Workshop Biographie-Forschung

Ort
Regensburg
Veranstalter
Dr. Tobias Grill, München; Prof. Dr. Volker Depkat, Regensburg
Datum
14.11.2014 - 15.11.2014
Von
Jonas Anderson, Amerika-Institut, Ludwigs-Maximilians-Universität München; David Franz, Themenverbund Ost-West-Transfers, Universität Regensburg

Nachdem die Biografie als ehemalige Paradedisziplin des Historismus bereits von der an der Erforschung gesellschaftlicher Strukturen orientierten Sozialgeschichte verdrängt schien, erlebt sie seit dem Cultural Turn eine regelrechte Renaissance, die von einer weit verzweigten theoretischen und methodischen Diskussion getragen wird. Ziel des von Tobias Grill (München) und Volker Depkat (Regensburg) gemeinsam für Mitte November 2014 an der Universität Regensburg organisierten Workshops zur Biografie-Forschung war es, die neueste, zumeist von Literatur- und Kulturwissenschaftlern geführte Theoriediskussion kritisch zu reflektieren, um zu eruieren, inwieweit es möglich ist, die vermeintliche Opposition von historischem Individuum und gesellschaftlichen Strukturen aufzulösen und das Verhältnis von Biografie und historisch-sozialen Prozesse zu dynamisieren.

Nach der Begrüßung durch VOLKER DEPKAT (Regensburg), in der er die bereits erläuterte Neuentdeckung der Biografie als kulturelle Praxis herausstellte, die eben nicht nur Persönliches darzustellen, sondern auch zur Konturierung und Strukturierung historischer Prozesse beizutragen vermag, folgte eine Keynote von CHRISTIAN KLEIN (Wuppertal). Der Herausgeber und Autor mehrerer Themenhefte und eines Handbuches zum Thema Biografie betonte, dass Biografien „Wirklichkeitserzählungen“ sind, es sich im Gegensatz zu anderen Textgattungen also um sowohl konstruktive als auch referentielle Texte handele, die vom Leser mit der Erwartung gelesen werden, dass in ihnen über das Leben einer realen historischen Person berichtet werde. Außerdem hob er mehrere Faktoren hervor, die die biografische Repräsentation strukturieren können, unter anderem die Motivationshaltung des Biografen (syntagmatisch vs. paradigmatisch; Akzentuierung vs. Etablierung).

Im zweiten Panel „Biografien ‚großer Männer‘ des Sozialismus“ arbeitete MARCUS SCHÖNEWALD (Bremen), der im Rahmen seiner Dissertation an einer Biografie Wilhelm Piecks schreibt, in seinem Vortrag heraus, wie sehr in der politischen Umgebung sozialistischer Systeme Biografien herausragender Persönlichkeiten mit dem Aufstieg der Arbeiterbewegung insgesamt parallelisiert wurden. Dass sich dies auch ohne Rücksicht auf historische Fakten vollziehen konnte, führte im zweiten Vortrag des Panels SUSANNE SCHATTENBERG (Bremen) am Beispiel der bisherigen Biografien Leonid Brežnevs vor. An einigen repräsentativen Konflikten zwischen historisch nachprüfbaren Fakten und dem biografisch erzeugten Mythos Brežnevs zeigte sie eindrucksvoll auf, dass diese faktisch als sozialistische Ideal-Biografien zu bewertenden Werke viel eher in ihrer überindividuellen (politisch-gesellschaftlichen) Bedingtheit zu analysieren sind als in der Betrachtung des Individuums selbst.

Das dritte Panel „Imperiale Biografien“ eröffnete BORIS GANICHEV (München) mit seinen Ausführungen zur Autobiografie N.A. Kačalovs, eines Adligen und Beamten im Zarenreich. Er stellte an Hand wiederkehrender Schreibmuster in dieser „Bürokratischen Autobiografie“, die sich durch starken Bezug auf dienstliche Belange zu Lasten des Persönlichen auszeichnet, dar, wie Kačalov seine Rolle im Kontext eines sich rasch wandelnden Imperiums reflektierte. ALEXIS HOFMEISTER (Basel) öffnete den Blickwinkel durch die Vorstellung seines Projektes zu jüdischen Autobiografien, in dem er die Möglichkeit eines Imperienvergleichs an Hand der Gegenüberstellung von autobiografischen Texten aus dem russländischen Imperium und dem Osmanischen Reich auslotete. Besonderes Augenmerk richtete er auf die Spezifika jüdischen autobiografischen Schreibens, unter anderem die „doppelte Adressierung“ und das Einschreiben der eigenen Lebensgeschichten in biblische Mythen.

Transnationale und globale Biografien standen im Zentrum des vierten Panels. Hier widmete sich KATRIN STEFFEN (Lüneburg) mit Jan Czochralski und Ludwik Hirszfeld zwei vielfach umgedeuteten Protagonisten der polnisch-deutschen Wissenschaftsgeschichte. Rekurrierend auf den eingangs erwähnten angeblichen Konflikt zwischen individuellen Lebensschilderungen und historischen Strukturen zeigte sie, dass die dichte Vernetzung und der intensive Wissenstransfer der Zwischenkriegszeit die Beschreibung historischer Prozesse genauso wie die Betrachtung persönlicher Lebenswege im transnationalen Rahmen erfordert. TOBIAS GRILL (München) nutzte das Beispiel von Isaak Nachman Steinberg, um die globalgeschichtliche Dimension der Biografieforschung aufzuzeigen. Steinbergs Wirken als russischer Sozialrevolutionär einerseits und jüdischer Territorialist andererseits, welches von ihm permanente Migration und Anpassungsfähigkeit an neue politische und kulturelle Kontexte erforderte, qualifizierte ihn laut Grill als in vielerlei Hinsicht „transgressives Subjekt“. Das Panel beschloss JAN LOGEMANN (Göttingen), der sich mit transatlantischer Elitenmigration und der damit einhergehenden Mittlerrolle Einzelner im Austausch von Ideen, Konzepten und Moden befasste. Er stellte an Hand prominenter Beispiele wie Paul Felix Lazarsfeld dar, wie sich insbesondere transatlantische Netzwerke von Eliten aus Wissenschaft und Wirtschaft mittels biografischer Methoden eingehender als bisher analysieren lassen. Er wies allerdings unter Rückgriff auf die Beiträge zu Pieck und Brežnev auf das Problem hin, dass Biografien solcher Mittler allzu oft ebenfalls zu „Erfolgsbiografien“ wie im Falle der sozialistischen Ideal-Biografie gerieten.

Mit dem biografischen Wert von Kinderzeichnungen beschäftigte sich der Vortrag von ANNA LEHNINGER (Zürich) im Panel „Visualisierung und Biografik“. Zugleich gab sie Einblick in die Arbeit des Archivs für Kinder- und Jugendzeichnungen der Stiftung Pestalozzianum in Zürich. Anhand des Beispiels von Schweizer Zeichenwettbewerben verdeutlichte sie, wie Kinder und Jugendliche durch Rezeption und Bezugnahme zu Kommentatoren und Chronisten ihrer Zeit geworden seien. In den Bildern fänden sich sowohl Abbildungen der Lebensrealität und der jeweiligen Wertvorstellungen, als auch Wünsche und Sehnsüchte der Kinder wieder. Zudem zeigten sie oft deutlich die Aus- und Nachwirkungen des Zeitgeschehens auf die Jugend.

Im Abschlussvortrag ging schließlich LEVKE HARDERS (Bielefeld) auf die Pluralisierung der Biografik ein und plädierte für interdisziplinäre Vielfalt anstelle von Vereindeutigungen. Dabei wies sie auf Analysekategorien der Neuen Kulturgeschichte (race, class, gender) hin und bemängelte die Konstruktion von Kohärenz und einheitlicher Identität in klassischen Biografien. Durch eine Pluralisierung sollten sowohl der Personenkreis der Biografierten, als auch die Darstellungsformen erweitert werden. Mit den theoretischen Ansätzen der Intersektionalität, Transnationalität und Kollektivbiografik stellte Harders die Chancen einer neuen, vielstimmigen Biografik vor.

In der Schlussdiskussion wurde bezugnehmend auf die Beiträge des Workshops noch einmal auf das Erkenntnisinteresse von Biografien und die Chancen und Probleme des Genres eingegangen. Dabei wurde insbesondere die Hinwendung der Geschichtswissenschaften zur hauptsächlich von anderen Disziplinen geführten theoretischen Diskussion über Biografik als wichtig erachtet. In einem Schlusswort betonte Volker Depkat, dass Biografien nicht nur ein methodisches Instrument seien, das Perspektiven auf vergangene Wirklichkeit organisiere, sondern ebenso eine Kategorie gesellschaftlicher Selbstbeschreibung darstellten und ihnen somit auch eine zukunftsgerichtete Perspektive innewohne.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und thematische Einführung
Volker Depkat (Regensburg)/Tobias Grill (München)

Keynote
Christian Klein (Wuppertal), Lebens-Erzählungen – bedeutungskonstituierende Elemente biografischer Narrative

Biografien „großer Männer“ des Sozialismus
Moderation: Volker Depkat (Regensburg)

Marcus Schönewald (Bremen), Lebensgeschichte oder Lebensgeschichten? Theoretische und praktische Überlegungen zu einer Biografie Wilhelm Piecks

Susanne Schattenberg (Bremen), Die Konstruktion des Generalsekretärs Mythos und Spurensuche zur Biografie L. I. Breschnews vor 1964

Imperiale Biografien
Moderation: Tobias Grill (München)

Boris Ganichev (München), Reflexionen imperialen Wandels in der bürokratischen Autobiografie des Geheimrats N. A. Kačalov (1818 1891)

Alexis Hofmeister (Basel), Was tragen Biografien zum Imperienvergleich bei? Jüdische Autobiografen aus dem Russischen und Osmanischen Reich als Beispiel

Transnationale und globale Biografien
Moderation: Alexis Hofmeister (Basel)

Katrin Steffen (Lüneburg), Transnationale Leben: Chancen und Risiken am Beispiel polnischer Wissenschaftler im 20. Jahrhundert

Tobias Grill (München), Isaak Nachman Steinberg (1888 1957): Im Kampf für Sozialismus und Judentum. Überlegungen zu einer globalgeschichtlichen Biografie

Jan Logemann (Göttingen), Transatlantische Karrieren: Migrantenbiografien und Transnationale Geschichtsschreibung

Visualisierung und Biografik
Moderation: Levke Harders (Bielefeld)

Anna Lehninger (Zürich), Bilder des Alltags. Zeichnungen von Schweizer Kindern und Jugendlichen als biografische Bilddokumente

Abschlussvortrag
Levke Harders (Bielefeld), Pluralisierung von Biografien Pluralisierung von Biografik?

Zitation
Tagungsbericht: Workshop Biographie-Forschung, 14.11.2014 – 15.11.2014 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 27.03.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5901>.
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Veröffentlicht am
27.03.2015
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