Workshop für Doktorand_Innen der Globalgeschichte

Ort
Wien
Veranstalter
Thilo Neidhöfer, Institut für neuere Geschichte und Zeitgeschichte, Johannes Kepler Universität Linz; Robin Köhler, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien; Forschungsschwerpunkt Globalgeschichte der Universität Wien
Datum
13.11.2014 - 14.11.2014
Von
Eva Locher, Departement für Historische Wissenschaften, Zeitgeschichte, Universität Freiburg im Üechtland; Thomas Hirt, Historisches Institut, Universität Bern

Globalgeschichte kann als eine bestimmte Erkenntnishaltung verstanden werden, als Erweiterung der Perspektive hin zu einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit verschiedener Weltregionen und historischer Akteure. Unter diesem Blickwinkel organisierten Robin Köhler (Wien) und Thilo Neidhöfer (Linz) vom universitäts- und institutsübergreifenden Forschungsschwerpunkt Globalgeschichte der Universität Wien am 13. und 14. November 2014 einen Workshop für Doktorierende, der sich Globalgeschichte(n) des 19. und 20. Jahrhunderts widmete. Bewusst offen gehalten umfasste das Programm verschiedene Themen und Herangehensweisen; alle Beiträge waren aber geprägt durch die Sensibilität für Transferprozesse und Wechselwirkungen in überregionalen, transnationalen oder globalen Kontexten. Der Workshop gab Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus Österreich, Deutschland und der Schweiz die Gelegenheit, ihre Forschungsprojekte vorzustellen und zu diskutieren.

In der eröffnenden Keynote ging PEER VRIES (Wien) auf die Notwendigkeit und die Realisierbarkeit von globalhistorischer Forschung ein. Ausgehend vom Erarbeitungsprozess für eine in Kürze erscheinende vergleichende Studie zur Rolle des Staates in der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas und Großbritanniens von den 1680er- bis in die 1850er-Jahre[1] erörterte er wichtige Aspekte und mögliche Probleme in der Praxis globalgeschichtlicher Forschung. Er verwies auf die zentrale Rolle des Vergleichs für die Untersuchung kausaler Zusammenhänge aus globalhistorischer Perspektive. Dabei betonte er die Bedeutung, die der Auswahl wertneutraler Vergleichsmaßstäbe und Analyseeinheiten zukommt, ebenso wie die Problematiken, die sich stellen, wenn die zu vergleichenden Merkmale der verschiedenen Strukturen festgelegt werden. Die Definition der Kategorien und Maßstäbe müsse dem Vergleich einerseits unabdingbar vorausgehen, andererseits sei sie aber stets auch mit der Gefahr verbunden, die Beantwortung der Fragestellung durch eine unpassende Eingrenzung schon vorher zu verunmöglichen. Zur Illustration seiner Überlegungen behandelte Vries insbesondere die Frage, welche Akteure in China beziehungsweise in Großbritannien eine bedeutende Rolle in der staatlichen Lenkung der wirtschaftlichen Entwicklung einnahmen und wie man etwa die unterschiedlichen Zusammensetzungen und Funktionen von Beamtenapparaten sinnvoll vergleichen und als mögliche Faktoren in divergierenden Entwicklungen einordnen könne. Abschließend verwies er auf die Bedeutung, die der transnationalen Vernetzung des Forschenden in der Praxis globalgeschichtlicher Forschung zukomme.

Das erste Panel des Workshops beinhaltete aufgrund der kurzfristigen Absage einer Referentin zwei Vorträge, die unter dem Motto „Globalgeschichte(n) bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts“ standen.

Auf Basis eines wissensgeschichtlichen Ansatzes präsentierte THOMAS HIRT (Bern) Großbritannien als Rezeptions- und Übersetzungsraum von Wissen über Formen und Zwecke des Strafvollzugs in Gefängnissen. Solches Wissen, das etwa Baupläne, Regeln für den Gefängnisalltag oder die Merkmale verschiedener Formen von Gefangenenarbeit umfasste, zirkulierte zwischen verschiedenen Räumen, was wiederum zur globalen Ausbreitung des Gefängnisses als vorherrschende Form der Bestrafung beitrug. Analytisch fokussierte Hirt auf die sich im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts verändernde Rolle der britischen Kolonialadministration in imperialen Wissenstransfers. Anhand einiger Beispiele zeigte er auf, wie Wissensbestände unterschiedlichen Ursprungs zirkulierten, an verschiedene Anforderungen in einzelnen Kolonien angepasst wurden und als neue Erfahrungen in veränderter und aggregierter Form wieder an andere Orte transferiert wurden. Dabei fragte er sowohl nach den Akteuren des Transfers und den Wissensinhalten als auch nach den Auswirkungen solcher Zirkulationen auf die Gefängnissysteme einzelner Kolonien, wobei die für das Dissertationsprojekt zu analysierenden Fallbeispiele noch nicht endgültig feststehen.

Aus ihrem kürzlich abgeschlossenen Promotionsprojekt stellte BARBARA LOUIS (Minneapolis) die transatlantischen Karrieren jüdischer Emigrantinnen aus Österreich vor. Sie fokussierte auf Exilantinnen, die in den USA, teilweise aufgrund ihrer Ausbildung und Arbeitserfahrung in Österreich, ihren beruflichen Werdegang in der sozialen Arbeit fortsetzten. Gerade die Frage der Selbstbestimmung im neuen Arbeits- und Lebensumfeld und Aspekte, wie berufstätige Frauen in den Gemeinschaften jüdischer Emigrantinnen wahrgenommen wurden, nutzte Louis zur Einordnung dieser Lebensgeschichten in allgemeinere Prozesse von Migration, aber auch in sich verändernde Rollen- und Religionsbilder und in die Entwicklung der Sozialarbeit in den USA. Sehr illustrativ war das Beispiel einer Wienerin, die in Österreich im sozialen Bereich tätig gewesen war und in den USA Beschäftigung in städtischer Sozialarbeit fand. In den USA wurde sie rein aufgrund ihrer Herkunft und ehemaligen beruflichen Tätigkeit als Expertin für Psychoanalyse wahrgenommen, weil Wien unmittelbar mit Sigmund Freud assoziiert wurde.

Das zweite Panel „Globale Zeitgeschichte(n)“ umfasste Projekte, die den Fokus auf das 20. Jahrhundert legen.

In ihrem Vortrag zur Freikörperkulturbewegung in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts legte EVA LOCHER (Freiburg im Üechtland) den Schwerpunkt auf die Einbettung der Schweizer Aktivisten in ein transnationales Beziehungsnetz. Sie zeigte auf, wie eng vernetzt die Schweizer Freikörperkulturaktivisten mit Anhängern der Bewegung in anderen Ländern waren und wie sie sich an der geteilten Aushandlung von Konzepten und Definition von Begriffen beteiligten. Locher rückte dabei die Transferprozesse ins Zentrum, indem sie etwa Artikel aus ausländischen Periodika oder Bücher von Aktivisten aus anderen Ländern in deren Rezeption und Deutung im schweizerischen Kontext beleuchtete. Zugleich ging sie darauf ein, wie führende Schweizer Freikörperkulturaktivisten ihre Ideen auch unter Kontaktpersonen in anderen Ländern propagierten und sich so in einem transnationalen Diskurskontext positionierten. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt den individuellen Akteuren und deren transnationalen Vernetzungen sowie den Auswirkungen dieses Ideenaustauschs auf die schweizerische Lebensreformbewegung.

Netzwerke standen auch im Beitrag von CHRISTOPH ELLSSEL (München) im Vordergrund. Er präsentierte die amerikanisch-australischen Wissenschaftsnetzwerke, die aus dem Colombo-Plan von 1946 und aus der Förderung des australischen Fulbright Committee entstanden. Amerikanische Diplomaten hätten seit 1949 begonnen, mit Stipendien und der Förderung begabter junger Studierender aus südostasiatischen Ländern und aus Australien diesen ein Studium in westlichen Commonwealth-Ländern, hauptsächlich in Australien, zu ermöglichen. Ellßel interpretierte dies als ein koordiniertes, nach Maßgaben einer Soft-Power-Doktrin entwickeltes Programm, das einerseits die Westbindung asiatischer Länder sicherstellen und andererseits auch die australische kommunistische Bewegung (CPA) zurückdrängen sollte. So hätten sich westgebundene Akademikernetzwerke gebildet, die Südostasien vor dem sowjetischen Einfluss bewahren sollten. Weiteres Ziel sei die Administration des neuen Imperiums gewesen, das auf kulturellen Werten und Bildung beruhen sollte. Dabei ging Ellßel auch auf die oft widersprüchliche und inkonsequente praktische Ausgestaltung dieses Programmes und auf dessen langfristige Auswirkungen auf südostasiatische Gesellschaften ein.

Zu Abschluss des zweiten Panels präsentierte DIEGO MARINOZZI (Eichstätt) sein Projekt, in dem er die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich (1933-1945) und während der Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) vergleicht. In seinem Vortrag hob er die Perspektive des Forschers auf den Untersuchungsgegenstand hervor und reihte sich ein in eine Tradition von Untersuchungen, die europäische Geschichte von einem anderen Ort aus betrachten. Marinozzi verwies auf seine Ausbildung in Argentinien und erklärte, dass der Vergleich der argentinischen Junta mit der NSDAP-Herrschaft dort verbreitet sei. Er diskutierte, wie Konzepte aus der Historiographie zum Nationalsozialismus in der Geschichtswissenschaft in Argentinien aufgenommen wurden, wie sich diesbezüglich die argentinische von der deutschen Historiographie unterscheide und wie er selbst nun als argentinischer Forscher in Deutschland beide Forschungstraditionen durch den vergleichenden Ansatz fruchtbar kombinieren wolle.

Im dritten und letzten Panel mit dem Titel „Globalgeschichte(n) in Bildern“ präsentierten drei Referenten ihre jeweiligen Forschungsprojekte, bei denen visuelle Quellen im Vordergrund stehen.

TATJANA POLETAJEW (Düsseldorf) stellte die Lichtbildvorträge der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) vor. Dabei handelte es sich um mit Dias untermalte Vorträge aus dem Zeitraum 1888 bis 1943, die in Gemeinde- oder Vereinshäusern, Schulen oder Kinosälen gehalten wurden und einen wichtigen Teil der Öffentlichkeitsarbeit der DKG und ihrer Nachfolgeorganisationen darstellten. Poletajew sah einen Hauptgrund dafür, dass diese Quellengattung bisher kaum erforscht wurde, in der örtlichen und archivalischen Trennung des Bild- und Textbestandes in den Archiven der DKG. Sie betonte, wie wichtig es sei, möglichst viele dieser Lichtbildvorträge in ihrer Plurimedialität zu rekonstruieren, denn erst dadurch würden diese erstmalig in ihrer medialen Gänze nachvollziehbar und analysierbar. Gerade diese Mehrdimensionalität der Vorträge durch das vielfältige Zusammenspiel von Bild und Text sowie ihre Popularität seien, so betonte Poletajew, wichtige Gründe dafür, dieser Quellengattung in der Analyse der Wahrnehmung der Kolonien in Deutschland verstärkte Beachtung zu schenken.

Mit der Darstellung ethnischer Minderheiten aus ehemaligen britischen Kolonien in Südasien, Afrika und der Karibik in britischen Comedysendungen beschäftigte sich der Beitrag von BRIGITTE SIMON (Wien). Anhand ausgewählter Filmausschnitte aus dem Untersuchungszeitraum von den 1960er-Jahren bis 2010 diskutierte sie, wie sich das britische Selbstbild in der Comedy veränderte und „farbige“ Hauptfiguren in den Sendungen dargestellt wurden. Dabei ging Simon auch auf das umstrittene „Blackfacing“ ein, mit dem man sich in den 1960er- und 1970er-Jahren zum Teil mit rassistischen Vorurteilen auseinandersetzte oder rassistische Klischees als Quelle für humoristische Situationen benutzte. In den späten 1970er-Jahren habe sich schließlich eine alternative Comedy unter dem Schlagwort der political correctness entwickelt, in der man keine „farbigen“ Hauptdarsteller mehr sah, bis diese Mitte der 1980er-Jahren wieder in den Sendungen auftauchten. Simon betonte, dass die Frage, wie man „Andere“ darstellen soll und darf, gerade auch in Bezug auf neuere britische Comedysendungen noch keineswegs abschließend beantwortet sei.

Im letzten Vortrag des Workshops diskutierte MATTHIAS HARBECK (Oldenburg) inwiefern Comics zum Gegenstand einer globalgeschichtlichen Forschungsperspektive werden können. Er verstand Comic nicht nur als einen Titel in einem Heft, sondern bezog sich vielmehr auf das historische „System“ Comic, worunter Harbeck die Entstehung, die Produktion, die Ausprägungen, die Inhalte sowie die Ausstrahlung des Comics in andere Bereiche verstand. Er präsentierte in seinem Vortrag an zahlreichen Beispielen die Verbreitung einzelner Serien, Titel und Medientechniken sowie Prozesse gegenseitiger Inspiration und Aneignung in verschiedenen Teilen der Welt. Des Weiteren betonte er die Herausforderungen für Übersetzer sowie unterschiedliche Aneignungen von Themen ebenso wie von Stilmitteln. Harbeck zeigte an der Quelle Comics überzeugend auf, dass – und wie – durch globalhistorische Ansätze kulturelle Austauschprozesse, Hinweise auf Gleich- und Ungleichzeitigkeiten, wechselseitige Einflüsse und unterschiedliche Präferenzen thematisiert und ökonomische Entwicklungen und Beziehungen nachgezeichnet werden können.

Die verschiedenen thematischen Zugänge, die unterschiedlichen Akteure, Zeiträume, geographischen Räume sowie die heterogenen Quellengattungen ermöglichten fruchtbare und lebhafte Diskussionen. Gerade die unterschiedlichen Forschungsansätze der Teilnehmerinnen und Teilnehmer führten zu reichhaltigen Vorschlägen und Nachfragen, ohne dass versucht worden wäre, die Vielfalt der Herangehensweisen in ein gemeinsames Muster zu pressen. Der Workshop Globalgeschichte bot so ein ausgezeichnetes Forum für die Diskussion von unterschiedlichen globalhistorischen Dissertationsprojekten. Großer Dank dafür gebührt den beiden Veranstaltern des Workshops, die durch die hervorragende Organisation wie auch durch die engagierte Diskussionsleitung und -teilnahme für eine ebenso angenehme wie produktive Arbeitsatmosphäre sorgten.

Konferenzübersicht:

Einführung
Peer Vries (Universität Wien), Globalgeschichte ist sicher notwendig – aber ist sie auch möglich?

Panel I: Globalgeschichte(n) bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts

Thomas Hirt (Bern), Globale Zirkulationen von Wissen über Gefängnisse im 19. Jahrhundert: Überlegungen und Fallbeispiele zu Großbritannien und dem Empire

Barbara Louis (Minneapolis), Transatlantische Karrieren: Jüdische Exilantinnen in der amerikanischen Sozialarbeit

Panel II: Globale Zeitgeschichte(n)

Eva Locher (Freiburg im Üechtland), Die Lebensreformbewegung in der Schweiz in einem globalen und transnationalen Beziehungsnetz (1950–1980)

Christoph Ellßel (München), Asien, Australien und die USA im Colombo-Plan – Die „intellectual soldiers“ und der Versuch der imperialen Erschließung Südasiens

Diego Marinozzi (Eichstätt), „Forgotten Soldiers“ or „God Soldiers“? A comparative study about Jehova’s Witnesses behaviour under the ‚Third Reich‘ (1933–1945) and Argentina’s Junta (1976–1983)

Panel III: Globalgeschichte(n) in Bildern

Tatjana Poletajew (Düsseldorf), Fremde Welten im Vereinshaus. Die Lichtbildvorträge der Deutschen Kolonialgesellschaft

Brigitte Simon (Wien), Xenophobia and Englishness in British Comedy Shows

Matthias Harbeck (Oldenburg), Comics als Quelle der Globalgeschichte

Anmerkung:
[1] Peer Vries, State, economy and the Great Divergence. Great Britain and China, 1680s to 1850s, London u. a. 2015 (im Druck).

Zitation
Tagungsbericht: Workshop für Doktorand_Innen der Globalgeschichte, 13.11.2014 – 14.11.2014 Wien, in: H-Soz-Kult, 31.01.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5809>.