3. Treffen des „Arbeitskreis Moulagen“

Ort
Dresden
Veranstalter
Arbeitskreis Moulagen
Datum
29.11.2014
Von
Henrik Eßler, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Moulagen – nach Abdrücken gefertigte Wachsnachbildungen von Krankheitsbildern – sind in den vergangenen Jahren zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Das Spektrum reicht dabei längst über die Medizingeschichte hinaus und umfasst kulturwissenschaftliche und kunsthistorische Ansätze. Ausgehend von Hans-Jörg Rheinbergers Konzept des epistemischen Dings wird das Objekt Moulage derzeit verstärkt auch aus wissenschaftshistorischer Perspektive betrachtet. Zunehmend werden aber auch Fragen zur Konservierung und Restaurierung dieser sensiblen Kulturgüter aus Sicht der Sammlungsverantwortlichen – ob Museen, Kliniken oder Institute –.aufgeworfen und diskutiert. Spätestens seit dem internationalen Symposium „Wachsmoulagen – wertvolles Kunsthandwerk vom Aussterben bedroht“ 2009 in Dresden rückte die Bedeutung eines länderübergreifenden und interdisziplinären Austauschs ins Bewusstsein der Beteiligten.

Ausgehend vom aktuellen Forschungsprojekt „‘Naturgetreue Objekte‘ im Spannungsfeld zeitgenössischer medizinischer Wissenschaft und Repräsentationsformen“ am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, riefen die Sammlungsverantwortlichen des Medizinhistorischen Museum Hamburg, des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité und des Moulagenmuseums des Universitätsspitals Zürich im Frühjahr 2013 einen „Arbeitskreis Moulagen“ ins Leben. Der Zusammenschluss soll insbesondere dem wissenschaftlichen Austausch dienen und zugleich als Forum für konservatorische und restauratorische Fragen fungieren. Aber auch die Initiierung gemeinsamer Ausstellungs- und Forschungsprojekte gehört zu den Zielen des Arbeitskreises.

Zum dritten Mal fanden sich am 29. November 2014 die Beteiligten zur Arbeitskreissitzung zusammen. Als Gastgeber fungierte das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden (DHMD), Im Rahmen des KUR-Programms (Programm der Kulturstiftungen des Bundes und der Länder zur Konservierung und Restaurierung von mobilem Kulturgut ) hatte das Museum maßgeblich Standards für den Umgang mit Moulagen erarbeitet. Zugleich stellt das DHMD, wo noch bis in die 1980er-Jahre Wachsmoulagen hergestellt worden waren, einen authentischen Ort in der Geschichte dieser Objekte dar. Nicht zuletzt gab die jüngst eröffnete Ausstellung „Blicke! Körper! Sensationen! Ein anatomisches Wachskabinett und die Kunst“ einen passenden Anlass für Diskussionen zum Umgang mit Moulagen in öffentlichen Ausstellungen.

Den Auftakt des Programms bildete ein Rundgang durch das Moulagendepot des Deutschen Hygiene-Museums, geführt durch SUSANNE ROEßIGER, Sammlungsleiterin, JULIA RADTKE, wissenschaftliche Mitarbeiterin, und JOHANNA LANG, Restauratorin am Museum. Letztere hatte als Spezialistin für den Umgang mit historischen Wachsobjekten an der Konzeption und Einrichtung neuer staub- und lichtdichter Magazinschränke für die rund 2.000 Moulagen des DHMD mitgewirkt. Im Rahmen der Führung veranschaulichte sie die Bedeutung einer den empfindlichen Objekten gerecht werdenden Umgebung. Dabei kommt es neben der Kontrolle von Temperatur und Luftfeuchtigkeit etwa auf den Schutz vor Erschütterungen und Schadstoff emittierenden Materialien an. So wurden im DHMD passgenaue Formen aus schadstoffarmen Kunststoffen angefertigt, um das Verrutschen bzw. Erschütterungen der Moulagen zu vermeiden. Wie Susanne Roeßiger einräumte, sei dies aus finanziellen Gründen noch nicht für alle Sammlungsstücke umgesetzt worden. Die Ausrüstung weiterer Schubladen werde jedoch sukzessive fortgesetzt. Zugleich betonte sie die Bedeutung der umgesetzten Ordnung und Inventarisierung, welche die Voraussetzung für eine Nutzung der Moulagen in Forschung und Ausstellungen darstelle.

Im ersten Beitrag des Vortragsprogramms berichtete MARTINA MARKOVSKA (Wien) von den wenig bekannten Moulagen im Bestand des Josephinums der MedUni Wien. Neben den bekannten aus Florenz stammenden anatomischen Modellen der Sammlung spielten diese bisher eine vergleichsweise geringe Rolle in der Forschungs- und Ausstellungsarbeit des Hauses. Neben einer Reihe von Stücken des Wiener Moulagenbildners Carl Henning verfügt das Josephinum auch über eine erst vor wenigen Jahren von der Universitätsaugenklinik übernommene Sammlung. Diese von Johann Nepomuk Hofmayr in den 1820er-Jahren angefertigten Wachsnachbildungen von Augenkrankheiten sind derzeit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Martina Markovska erläuterte, als Restauratorin in erster Linie für die florentinischen Wachsmodelle zuständig zu sein. Daher seien bisher nur in Ansätzen Restaurierungsmaßnahmen, zumindest jedoch eine Reinigung und Sicherung der Moulagen möglich gewesen. In der anschließenden Diskussion wies Thomas Schnalke (Berlin) auf die Problematik fehlender personellen Betreuung und Kontinuität im Umgang mit solchen, wissenschaftlich bedeutsamen Sammlungen hin.

Im folgenden Beitrag stellte VICTORIA ASSCHENFELDT (Hamburg) neue Möglichkeiten und Ansätze zur Einbeziehung von Moulagen in der Bildungs- und Vermittlungsarbeit vor. Die zuletzt im Medizinhistorischen Museum Hamburg etablierten museumspädagogischen Programme für Kinder und Jugendliche seien äußerst erfolgreich angelaufen. In der Konzeption zum Ausbau der Kooperation mit Schulen und anderen Jugendbildungseinrichtungen sollen nun auch Moulagen als besonders vielseitige Museumsobjekte eine erweiterte Rolle spielen. Die Historikerin regte beispielsweise im Zusammenhang mit Moulagen die Thematisierung wechselnder körperlicher Schönheitsideale oder Krankheitsvorstellungen an. Rege diskutiert wurde unter den Beteiligten insbesondere die Altersgrenze für den musealen „Kontakt“ mit Moulagen. Hierbei plädierte Victoria Asschenfeldt dafür, auch Kindern die Fähigkeit zu einer behutsamen Auseinandersetzung mit diesen Objekten zuzutrauen.

Gemeinsam mit KATJA FRIESE (Bern) ging SABINA CARRARO (Zürich) zunächst auf die Ergebnisse eines inzwischen abgeschlossenen Kooperationsprojektes zur Erhaltung der Moulagen des Zürcher Moulagenmuseums ein. Dabei war die Materialzusammensetzung der Objekte verschiedener Zürcher Moulagenbildner/innen an der Hochschule der Künste in Bern analysiert und die Unterbringung der Moulagen im Museumsdepot verbessert worden. Außerdem wurde das vorhandene Archivmaterial auf Hinweise zur Weitergabe und Modifikation von Rezepturen ausgewertet. Inzwischen ist darauf basierend ein neues Projekt mit dem Ziel der Nachbildung von Moulagen initiiert worden. Nach ersten Versuchen mit diversen Materialien wurde das 3D-Druckverfahren nun erstmals mit Wachs als Werkstoff erprobt. Darüber hinaus beabsichtigt das Moulagenmuseum nun in Zusammenarbeit mit der Hautklinik des Zürcher Universitätsspitals erstmals seit den 1960er-Jahren die Herstellung neuer dermatologischer Wachsmoulagen.

EDUARD WINTER (Wien) berichtete als Verantwortlicher für die über 2.500 Moulagen im Wiener „Narrenturm“ von den umfangreichen Umbauarbeiten in dem historischen Gebäude. Die auf dem Gelände der Universität angesiedelte Sammlung, seit 1974 als Anatomisch-Pathologisches Bundesmuseum, war erst 2012 dem Naturhistorischen Museum zugeordnet worden. Die bis 2018 geplanten Restaurierungs- und Rückbaumaßnahmen werden bei laufendem Ausstellungsbetrieb umgesetzt, so dass sich der Schutz der Moulagen vor Staub und Beschädigungen problematisch gestaltet. Insbesondere der Transport zur Zwischenlagerung innerhalb des Gebäudes hätte bereits Schäden an den Objekten verursacht. Aber auch eine durch die Bauarbeiten ins Depot gelangte Nebelkrähe hinterließ ihre Spuren an den Moulagen. Die dabei aufgeworfenen Fragen zum restauratorischen Umgang mit der beschädigten Bemalung der Moulagen konnten in der Diskussion nicht eindeutig beantwortet werden.

Einen Vergleich der Moulagensammlungen in Kiel und Erlangen stellte MICHAEL STICHERLING (Erlangen) an. Als Dermatologe hat er selbst an beiden Universitätskliniken mit den Objekten gearbeitet und sich zuletzt insbesondere für den Erhalt der Sammlung der Erlanger Hautklinik eingesetzt. Schwierig gestaltet sich seit dem Umzug der Klinik die Suche nach einem neuen Standort für die Moulagen, deren Zustand in den vergangenen Jahren deutlich darunter gelitten hat. Zumindest sei nun ein Platz zur Aufstellung der Moulagenschränke auf einem Gang in der neuen Klinik gefunden worden. Besser sehe es bisher in Kiel aus, wo die Sammlung seit längerem im Hörsaalgebäude untergebracht und für die Studierenden zugänglich sei. Allerdings fehle es dort vor allem an einer kontinuierlichen Betreuung des Bestandes. Ein in absehbarer Zeit geplanter Neubau könnte aus diesem Grund zur Gefahr für die Sammlung werden. Positiv hob Sticherling die historische Aufarbeitung der Bestände hervor, die an beiden Orten jeweils in Form von Dissertationen geschah.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen gaben Susanne Roeßiger, Julia Radtke und Johanna Lang den Teilnehmer/innen im Rahmen einer Ausstellungsführung einen Einblick in die Präsentation des 2009 angekauften historischen Wachskabinetts. Als reisendes „Panoptikum“ waren die anatomisch-pathologischen Darstellungen seit dem 19. Jahrhundert unter wechselnden Besitzern auf Jahrmärkten gezeigt worden. Die Ausstellung präsentiert diese Wachsmodelle und zum Teil auch Moulagen in einer der früheren Inszenierung nachempfundenen Abteilung, eingerahmt von zwei Sektionen mit Werken aktueller zeitgenössischer Kunst zum Themenkomplex der Zurschaustellung des Körpers.

Die anschließende Diskussionsrunde nutzte PETER McISAAC (Ann Arbor), um seine Forschungen zur Geschichte populärwissenschaftlicher „Anatomischen Museen“ und Panoptiken darzustellen. Als Literatur- und Museumswissenschaftler analysiert er die räumliche Struktur und Anordnung der Objekte dieser Museen, verstanden als performative Inszenierung heteronormativer Geschlechtsdiskurse. Dass letztere auch in der Ausstellung des DHMD thematisiert und offengelegt werden, wurde im Plenum ausdrücklich gelobt. Problematisiert wurde hingegen die – wie bei Moulagen im Allgemeinen – Zumutbarkeit pathologischer Modelle für ein breites Museumspublikum, welche schwer einschätzbar sei. Auf weitgehend positive Reaktionen stieß die Verknüpfung mit der zeitgenössischen Kunst, welche insbesondere eine Reflexion der Darstellung des menschlichen Körpers und der eigenen Wahrnehmung beim Besuch der Ausstellung auslöse. Lediglich die Verknüpfung der verschiedenen Ausstellungsabteilungen wurde unterschiedlich beurteilt.

Den Abschluss bildete die Frage nach den Zielen und Perspektiven des Arbeitskreises für das kommende Jahr. Mit Blick auf die geplante Tagung zum Abschluss des Hamburger Forschungsprojektes im Frühjahr 2016 wurde angeregt, den Arbeitskreis als eine Plattform zur inhaltlichen Vorbereitung zu nutzen. Gelegenheit dazu soll das kommende Treffen des Arbeitskreises am Samstag, 4. Juli 2015, in Freiburg geben.

Konferenzübersicht:

Susanne Roeßiger, Julia Radtke, Johanna Lang (Deutsches Hygiene-Museum Dresden): Begrüßung und Rundgang durch das Moulagen-Depot

Martina Markovska (Josephinum, Medizinische Universität Wien): Der Wachsmoulagen-Bestand im Josephinum, Wien – Pflege und Lagerung

Victoria Asschenfeldt (Medizinhistorisches Museum Hamburg): Moulagen in der Bildungs- und Vermittlungsarbeit

Sabina Carraro (Moulagenmuseum Zürich): Zum Stand der Dinge: Moulagenmuseum und -sammlung Zürich

Eduard Winter (Naturhistorisches Museum Wien): Von Nebelkrähen, Staub und Architekten. Moulagensammlungen und die Gefahren einer Gebäuderenovierung

Michael Sticherling (Hautklinik Universitätsklinikum Erlangen): Die dermatologischen Moulagensammlungen in Kiel und Erlangen -Gemeinsamkeiten und Besonderheiten

Susanne Roeßiger, Julia Radtke, Johanna Lang (Deutsches Hygiene-Museum Dresden): Führung durch die Ausstellung „Blicke! Körper! Sensationen!“

Peter McIsaac (University of Michigan): Kulturwissenschaftliche Überlegungen zu populären anatomischen Ausstellungen

Weiteres Vorgehen, gemeinsame Planungen (Moderation Henrik Eßler, Sprecher des „Arbeitskreis Moulagen“)

Zitation
Tagungsbericht: 3. Treffen des „Arbeitskreis Moulagen“, 29.11.2014 Dresden, in: H-Soz-Kult, 26.03.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5892>.