Antisemitismus und Rassismus – Verflechtungen? 5. Tagung: Blickwinkel. Antisemitismuskritisches Forum für Bildung und Wissenschaft

Ort
Jena
Veranstalter
Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, Berlin; Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin; Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main; Pädagogisches Zentrum des Fritz Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums, Frankfurt am Main
Datum
22.09.2014 - 23.09.2014
Von
Christa Kaletsch, Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main

Die Frage, inwieweit Rassismus und Antisemitismus gemeinsam gedacht, aufeinander bezogen und als vergleichbare Analysemodelle angewendet werden können, kann in Wissenschaft und in der Bildungsarbeit kontrovers diskutiert werden. Die konfligierenden Ansätze werden selten gemeinsam betrachtet. Ein behutsames Ausloten von Gemeinsamkeiten, Spezifika und Verschränkungen der Thematiken prägte die Atmosphäre der Tagung, die sich der komplexen Frage von Verflechtungen zwischen Antisemitismus und Rassismus in der postnationalsozialistischen Migrationsgesellschaft – die auch eine postkoloniale ist – stellte. „Sie sollen wissen, dass wir uns kritisch damit auseinander setzen“, betonte Oberbürgermeister Albrecht Schröter in seiner Begrüßungsrede, in der er sich glücklich zeigte, dass die Blickwinkel-Tagung nach Jena gekommen sei – der Stadt, in der die Akteure des NSU sozialisiert wurden und die neonazistische Szene in den 1990er-Jahren feste Strukturen entwickeln konnte. Schröter beschrieb die Erschütterung der Stadtgesellschaft und deren Bemühen, zivilgesellschaftliche Strukturen zu entwickeln, die sich gegen Ausgrenzung und für die Wahrung von Demokratie und Menschenrechten einsetzen.

Im Einführungsvortrag „‚Verflechtungen‘ von Antisemitismus und Rassismus aus wissenschaftlicher Sicht“ wählte YASEMIN SHOOMAN (Berlin) einen deskriptiven Weg, die verschiedenen Anknüpfungspunkte zu präsentieren, und bot einen Überblick, der internationale Diskurse und historische Forschungen miteinbezog. Als Ausgangspunkt thematisierte sie den US-amerikanischen Forschungsdiskurs, bei dem der colorline-basierte Rassismus bis heute eine zentrale Rolle spiele, obgleich der afro-amerikanische Soziologe W.E.B. Du Bois bereits 1952 in seinem Essay „The Negro and the Warsaw Ghetto“ den auf die Hautfarbe fokussierten Blick in Frage gestellt und gerade in der Auseinandersetzung mit dem europäischen Antisemitismus sein Rassismusverständnis dahingehend modifizierte hatte, dass er dessen Konstruktionscharakter der Hierarchisierung von Menschen stärker wahrnahm.[1] In ihrer Auseinandersetzung mit der Entwicklung des modernen Antisemitismus arbeitete Shooman die Verflechtung von Antisemitismus und Rassismus nach George L. Mosse heraus und führte die in der aktuellen Rassismusforschung entwickelte Terminologie der „Rassifizierung religiöser Zugehörigkeit“ ein.[2] Mit Bezug auf Rommelspacher verwies Shooman auf die Funktion des Rassismus, gesellschaftliche Ungleichheit im Zeitalter der Gleichheitspostulate zu legitimieren, und stellte einen Zusammenhang zwischen Kolonialrassismus und Antisemitismus her.[3] In diesem Zusammenhang verwies Shooman auf die vergleichenden Forschungen der Historikerin Claudia Bruns, die im Kolonialrassismus ein Modell für die Rassifizierung der Juden im Inneren Europas sieht.[4] Shooman sprach sich für die Einbeziehung einer postkolonialen Perspektive in der Erforschung des Antisemitismus aus. Im bundesdeutschen Diskurs ergibt sich in Bezug auf die Entwicklung einer vergleichenden Forschung eine besondere Schwierigkeit, die Shooman in Anlehnung an Messerschmidt mit der fehlenden Auseinandersetzung mit Rassismus begründete.[5] Diese sei lange Zeit ausgeblieben, da Rassismus auf Rechtsextremismus reduziert oder aber als etwas begriffen wurde, was dem historischen NS zugeordnet und damit im Mehrheitsdiskurs als überwunden verstanden wurde. Erst der Einbezug der angelsächsischen Forschung, der insbesondere auf Initiative minorisierter Gruppen angeregt wurde, habe den Blick entsprechend geweitet.

Bei der von SABENA DONATH (Berlin) moderierten Podiumsdiskussion „Zum Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus in Forschung und öffentlicher Diskussion“ waren sich die Teilnehmenden weitgehend einig, dass Rassismus und Antisemitismus vergleichend betrachtet werden können, ohne die Phänomene gleichzusetzen. ANNE GIEBEL (Warschau) machte die Notwendigkeit klarer Kategorien für die Wahrnehmung und Erfassung von „hate crimes“ (Hasskriminalität) deutlich. Wenn auch alle Formen gegen das Gleichheitsgebot und damit gegen das Recht auf Nichtdiskriminierung verstießen, so sei es wichtig, die Spezifika der einzelnen Diskriminierungsformen und damit auch die Unterschiede in der Erscheinung zu erkennen. JULIANE WETZEL (Berlin) verwies in diesem Zusammenhang auf die Entwicklung von Verschwörungstheorien als Besonderheit des Antisemitismus. Die von YASEMIN SHOOMAN (Berlin) und von JIHAN JASMIN DEAN (Berlin) in den Tagungsdiskurs eingebrachte Theorie des Otherings erwies sich als hilfreiche Folie, auf der die Verflechtungen zwischen Antisemitismus und Rassismus betrachtet werden können. Durch die diskursanalytische Perspektive gerät die Wirkmächtigkeit der rassistischen Diskurse, in der rassistisches Wissen (re)produziert und Machtverhältnisse beschrieben werden, stärker in den Blick. Rassismen sind gesellschaftliche Verhältnisse strukturierende Größen. Sie als ein Problem von Einstellungen zu begreifen, greift zu kurz. Dean, die sich in ihrer Forschung mit der Selbstpositionierung von vom Mehrheitsdiskurs minorisierten Gruppen beschäftigt, arbeitete den Konstruktionscharakter des Begriffs „Opferkonkurrenz“ heraus und verdeutlichte, dass dominante Akteur_innen davon profitieren. Das Podium schloss sich dieser Einschätzung an und stellte grundsätzlich eine Konjunktur rassifizierender Denkmuster und Praktiken fest. DANILO STAROSTA (Dresden) setzte sich dafür ein, Exklusionsmechanismen wahrzunehmen und diese zu benennen.

In ihrem Vortrag zu „Umgang mit Antisemitismus und Rassismus aus pädagogischer Sicht“ schlug MONIQUE ECKMANN (Genf) eine Brücke in den pädagogischen Handlungsraum und bot Orientierungshilfen in Bezug auf unterschiedliche Formen von Diskriminierung. Sie unterschied zwischen Diskriminierung und Stigmatisierung und ging auf unterschiedliche Bildungsmodelle ein, aus denen wiederum unterschiedliche Handlungsstrategien hervorgehen. Unter Diskriminierung versteht Eckmann „die ungleiche Behandlung von Personen in gleichen Situationen, sowie den Nicht-Zugang zu Ressourcen, Rechten und Positionen.“ Eckmann arbeitete heraus, dass Diskriminierungsgeschehen immer etwas mit Machtverhältnissen zu tun haben. Unabhängig von dem in machtdominierten Situationen auftretenden Diskriminierungsgeschehen, kann es zu anderen Formen von Rassismus, Stigmatisierung, Ausschluss, Hass, Intoleranz, symbolischer und/oder physischer Gewalt kommen. Auch Kombinationen von Diskriminierung und Stigmatisierung sind möglich. Auf der pädagogischen Handlungsebene empfiehlt Eckmann, „allen Erfahrungen Raum zu geben“, Allianzen – im Sinne von Solidarität und Empowerment – zu fördern, „Unterschiede und Gemeinsamkeiten zusammen zu denken“ und auf der kognitiven Ebene, in der Analyse der Phänomene die Unterschiede wahrzunehmen und zu verstehen.

In dem Fortwirken historisch tradierter Wissensbestände, ihrer häufig unbewussten Reproduktion und in der hohen Emotionalität, die in den Themen verankert ist, bestehen die Gemeinsamkeiten von „Postkolonialität und Antisemitismus als Zugänge der politischen Bildungsarbeit“: REHEMA BUSCH und DEBORAH KRIEG (beide Frankfurt am Main) suchten in ihrem gemeinsamen Vertiefungsangebot Wege, sich den Wissensbeständen so anzunähern, dass sie besprechbar werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit Bezeichnungen und Sprechakten und den darüber transportierten Selbst- und Fremdbildern ist erforderlich, die Unterscheidung zwischen Absicht und Wirkung hilfreich.

DANILO STAROSTA (Dresden) präsentierte in seinem Vertiefungsangebot zu „Antisemitismus und Rassismus in Beratung und Intervention“ anhand eines konkreten Falls Analyseinstrumente, die es Berater_innen ermöglichen, die Komplexität von rassistisch motivierten Ausgrenzungen zu erfassen, eigene Wahrnehmungen und Deutungen kritisch zu reflektieren und handlungsfähig zu bleiben.

NADIM GLEITSMANN (Hamburg) ging in seinem Vertiefungsangebot der Frage nach, wie Pädagog_innen gegen Islamismus arbeiten können, ohne Vorurteile gegen Muslime zu bedienen. Dabei standen Reflexionen über pädagogische Zugänge zu Jugendlichen im Vordergrund, die von Vertreter_innen schulischer und außerschulischer Bildungseinrichtungen vor allem als „muslimische“ Jugendliche wahrgenommen werden.

Wie in Fortbildungs- und Beratungskontexten für die Mechanismen von Othering-Prozessen und ihre Wirkung auf davon potentiell Betroffene sensibilisiert werden kann – dieser Frage gingen MANUEL GLITTENBERG und CHRISTA KALETSCH (beide Frankfurt am Main) nach. Die Erkenntnis, dass an allen Lerngelegenheiten und Aushandlungsprozessen Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen der Diskriminierung und Privilegierung und der damit verbundenen ausgrenzenden oder inkludierenden Positionierungen teilnehmen, ist handlungsleitend und beschreibt die Herausforderung der Methoden: Es geht darum, Beschämungen und Abwehr zu verhindern sowie gleichzeitig den Schutz vor erneuter Verletzung potentiell Betroffener im Blick zu behalten und diesem Priorität einzuräumen. Mit der Bedeutung medialer Konstruktionen von Jüd_innen und Muslim_innen in Deutschland beschäftigte sich das Vertiefungsangebot von TÜRKAN KÂNBIÇAK und MANFRED LEVY (beide Frankfurt am Main). Anhand von Film- und Printmaterial wurden medial-konstruierte Selbst- und Fremdzuschreibungen kritisch hinterfragt und eine Bewusstseinsbildung für die Wirkmächtigkeit der von den Medien erzeugten Zuschreibungen angeregt. Insbesondere für die Unsichtbarkeit einer säkular muslimischen Perspektive konnte sensibilisiert und die Notwendigkeit der Entwicklung von Handlungsoptionen erkannt werden. Neben der Verbesserung der Journalistenausbildung und der Arbeit in der Schulbuchkommission sei ein „Schulterschluss“ erforderlich, um eine „Gegenöffentlichkeit der Ge-Otherten“ zu erzeugen und die medialen Diskurse zu verändern.

In ihrem Tagungsresümee betonte ASTRID MESSERSCHMIDT (Karlsruhe) die Relevanz, beide Themen zusammen zu denken und zwei verschiedene Szenen von Engagierten in die Diskussion zu bringen. Der vielschichtig angelegten Tagung sei es gelungen, produktive Schritte in diese Richtung einzuleiten. Verflechtungen von Rassismus und Antisemitismus in der Geschichte von Ausgrenzungen und nationaler Machtausübung wurden durch historische Zeugnisse und Erfahrungen von Kolonialrassismus sowie Antisemitismus im Einführungsvortrag von Yasemin Shooman deutlich. Für die weitere Auseinandersetzung forderte Messerschmidt einen präziseren Umgang mit dem Begriff der „postnationalsozialistischen Gesellschaft“. Die Präposition „post“ verweise darauf, dass etwas „zwar vergangen, aber nicht abgeschlossen ist“. Dies zeige sich an der Wirkmächtigkeit eines abstammungslogischen Gesellschaftsmodells. Neben dieser in Denkmustern verankerten Nachwirkung der NS-Ideologie der Volksgemeinschaft akzentuiere der Begriff der postnationalsozialistischen Gesellschaft die Vorstellung, die NS-Verbrechen besonders gründlich und vorbildlich aufgearbeitet zu haben. Das habe ein Selbstbild der Bewältigung erzeugt, das auch zur Markierung einer Überlegenheit gegenüber Eingewanderten eingesetzt werde.

Messerschmidt unterstrich die im Verlauf der Tagung betonte Notwendigkeit, Rassismus und Antisemitismus analytisch zu vergleichen und zugleich die Unterschiede herauszuarbeiten. Verbunden seien beide Problematiken derzeit dadurch, dass deutsche Muslime unter Druck stehen, sich von gewaltsamen Erscheinungsformen im Islam zu distanzieren, und dass deutsche Juden dazu aufgefordert werden, sich zur Politik Israels zu äußern. In beiden Praktiken werden ausgrenzende Zuordnungen vorgenommen. Mit dem postkolonialen Konzept des Otherings lassen sich Dichotomisierungsprozesse nachvollziehen und kritisch einordnen. Messerschmidt empfiehlt, die Reflexion des Otherings auch auf sich selbst zu beziehen und sich zu fragen, wie das eigene Wir-Konzept hergestellt werde. „Der Schlüssel ist die Herstellung des Wir. Wir sollten über das Wir sprechen. Wer ist Wir? Wie wird das Wir hergestellt? Was macht es so attraktiv, andere zu einer Gruppe zu machen?“ In diesem Zusammenhang verwies Messerschmidt auf die Bedeutung der Vorurteilsforschung, die eine wichtige Grundlage für die Kritik von Rassismus und Antisemitismus biete, die aber durch die aktuelle Rassismusforschung zu ergänzen sei. Eine Auseinandersetzung mit der von Eckmann angeregten Frage der Zugehörigkeitsordnung ist für Messerschmidt wegweisend. Zentral sei, wie die staatsbürgerliche Zugehörigkeit organisiert wird. Dabei verwies Messerschmidt auf die Herausforderungen von Flucht und Migration. Messerschmidt regte eine Auseinandersetzung mit neonationalistischen Tendenzen an und griff die Bedeutung der Kategorie Religion bei der Entwicklung kulturrassistischer Denkmuster auf. Sie plädierte dafür, nicht von „Islamfeindlichkeit“, sondern von „antimuslimischem Rassismus“ zu sprechen. Bei diesem Othering-Prozess gehe es nicht um Religion, vielmehr werde die Kategorie Religion benutzt, um die als Muslime Definierten auszuschließen. Dies geschehe in einem Moment, da Muslime sich in Deutschland zunehmend etabliert haben. Wichtig sei, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden und zu erkennen, dass der real existierende Islamismus ein politisches Phänomen sei. Dieser biete einen „Gelegenheitsraum, den gesellschaftlichen Ausschluss von Muslimen zu legitimieren“. Doch: „Auf der Ebene der Religion wird das Problem nicht zu lösen sein.“

Die Tagung verdeutlichte: Es lassen sich Gemeinsamkeiten in Funktion und Wirkweisen von Antisemitismen und Rassismen ausmachen und es kann die Analyse für komplexe Situationen, in denen Menschen zu Anderen gemacht werden, bereichern, wenn man die spezifischen Erkenntnisse der Antisemitismus- und der Rassismusforschung ein- und aufeinander bezieht. Gleichzeitig ist es wichtig, die Spezifik der Konstruktionen wahrzunehmen, die daraus resultieren, dass sie in unterschiedlichen historischen Kontexten entstehen.

Das Theoriekonzept des Otherings (Spivak, Kalpaka) bietet eine Rahmung, um Rassismen in seinen Ausformungen wahrzunehmen.[6] In diesem Konzept lässt sich auch Antisemitismus als eine Form von Rassismus verstehen. Für den Diskurs und die pädagogische Praxis in der pluralen Gesellschaft in Deutschland, die eine postnationalsozialistische und eine postkoloniale ist, wäre es problematisch, wenn Antisemitismus in der Auseinandersetzung mit Rassismus aufgehen und als ein Unterpunkt von Rassismen behandelt würde. Für eine Analyse von Antisemitismus ist die Wahrnehmung der Spezifik – insbesondere der verschwörungsideologischen Aspekte – wichtig. Darüber bedarf es weiterhin einer kritischen Auseinandersetzung mit der kollektiven Erinnerungspolitik in Deutschland, die Rassismus in den Kontext des historischen Nationalsozialismus stellt, Antisemitismus weitgehend mit einem Tabu belegt und eine Aufarbeitung des Kolonialismus noch immer vermissen lässt (Rommelspacher).[7]

Das Wahrnehmen der Spezifik und der Unterschiede ist wichtig für die Analyse und das Verstehen der Othering-Konstruktionen, die durch die dominanten Eliten gesetzt werden. Aussagen über die Qualität der gemachten Erfahrungen lassen sich aus einer auf Unterschiede bedachten Betrachtung nicht gewinnen. Im Gegenteil besteht hier die Gefahr der Bewertung und der Hierarchisierung. Mir erscheint die Frage nach der Blickrichtung bedeutsam: geht man davon aus, dass Rassismen gesellschaftliche Machtverhältnisse etablieren und die Gesellschaft in Deutschland eine rassistisch strukturierte ist, dann sind alle davon - jedoch je nach Positionierung unterschiedlich – betroffen (Mecheril).[8] Die Wahrnehmung der Perspektive aus der man auf die Rassifizierungsprozesse schaut erscheint nicht unerheblich, bisher aber zu wenig beachtet.

Vielleicht würde es helfen, wenn man definieren würde, aus welcher Positionierung heraus Analyse und Bewertung erfolgen. So wird unausgesprochen in der Analyse dominanter Diskurse von einem ebenfalls konstruierten „Wir“ ausgegangen. Dabei fehlt eine Brechung des Begriffs des „Wir“. Fragen der Mehrbezüglichkeit und damit Zugehörigkeit zu konstruierten Minder- und Mehrpositionen werden noch zu wenig berücksichtigt. Eine Auseinandersetzung mit der Verfasstheit der Gesellschaft in Deutschland, die sich als eine „postmigrantische“ wahrnehmen lässt (Tsianos/Karakayali) und in der Teilhabe- und Repräsentationsrealitäten verhandelt werden, könnte dem Tagungsdiskurs weitere Impulse geben.[9]

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Eröffnung
Albrecht Schröter (Oberbürgermeister Jena)

Ralf Possekel (Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, Berlin)

Ulla Kux (Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, Berlin)

Interaktiver Einstieg
Deborah Krieg (Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main)

Yasemin Shooman (Jüdisches Museum Berlin), „Verflechtungen“ von Antisemitismus und Rassismus aus wissenschaftlicher Sicht

Zum Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus in Forschung und öffentlicher Diskussion (Podium)
Moderation: Sabena Donath (Zentralrat der Juden in Deutschland)

Danilo Starosta (Kulturbüro Sachsen, Dresden); Anne Giebel (Office for Democratic Institutions and Human Rights, Warschau); Jihan Jasmin Dean (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland); Yasemin Shooman (Jüdisches Museum Berlin); Juliane Wetzel (Technische Universität Berlin)

Monique Eckmann (Fachhochschule Westschweiz, Genf), Umgang mit Antisemitismus und Rassismus aus pädagogischer Sicht

Vertiefungsangebote:

Rehema Busch (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Frankfurt am Main) / Deborah Krieg (Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main), Postkolonialität und Antisemitismus als Zugänge der politischen Bildungsarbeit

Danilo Starosta (Kulturbüro Sachsen, Dresden), Antisemitismus und Rassismus in Beratung und Intervention

Nadim Gleitsmann (ufuq.de, Hamburg), Antisemitismus zwischen Muslimfeindlichkeit und Islamismus

Manuel Glittenberg / Christa Kaletsch (Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main), Gerechtigkeitsempfindungen und Diskriminierungserfahrungen

Türkân Kanbıçak / Manfred Levy (Pädagogisches Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums, Frankfurt am Main), Mediale Konstruktion von Juden und Muslimen in Deutschland

Besprechbarkeit von Antisemitismus und Rassismus im Organisationshandeln? (Podium)
Moderation: Jamila Adamou (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland / Hessische Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden)
Anne Broden (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit NRW, Düsseldorf);
Bernd Fechler (Frankfurt am Main); Heike Radvan (Amadeu Antonio Stiftung, Berlin)

Tagungsbeobachtungen
Astrid Messerschmidt (Pädagogische Hochschule Karlsruhe)

Anmerkungen:
[1] W. E. B. Du Bois, “The Negro and the Warsaw Ghetto, in: Jewish Life (May 1952).
[2] George L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1997.
[3] Birgit Rommelspacher, Anerkennung und Ausgrenzung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft, Frankfurt am Main 2002.
[4] Claudia Bruns, Rassismus, in: Christina von Braun, Inge Stefan (Hrsg.), Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorie, Wien 3/2013, S. 219-245.
[5] Astrid Messerschmidt, Distanzierungsmuster. Vier Praktiken im Umgang mit Rassismus, in: Anne Broden / Paul Mecheril (Hrsg.), Rassismus bildet – Bildungswissenschaftliche Beiträge zur Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft, Bielefeld 2010, S. 41-57.
[6] Gayatry Chakravorty Spivak, Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien 2008; Anita Kalpaka, Pädagogische Professionalität in der Kulturalisierungsfalle – Über den Umgang mit `Kultur´ in Verhältnissen von Differenz und Dominanz, in: Rudolf Leiprecht / Anne Kerber (Hrsg.), Schule in der Einwanderungsgesellschaft, Schwalbach Ts. 2005, S. 387-405.
[7] Birgit Rommelspacher, Rassismen, in: Susan Arndt, Nadja Oftuatey-Alazard (Hrsg.), (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, Münster 2011, S. 46-50.
[8] Paul Mecheril, Politische Bildung und Rassismuskritik, in: Bettina Lösch / Andreas Thiemel (Hrsg.), Handbuch kritische politische Bildung, Schwalbach Ts. 2011, S.241-252.
[9] Vassilis S. Tsianos / Julinae Karakayali, Repräsentationspolitik in der postmigrantischen Gesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 13-14/2014 Rassismus und Diskriminierung, S. 33-39.

Zitation
Tagungsbericht: Antisemitismus und Rassismus – Verflechtungen? 5. Tagung: Blickwinkel. Antisemitismuskritisches Forum für Bildung und Wissenschaft, 22.09.2014 – 23.09.2014 Jena, in: H-Soz-Kult, 06.02.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5824>.