1716 – Leibniz' letztes Lebensjahr: Unbekanntes zu einem bekannten Universalgenie

Ort
Hannover
Veranstalter
Michael Kempe, Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover (GWLB)
Datum
03.12.2014 - 05.12.2014
Von
Robert Heindl, Forschungszentrum Gotha

2016 jährt sich der Tod des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz zum 300sten Mal. Einer der Beiträge zu diesem Leibnizjahr wird der Workshop „1716 – Leibniz’ letztes Lebensjahr: Unbekanntes zu einem bekannten Universalgenie“ sein, der bereits im Dezember 2014 unter der Leitung von Michael Kempe stattfand.

Wichtige Quellenbestände zu 1716, die im Rahmen der fortschreitenden Transkriptionen der Leibniz Akademie Ausgabe (LAA) untersucht wurden, sollten als Beiträge zu einem Gesamtporträt des Universalgenies Leibniz gefügt werden. Ein Gesamtbild, das auf dem Workshop in vier verschiedene Sektionen aufgeteilt wurde, wobei biographische und quellenbezogene Metadaten genauso Thema waren wie Beiträge zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Werk von Leibniz. Schließlich wurden auch sein Einfluss auf die europäische Politik, Recht und Geschichte und seine Philosophie und Metaphysik durch die Linse des letzten Lebensjahres betrachtet.

MICHAEL KEMPE (Hannover) begann seine Einleitung mit einigen stereotypen Bildern von langer Tradition zu Leibniz' letztem Lebensjahr und Tod, insbesondere zu seinen angeblich letzten Worten (pointiert ins Bild gesetzt auf dem Flyer des Workshops „Leibniz' Tod“ von J. A. Eberhard aus dem Jahr 1795). Damit leitete Kempe zur aktuellen Forschungslage über und stellte drei Leibnizbilder nebeneinander: a) Der letzte Vertreter barocker Universalgelehrsamkeit in einer zu Ende gehenden Zeit. b) Der erste Wegbereiter einer neuen Epoche, eine Schwellenfigur zwischen Barock und Aufklärung. c) Der Vorbote einer neuen Zeit. Letztere Betrachtungsweise impliziert die Frage, ob Leibniz als Globaldenker bezeichnet werden kann und nimmt nicht zuletzt auf Leibniz’ Asienbild und dessen Ausführungen bei Jürgen Osterhammel Bezug.[1] Die verschiedenen Charakterisierungen verdeutlichen die Schwierigkeiten bei der Historisierung einer solch schillernden und intellektuell exzeptionellen Figur wie Leibniz, die in den weiteren Beiträgen beleuchtet wurden.

Als Erster sprach GERD VAN DEN HEUVEL (Hannover) über Leibniz’ Verhältnis zum britisch-hannoverschen Hof in seinen letzten beiden Lebensjahren. Zentral war in seinem Vortrag der Gegensatz einerseits von Leibniz selbst, der sich wohl gerne als paneuropäischen Diplomaten verstanden hätte und erst aus Wien nach Hannover – das er zuvor wann immer möglich gemieden hatte – zurückeilt, als er von der Thronfolge seines Dienstherren erfuhr und dadurch Morgenluft für eigene diplomatische Tätigkeiten zwischen Großbritannien und dem Reich witterte; andererseits von Kurfürst Georg Ludwig/ König Georg I, der verärgert war über Leibniz’ ständige unerlaubte Reisen und vor allem die seit langem ausstehende Fertigstellung der Welfengeschichte – ein Vorhaben, mit dem sich Leibniz einst 1685 Georg Ludwigs Vater Ernst August anempfohlen hatte – und aus diesem Grund die Bindung des kurfürstlichen Geheimen Justizrates ,,an die Leine“ im doppelten Wortsinn erzwang. Van den Heuvel ergänzte Leibniz’ eigene Narrative vom missverstandenen Gelehrten, der zur Erfüllung einer ungeliebten Auftragsarbeit gezwungen wurde, um andere Perspektiven: einmal die Bedeutung der Welfengeschichte für das Prestige des hannover’schen Hauses, das neu eingesetzt auf dem britischen Thron mit Legitimationsproblemen und antideutschen Ressentiments des Parlaments und des englischen Volkes zu kämpfen hatte. Zum Zweiten stellte er die Bedeutung Hannovers für Leibniz selbst als ,,Futtertrog“ heraus, aus dem er im Gegensatz zu seinen vielen anderen Ämtern (unter anderem beim Kaiser und bei Zar Peter, dem Großen) regelmäßig mit Gehalt gespeist wurde.

MARGHERITA PALUMBO (Rom) untersuchte Leibniz’ Buchanschaffungen in seinem letzten Lebensjahr an Hand von Inventarlisten der kurfürstlichen Bibliothek in Hannover und der Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel. So kamen einige Auktionen zu Tage, auf denen Leibniz größere Mengen von Büchern ersteigert hatte. Insgesamt gab er in seinen letzten 4 Jahren über 1000 Taler für Bücher aus, ein unproportional höherer Betrag als in den Jahren zuvor. Darunter bildeten laut den Inventarlisten juristische und theologische (darunter viele millenaristische) Werke den Schwerpunkt. Die in der anschließenden Diskussion gestellte Frage, was Leibniz wohl mit all diesen Büchern, die er gekauft hatte, aber unmöglich alle selber lesen konnte, wohl wollte, wurde mit der Vermutung beantwortet, dass er seine Privatsammlung auch immer als Ergänzung zur kurfürstlichen Bibliothek sah und damit als Beitrag zur allgemeinen Gelehrsamkeit.

NORA GÄDEKE (Hannover) betrachtete in ihrem Vortrag die Metadaten der Korrespondenz des letzten Lebensjahres: Brieffrequenz, Anzahl der Briefpartner, geographische Ausdehnung der Korrespondenz, gleichsam die kommunikativen und räumlichen Strukturen von Leibniz’ Netz. Dabei setzte sie sich kritisch mit älteren Forschungen von Georg Gerber von 1966 auseinander, der für 1700 einen quantitativen Höhepunkt der Korrespondenz festgestellt hatte und seit 1704 einen stetigen Rückgang derselben. Dem stellte Gädeke die aus dem Arbeitskatalog der Akademie-Ausgabe gewonnenen Zahlen von knapp 900 Briefen und über 180 Korrespondenzpartnern für das Jahr 1716 (was in etwa dem Jahr 1700 entspricht) sowie ähnliche Zahlen für das Jahr 1715 gegenüber. Qualitativ lassen sich für Leibniz’ letzte Lebenszeit eine gewisse Kontinuität und viele nicht nachlassende alte Korrespondenzen bemerken, sowie ein hoher, nur den Jugendjahren vergleichbarer Anteil an kurzfristigen Korrespondenzen, sicher nicht zuletzt durch Zäsuren des Jahres 1714 wie den Wechsel des Kurfürsten Georg Ludwig und seines Hofes von Hannover nach London und den Tod der Kurfürstin Sophie und des Herzogs Anton Ulrich von Wolfenbüttel, beide lange Korrespondenzpartner Leibniz’. Gädeke betonte die Vorläufigkeit ihrer Ausführungen, da in der Akademie-Ausgabe Leibniz’ Korrespondenz erst bis zum Jahre 1700 vollständig ediert vorliegt.

In der abschließenden Diskussion kamen die Probleme solcher Statistiken zu Tage. Die Zahlen müssen immer relativ bleiben, da beispielsweise Zirkulationen von Briefen unter mehreren Personen (die dann auch statistisch als Korrespondenzpartner Erwähnung finden müssten) oder Drittstücke (Briefe, die eigentlich an jemand anderen gerichtet waren und dann an Leibniz weitergeleitet wurden) niemals vollständig Erwähnung finden können. Natürlich muss man auch die Lücken des Netzes durch verloren gegangene Schreiben, die man nur noch an Hand der Antworten rekonstruieren kann, berücksichtigen. Eine wichtige Frage für die Zukunft wird sein, wie man solche Briefe mit Hilfe digitaler Techniken thematisch qualifizieren und statistisch auswerten kann.

Der nächste Tag wurde eingeleitet von zwei Vorträgen zur mathematisch-naturwissenschaftlichen Sektion, wobei CHARLOTTE WAHL (Hannover) eine letzte Verdichtung des Prioritätsstreits zwischen Leibniz und Newton in Briefkorrespondenzen des Jahres 1716 ausmachte und JAMES O’ HARA (Hannover/Hameln) an Hand eines Austausches zwischen dem niederländischen Naturforscher Antonie van Leeuwenhoek und Leibniz untersuchte, inwieweit letzterer als experimenteller Naturforscher gelten kann. Im Anschluss daran leitete MALTE-LUDOLF BABIN (Hannover) mit seinem Vortrag über einen bislang vernachlässigten Briefwechsel von 1716 zwischen Leibniz und Johann Philip Schmid und die darin kommunizierten Neuigkeiten vom kaiserlichen Hof in Wien in die Sektion europäische Politik über.

REGINA STUBER (Hannover) sprach über Leibniz’ Kontakte mit dem russischen Zaren Peter, dem Großen. Nachdem Leibniz Peter zum ersten Mal 1711 in der Residenz des sächsischen Kurfürsten in Torgau getroffen hatte und im Jahr darauf einige vertrauliche Gespräche mit ihm geführt hatte, wobei er ihm als Geschenk einen magnetischen Globus überreichte, schien der Kontakt danach mehr und mehr abzureißen. Stuber stellte jedoch heraus, dass Leibniz ab 1715 immer wieder versuchte, ein weiteres Treffen mit dem Zaren einzurichten, sei es, um ihm seine neue Rechenmaschine zu präsentieren oder seine Akademiepläne in St. Petersburg voranzutreiben. Dies scheiterte jedoch, nicht zuletzt vielleicht auch aus Gründen internationaler Diplomatie, da Georg I auf dem englischen Thron im Gegensatz zu vorher weniger interessiert war, ein Bündnis mit Russland aufrecht zu erhalten.

MONIKA MEIER (Hannover) referierte an Hand der Korrespondenz zwischen Leibniz und der Prinzessin von Wales Caroline über deren Rolle als Vermittlerin bei der Auslösung der Leibniz-Clarke – Kontroverse. Über selbige Kontroverse sprach auch STEFAN MEIER-OESER (Münster) in der Sektion Philosophie und Metaphysik und stellte dabei vier zentrale Thesen auf: a) Die Leibniz-Clarke Kontroverse ist keine Korrespondenz, sondern eher ein Schaukampf. b) Die Schriften, die Leibniz zu diesem Thema verfasst hat, bilden keine zusammenhängende Philosophie. c) Er hatte auch nicht die Absicht, seine Philosophie öffentlich darzulegen, in der Befürchtung, missverstanden zu werden. d) Die Kontroverse riss nach Leibniz’ Tod nicht ab. Schließlich führte sie aber nicht zuletzt dazu, dass Leibniz sich durch sie genötigt sah, seine Philosophie noch einmal in ihrem systematischen Zusammenhang und in ihren metaphysischen Prinzipien darzustellen.

Genau über diese letzten Begründungen von Leibniz’ Metaphysik in philosophischen Briefwechseln mit verschiedenen Korrespondenten sprach BRANDON C. LOOK (Kentucky). In diesen Korrespondenzen formulierte Leibniz zwar nichts grundlegend Neues mehr, versuchte aber noch einmal klarzustellen, welche Bedeutung der Satz vom Grund, das Wesen der einfachen Substanzen – so genannter Monaden – und die Natur der phänomenalen Welt für ihn hatten. Konkret ging es Look auch um einen von Leibniz noch 1716 neu eingeführten Begriff, nämlich den des ,,substantiatum“ als aus Monaden zusammengefügtes Aggregat.

Am Freitagvormittag stand schließlich noch Leibniz als Historiker und Rechtsphilosoph auf dem Tagungsprogramm. Den Eröffnungsvortrag dazu hielt STEFAN WALDHOFF (Potsdam) über Leibniz’ Geschichte der Welfendynastie. Waldhoff wollte dabei die traditionelle Narrative konterkarieren, nach der Leibniz um 1690 einen äußerst umfangreichen Plan für sein Vorhaben schmiedete und dieses dann immer stärker verkleinerte, bis nur ein unfertiger Torso übrigblieb. Waldhoff setzte dem die Konstanzen in Leibniz’ historischem Werk gegenüber, das von Anfang an zweigleisig angelegt war, nämlich als Geschichte der Welfendynastie einerseits und als Geschichte des Landes Niedersachsen andererseits. Methodisch war dabei Leibniz’ Konzeption für den ersten Band geographisch und heraldisch angelegt, für den zweiten Band polyhistorisch und antiquarisch sowie sprachwissenschaftlich, wobei gerade diese drei Aspekte stark verzahnt waren. Diese Konzeption ist nur sehr schwer durch den von Waldhoff durchgeführten Blick in die „Werkstatt“ Leibniz’ zu erkennen, da gerade durch dessen unmittelbaren Nachfolger als Hofhistoriograph und Amanuensis Johann Georg Eckhart sein Geschichtswerk derart fragmentiert wurde, wie Leibniz selber es vielleicht niemals für gut geheißen hätte.

Der Rechtshistoriker MATTHIAS ARMGARDT (Konstanz) sprach über die Entwicklung von Leibniz' Rechtsphilosophie während seiner letzten Lebensjahre im Zusammenhang mit seiner Monadentheorie. Dabei stellte er Leibniz dezidiert als Vertreter der scholastischen Einheit von Naturrecht und Theologie dar, völlig im Gegensatz zu seiner Zeit, in der säkulare Naturrechtsentwürfe von Pufendorf, Grotius und Hobbes geläufig waren. Für Leibniz war das Gerechte als ideales Sollen auf jeden Fall in jegliche Naturrechtsordnung eingeschrieben, womit er sich gegen jede Art von Voluntarismus, wie bei Hobbes oder Spinoza formuliert, stellte. Laut Armgardt entwickelte Leibniz diese Theorie im Einklang mit seiner Metaphysik. Armgardt betonte auch das Potential von Leibniz’ Rechtsphilosophie für Reformen unserer heutigen Rechtsprechung.

MARIA ROSA ANTOGNAZZA (London), die 2009 eine bahnbrechende ,,intellectual biography“ über Leibniz verfasste [2], schlug zum Schluss in ihrem Kommentar noch einmal den Bogen zur Frage, ob Leibniz denn nun der letzte Universalgelehrte barocker Art oder der erste Globaldenker war. So resümierte sie – noch einmal alle Beiträge Revue passieren lassend – dass Leibniz im Gegensatz zu seiner eigenen Darstellung es vielleicht nicht immer leicht hatte in seinen letzten Lebensjahren mit seinem Dienstherrn, dem Kurfürsten von Hannover und König von England, selber aber sicher alles andere als ein einfacher Untergebener war. Einerseits wurde klar, dass Leibniz’ Korrespondenz bis zu seinem Lebensende ein hohes Ausmaß hatte. Andererseits hat vielleicht Leibniz zu Lebzeiten genauso wie die Leibniz-Forschung bis heute unterschätzt, welchen Perspektivwechsel die Nachfolge des hannover’schen Kurfürsten als König Georg I. auf den englischen Thron bedeutete. Dies betrifft sowohl Leibniz' ökumenische Anstrengungen, die durch einen starken Antikatholizismus und die Sensibilisierung der englischen Politik in Konfessionsfragen allgemein begrenzter wurden als auch die Leibniz-Newton-Kontroverse, deren Nationalismen, die Leibniz damals schon nicht wahrnehmen wollte, vielleicht sogar bis heute die Leibniz-Forschung prägen.

Konferenzübersicht:

Einführung:
Michael Kempe (Hannover)

Sektion 1 (Hintergründe und Zusammenhänge)

Gerd van den Heuvel (Hannover): Emeritus oder ,,tout a fait inutile“? Leibniz' Verhältnis zum britisch-hannoverschen Hof in seinen letzten beiden Lebensjahren.

Margherita Palumbo (Rom): Leibniz' letzte Anschaffungen für seine Privatbibliothek.

Nora Gädeke (Hannover): Leibniz' Korrespondenz im letzten Lebensjahr.

Sektion 2 (Mathematik, Naturwissenschaft, Technik)

Charlotte Wahl (Hannover): Zum Prioritätsstreit zwischen Leibniz und Newton.

James G. O' Hara (Hannover/Hameln). ,,J' aime mieux un Leewenhoek qui me dit ce qu' il voit, qu'un Cartesien aui me dit ce qu'il pense“. Leibniz, van Leeuwenhoek und die Entwicklung der experimentellen Naturwissenschaft.

Sektion 3 (Europäische Politk)

Malte-Ludolf Babin (Hannover): ,,Vous m' avez déja plusieurs fois questionné sur le poinct de nouvelles“ – Johann Philipp Schmids k.u.k. Nachrichtendienst für Leibniz.

Regina Stuber (Hannover): Leibniz' Bemühungen um Russland: eine Annäherung.

Monika Meier (Hannover): Leibniz' Briefwechsel mit Caroline von Ansbach, Princess of Wales – politische und kirchenpolitische Aspekte.

Sektion 4 (Philosophie und Metaphysik)

Stefan Meier-Oeser (Münster): Die Leibniz-Clarke Kontroverse.

Brandon C. Look (Kentucky): Leibniz' philosophischer Briefwechsel (1716). Die letzte Begründung einer Metaphysik.

Sektion 5 (Recht und Geschichte)

Stephan Waldhoff (Potsdam): Über den Tod hinaus – Leibniz und die Geschichte des Welfenhauses.

Matthias Armgardt (Konstanz): Der späte Leibniz als Rechtsgelehrter.

Maria Rosa Antognazza (London). Querschnittskommentar zu den Beiträgen.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. 2. überarb. Aufl. München 2010.
[2] Maria Rosa Antognazza, Leibniz – An Intellectual Biography. New York 2009.

Zitation
Tagungsbericht: 1716 – Leibniz' letztes Lebensjahr: Unbekanntes zu einem bekannten Universalgenie, 03.12.2014 – 05.12.2014 Hannover, in: H-Soz-Kult, 07.03.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5860>.
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Veröffentlicht am
07.03.2015
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