Cities and river environments – a versatile relationship. Conflicts between local, national and transnational patterns of governance in East Central Europe and beyond.

Ort
Marburg
Veranstalter
Leibniz Graduate School „Geschichte, Wissen, Medien in Ostmitteleuropa“, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Marburg
Datum
20.11.2014 - 21.11.2014
Von
Jana Pinosová, Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

„Cities and river environments“ war das leitende Thema der diesjährigen Tagung der Leibniz Graduate School „Geschichte, Wissen, Medien in Ostmitteleuropa“, die vom 20. bis 21. November 2014 am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg stattfand.

Mit der Entscheidung, ein umweltgeschichtliches Thema zum Gegenstand ihrer Jahrestagung zu machen, untermauerte die Leibniz Graduate School den sich abzeichnenden Trend in der Historiographie Ostmitteleuropas und hob zugleich das große Potenzial hervor, das die laufenden Projekte am Herder-Institut für die umweltgeschichtliche Perspektive bergen. Eszter Gantner und Christian Lotz luden als Organisatoren dazu ein, das interdependente Verhältnis der Flüsse zu ihrer jeweiligen städtischen Umgebung anhand von Beispielen historisch zu analysieren und zu vergleichen. Der Vergleichshorizont wurde gezielt breit angelegt, indem Beispiele sowohl aus Ost- als auch aus Westeuropa ausgewählt wurden. Das Ziel der Tagung war es zudem, einen möglichst großen Raum für die Diskussion der Beiträge sowie einen Austausch über die vorgestellten Ansätze und ihre Übertragbarkeit auf andere Forschungsthemen zu bieten. Gewährleistet wurde dies zum einen mit der Verteilung der Vortragsexposés an alle Vortragenden im Vorfeld der Tagung und zum anderen mit der thematischen Gliederung der Vorträge in drei Sektionen. Jede Sektion (Fisheries, Governance, Water Interventions) wurde zudem von einem Kommentar flankiert.

Einleitend stellte CHRISTIAN LOTZ (Marburg) die inhaltlichen Ziele der Tagung vor. Näher beleuchtet werden sollten dabei insbesondere drei Aspekte: die Rolle der Experten und der Wissensbestände in der Entwicklung der flussgeprägten urbanen Räume, die Frage nach der Herkunft und der Position der Akteure, die an den Debatten um Gestaltung eben jener Räume beteiligt waren sowie die Beschaffenheit von Grenzen der Stadt- und Flusslandschaften bzw. die Voraussetzung für ihre Verschiebung. Die Wahl der Beispiele bot die Gelegenheit, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in der Gestaltung und Wahrnehmung der Stadt-Land-Beziehung in unterschiedlichen Regionen herauszuarbeiten.

Welche Rolle Experten in der Gestaltung der Stadt-Fluss-Beziehung spielen können, präsentierte OLIVER HOCHADEL (Barcelona) am Beispiel des katalonischen Fischfestivals. Mit der Einführung des Fischfestivals um 1910 wurde der Versuch unternommen, die Nahrungsversorgung durch die Dienstbarmachung naturwissenschaftlicher Forschung zu verbessern. Das nötige Wissen vermittelte der Zoologe Francesc Darder, der sich vorwiegend mit der Frage der Akklimatisation der Tiere beschäftigte. Den Vermittlungsraum stellte der 1892 in Barcelona errichtete Zoologische Garten. Der Zoo als eine hybride Institution, die dem wissenschaftlichen Experiment, der Volkserziehung und gleichzeitig der Popularisierung des Wissens verpflichtet war, eignete sich besonders gut, da er einen Raum darstellte, in dem keine expliziten sozialen Barrieren vorherrschten. Das als Volksfest inszenierte Fischfestival diente als Instrument zur Wissenspopularisierung. Der Zoo züchtete hierfür ab 1910 Süßwasserfische, die er nach dem Schlüpfen den regionalen Gemeinden anbot. Sie setzten sie in den nahen Gewässern aus, wo sie zur Fanggröße heranwuchsen und dann unter Beteiligung der feiernden Bevölkerung gefangen wurden. Durch das Fischfestival, so Hochadel, kam dem Zoo eine besondere Rolle für die Gestaltung der Stadt-Fluss-Beziehung zu.

Während in Barcelona und Umgebung durch das Festival der Fluss in das Stadtgeschehen aktiv hineingeholt wurde, stellte JULIA LAJUS (St. Petersburg) am Beispiel St. Petersburgs eine gegenläufige Tendenz fest. Ausgehend von der Frage, warum die Fischerei bisher kaum ein Thema der Geschichte der Wasser geprägten Stadt St. Petersburg war, machte sie sich auf die Suche nach kartographischen, historisch-ökonomischen und vor allem visuellem Material, das Zeugnis abgibt über die Bedeutung der Fischerei in der Stadt sowie der Wahrnehmung der Fischer. Als Grund für die mangelnde Überlieferung und Wahrnehmung der Stadtfischerei machte Lajus weniger die Abnahme der wirtschaftlichen Bedeutung der Stadtfischerei verantwortlich. Als Grund führte sie vielmehr die fortdauernde Wahrnehmung der Fischerei als die letzte mögliche Interaktion der Menschen mit der wilden Natur in der Stadt und somit die Wahrnehmung der Fischer als einen der Natursphäre zugehörigen Teil an.

Mit dem Fallbeispiel des Zellstoff- und Papierwerks Svetogorsk versetzte ELENA KOCHETKOVA (Helsinki) die Teilnehmer in den Norden von St. Petersburg, bis an die russisch-finnische Grenze und den Fluss Vuoksi. Das Werk galt als einer der größten Industrie-Standorte der Sowjetunion; der Fluss wurde zur Beseitigung der industriellen Rückstände genutzt. Kochetkova analysierte sowohl die Debatten um die Regelung des industriellen Abwassers des Werks als auch die Debatten um Ressourcenschutz bzw. den Schutz des Flusses Vuoksi. Sie stellte fest, dass gerade die Periode der späten 1950er- und der 1960er-Jahre in der Sowjetunion durch die Förderung des ökonomischen Wachstums einerseits und den ersten Versuchen des Umweltschutzes andererseits geprägt war.

Im anschließenden Kommentar hob ESZTER GANTNER (Marburg) die Notwendigkeit hervor, Akteure unterschiedlicher Ebenen zu unterscheiden, um das Spektrum der Partikularinteressen deutlich zu machen. Sie stellte zudem die Frage, ob das Beispiel des Zellstoff- und Papierwerks Svetogorsk auf einen möglichen „spezifisch“ sozialistischen Umgang mit den Flüssen während der 1960er- und 1970er-Jahre verweist.

ANNA MAZANIK (Budapest) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit der Errichtung der Abwasserleitung am Ende des 19. Jahrhunderts in Moskau. Sie legte ihren Fokus auf die Vorgeschichte des Abwassersystems und damit vor allem auf die 25 Jahre dauernde Debatte, die der Errichtung des Systems vorausging. Die Frage danach, wie die Moskauer Regierung dazu kam, die Verschmutzung des innerstädtischen Flusses überhaupt als Problem wahrzunehmen und nach Abhilfe zu suchen, untersuchte sie anhand der lokalen Zeitungen, der Fachbeiträge und der Diskussionen der städtischen Institutionen. Sie kam zu dem Schluss, dass für die Problematisierung der Verschmutzung weniger die physische Realität des Flusses als die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmende Wahrnehmung Moskaus als rückständig auschlaggebend war.

Über die „Geburt“ der urbanen Flusslandschaft sprach MÁTÉ TAMÁSKA (Vác). Sein Beitrag basierte auf mehreren von ihm durchgeführten Projekten, die sich mit der Wirkung der geopolitischen Ereignisse zwischen 1870 und 1945 auf die Gestaltung und Bedeutung der Donau im Raum der Habsburger Monarchie und ihrer Nachfolgestaaten beschäftigte. Daraus wählte Tamáska beispielhalft den Vergleich der Stadt-Fluss-Beziehung in Wien und Budapest aus. Für beide Standorte galt zwar, dass die Nutzung und Gestaltung der Ufer mit der Entwicklung der modernen Stadt zunahm. Doch während etwa die Gestaltung der Donauufer im Wiener Gebiet vor allem auf die Bedürfnisse der Logistik abgestimmt wurde, wurde die Donau in Budapest zu einem Raum der städtischen Bevölkerung (etwa in Form der Promenade) entwickelt. Tamáska wies nach, dass diese unterschiedliche Entwicklung auf die geopolitischen Ereignisse zurückging. Denn sie veränderten – beginnend mit der Teilung der Monarchie durch den Ausgleich von 1867, über den Ausbruch und Ausgang des Ersten Weltkrieges bis hin zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 – jeweils die strategische Bedeutung des Flusses für die Stadt und verlangten daher nach unterschiedlicher Strukturierung der jeweiligen Stadt-Land-Beziehung.

Mit einer Nachzeichnung der Reise Peters I. durch West- und Südeuropa in den Jahren 1697 und 1698 schloss ALEXEI V. KRAIKOVSKI (St. Petersburg) die Reihe der Vorträge ab. Obgleich die Anwendung der zeitgenössischen niederländischen und italienischen Technologien bei der Errichtung der Stadt Petersburg als sicher gilt, fehlt es den Historikern an Quellen, aus denen das Zirkulieren des hydrotechnologischen Wissens genau hervorgeht. Kraikovski stellte sich dieser Herausforderung. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen eines Technikers im Gefolge Peters I. und von visuellem Material wie zeitgenössischen Bildern machte er die Objekte aus, die Peter I. höchst wahrscheinlich auf seiner Reise sah und studierte.

Aufgegriffen wurden in der abschließenden Diskussion vor allem Fragen zur Bedeutung der Flüsse für die Entwicklung der Städte, zu Konflikten zwischen den konkurrierenden Nutzungen der Ressource Fluss sowie zu der Art und Verbreitung des Wissens, das bei der Gestaltung der urbanen Flussräume eingesetzt wurde. So wurde festgestellt, dass der ökonomische Druck für die Gestaltung der urbanen Flusslandschaften in vielen Fällen maßgeblich war. Das galt vor allem für die Beispiele Wien und Budapest, zumal die Donau bei Budapest in der Zwischenkriegszeit zu einem wichtigen Knotenpunkt der Nahrungsversorgung avancierte. Der ökonomische Druck spielte hingegen bei der Errichtung des Abwassersystems in Moskau am Ende des 19. Jahrhunderts weniger eine Rolle. Umso mehr förderte die Debatte um die „Rückständigkeit“ Moskaus das Vorhaben. Ein Resultat des politischen Willens war die Errichtung der Stadt Petersburg, der die italienische Stadt Venedig und die west- und südeuropäische Technologie als Vorbilder galten. Daran zeigt sich, dass die Stadt-Fluss-Beziehung sich in einem Spannungsfeld zwischen ökonomischem Druck, politischer Macht und symbolischem Charakter bewegt(e). Hinsichtlich der Akteure wurde in der Diskussion die Notwendigkeit hervorgehoben, diese jeweils nach ihren Interessen deutlich zu differenzieren. Wie sich etwa in der Debatte um die Abwasserleitung in Moskau zeigte, führten konkurrierende Interessen nicht nur zu Konflikten zwischen der „lokalen“ Bevölkerung und den Machthabern, wie im Falle Svetogorsk, sondern auch zu Konflikten innerhalb der Verwaltung. Denn die jeweiligen Behörden vertraten neben den Interessen der Verwaltung freilich auch die Interessen ihres Fachbereichs. Vertieft behandelt wurde in der Diskussion zuletzt die Frage, ob sich verallgemeinernde Aussagen über die Art und die Zirkulation des angewandten Wissens machen lassen. Die Wissensbestände, die eine Rolle bei der Formierung der Stadt-Fluss-Beziehung spielten, wurden nachweislich von den Experten internationalisiert – im Falle von Barcelona handelte es sich um die aktuellen Fragestellungen der zeitgenössischen Zoologie; im Falle von St. Petersburg um das technische Wissen der zeitgenössischen Ingenieure, vor allem in den Niederlanden.

Die Tagung bot einen breiten Raum für Austausch und eröffnete die Möglichkeit für die Fortführung der Diskussion weiterer Fragen.

Konferenzübersicht:

Eszter Gantner/Christian Lotz (Marburg), Welcome and Introduction

Panel I: Fisheries
Chair: Eszter Gantner (Marburg)

Oliver Hochadel (Barcelona), Fishes from the city. Francesc Darder and his program of pisciculture in Barcelona around 1910

Julia Lajus (St. Petersburg), Fisheries in St. Petersburg. Forgotten History of City-River Interaction

Panel II: Governance
Chair: Christian Lotz (Marburg)

Elena Kochetkova (Helsinki), Between water pollution and protection in the Soviet Context. The Svetogorsk pulp and paper factory in mid 1950s-1960s

Eszter Gantner (Marburg), Commentary

Discussion and Summary

Panel III: Water Interventions
Chair: Jana Piňosová (Bonn)

Anna Mazanik (Budapest), Images of river pollution and the emergence of the sewerage system in late-imperial Moscow

Máté Tamáska (Vác), Danube patterns. Waterfront developing in Central Europe 1870–1945

Alexei V. Kraikovski (St. Petersburg), Russia, Europe and Neptune. Water environment and circulation of technologies in the history of St. Petersburg

Christian Lotz (Marburg), Commentary

Closing Discussion and Summary

Zitation
Tagungsbericht: Cities and river environments – a versatile relationship. Conflicts between local, national and transnational patterns of governance in East Central Europe and beyond., 20.11.2014 – 21.11.2014 Marburg, in: H-Soz-Kult, 13.03.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5866>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.03.2015