zog er Ratserlasse ebenso heran wie Flugschriften, Reiseberichte oder Petitionen städtischer Gewerbe. Das vorläufige Fazit von Freytag: Aus umwelthistorischer Perspektive hätten die analysierten Debatten die Endlichkeit der Ressource "Holz" ins Bewusstsein der städtischen Öffentlichkeit gerufen, aus politikgeschichtlicher Perspektive sei im Hinblick auf eine "nachhaltige" Bewirtschaftung des Waldes die Frage der Reformfähigkeit von Verwaltungsorganen auf dem Prüfstand gelangt, aus geistesgeschichtlicher Perspektive schließlich sei gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine zunehmende "Verfachlichung" der Diskussion zu konstatieren. Äußerst schwierig zu beantworten sei die Frage der zeitgenössischen Rezeption dieser Diskussion - wer tatsächlich an die Holznot "glaubte" und daraus spezifische Handlungen ableitete, bliebe bislang unklar.

Karl Hildebrandt (FEA Potsdam) brachte demgegenüber das Quellenmaterial des Preisschriften-Projektes in die Debatte ein. Angesichts der zahlreichen Einsendungen zu entsprechenden Preisfragen erweise sich die Debatte um die Zukunft der Holzversorgung nicht zuletzt als "aufklärerbisches Medienereignis". Aus den bislang in die Datenbank des Projektes aufgenommenen ca. 100 Preisfragen und Praxisprämien zum Thema "Holzmangel" diskutierte Hildebrandt Zuschriften zu ausgewählten Preisfragen, wobei er sich auf die Analyse von Argumenten konzentrierte, die über den engeren ökonomischen Kern der Debatte hinausgingen - insbesondere solche, die an zeitgenössische moralphilosophische Diskurse anschlossen. In den eingereichten Beiträgen wurde die Vernutzung von Holz beispielsweise auf Faktoren wie den Egoismus einzelner Waldbesitzer, den zeitgenössischen Luxus der Oberschichten im Hinblick auf deren zunehmenden Einsatz von Kachelöfen, aber auch auf die mangelnde Aufklärung der Landbevölkerung zurückgeführt.

Im Vergleich zu diesen Vorträgen, die das zwischen den Ebenen von Diskurs und Realität oszillierende "Holznot"-Thema durch einen multiperspektivischen Ansatz präziser zu fassen suchten, widmeten sich weitere Vorträge spezifischen Einzelthemen: Christoph Luther (FEA Potsdam) untersuchte die zunehmende Ausdifferenzierung der Regelungen im Forstrecht des 18. Jahrhunderts - eine Entwicklung, deren Bezug sowohl zur Rechtspraxis wie auch zu konkreten Handlungsprozessen jedoch noch genauer zu überprüfen wäre. Simone Zurbuchen (FEA Potsdam) stellte ein Thema aus dem weiteren Horizont der Debatte vor, das bereits in den von Hildebrandt untersuchten Preisschriften zur Sprache gekommen war, nämlich die politische Kritik am Luxus, die sie am Beispiel von Autoren wie Montesquieu oder Rousseau nachzeichnete. Ulf Küster (Haus der Kunst, München) widmete sich zwei künstlerischen Momentaufnahmen aus den 1770er Jahren mit dem eigentlich "unschönen" Sujet frisch gefällter Bäume. Bekanntermaßen konnte die nach "natürlicher" Umwelt strebende Gartenkunst des 18. Jahrhunderts ihr Ziel nur durch wiederholte Eingriffe in die Natur aufrechterhalten. Ludwig der XVI. ließ mit dieser Zielsetzung eine umstrittene Fällaktion im Park von Versailles durchführen, die er durch den Maler Hubert Robert in zwei Gemälden festhalten ließ. Einer einheitlichen Deutung, so wurde deutlich, sperren sich diese Gemälde aus kunsthistorischer Perspektive allerdings ebenso wie aus der Perspektive der Holznotdebatte.

Der Beitrag von Hansjörg Küster (Uni Hannover) schließlich stellte zunächst pollenanalytische Methoden vor, die zumindest generell den Befund erfolgreicher Aufforstungsmaßnahmen im 18. Jahrhunderts verifizieren. Darüber hinaus widmete sich sein Beitrag jedoch primär dem Vergleich zwischen der Diskussion des 18. Jahrhunderts um die Zukunft der Holzversorgung und der gegenwärtigen Diskussion um eine nachhaltige Weltwirtschaft. In aktuellen Nachhaltigkeitsbestrebungen als Reaktion auf Rohstoffknappheiten, als Beispiel diente insbesondere die Ölkrise der 1970er Jahre, erkannte Küster ähnliche Strukturen wie in der Auseinandersetzung um die Holznot im 18. Jahrhundert. In der Diskussion wurde allerdings die Vergleichbarkeit der entsprechenden Diskurse ebenso angezweifelt wie eine faktische Vergleichbarkeit von Holzmangel und Ölkrise. Das "Lernen" aus der Auseinandersetzung um die Ressource Holz im 18. Jahrhundert mag somit noch einige Präzisierung erfordern. Die Potsdamer Tagung erwies jedoch in jedem Fall, dass die Erforschung der frühneuzeitlichen "Holznot" selbst in aller Stille wesentlich an analytischer Schärfe gewonnen hat.

Zitation
Tagungsbericht: "Abholzung und Aufklaerung" - 'Holzmangel' im 18. Jahrhundert" (Potsdam, 07./08.06.2002), 07.06.2002 – 08.06.2002 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 08.07.2002, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-58>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.07.2002
Beiträger
Klassifikation
Region
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung