Quo vadis Zeitgeschichte? / L’histoire du temps présent et ses défis au XXIe siècle

Ort
Paris
Veranstalter
Hélène Miard-Delacroix, Paris; Frank Reichherzer, Berlin; Emmanuel Droit, Rennes/Berlin
Datum
01.10.2014 - 02.10.2014
Von
Lisa Esser / Kevin Lenk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Das Treffen deutscher und französischer Nachwuchswissenschaftler am 1. und 2. Oktober 2014 in Paris, organisiert von HÉLÈNE MIARD-DELACROIX (Paris), EMMANUEL DROIT (Rennes / Berlin) und FRANK REICHHERZER (Berlin), bildete den Abschluss eines Projektes, das im November 2012 begonnen hatte und insgesamt vier Konferenzen deutscher und französischer Doktoranden umfasste. Auch dieses mal fand der von der DFH und dem CIRA finanzierte Workshop mit weiterer Unterstützung des DHI Paris in dessen Räumen statt. Das Ziel dieses Austausches war es, neue transnationale Sichtweisen auf die Zeitgeschichte zu erarbeiten; eine Neupositionierung sowohl der Disziplin als auch des eigenen Standpunktes in ihr zu finden. Dies sollte in zwei Schritten erreicht werden: Während der ersten beiden Treffen hatten die Doktoranden vor allem theoretische und methodische Fragen, Probleme und Möglichkeiten der Zeitgeschichte erarbeitet und diskutiert. Diese galt es dann im Oktober 2013 praktisch auf die eigenen Forschungen anzuwenden bzw. die eigene Arbeit in diesem Spannungsfeld zu verorten und zu reflektieren. Abschließend hieß es nun, Bilanz zu ziehen und zu hinterfragen, inwiefern das Ziel erreicht wurde.

Im Verlauf der zweijährigen Zusammenarbeit hatten sich die drei Themenfelder „Quellen der Zeitgeschichte“, „Zeitgeschichte und Sozialwissenschaften“ und „Zeitlichkeit“ als besonders ertragreich und spannend herausgestellt und wurden zu roten Fäden durch die verschiedenen Treffen. Folgerichtig bildeten sie die drei Panels dieser Tagung.

Am ersten Tag standen die Quellen im Mittelpunkt. CLAIRE TROJAN (Rennes) und ETIENNE DUBSLAFF (Paris) berichteten von ihrem Umgang mit Zeitzeugen und ihrem durch den Austausch mit den deutschen Graduierten größer gewordenes Problembewusstsein im Hinblick auf Theorie und Methodik in diesem Feld. Dubslaff betonte, dass der fragende Historiker sich seiner Rolle als handelnder Akteur im Interview ebenso bewusst sein müsse wie der Absichten und Ziele, welche die Interviewten mit dem Gespräch möglicherweise verfolgten. Im Rahmen seiner Forschung zur politischen Identitätsfindung der ostdeutschen Sozialdemokratie habe er im Umgang mit Berufspolitikern oft erlebt, dass diese sich zum einen eine ganz bestimmte Einschreibung in die Geschichte erhofften und zum anderen in ihm jemanden sahen, der nachträglich vergangene Konflikte neu austragen könne. Trojan, die zur sozialen Integration von Flüchtlingen in Sachsen 1945-1955 geforscht hat, wies darauf hin, dass die Quellen der oral history auf eine Weise Emotionen erkennen lassen, die in schriftlichen Darstellungen nur selten zu finden sind. Wie Jan Hansen anmerkte, sei es daher eine Überlegung wert, Interviews nicht alleine mithilfe eines Tonbandgerätes auf ihren textlichen Inhalt hin zu analysieren, sondern durch Videoaufnahmen auch die performative Ebene in den Blick zu nehmen.

NATHALIE POHL (Universität des Saarlandes) berichtete im Anschluss, dass sich während ihrer Forschung zur Anti-Atomkraft-Bewegung in der deutsch-französischen Grenzregion durch aktuelle Ereignisse wie die Nuklearkatastrophe in Fukushima und die anschließende Ankündigung des Atomausstiegs Deutschlands neue Blickwinkel auf ihre Quellen eröffneten.

Neben Zeitzeugen wurde auch der Umgang mit dem Radio, Filmen und sozialen Medien diskutiert. In diesem Feld scheint es für Historiker besonders wichtig, über den Tellerrand zu schauen und Theorien und Methoden aus Nachbardisziplinen für die eigene Arbeit zu nutzen. Wie CAROLINE GARRIDO (Rennes), die sich mit den psychogeografischen Auswirkungen des Mauerbaus auf die ostdeutsche Gesellschaft befasst und LISA ESSER (Berlin) vor dem Hintergrund ihrer Forschung zur Mediengeschichte im Kalten Krieg herausarbeiteten, sei dies nicht nur bei der Analyse der für Historiker noch immer recht ungewohnten Quellen wichtig. Auch für den Schreibprozess böten Arbeiten aus diesen Feldern wichtige Antworten beispielsweise auf die Frage, wie man Töne oder (bewegte) Bilder in einem Text zitieren kann.

Mit seinem öffentlichen Abendvortrag leitete MARTIN SABROW (Potsdam / Berlin) über zu einem Thema, das am nächsten Tag noch viel diskutiert werden sollte: Von welcher Zeit reden wir, wenn wir von Zeitgeschichte reden? Sabrow schlug dazu vor, die Rothfels’sche Formel der „Zeit der Mitlebenden“ zur „Zeit der Mitfühlenden“ zu verändern, da man im Jahr 2014 erleben konnte, wie präsent der Erste Weltkrieg noch immer in der europäischen Erinnerungskultur ist, obgleich nur noch wenige Zeitzeugen leben. Als Grenze des Zeitraums der Zeitgeschichte zur Gegenwart setzte Sabrow den von ihm sogenannten historischen Sehepunkt. Dieser sei die letzte historische Erfahrungszäsur, die das Verständnis von Welt, Gesellschaft und Geschichte so fundamental veränderte, dass „danach“ ein Denken in den Kategorien von „davor“ nicht mehr möglich sei, eine Zäsur die zeitgenössischen Möglichkeiten in retrospektive Notwendigkeiten wandele. Es sei Historikern, so Sabrow, nur möglich, Ereignisse und Prozesse vor diesem letzten Bruch – für die europäische und US-amerikanische Welt sei dies das Ende der bipolaren Weltordnung 1989/91 – zu untersuchen, da sie sich davon als Teil der „neuen Zeit“ deutlich abgrenzen und somit Vorgänge klar analytisch erfassen könnten. Bei der sogenannten Gegenwartsgeschichte sei dies nicht möglich, da in ihr Analyse- und zeitgenössische Deutungskategorien zusammenfallen. Des Weiteren unterschied Sabrow zwischen orthodoxen und heterodoxen Zäsuren. Im Gegensatz zu heterodoxen Zäsuren bestätigten und verstärkten erstere vorhandene Wahrnehmungsmuster und Prozesse und führten daher nicht zu Anpassungsproblemen. Die anschließende Diskussion drehte sich unter anderen um die Fragen der Konstruktivität von Zäsuren, der Privilegierung der Ereignisgeschichte durch Sabrows Modell und der Unterscheidung zwischen heterodoxen und orthodoxen Zäsuren. Vor dem Hintergrund der ersten beiden Fragen wurde auch noch die Gedanken starkgemacht, gemacht inwiefern Historiker ihre Zäsuren selber setzten und ob sie gegen die Privilegierung der Ereignisgeschichte überhaupt anschreiben können.

Im zweiten Panel wurde dann das Verhältnis der Zeitgeschichte zu den Sozialwissenschaften verhandelt. JAN HANSEN (Berlin) plädierte mit der Erfahrung aus seinem Projekt zur parteiinternen Konfliktbewältigung im Rahmen soziokultureller und politischer Umbrüche in der SPD von 1977 bis 1987 dafür, den konstitutiven Charakter der Zeitgeschichte in der dezidierten Abgrenzung von den Sozialwissenschaften zu verorten. Sozialwissenschaftliche Arbeiten könnten allenfalls als Quellen der Zeitgeschichte dienen. Er forderte daher in der weiteren zeitgeschichtlichen Arbeit drei Reflexionsschritte: Erstens, dass die sozialwissenschaftliche Forschung selbst historisch sei, und ihre Paradigmen historisiert werden müssten; zweitens, dass insbesondere das sozialwissenschaftliche Deutungsmuster des Wertewandels historisiert werden müsse; und drittens, dass die Forderung nach einem postideologischen Zeitalter historisch im Krisendiskurs der 1980er-Jahre kontextualisiert werden müsse. In einer anschließenden Diskussion wurden insbesondere die Potenziale von historischer Selbstreflexion und die Reflexion über sozialwissenschaftliche Deutungen verhandelt. Hansen unterstrich hierbei, dass es sich bei sozialwissenschaftlichen Arbeiten um wichtige Quellen zeitgenössischer Selbstdeutungen handele, Frank Reichherzer pflichtete dieser Position bei.

GILDAS BREGAIN (Rennes) und VALERIE DUBSLAFF (Paris) widersprachen in ihren Beiträgen Hansen und betonten die Wichtigkeit von Interdisziplinarität für die Zeitgeschichte. Daher dürfe es keine Abgrenzung von den Sozialwissenschaften geben, vielmehr sei die Mischung disziplinärer Analysekategorien eine unerlässliche Bereicherung. Ferner plädierte Dubslaff auch vor dem Hintergrund ihres Forschungsprojektes zu rechtsradikalen Frauen in der NPD von 1964 bis 2010 mit den Gender-Studies für eine konsequente Genderung zeithistorischer Analysekategorien und somit auch für die weitere Öffnung der Zeitgeschichte zu den äußerst fruchtbaren Gender-Studies hin.

Auch für ARIANE D’ANGELO (Rennes) spiele Interdisziplinarität in ihrer Forschung zur politischen Öffentlichkeitsarbeit westdeutscher Regierungen am Beispiel Frankreichs von 1958 bis 1969 eine enorm wichtige Rolle, wie sie in ihrem Beitrag erklärte. Anders als die meisten Teilnehmer habe sie vor diesem Projekt hauptsächlich sozial- und politikwissenschaftlich gearbeitet und sich erst infolge der vorherigen Treffen zu einer deutlicheren eigenen Verortung in der Zeitgeschichte entschlossen. Theorien und Methoden aus diesen beiden Disziplinen spielten daher aber weiterhin eine wichtige Rolle für ihre Forschung.

Im letzten Panel standen anschließend Zeit und Zeitlichkeit der Zeitgeschichte zur Diskussion. Eröffnet wurde die Diskussion von KEVIN LENK (Berlin), der unterstrich, dass Historiker sich nicht als Registratoren von äußerlichen Zäsuren und objektiven temporalen Verhältnissen verstehen sollten, sondern als Agenten ihrer Konstruktion. Die Kenntnisnahme dieses Faktums sei eine wichtige selbstreflexive Vorbedingung gerade zeithistorischen Arbeitens. Auch als Untersuchungsgegenstand seien Temporalisierungen durch historische Subjekte wie zum Beispiel soziale Bewegungen interessant. ANDREAS SPREIER (Berlin) schloss sich mit seinem Beitrag an diese Einschätzung an. Dabei deutete er im Rahmen seiner Forschungserfahrungen den immer noch schwelenden Nordirlandkonflikt mit terroristischen Splittergruppen, die die Gewalt wieder auf die Tagesordnung bringen wollen, auch als einen Konflikt um Zeitlichkeit. Obwohl der allgemeine Konsens in Nordirland darin bestünde, dass politische Gewalt eine Sache der Vergangenheit sei, stellten die terroristischen Aktionen auch einen Versuch der Gewinnung zeitlicher Legitimität dar, den Versuch zu zeigen, dass der Nordirlandkonflikt in seiner Gewalt immer noch ein Teil der Gegenwart, noch nicht vorbei, sei. In diesem Rahmen verwies Spreier auf Achim Landwehrs Konzept der pluralen Gleichzeitigkeiten. MATHIEU DUBOIS (Paris) merkte in seinem Beitrag an, dass Zeitgeschichte als Geschichte auch temporal immer in Bewegung sei. International arbeitende, junge Zeithistoriker hätten zudem besondere Schwierigkeit ihre Forschungen zu veröffentlichen, da sie, wie ihm bei seiner Arbeit zu politischen Jugendorganisationen in Deutschland und Frankreich von 1966 bis 1974 aufgefallen ist, auf sehr nationalspezifische Erwartungen träfen, mit denen sie umzugehen hätten. Gleichzeitig sei es das große Potenzial der Zeitgeschichte, dass sie eine kritische Geschichte sei. Im Anschluss an das dritte Panel wurde über die Normativität und das politische Potenzial historischer Zäsuren diskutiert. Dabei stand in der Diskussion vor allem die Frage im Vordergrund, inwiefern historische Zäsuren selbst zu historisieren seien.

Zum Ende der Konferenz trug der Direktor des Institut du Histoire de Temps-Present CHRISTIAN DELAGE, nachdem er die vorangegangenen Panels kurz bilanzierte, vor. In einem Rundumschlag berichtete er über allgemeine und eigene Erfahrungen des Arbeitens im Spannungsfeld von Zeitgeschichte, Gedächtnispolitik und historischen Dokumentarfilmen in Frankreich. Gerade bei letzterem führte er die Entstehung und Wirkung, sowie deren Bedingungen in Frankreich in den letzten Jahrzehnten aus. Besondere Stellung nahm in seinem Vortrag die filmische Dokumentation des Barbie-Prozesses ein. Es folgte eine allgemeine Fragerunde, in der Delage seine Eindrücke noch einmal spezifisch vertiefend ausführen konnte.

Rückblickend auf die zwei Jahre deutsch-französischen Austausches betonten die Teilnehmer noch einmal den hohen Einfluss, welchen die Treffen auf die eigene Forschung hatten. Auch die Veranstalter zogen ein positives Fazit und erklärten die Absicht, bei einem möglichen weiteren Projekt dieser Art in der Zukunft auch Masterstudenten mit einzubeziehen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

1. „Retour d’expérience: Les sources de l’histoire du temps present“

Claire Trojan (Université Rennes 2)

Etienne Dubslaff (Université Paris Sorbonne)

Natalie Pohl (Universität des Saarlandes)

Caroline Garrido (Université Rennes 2)

Lisa Esser (Humboldt-Universität zu Berlin)

Vortrag: Martin Sabrow (ZZF Potsdam): „Der Zeitraum der Zeitgeschichte“

2. „Retour d’expérience: L’histoire du temps présent dans le monde des sciences sociales”

Jan Hansen (Humboldt-Universität zu Berlin)

Gildas Bregain (Université Rennes 2)

Valérie Dubslaff (Université Paris Sorbonne)

Ariane d’Angelo (Université Paris Sorbonne)

3. „Retour d’expérience: Temps et temporalité de l’histoire du temps present”

Kevin Lenk(Humboldt-Universität zu Berlin)

Mathieu Dubois (Université Paris Sorbonne)

Andreas Spreier (Humboldt-Universität zu Berlin)

Vortrag von Christian Delage (Institut du Histoire de Temps-Present) und Abschluss: „Écriture et pratique de l’histoire du temps présent: Bilan d’expérience“

Zitation
Tagungsbericht: Quo vadis Zeitgeschichte? / L’histoire du temps présent et ses défis au XXIe siècle, 01.10.2014 – 02.10.2014 Paris, in: H-Soz-Kult, 21.02.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5841>.
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Veröffentlicht am
21.02.2015
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