Digitale Erschließung und Edition. Archivische Dienstleistungen im Informationszeitalter

Ort
Koblenz
Veranstalter
Bundesarchiv; Arbeitskreis "Editionsprobleme im 20. Jahrhundert" der AHF
Datum
27.09.2004
Von
Jörg Filthaut, Bundesarchiv

Rund 130 Teilnehmer aus staatlichen und nicht-staatlichen Archiven des In- und Auslands sowie verwandter Einrichtungen besuchten den eintägigen Workshop im Bundesarchiv, Koblenz, der zudem mit dem Jahrestreffen des Arbeitskreises "Editionsprobleme im 20. Jahrhundert" der AHF zusammenfiel. Der Fokus der Tagung, die - bis auf eine Ausnahme - Beiträge aus von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekten zusammenführte, lag auf der Präsentation der Projektergebnisse und der Demonstration des durch die Digitalisierung erzeugten Mehrwertes.

Der Präsident des Bundesarchivs, Prof. Dr. Hartmut Weber, freute sich in seinem Grußwort über die große Resonanz, die das Zauberwort Digitalisierung nach wie vor auslöst und zeigte auf, wie dieses Zauberwort die Fachdiskussion hinsichtlich Erschließung und Standardisierung angeregt hat.

Die erste Sektion zur digitalen Erschließung wurde von PD Dr. Angelika Menne-Haritz (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin) geleitet, die in ihren einleitenden Ausführungen die Aktualität und den Aufschwung im Erschließungsbereich durch die IT-Technologie darlegte, die insbesondere die erhöhte methodische Reflexion über Erschließung und die Integration der deutschen Archive und ihrer Erschließungsergebnisse in die internationale Archivlandschaft durch Austauschformate wie EAD (Encoded Archival Description) betreffen.

Dr. Matthias Meusch (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) eröffnete den Reigen des Vormittags mit seinem Vortrag zum DFG-Projekt "Entwicklung von Werkzeugen zur Retrokonversion archivischer Findmittel", das Ende Juni diesen Jahres erfolgreich angeschlossen wurde. Im Zentrum des Vorhabens stand die automatisierte Konvertierung analoger oder in Textdateien vorliegender Findmittel in ein Datenbankformat und eine anschließende Online-Präsentation. Durch eine Powerpoint-Präsentation mit Screenshots sowie Beispielauszügen aus der Findmittel-DTD unterstützt, konnte der Referent überzeugend das Funktionieren der erstellten Softwarewerkzeuge und den resultierenden Arbeitsablauf darlegen. Abschließend warb er für die Nachnutzung der Werkzeuge durch andere Archive, wofür die Einrichtung regionaler Kompetenzzentren empfohlen wurde. Mit diesem Werkzeug würde es jedem Archiv möglich sein, bald eine kritische Masse an Online-Findmitteln bereitzustellen. [1]

Frau Petra Rauschenbach (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, Berlin) berichtete unter dem Titel "Zum benutzerorientierten Informationsangebot: Retrokonversion von Findkarteien zu Online-Findbüchern" über ein Retrokonversionsprojekt von Findkarteien des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes mit dem Ziel, Online-Findbücher bereitzustellen. Von einer Präsentation anschaulich unterstützt, führte die Referentin aus, wie in relativ kurzer Zeit mehr als 150.000 Karteikarten durch einen externen Dienstleister digitalisiert und in XML-Strukturen überführt wurden. Sie demonstrierte dann, wie diese mit dem Software-Werkzeug MidosaXML schnell in ein Online-Findbuch konvertiert werden können und thematisierte schließlich Aufwand und Nutzen des gewählten Verfahrens, wobei sie von den guten Erfahrungen und den positiven Rückwirkungen im Arbeitsalltag der Archivare und bei den Benutzern berichten konnte. [2]
Dr. Oliver Sander (Bundesarchiv, Koblenz) referierte über "Elektronisches Erschließen - Online-Findmittel des Bundesarchivs mit BASYS-Fox" und zeigte zum ersten Mal vor einem größeren Fachpublikum, wie die Ergebnisse des DFG-Projektes "Präsentation von Online-Findbüchern unter Berücksichtigung des EAD-Systems" im Bundesarchiv umgesetzt wurden. EAD wird als Austauschformat verwendet, während nach den Erschließungsrichtlinien des Bundesarchivs in dessen Erschließungsdatenbank BASYS (BundesArchiv-IT-SYStem) gearbeitet wird. BASYS-Fox (Akronym für Findmittel Online in XML) ist dabei ein Redaktions- und Transformationswerkzeug, das aus der Datenbank onlinefähige Findmittel generiert, die sowohl auf den Webseiten des Bundesarchivs bestandsübergreifende Recherchen ermöglichen als auch in EAD ausgelesen auf dem Server der Research Libraries Group (RLG) eingestellt und dort archivübergreifend bei Suchabfragen gefunden werden. Der Referent demonstrierte an einem Beispielbestand den vollständigen Arbeitsablauf von der Erschließungsdatenbank bis zur Anmeldung des fertigen Findbuchs bei der RLG. [3]

Die Beiträge des Vormittags beschloss die Präsentation von Dr. Dirk Alvermann (Universitätsarchiv Greifswald) zu "ARIADNE (Archive Information & Administration Network) - zum DFG-Projekt ‚Archivverbund Mecklenburg-Vorpommern am Universitätsarchiv Greifswald'". Dabei führte er aus, dass ARIADNE einerseits ein Verbundportal andererseits eine lokale Erschließungs- und Rechercheapplikation der beteiligten Archive ist. Der Verbundworkflow wurde ebenso anschaulich demonstriert wie Beispielrecherchen der archivübergreifenden Suchfunktionalität. Der Mehrwert dieses Projektes wurde auch dadurch besonders evident, dass mit Open-Source-Software gearbeitet wird, was insbesondere die hohen Anfragezahlen bei der Projektdokumentation belegen. [4]

Die lebhafte Diskussion nach dieser ersten Sektion - Verständnisfragen konnten unmittelbar nach jedem Vortrag geklärt werden - zeigte Interesse an der Projektdurchführung und der Rolle von externen Dienstleistern und internen Lösungen sowie den entsprechenden Kosten. Weiterhin wurden Stand und Entwicklung von Portallösungen ebenso diskutiert wie der Standard EAD in technischer und intellektueller Hinsicht. Intensiv besprochen wurde der Zusammenhang von Benutzungspraxis, vor allem hinsichtlich der Bestimmungen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes, und der Internetpräsentation von Findmitteln moderner Bestände. Eine Redaktion retrokonvertierter Bestände unter diesem Aspekt sowie technische Ansätze zeichneten sich als Lösungen ab. Des Weiteren stand die internationale Entwicklung im Bereich von Erschließungsstandards wie EAD und archivübergreifenden Portalen im Mittelpunkt der Diskussion.

Die zweite Sektion zum Thema digitale Edition moderierte Dr. Josef Henke (Bundesarchiv, Koblenz), zugleich Leiter des Arbeitskreises "Editionsprobleme im 20. Jahrhundert" der AHF. In seinen einleitenden Worten betonte er die "Rückgratfunktion" von sorgfältig edierten, kommentierten und wissenschaftlich eingeleiteten Quelleneditionen in der Geschichtswissenschaft, die zum Rüstzeug jedes professionellen Historikers gehören. Oft über Jahrzehnte hinweg in Historischen Kommissionen, wissenschaftlichen Akademien, Archiven und Bibliotheken entstanden, stellt sich für Editionen auch die Frage nach verbesserter Verfügbarkeit und dem Mehrwert der digitalen Variante gegenüber dem Buch. Dessen Stellenwert, aber auch die Rolle von Verlagen im digitalen Zeitalter seien zu diskutieren.

In einer Brückenfunktion zum Thema des Vormittags referierte Dr. Gerald Maier (Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, Stuttgart) zu "Digitalisiertes Archivgut im Internet als Dienstleistung der Archive. Die Ergebnisse des DFG-Projekts "Workflow und Werkzeuge zur digitalen Bereitstellung größerer Mengen von Archivgut". Ziel des Ende 2002 abgeschlossenen Projektes war dabei einerseits die Entwicklung weitgehend automatisierter Arbeitsabläufe zur Herstellung optimaler digitaler Master über das Medium Mikrofilm, andererseits die Entwicklung von Autorensystem-gestützten Präsentationsmodulen für die objektgerechte Präsentation von Urkunden mit Siegeln und von Akten. Anhand von Screenshots zeigte der Vortragende anschauliche Beispiele digitalisierter Urkunden und Akten und erläuterte den Arbeitsablauf. Abschließend zeigte er Verbindungslinien auf zu Nachfolgeprojekten wie dem BAM-Portal und dem InnoNet-Projekt ARCHE. [5]

Dr. Andreas Pilger (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) referierte den "Stand und Perspektiven einer digitalen Edition der Kabinettsprotokolle der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (Legislaturperiode 1966-1970)". Ausgehend vom Aussagewert der buchgestützten Quellenedition demonstrierte der Vortragende sein Konzept und den Prototyp einer digitalen Edition. Im Zentrum der Ausführungen standen zwei Aspekte: zum einen die Möglichkeit, durch eine Verknüpfung der Texte untereinander und den Einbau erweiterter Recherchefunktionen die Zugänglichkeit der Edition für den Benutzer zu erleichtern; zum anderen die noch wichtigere Möglichkeit, durch eine netzförmige und prinzipiell erweiterungsfähige Einbindung von Verweisen auf bereits vorhandene (archivinterne wie externe) Informationsressourcen auch das inhaltliche Profil der Edition zu verbessern. Dies wurde eindringlich mit Links auf die digitalisierten Landtagsprotokolle des Landtages von Nordrhein-Westfalen sowie Audio- und Videodateien veranschaulicht. Schließlich wurde vor diesem Hintergrund die Frage diskutiert, inwieweit und vor allem in welcher Form es in Zukunft sinnvoll und beabsichtigt ist, neben der elektronischen Version auch noch die bisherige Buchform der Edition fortzuführen.

Jörg Filthaut (Bundesarchiv, Koblenz) demonstrierte die "Die Edition ‚Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung' online" und erläuterte insbesondere den Mehrwert der Online-Edition, die durch vielfältige Navigations- und Recherchefunktionen einen multidimensionalen Zugriff auf den digitalen Volltext ermöglicht - kurz vor dem Workshop sind alle bisher erschienenen Bände der Edition (Kabinettsprotokolle 1949-1959; Kabinettsausschuß für Wirtschaft 1951-1957; Ministerausschhuß für die Sozialreform 19555-1960) im Internet bereitgestellt worden. Umso deutlicher konnte die bandübergreifende Recherche durch Navigation, Suche und Quernavigation vorgeführt werden. Der Referent zeigte die Integration der Online-Edition innerhalb des Workflow der Edition, die weiterhin dual - Buch und Internet - publiziert und erläuterte dabei insbesondere das Software-Werkzeug, das die weitestgehend automatisierte Konvertierung der Textdatei in eine internetfähige Präsentation ermöglicht. Nachnutzungsmöglichkeiten und Folgeprojekte wurden kurz angesprochen. [6]

Dr. Rüdiger Zimmermann (Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn) beschrieb in seinem Vortrag "Zeitgeschichte auf einen Blick. Zur Digitalisierung sozialdemokratischer Pressedienste in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung" Erfahrungen und Kosten zweier Retrodigitalisierungsprojekte und erläuterte an Beispielrecherchen insbesondere den Mehrwert an zusätzlichen Erschließungsinformationen und Verfügbarkeit von z.T. nur in einem Exemplar vorhandenen Texten. Er unterstrich den Wert für die Forschung, deren Fragestellungen auch bei der Auswahl weiterer Anschlussprojekte, die kurz dargelegt worden, ein wichtiges Kriterium darstellen. [7]

Schließlich berichtete Dr. Margarete Wittke (Bayerische Staatsbibliothek, München) über "Reichstagsprotokolle digital". Aufbauend auf den Erfahrungen eines ersten Digitalisierungsprojektes der Stenographischen Berichte über die Verhandlungen des Reichstages bis 1895 skizzierte die Referentin anhand einer Beamer-Präsentation mit Screenshots die Zielstellung des Folgeprojektes zu den Reichstagsprotokollen der Weimarer Republik. Die Texte werden im Grafikformat digitalisiert, die Register als Volltext bereitgestellt. Insbesondere die interne Vernetzung zu anderen bestehenden Angeboten der Bayerischen Staatsbibliothek stand im Mittelpunkt ihrer Ausführungen. [8]

In der lebhaften Diskussion dieser Sektion, die fließend in eine Abschlussdiskussion einmündete, wurde die Rolle von Registern in digitalen Editionen ebenso diskutiert wie die Zitierfähigkeit von Internettexten. Die Frage der Kostenfreiheit der vorgeführten Angebote wurde aufgeworfen. Aufgrund der DFG-Förderung und der Tatsache, dass persönliche Benutzung im Lesesaal in der Regel kostenfrei ist, bleiben auch die Online-Angebote kostenlos. Die Nutzerhäufigkeit wurde angesprochen, und alle Referenten konnten auf hohe Zugriffszahlen in den log-Dateien verweisen. Auch die Frage, wer denn die neuen Benutzer sind, wurde diskutiert, wenngleich hier abschließende Antworten noch nicht möglich sind. Urheberrechtliche Fragen wurden angeschnitten, die aufgrund der Erfahrungen der vorgestellten Editionen keine Probleme bereiten.

In seiner Verabschiedung der Teilnehmer resümierte Wolf Buchmann (Bundesarchiv, Koblenz) den letzten Punkt der Diskussion, indem er auf ein weiteres, bislang nicht erwähntes Online-Angebot des Bundesarchivs verwies, nämlich die Datenbank aller in deutschen Archiven verwahrter Nachlässe. Hier werde der Mehrwert des Internets besonders manifest; denn die Buchausgabe des Mommsen war bereits bei Erscheinen veraltet, während nun durch ein Content-Mangement-System die beteiligten Archive dezentral und aktuell ihre Einträge pflegen können. Die Datenbank, die z.Zt. fast 21.000 Nachlässe verzeichnet, hat bereits zu neuen Benutzungen geführt, was an der Art der Anfragen an das Nachlassreferat abzulesen ist. [9]

Die Beiträge des Workshops werden im November auf den Webseiten des Bundesarchivs unter der Rubrik "Fachinformationen" zugänglich gemacht.

Anmerkungen:

[1]http://www.archive.nrw.de/dok/tagung-retro/
[2]http://www.bundesarchiv.de/aktuelles/projekte/00018/index.html
[3]http://www.bundesarchiv.de/aktuelles/projekte/00005/index.html
[4]http://ariadne.uni-greifswald.de
[5]http://www.lad-bw.de/workflow
[6]http://www.bundesarchiv.de/kabinettsprotokolle
[7]http://www.fes.de/library/index_gr.html
[8]http://mdz2.bib-bvb.de/%7Emdz/sammlungen.html
[9]http://www.bundesarchiv.de/findbuecher/stab/db_nachlass/index.php

Zitation
Tagungsbericht: Digitale Erschließung und Edition. Archivische Dienstleistungen im Informationszeitalter, 27.09.2004 Koblenz, in: H-Soz-Kult, 05.10.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-585>.
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Veröffentlicht am
05.10.2004
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