Wissenschaftliches Netzwerk: Toletum. Netzwerk zur Erforschung der Iberischen Halbinsel in der Antike – Network para la investigación sobre la Península Ibérica en la Antigüedad. 5. Workshop

Ort
Hamburg
Veranstalter
PD Dr. Sabine Panzram, Universität Hamburg; Prof. Dr. Markus Trunk, Universität Trier
Datum
13.11.2014 - 15.11.2014
Von
Caroline Bergen / Sabine Panzram, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Toletum V, der fünfte Workshop des Netzwerks zur Erforschung der Iberischen Halbinsel in der Antike, fand vom 13. bis 15. November 2014 im Hamburger Warburg-Haus statt und nahm wiederum – wie schon im vorherigen Jahr mit der „Skulpturenausstattung öffentlicher und privater Räume auf der Iberischen Halbinsel“[1] – einen thematischen Schwerpunkt in den Blick, der in Zusammenhang mit der „Lebenswelt Stadt“ steht: „Spielstätten zwischen Republik und Spätantike“. Da diese bisher jeweils überwiegend aus der Perspektive einzelner Disziplinen und in einer Epoche in den Blick genommen worden sind – so konzentrieren sich beispielsweise archäologische Arbeiten auf den Circus von Segobriga, während epigraphische Beiträge die Inschrift in den Blick nehmen, die von der Finanzierung des Amphitheaters in Tarraco durch einen flamen berichtet –, sollte zum einen der Versuch unternommen werden, beide Perspektiven – die der Monumente und die der Texte – zusammenzuführen und im Rahmen ihrer konkreten Wirkungszusammenhänge zu rekonstruieren und zu interpretieren, und zwar à la longue. Zum anderen stand die Frage nach der Funktion von Spielstätten im Mittelpunkt des Interesses: Was kann man aus ihrer Situierung im oder außerhalb des städtischen Raums, aus ihrer architektonischen Gestaltung, aus der Aufstellung von Ehrenmonumenten oder gar Skulpturengruppen respektive der Platzierung von Inschriften schließen? Warum erfahren sie teilweise zu einem Zeitpunkt eine Wiederinstandsetzung, als die Repräsentanten des Christentums ihren Besuch bereits strikt untersagen? Inwiefern lassen sich in den hispanischen Provinzen Parallelen oder Besonderheiten hinsichtlich der „ritualisierten Politik“ konstatieren, die den Arbeiten von Egon Flaig zufolge in den Spielstätten der Hauptstadt des Imperiums stattfand?[2] Seine grundlegenden Ausführungen zur „Politisierung“ der Spiele, die dem Juvenalschen Diktum von „Brot und Spielen“ diametral entgegensteht, markieren geradezu eine Zäsur in der jüngeren Forschungsgeschichte, wie SABINE PANZRAM (Hamburg) einleitend konstatierte.

Rom stand denn auch sowohl aus archäologischer als auch aus althistorischer Perspektive gewissermaßen am Anfang: ANTONIO MONTERROSO CHECA (Córdoba) nahm die Genese und Verbreitung des „Theater-Modells“ in den Blick, wie es sich infolge des Theaterbaus von Pompeius in Rom entwickelte. Relativ zügig imitierte man den Bau nicht nur auf der Apennin-Halbinsel, sondern auch in Gallien respektive auf der Iberischen Halbinsel. PEDRO LÓPEZ BARJA DE QUIROGA (Santiago de Compostela) konzentrierte sich dagegen auf die Aspekte sozialer Kommunikation in dieser Art von Spielstätte, indem er eine Analyse der Sitzplatzverteilung im Theater auf der Grundlage von Gesetzestexten wie der lex Ursonensis präsentierte. Die anschließende Diskussion machte bereits exemplarisch das Potential einer interdisziplinären Herangehensweise deutlich: Aus der Zeit Caesars, in der dieses Stadtgesetz entstand, ist in Hispanien archäologisch kein einziger Theaterbau belegt; gleichwohl scheint es sich bereits um ein manifestes Problem gehandelt zu haben, wird es doch in diesem epigraphischen Monument Ursos explizit thematisiert.

Die „Perspektive der Monumente“, die sich anschloss, dominierte die Präsentation von Neufunden. NICOLE RÖRINGs (Bamberg/München) Überblick über die „Metamorphose“ des Theaters von Mérida ging bis in das 15. Jahrhundert zurück, in dem dessen Ruinen – als „Las Siete Sillas“ bekannt – gewissermaßen wiederentdeckt wurden, um zunächst ein Dasein als Gemüsegarten oder Stierkampfarena zu fristen. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine wissenschaftliche Aufarbeitung ein, die bis heute nicht abgeschlossen ist. So hat in jüngster Zeit der Fund eines Großteils der Marmorverkleidung Rückschlüsse auf die sogenannte „Marmorisierungsphase“ in der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. ermöglicht. Mit dem Zirkus von Segobriga stellte JENNY ABURA (Göttingen) nicht nur einen weiteren Typus Spielstätte vor, sondern auch eine der wenigen Städte Hispaniens, die überhaupt über alle drei Spielstätten verfügte. Sein Bau über einer Nekropole wirft nach wie vor ungelöste Probleme hinsichtlich der Entweihung und Zerstörung dieses sakrosankten Bereichs auf. MARCUS HEINRICH HERMANNS (Madrid) fokussierte dagegen die Einbettung der Spielstätten in die Topographie des Städtetypus „Hafenstadt“, der als „Innovationspunkt“ innerhalb der Städtelandschaft einer Region zu gelten habe. Diesen Aspekt nahm SUSANA MARCOS (Perpignan) aus einer anderen Perspektive wieder auf, untersuchte sie doch den Marmor, der zum Bau von Spielstätten in der Lusitania verwendet worden war: Seine Herkunft verweist auf die Handelsbeziehungen, über die die Städte verfügten; der Zeitpunkt seiner Verwendung ermöglicht es zudem, „Rivalitäten“ zwischen den einzelnen Städten auszumachen – offenbar wollte man sein Theater ebenfalls „marmorisiert“ oder wenigstens in Teilen aus Marmor sehen, wenn man die Verwendung dieses Materials in der Nachbarstadt bewundert hatte.

Die ergänzende „Perspektive der Texte“ zielte dagegen auf Fragen der Kommunikation und die Vermittlung von Wissen. RUBÉN OLMO LÓPEZ (Madrid) lenkte die Aufmerksamkeit auf die Person des Statthalters in den hispanischen Provinzen. Ausgehend von der These einer „Ritualisierung“ der Spiele, wie sie Flaig erstmals nachdrücklich vertreten hat[3], betonte er dessen Rolle einerseits bei öffentlichen Strafakten (z.B. Martyrien der frühen Christen) und andererseits bei den Spielen (z.B. anlässlich Kaisers Geburtstag). Allerdings blieb die Frage offen, inwiefern das aus Provinzialen bestehende Publikum die von Flaig postulierten Rituale des stadtrömischen Publikums denn auch kannte. JORGE ELICES OCÓN (Madrid) setzte sich mit der Rezeption der Antike in Al-Andalus, also nach 711, auseinander: Wie nahmen die Araber Spielstätten – so diese denn noch existierten – wahr? Interessanterweise war das Wissen um den Charakter der Geschehnisse in diesen Bauten offenbar nicht überliefert worden. Arabische Reisende, die die Iberische Halbinsel im 8. und 10. Jahrhundert besuchten, beschrieben die Bauten und vermuteten, dass sich dort die Bürger der Städte versammelt hätten – zu welchem Zweck das geschah, war ihnen aber nicht bekannt.

Ein Blick in die benachbarte Provinz Gallia Narbonensis verwies einerseits auf die eingangs angesprochene imitatio zurück, denn CHRISTOPHE COULOT (Trier) ging es um das Theater von Arles, das sich in seiner Gestaltung wie beispielsweise auch das von Córdoba an Rom orientierte. Andererseits bot der Beitrag von CAROLINE BERGEN (Hamburg) zu den Spielstätten in den Hafenstädten dieser Provinz ideale Vergleichsmöglichkeiten zu den hispanischen. Sie konzentrierte sich nicht nur auf die Frage, inwiefern der Begriff der „Schauarchitektur“[4] gerade für die in Hafennähe platzierten Theater adäquat sei, sondern auch auf die Selbstdarstellung der lokalen Elite ebendort (z.B. in Form namentlich gekennzeichneter Plätze in privilegierten Sitzreihen).

Der Vortrag von JAVIER ARCE MARTÍNEZ (Lille) beschloss diesen thematischen Teil des Workshops. Der „gran maestro“ der spanischen Spätantike-Forschung bot einen Überblick über die Transformationen, die das Städtewesen auf der Iberischen Halbinsel bis zum Einfall der Araber erfuhr, und sorgte für eine erhitzte Diskussion angesichts der These, dass die relativ frühe Aufgabe der Theater – nämlich vielerorts bereits im 2., spätestens im 3. Jahrhundert – mit dem geringen Grad der Romanisierung dieser Region zusammenhänge. Da nicht nur die aktuelle Forschung angesichts der monumentalen baulichen Prospekte und des „epigraphic habit“, sondern bereits Zeitgenossen wie Strabon das Gegenteil konstatierten, steht eine Verifizierung noch aus.

Die Berichte aus laufenden Projekten kennzeichnete wie schon in den vergangenen Jahren eine positive Diversität. Aus dem Bereich der Grundlagenforschung berichtete zum einen CAMILLA CAMPEDELLI (Berlin): Sie präsentierte den neuen CIL-Band XVII/1,1, indem die Meilensteine der Hispania Citerior vorgelegt werden. In dem an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beheimateten Projekt sind nun die Bände zur Baetica, Lusitania und der Gallaecia in der Planung. Zum anderen stellte PIETER A.H. HOUTEN (Leiden) den ERC Advanced Grant von Luuk de Ligt und John Bintliff vor: “An Empire of 2000 Cities: Urban Networks and Economic Integration in the Roman Empire” zielt auf eine Kartierung der Städtewelten im gesamten Imperium Romanum und will so eine Vergleichbarkeit in Parametern wie Siedlungsgröße, Ausdehnung des Territoriums, Demographie, Wirtschaftskraft etc. ermöglichen.

Die Promotions- bzw. Postdoc-Projekte konzentrierten sich auf die Frühphase der römischen Präsenz respektive auf die Spätantike. So setzt sich JANINE LEHMANN (Köln) mit dem Phänomen der Siedlungskontinuität wie der Neugründung aus der Perspektive der Architektur auseinander. Erstere habe im Süden, letztere im Nordosten Hispaniens dominiert; Gründe sieht sie nicht nur in der Stärke bzw. Schwäche des indigenen Substrats, sondern auch im Verlauf des Sertorius- sowie des Bürgerkriegs und in der von Rom zuvörderst angestrebten Ausbeutung der Minen. DAVID ESPINOSA ESPINOSA (Santiago de Compostela/Trier) versucht sich an einer Analyse der bei Plinius erwähnten juristischen Figur der oppida alten latinischen Rechts, die er sowohl in der Gallaecia als auch in beiden Germaniae auszumachen können glaubt. JAN SCHNEIDER (Gießen) konzentriert sich dagegen – am Beispiel von Tarraco und Baria – auf das Territorium jenseits der Städte, in dem er Siedlungsspuren diachron in den Blick nimmt, um so Aussagen in Bezug auf Kontinuität und Diskontinuität treffen zu können. Ein Element spätantiker Villen in der Lusitania – nämlich die freistehenden Apsidenbauten –, deren Deutung als Aula, Kultbau oder Mausoleum mannigfaltige Probleme aufwirft, steht dagegen im Mittelpunkt der Untersuchung von BEATE BRÜHLMANN (Trier). Und CHRISTOPH EGER (Göttingen) präsentierte in seinen „Neuen Forschungen“ aus Guarrazar (Guadamur) einmal nicht die Weihekronen der westgotischen Könige, die gemeinhin mit diesem Ortsnamen assoziiert werden, sondern die Suche nach ihrem Fundort. Sondagen, die im Anschluss an geomagnetische Prospektionen durchgeführt wurden, ließen neben Bauornamentik eine Basilika zutage treten, so dass vielleicht schon bald Aussagen zum Aufstellungskontext der Kronen möglich sein werden.

Toletum hat es Nachwuchswissenschaftler/-innen nun also zum 5. Mal ermöglicht, eigene Forschungen vorzustellen, aktuelle Ansätze der jeweiligen Disziplin zu diskutieren und sich über praktische sowie methodische Probleme zu verständigen. Die gewisse Offenheit, die durch den internationalen „call for paper“ gegeben ist, der Interessierten die Möglichkeit zur Teilnahme gibt, hat sich dabei ebenso bewährt wie die Einladung von „Experten“ zu einem Schwerpunktthema. Der 6. Workshop wird vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Hamburg stattfinden und sich mit dem „Römischen Städtewesen auf der Iberischen Halbinsel zwischen Spätantike und Frühmittelalter“ auseinandersetzen.

Konferenzübersicht:

Sabine Panzram (Hamburg) / Markus Trunk (Trier), Begrüßung

Spielstätten auf der Iberischen Halbinsel – die Perspektive Roms

Antonio Monterroso Checa (Córdoba), La génesis y difusión del modelo teatral de Roma – el caso de Hispania

Pedro López Barja de Quiroga (Santiago de Compstela), Proedria en la lex Ursonensis. Localidades preferentes en los espectáculos públicos

Spielstätten auf der Iberischen Halbinsel – die Perspektive der Monumente

Nicole Röring (Bamberg/ München), Die Metamorphose des römischen Theaters von Mérida

Jenny Abura (Göttingen), Der Circus von Segobriga (Saelices) – Nutzungswandel eines suburbium

Marcus Heinrich Hermanns (Madrid), Die Spielstätten in den Hafenstädten Hispaniens

Susana Marcos (Perpignan), Los lugares de espectáculos como expresión particular de las relaciones entre ciudades

Spielstätten auf der Iberischen Halbinsel – die Perspektive der Texte

Rubén Olmo López (Madrid), Los gobernadores y el uso de los lugares de espectáculos por parte del poder romano en las provincias durante el Principado

Jorge Elices Ocón (Madrid), Roma quanta fuit, ipsa ruina docet. Teatros, circos y anfiteatros y su recepción en al-Andalus

Spielstätten – der Blick nach Gallien

Christophe Coulot (Trier), Citharam iam poscit Apollo victor. Architektur und Bauornamentik des augusteischen Theaters von Arles und seiner scaenae frons

Caroline Bergen (Hamburg), Die Spielstätten in den Hafenstädten der Gallia Narbonensis

Berichte aus laufenden Projekten

Janine Lehmann (Köln), Die Auswirkungen der römischen Eroberung auf die Architektur der Iberischen Halbinsel – Neugründung versus Siedlungskontinuität

Jan Schneider (Gießen), Zum Vergleich ländlicher Siedlungsstrukturen im römischen Spanien

David Espinosa Espinosa (Santiago de Compostela/Trier), Los procesos de municipalización latina en Gallaecia, Germania Inferior y Germania Superior: un estado crítico de la cuestión

Pieter A.H. Houten (Leiden), An Empire of 2000 Cities: Urban Networks and Economic Integration in the Roman Empire

Camilla Campedelli (Berlin), CIL XVII/1,1: Miliaria provinciae Hispaniae Citerioris Tarraconensis

Beate Brühlmann (Trier), Aula – Kultbau – Mausoleum? Überlegungen zu den freistehenden Apsidenbauten spätantiker Villen in der Lusitania

Christoph Eger (Göttingen), Neue Forschungen in Guarrazar

Spielstätten – die „Lebenswelt Stadt“ in der Spätantike

Javier Arce Martínez (Lille), Ciudades de la Hispania romana en una epoca de transformacion

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Siehe den Tagungsbericht: Wissenschaftliches Netzwerk: Toletum. Netzwerk zur Erforschung der Iberischen Halbinsel in der Antike / Network para la investigación sobre la Península Ibérica en la Antigüedad. 4. Workshop, 17.10.2013–19.10.2013 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 20.01.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5190> (02.02.2015).
[2] Egon Flaig, Ritualisierte Politik. Gesten, Zeichen und Herrschaft im Alten Rom, Göttingen 2003; vgl. auch Ders., Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt am Main 1992.
[3] Egon Flaig, Ritualisierte Politik, S. 232-260; Ders., An den Grenzen des Römerseins. Die Gladiatur aus historisch-anthropologischer Sicht, in: Wolfgang Eßbach (Hrsg.): wir/ihr/sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode, Würzburg 2000, S. 215-230.
[4] Michael Pfanner, Modelle römischer Stadtentwicklung am Beispiel Hispaniens und der westlichen Provinzen, in: Walter Trillmich / Paul Zanker (Hrsg.), Stadtbild und Ideologie. Die Monumentalisierung hispanischer Städte zwischen Republik und Kaiserzeit. Internationales Kolloquium. Madrid 1987 (= Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. Abhandlungen, Neue Folge; 103), München 1990, S. 59-116, hier S. 79.

Zitation
Tagungsbericht: Wissenschaftliches Netzwerk: Toletum. Netzwerk zur Erforschung der Iberischen Halbinsel in der Antike – Network para la investigación sobre la Península Ibérica en la Antigüedad. 5. Workshop, 13.11.2014 – 15.11.2014 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 09.02.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5826>.