Al Crocevia della storia: poesia, religione e politica in Vittoria Colonna

Ort
Rom
Veranstalter
Università la Sapienza di Roma; American Academy of Rome
Datum
23.10.2014 - 24.10.2014
Von
Daniel Fliege, École Normale Supérieure Paris

Vittoria Colonna ist sicher eine der faszinierendsten Frauen der ersten Hälfte des Cinquecento, die die historischen und kulturellen Entwicklungen ihrer Zeit im Übergang von Reformation und Gegenreformation tief geprägt hat. Als erster Frau überhaupt wurde ihr nicht nur eine eigene Druckausgabe ihrer Gedichte (Rime, Parma: Pirogallo, 1538), sondern auch ein dazugehöriger Kommentar gewidmet (1543 von Rinaldo Corso, erschienen in Bologna bei Gianbattista de Phaelli). Ihre zahlreichen Korrespondenzen mit den Mächtigen ihrer Zeit zeugen von der Reichweite ihres Einflusses – gerade die Freundschaft zu Michelangelo fasziniert Leser und Kunstliebhaber bis heute, wovon unzählige Studien und Veröffentlichungen zu diesem Thema zeugen.[1] In den vergangenen Jahrzehnten hat das Interesse seitens der Forschung stark zugenommen, eine Tatsache, der die Konferenz Ausdruck verleihen wollte und daher einige der bedeutendsten Forscher zu Colonna versammelte. Ziel war es, aktuelle Forschungsergebnisse und neue Ansätze vorzustellen und dabei einen möglichst großen Überblick über das Leben und Werk Colonnas zu bieten. Die Konferenz teilte sich daher in drei Abschnitte auf: poesia, religione e politica, die nacheinander behandelt wurden. Den Anfang machte die politische und historische Rolle Colonnas.

Im Eröffnungsvortrag im historischen Palazzo Colonna präsentierte VIRGINIA COX (New York) einen neuen Ansatz zur Interpretation der von Colonna in ihrer Dichtung verwendeten Exempla. Ausgehend von der Analyse eines Briefes von Colonna an Marguerite de Navarre aus dem Jahr 1540, in dem die marchesa di Pescara die Notwendigkeit weiblicher Vorbilder für Frauen hervorhebt, erklärte Cox, dass Colonna ganz bewusst bestimmte Exempla in ihren Gedichten ausgewählt habe, um eine stark idealisierte Autobiographie zu konstruieren. Konkret zeigt Cox dies durch eine Analyse der Pistola von 1512, in der sich das lyrische Ich Colonnas mit der antiken Cornelia, Frau des Pompeius, Gegner Julius Cäsars, vergleicht, wohinter eine Anspielung auf die politischen Konflikte zwischen Vittorias Cousin Pompeo Colonna und Papst Julius II. stehe. Die These Cox‘ ist, dass Vittoria Colonna nicht nur in ihrer Dichtung diese Exempla ganz bewusst verwendet, um ein Autoportrait zu konstruieren, sondern dass sie ebenfalls Portraitmedaillien einsetzt, um das eigene Bild nach außen zu transportieren und zu verbreiten, wohinter nicht zuletzt auch eine politische Absicht steckt.

In der ersten Sektion unter dem Thema „Il ruolo pubblico di Vittoria Colonna“ am folgenden Tag in der American Academy of Rome untersuchte ADRIANA CHEMELLO (Padua) hingegen die Veränderung des öffentlichen Bildes Vittoria Colonnas in zeitgenössischen literarischen Zeugnissen zwischen den frühen Jahren auf Ischia und der späteren Lebensphase in Rom und Viterbo. Die frühe napoletanische Phase in den 1510er- und 1520er-Jahren bis zum Tod ihres Mannes Ferrante d‘Avalos sei bedeutend für das Bild einer aristokratischen Vittoria Colonna gemäß den Idealen ihrer Zeit als keusche und treue Ehefrau gewesen, jedoch habe es kaum Zeugnis über ihr literarisches Schaffen gegeben. Sind es in dieser Phase vor allem Widmungen und Enkomien, in denen die marchesa di Pescara erwähnt wird, werden ab den 1530er- und 1540er-Jahren Briefsammlungen immer wichtiger, die ihr öffentliches Bild prägen. Während sich Colonna immer weiter aus weltlichen Angelegenheiten zurückgezogen habe, machten diese Briefwechsel deutlich, dass sich Colonna im Zentrum eines kulturellen und religiösen Dialoges mit den Größen ihrer Zeit befand. Dabei verlagert sich der Schwerpunkt von der Darstellung einer aristokratischen keuschen Witwe immer mehr hin zu einem Bild einer dem Glauben hingegeben spirituellen Colonna, die sich mit den theologischen Streitfragen ihrer Epoche beschäftigt.

MARINA D’AMELIA (Rom) knüpfte anschließend an den Verweis von Virginia Cox auf Pompeo Colonna an, um sich der Bearbeitung Colonnas durch die Geschichtsschreibung zu widmen. So habe sich die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich der Lyrik Colonnas zugewendet und dabei andere, vor allem historische, Aspekte vernachlässigt. Die politische Rolle Colonnas als donna di potere sei bislang nicht hinreichend erforscht worden: Über ihre kurze Regierungszeit über Benevento sei bislang nichts bekannt. Zudem ist zu klären, welche Rolle sie in den zahlreichen Konflikten der Familie Colonna im 16. Jahrhundert spielte und ob sie als ein Modell für andere Frauen der Familie fungiert hat. So ist auch die Beziehung zwischen Pompeo und Vittoria Colonna in dem Konflikt mit Papst Julius II. noch nicht beleuchtet worden, dabei scheint die Beziehung zwischen beiden eng gewesen zu sein, wie die Anspielung in der Pistola oder die Widmung der Apologiae mulierum Pompeos für Vittoria bezeugen – zudem ist es Vittoria, die das Begräbnis Pompeos bezahlt und nicht, wie zu erwarten wäre, ein männliches Mitglied der Familie. Es scheint fast so, als ob Pompeo und die Familie Colonna Vittoria zur Repräsentantin der Familie machten, sodass Vittoria nach dem Tod Pompeos 1532 einzige Ansprechpartnerin der Familie Colonna mit Papst Clemens VII. und Kaiser Karl V. sein würde. Neben der Rolle Vittorias innerhalb der Familie Colonna eröffne laut Marina d‘Amelia der Vergleich mit anderen adeligen donne di potere der Epoche, zum Beispiel Caterina Cybo, einen Zugang zum tieferen Verständnis der politischen Rolle Vittorias.

Im Anschluss interpretierte RAMIE TARGOFF (Waltham, MA) einen Brief von Papst Clemens VII. an Vittoria[2], der bereits fünf Monate nach dem Tod von Ferrante d’Avolos, am 5. Mai 1526, geschrieben wurde. In der Zwischenzeit hatte Vittoria Colonna Trost im Kloster San Silvestro in Capite in Rom gesucht, jedoch hatte Papst Clemens VII. ihr verboten als Schwester in den Orden einzutreten. Targoff äußert die Vermutung, dass politische Gründe hinter dieser Entscheidung gestanden haben, um den wichtigsten Ansprechpartner des Papstes in der Familie Colonna nicht zu verlieren. So habe Vittoria eine „kreative Lösung“ gefunden, sich dennoch aus den weltlichen Angelegenheiten zurückziehen zu können: So bat sie den Papst, ihr die Erlaubnis zu geben, eine Kapelle in ihrem Haus in Neapel zu errichten, dort mit vier bis fünf anderen Frauen leben zu dürfen und die Eucharistie zu feiern. In dem betreffenden Brief gestattet Clemens VII. ihr dies und gesteht ihr sogar zu, selbst einen Priester für die Eucharistie auswählen zu dürfen. Vittoria habe so eine Möglichkeit gefunden, ihrem Wunsch nachzugehen, sich aus dem politischen Leben zurückzuziehen. GIGLIOLA FRAGNITO (Parma) relativierte sogleich Targoffs These, denn es sei etwas völlig anderes, sich in ein Kloster als Schwester zurückzuziehen als in ein Haus in Neapel. Zudem bedeute das Leben im Kloster keine völlige Abkehr von der Welt, Colonna hätte dort auch weiter Besuche empfangen und Korrespondenzen unterhalten können.

Die zweite Sektion des Tages stand unter dem Titel Vittoria Colonna: donna, vedova, scrittrice. Ausgehend von einem Brief Colonnas an Paolo Giovio vom 24. Juni 1530[3], in dem sich die marchesa als Autorin darstellt, zeichnete MARIA SERENA SAPEGNO (Rom) den Übergang von den sogenannten Rime amorose zu den Rime spirituali nach und machte dabei deutlich, dass es keinen Bruch und keine religiöse Konvertierung im Werk Colonnas gibt, sondern dass ihre Dichtung von Anfang an spirituell und religiös geprägt war. Eine Schwierigkeit der Deutung ihres Werkes stellten jedoch die unterschiedlichen Manuskripte und Druckeditionen ihrer Dichtung dar, da es bis auf die ersten zwanzig Sonette der Rime amorose, die einen in allen Texten gleichen festen Nukleus bilden, und außer der Anordnung der Sonette im Manuskript für Michelangelo keine von der Dichterin selbst vorgenommene Anordnung der Gedichte zu geben scheint. An zahlreichen Beispielen aus den Rime zeigt Sapegno, wie das Innere den eigentlichen Raum zur Entfaltung des Ichs darstellt, in den es sich immer weiter zurückzieht. In ihrer späteren Schaffensphase vollzieht Colonna laut Sapegno jedoch keine Abkehr von den Rime amorose, sondern deutet diese um, im Sinne einer preparatio für die Liebe zu Gott.

TATIANA CRIVELLI (Zürich) stellte in ihrem Vortrag die These einer diffusione popolare der Dichtung Colonnas auf. Der Brief Pietro Bembos an Carlo Gualteruzzi vom 8. November 1538[4], in dem er sich über die gegen den Willen Colonnas entstandene minderwertige Qualität der editio princeps der Rime entrüstet, begründet bis heute die Meinung, dass Colonna gegen den Druck ihrer Werke gewesen sei. Crivelli relativiert diese Meinung, da es sich bei der vermeintlichen Ablehnung Colonnas zum Druck ihrer Werke zum einen um eine topische Äußerung der moderatio handele, zum anderen Bembo eigene Interessen verfolge und selbst mit dem Verleger Carlo Gualteruzzi die Werke Colonnas veröffentlichen wolle. Die Qualität der editio princeps sei in Wahrheit nämlich nicht schlechter oder fehlerhafter als die Handschriften oder anderen Ausgaben der Gedichte vor und nach der princeps. Die zahlreichen Editionen der Rime und einzelner Sonette in Anthologien zeigten, dass die Nachfrage ihrer Gedichte groß gewesen sei und die Herausgeber und Drucker ein Publikum bedient haben.

In der dritten und letzten Sektion unter dem Titel La vita religiosa di Vittoria Colonna: la poesia di riforma ging es um die spirituelle Dichtung Colonnas. ABIGAIL BRUNDIN (Cambridge) stellte die Frage nach dem Grund für den Erfolg von Colonnas Dichtung. Um die Rezeption der Leser im 16. Jahrhundert nachvollziehen zu können, versuchte Brundin von Michelangelo als Modell eines Lesers auszugehen und von da aus die Gründe für den Erfolg Colonnas zu erläutern. So sei die Lektüre religiöser Texte im 16. Jahrhundert fester Bestandteil religiöser Frömmigkeit gewesen und habe zur religiösen Praxis im Alltag gehört. Den spirituellen Weg, den Colonna in ihrer Dichtung beschreitet, teile sie mit dem Leser und trete so in einen religiösen Dialog, der durch die Zirkulation und Verbreitung ihrer Gedichte zu einer kollektiven Erfahrung werde, die sich durch die Lektüre wiederum auf den einzelnen Leser übertrage.

Im letzten Vortrag ging GIGLIOLA FRAGNITO (Parma) den Quellen für die Spiritualität Colonnas nach und betonte, dass man die der Ecclesia Viterbienis nahe stehenden reformatorischen Gedanken in Colonnas Werk nicht simplifizierend auf ein paar wenige Quellen, wie Bernardino Ochino und über diesen indirekt Juan de Valdés, oder Reginald Pole, zurückführen dürfe. Vielmehr müsse davon ausgegangen werden, dass Colonna von einer Vielzahl religiöser und nicht religiöser Texte geprägt war. So lasse sich nicht mit Sicherheit sagen, woher Colonna ihren Glauben an die Rechtfertigung ex sola fide habe. Es sei durchaus möglich, dass sie vermittelt über Jacopo Sannazaro das Gedankengut des Cénacle de Meaux und damit Guillaume Briçonnets und Jacques Lefèvres d’Étaples‘ gekannt hat, ganz zu schweigen von mystischen Anklängen in Colonnas Dichtung und möglichen Bezügen zur italienischen Mystik.

Die Konzeption der Tagung und das Ineinandergreifen der einzelnen Beiträge trug trotz ihrer kurzen Dauer insgesamt dazu bei, einen reichhaltigen Überblick über das Werk Colonnas und die aktuelle Forschung zu geben. Der Schwerpunkt lag weniger, wie der Titel der Konferenz vermuten ließ, auf der historischen Bedeutung Colonnas als vielmehr auf ihrem literarischen Werk. Von allen Teilnehmenden wurde dabei immer wieder auf die Schwierigkeit hingewiesen, dass es keine kritische Gesamtausgabe der Werke Colonnas auf dem Markt gibt, was auch dazu beitrage, dass ihr Werk heutzutage immer noch nicht hinreichend gewürdigt werde. Um Maria Serena Sapegno, Tatiana Crivelli und Abigail Brundin gründet sich mittlerweile aber eine Gruppe von Forschern, die diese immense Aufgabe in Angriff nehmen will. Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf Veronica Copello (Doktorandin der Università di Pisa), die an einer kommentierten Ausgabe der Rime per Michelangelo arbeitet.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Maria Serena Sapegno (Rom)/Ramie Targoff (Waltham, MA)

Virginia Cox (New York University, USA), The exemplary Vittoria Colonna

Konzert:
Yasko Fujii (Sopranistin)/Andrea Fossà (Violoncello)/Marco Silvi (Clavicembalo), Spira un aer vital tra corda e corda...Che l'eterna armonia mai non discorda: "Cantare alla viola" per Vittoria Colonna

Erste Sektion: Il ruolo pubblico di Vittoria Colonna

Adriana Chemello (Università degli Studi di Padova), “O de la nostra etade unica gloria”: Vittoria Colonna e il suo tempo

Marina d’Amelia (Sapienza Università di Roma), “Negli agitati mari del mondo”. Su Vittoria Colonna e altre gentildonne colte e di potere del Rinascimento

Ramie Targoff (Brandeis University, USA), La volontà segreta di Vittoria Colonna: Una lettera smarrita a Clemente VII.

Zweite Sektion: Vittoria Colonna: donna, vedova scrittrice

Maria Serena Sapegno (Sapienza Università di Roma), “poco giova aver candide e grosse perle senza saperle infilar di modo che l’una favorisca l’altra” (lettera al Giovio, 24 giugno 1530)

Tatiana Crivelli (Universität Zürich), Godere di cattiva stampa: spunti per una rilettura della tradizione editoriale delle rime di Vittoria Colonna

Dritte Sektion: La vita religiosa di Vittoria Colonna: la poesia di riforma

Abigail Brundin (Cambridge University, UK), Poetry as Devotion: Reading Colonna’s Rime spirituali

Gigliola Fragnito (Università di Parma), Vittoria Colonna dall’evangelismo al valdesianesimo

Anmerkungen:
[1] Von den Monographien seien hier erwähnt: Abigail Brundin, Vittoria Colonna and the Spiritual Poetics of the Italian Reformation, Farnham 2008. ; Maria Forcellino, Michelangelo, Vittoria Colonna e gli « spirituali ». Religiosità e vita artistica a Roma negli anni Quaranta, Rom 2009. oder Raffaella Martini, Vittoria Colonna. L’opera poetica e la spiritualità, Mailand 2014. ganz zu schweigen von den unzähligen Artikeln über Colonna. Für eine ausführliche Biobiographie sei auf das Literaturverzeichnis dieser Studien verwiesen. Abigail Brundin hat zudem die Sonette für Michelangelo ins Englische übersetzt und kommentiert (Vittoria Colonna, Sonnets for Michelangelo. A Bilingual Edition, Hrsg. und übersetzt von A. Brundin, Chicago 2005). Eine moderne Neuübersetzung ins Deutsche bleibt Desiderat der Forschung, genauso wie eine kommentierte Gesamtausgabe. Derzeit arbeitet Veronica Copello (Doktorandin der Università di Pisa) an einer kommentierten Ausgabe der Rime per Michelangelo. Ende kommenden Jahres erscheint zudem: Abigail Brundin/Tatiana Crivelli/Maria Serena Sapegno, Companion to Vittoria Colonna. Leiden 2015.
[2] „XXVII. (1526), 5 maggio. Il papa Clemente VII a Vittoria Colonna.“ In: Carteggio. Hrsg. von E. Ferrero /G. Müller, Torino 1889, S. 38.
[3]„XLI. (1530), 24 giugno. A Paolo Giovio.“ In: Carteggio. Hrsg. von E. Ferrero/G. Müller. Torino 1889, S. 62.
[4] Pietro Bembo, Lettere. Hrsg. von E. Travi, Bologna 1993, Bd. IV, S. 141.

Zitation
Tagungsbericht: Al Crocevia della storia: poesia, religione e politica in Vittoria Colonna, 23.10.2014 – 24.10.2014 Rom, in: H-Soz-Kult, 31.03.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5916>.