Internationale Tagung: Der Brief in seinem Umfeld (Iberische Halbinsel und lateinischer Westen, 4.-11. Jahrhundert)

Place
Madrid
Host/Organizer
DFG-ANR-Projekt Epistola. Der Brief auf der Iberischen Halbinsel und im lateinischen Westen. Tradition und Wandel einer literarischen Gattung (4. bis 11. Jahrhundert)
Date
14.01.2015 - 17.01.2015
By
Katharina Götz, DFG-ANR-Projekt Epistola, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Bereits in seiner Einleitung betonte THOMAS DESWARTE (Angers), dass die literarische Gattung „Brief“ stark mit ihrer Umwelt verbunden gewesen sei und die Umstände der Entstehung das Schreiben drastisch beeinflusst hätten. Ebenso wolle auch der Brief Einfluss auf seinen Kontext haben und ein eigenes soziales Umfeld schaffen. Deshalb war es das Ziel der dritten internationalen Tagung des DFG-ANR-Projektes „Epistola. Der Brief auf der Iberischen Halbinsel und im lateinischen Westen. Tradition und Wandel einer literarischen Gattung (4.-11. Jahrhundert)“ in Madrid, sich mit Briefpraktiken in ihrem kulturellen, sozialen, sowie kirchlichen und politischen Umfeld zu beschäftigen.

Die erste Sektion befasste sich insbesondere mit dem Brief in seinem kulturellen Umfeld. Den Anfang machte ISABEL VELÁZQUEZ (Madrid), die sich mit epigraphischen Briefzeugnissen im spätantiken und westgotischen Spanien beschäftigte. Ihre verschiedenen Beispiele machten deutlich, dass Briefe in Inschriftenform sowohl privaten als auch öffentlichen Charakter haben konnten, jedoch diejenigen, die als Inschriften angebracht wurden, eine größere Bedeutung erhielten als „gewöhnliche“ Briefe. CAMILLE BONNAN-GARÇON (Lyon) beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Geschenken und begleitenden Briefen, insbesondere Briefgedichten. Sie konstatierte, dass vor allem Briefe, die an höher gestellte Personen adressiert waren, häufig sehr poetisch und stark elaboriert gewesen seien. In den untersuchten Fällen sei das Gedicht das eigentliche Geschenk. Im Anschluss bot SALVADOR IRANZO ABELLÁN (Barcelona) ein breites Panorama zur spanischen Briefproduktion der Westgotenzeit und des kulturellen Umfelds, das sich daraus rekonstruieren lasse. Anhand der Epistolarien könne man Zentren der Briefproduktion, so etwa Toledo, verschiedene Bibliotheksbestände und die Zirkulation von Briefen und anderen Werken auf der Iberischen Halbinsel nachverfolgen. Ebenfalls mit dem Gebiet des heutigen Spanien beschäftigte sich AMANCIO ISLA FREZ (Tarragona), der mit dem De laude Pampilone epistola und dem Hochzeitsgedicht der Leodegunda zwei Texte des Codex von Roda vergleichend untersuchte, die durch die Aufnahme in die Handschrift eine andere Funktion übernommen hätten. Im Falle des Städtelobs sei der Begriff „Brief“ in der Rubrik genutzt worden, um auf das Insert eines kaiserlichen Briefes hinzuweisen und im Falle des Hochzeitsgedichts sei der Brief ein Manifest des kanonischen Rechts geworden. Der kaiserliche Brief sei in das Städtelob inseriert worden, um die Autorität des Textes zu steigern und das Hochzeitgedicht wurde durch die Aufnahme in die Handschrift zu einem Manifest des kanonischen Rechts. Mit der These, dass man die Korrespondenz Einhards nicht nur politisch lesen könne, sondern dass insbesondere die Heiligen im Mittelpunkt stünden, schloss CHRISTIANE VEYRARD-COSME (Paris) die erste Sektion. Der Brief sei bis zu seiner endgültigen Archivierung ständig in Bewegung geblieben und Entwicklungen und Veränderungen unterworfen. Diese seien mit der Kodifizierung nicht abgeschlossen gewesen, sondern würden durch den Leser immer wieder neu erschaffen werden.

Die zweite Sektion beschäftigte sich mit dem Brief in seinem sozialen Kontext. DOMINIQUE BARBE (Nouméa) betonte die spirituelle Ebene des frühchristlichen Briefes, bei dem neben Absender und Empfänger der Heilige Geist als dritter Pol innerhalb der Briefkommunikation beachtet werden müsse. Daher seien Briefe dieser Zeit nicht an Einzelpersonen sondern an die Gesamtheit der Christenheit gerichtet gewesen und auch so rezipiert worden. SÉBASTIEN FRAY (Clermont) zeigte anhand der Briefsammlung Gerberts von Aurillac Netzwerke und relevante inhaltliche Themen einer solchen Sammlung auf und erläuterte die Rolle der Mönchsgemeinschaft von Aurillac innerhalb dieser Kompilation. Unter soziolinguistischen Aspekten untersuchte BENÔIT GRÉVIN (Paris) die Briefe Papst Gregors des Großen und stellte fest, dass je nach Publikum verschiedene Sprachregister bedient wurden. Hierbei betonte er besonders die Stellung des Verbes, sowie die Bedeutung des Reimes und des Niveaus des Lateins, die allesamt Auskunft über den sozialen Hintergrund des Briefes geben würden. Deshalb könne man nicht davon ausgehen, dass in Briefen durchgehend ein sprachlicher Konservatismus vorherrschte. Die Prinzipien der Zusammenstellung eines Briefkorpus’ standen im Mittelpunkt des Vortrages von RUTH MIGUEL FRANCO (Palma de Mallorca). Anhand des Epistolars Braulios von Saragossa zeigte sie auf, dass Braulio seinen tröstenden Briefen bewusst einen zentralen Platz in seiner Briefsammlung gab. Durch den Gebrauch christlich-biblischer Topoi stellte er seine Schreiben in einen bestimmten Kontext, in dem sie empfangen und verstanden wurden. Diesen zu erkennen sei für das richtige Verständnis der Briefe Braulios essentiell. Mit der These, dass Sidonius Apollinaris mit seiner Briefsammlung nicht nur literarische Anerkennung gesucht habe, sondern sie auch eine Reaktion auf die politische Situation der Zeit gewesen sein könnte, eröffnete HENDRIK HESS (Bonn) seinen Vortrag. Er erläuterte, dass sich die Wirkung eines Briefes mit der Veröffentlichung in einer Briefsammlung veränderte und durch die Publikation ein größeres Publikum und damit verbundene Netzwerke erreicht wurden. Ebenfalls mit der Funktion und Wirkung von Briefen beschäftigte sich BRUNO DUMÉZIL (Paris), der die Inserte in den Werken Gregors von Tours näher darstellte. Er stellte fest, dass die Texte auf verschiedene Art und Weise zur Untermauerung seiner Intention dienten und daher die Umgebung die Botschaft bestimmte, aber nicht den Brief an sich. Zum Abschluss der Sektion widmete sich JULIAN FÜHRER (Zürich) der Korrespondenz irischer und angelsächsischer Missionare auf dem Kontinent und suchte nach Hinweisen auf Identitäten und Alteritäten in den Schreiben. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Iren und Angelsachsen eine eigene Gruppe bildeten, die dennoch darauf angewiesen gewesen sei, mit anderen Gruppen des Kontinents in Kontakt zu treten.

Neben dem kulturellen und sozialen Umfeld rückten in der dritten Sektion schließlich noch kirchliche und politische Kontexte der Briefe in den Mittelpunkt. Zunächst gewährte BRUNO JUDIC (Tours) Einblicke in die Werkstatt der Briefentstehung im Spanien des 7. Jahrhunderts. Anhand des Briefes Braulios von Saragossa bzw. des 6. Toledanischen Konzils an Papst Honorius I. zeigte er den Einfluss der Werke Papst Gregors des Großen im Westgotenreich auf und machte deutlich, dass man im damaligen Spanien das eigene literarische Wissen im Konfliktfall selbstbewusst nutzte. Im Anschluss daran beschäftigte sich NATHANAËL NIMMEGEERS (Madrid) mit den größtenteils gefälschten Briefen Ados von Vienne. Mit der Frage danach, welche Briefe Ado zu welchem Zweck fälschte, stellte er fest, dass der Bischof von Vienne die Briefe als Waffe und politisches Mittel einsetzte, um den Status seins Bistums zu erhöhen. FRANK ENGEL (Göttingen) untersuchte in seinem Vortrag wie viel Papst in den Papstbriefen um das Jahr 1000 steckte. Dies exemplifizierte er durch stilistische Bemerkungen zu Briefen vor und nach der Zeit Gerberts von Aurillac – dem späteren Papst Silvester II. Ebenfalls mit Papstbriefen beschäftigte sich LUDWIG VONES (Köln). Er widmete sich in seinem Vortrag den Briefen der Zeit Papst Gregors VII., die auf der Iberischen Halbinsel im Umlauf waren, und untersuchte deren politische Ziele. Er stellte fest, dass die Briefe – die häufig Mahnschreiben waren – eine bedeutende Rolle in der Diskussion zwischen Politik und Liturgie spielten – so bedeutend, dass auch falsche Papstbriefe zum Einsatz kamen. Die Briefe Petrus Damianis untersuchte im Anschluss RENATO DE FILIPPIS (Salerno). Er stellte fest, dass für Petrus Damiani Sprache und Rhetorik ein unersetzlicher Teil seiner literarischen Ästhetik, Argumentationstechnik und Philosophie seien und keine noch so logische Argumentation dem kraftvollen Ausdruck der Rhetorik gleichkommen könne. Mit dem gleichen Briefkonvolut arbeitete EUGENIO RIVERSI (Bonn), der ein Panorama der Schriften in der Zeit des Investiturstreits bot und den Platz der Briefe darin genauer bestimmte. Dies spannte einen guten Bogen zum Beginn der Tagung, denn seine Darstellung der Briefe als Invektiven steht im Kontrast zu den anfangs untersuchten Freundschaftsbriefen.

KLAUS HERBERS (Erlangen) hob in seinen Schlussbemerkungen einige Aspekte der Tagung hervor, die sich im Laufe des Gesamtprojektes als entscheidend herausgestellt haben. Dabei betonte er, dass antike Traditionen im Brief weiterwirkten und sich entsprechend der Funktion des Briefes entwickelten. Häufig sei der Brief als Mittel genutzt worden, um Netzwerke von Personen oder Ideen zu etablieren, weshalb er bei der Erforschung derselben von besonderem Nutzen sei. Gerade der Kontext der Briefe – sei er nun kulturell markiert durch den Gebrauch literarischer Traditionen, überlieferungsgeschichtlich bedingt durch die Zusammenstellung von Sammlungen oder sozial bestimmt durch die Adressaten und Leser der Stücke – sei für ihr Verständnis essentiell.

Konferenzübersicht:

Michel Bertrand (Madrid), Ouverture du colloque

Thomas Deswarte (Angers), Introduction

Sektion 1 : La lettre dans son environnement culturel
Présidence : Hélène Sirantoine (Sydney)

Isabel Velázquez (Madrid), Correspondencia para conservar: las epístolas en soporte epigráfico

Camille Bonnan-Garçon (Lyon), Le billet accompagnant un cadeau comme illustration d'un lien hiérarchique dans l'Antiquité tardive (IVème-VIème siècle) : munus flatteur, présent d'amitié ou sportule ?

Salvador Iranzo Abellán (Barcelona), La cultura literaria de la Hispania visigótica a través de su producción epistolar

Amancio Isla Frez (Tarragona), La epístola de laude Pampilone, el epitalamio de Leodegundia (códice de Roda) y la pérdida de género

Christiane Veyrard-Cosme (Paris), L'interface épistolaire dans les Lettres d'Eginhard (IXe siècle) : nature et enjeux

Sektion 2 : La lettre dans son contexte social
Présidence : Gordon Blenneman (Montréal)

Dominique Barbe (Nouméa), Sacramentaria epistularia : la lettre, bien commun à tous les chrétiens

Sébastien Fray (Clermont), Les enjeux de la correspondance de Gerbert avec les moines de Saint-Géraud d’Aurillac

Benoît Grévin (Paris), La lettre dans son environnement sociolinguistique (Gaule-Italie, VIe-début VIIIe siècle)

Ruth Miguel Franco (Palma de Mallorca), Las epístolas consolatorias de Braulio de Zaragoza

Hendrik Hess (Bonn), Solum erit posthac nobilitatis indicium litteras nosse. Potentielle Wirkungen der Briefsammlung des Sidonius Apollinaris

Présidence : Florence Close (Lüttich)

Bruno Dumézil (Paris), La lettre et ses lecteurs: l’usage du matériau épistolaire chez Grégoire de Tours

Julian Führer (Zürich), Réseaux épistolaires et pannes de communication : le cas des Anglo-Saxons et des Irlandais sur le continent (VIIe-IXe siècles)

Sektion 3 : La lettre dans son contexte ecclésiastique et politique
Présidence : Cornelia Scherer (Erlangen)

Bruno Judic (Tours), La lettre perdue du pape Honorius

Nathanaël Nimmegeers (Madrid), Revendiquer, reconstruire et convaincre : les lettres d’Adon de Vienne (860-875)

Frank Engel (Göttingen), „Päpstlicher als der Papst?“ Papstbriefe um das Jahr 1000

Ludwig Vones (Köln), Brief und Ideologie. Betrachtungen zu den Schreiben Papst Gregors VII. an die Herrscher der Hispania

Renato De Filippis (Salerno), The Letters of Peter Damian: Rhetoric and Reform in the 11th century

Eugenio Riversi (Bonn), Épitres et dialogues: réforme et culture de la confrontation (Streitkultur) en Rome avant la querelle des investitures

Klaus Herbers (Erlangen), Conclusions

Citation
Tagungsbericht: Internationale Tagung: Der Brief in seinem Umfeld (Iberische Halbinsel und lateinischer Westen, 4.-11. Jahrhundert), 14.01.2015 – 17.01.2015 Madrid, in: H-Soz-Kult, 19.03.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5887>.
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Published on
19.03.2015
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