Authenticity and Victimhood in 20th Century History and Commemorative Culture

Ort
Berlin
Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin; Leibniz-Forschungsverbund „Historische Authentizität“; Munk School of Global Affairs, Toronto; Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig; Stiftung Topographie des Terrors
Datum
11.12.2014 - 13.12.2014
Von
Gil Shohat, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

Die Beziehung zwischen Tätern und Opfern spielt eine konstitutive Rolle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts und birgt ein schwieriges kulturelles Erbe. Entscheidend ist dabei nicht nur die Opfererfahrung selbst, sondern ihre gesellschaftliche und politische Anerkennung in den jeweiligen nationalen Erinnerungskulturen. Diesen Prozessen widmeten sich Expertinnen und Experten aus Europa, Nordamerika und Asien in einer gemeinsamen Tagung des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin, des Leibniz-Forschungsverbundes „Historische Authentizität“, der Munk School of Global Affairs in Toronto, des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und der Stiftung Topographie des Terrors, in deren Räumen die Konferenz stattfand. Der Schwerpunkt lag dabei auf den 1930er- bis 1950er-Jahren und dem erinnerungspolitischen Diskurs in Europa und Asien.

Nach einführenden Worten von MAGNUS BRECHTKEN (München) beschäftigte sich das erste Panel unter der Leitung von MARTIN SABROW (Potsdam) mit Opfergruppen infolge von Genozid, Massakern und Kriegsverbrechen. INGO LOOSE (Berlin) veranschaulichte eindrucksvoll am Beispiel osteuropäischer Holocaust-Überlebender die Schwierigkeiten auf dem Weg zurück zu einer nicht mehr vorhandenen Normalität und den entscheidenden Einfluss des ausbrechenden Kalten Krieges sowie der Gründung des Staates Israel auf die Opferidentitäten polnischer Juden. Hierbei wurde deutlich, dass abgesehen von Pogromen gegen Juden in Polen nach 1945 (z. B. Pogrom von Kielce 1952), auch in Israel die Aufnahme einer „Shoah-Identität“ in die israelische Gesellschaft erst in den 1960er-Jahren stattfand. TATIANA VORONINA (St. Petersburg) schilderte den Kampf jüdischer Überlebender um die Anerkennung ihrer Entschädigungsansprüche nach der Blockade von Leningrad und streifte damit den Diskurs um „Opfer“ und „Helden“. DAQING YANG (Washington D.C.) beleuchtete den schwierigen Diskurs um die Opfer japanischer Kriegsverbrechen im Japanisch-Chinesischen Krieg am Beispiel des Massakers von Nanking im Jahr 1937 und das schwierige Verhältnis der „Opfer“ zu den vielfach geehrten „Widerstandskämpfern“. SATOSHI NAKANO (Tokio) gab einen Einblick in die Zerstörung der philippinischen Hauptstadt Manila durch japanische Truppen im Jahr 1945 und beleuchtete die sich erst seit den 1990er-Jahren diesbezüglich entwickelnde Erinnerungskultur. Am Ende des ersten Panels ging JÜRGEN ZARUSKY (München) auf die lange anhaltende deutsche Debatte um die sogenannten Ghetto-Renten jüdischer Zwangsarbeiter in den national-sozialistischen Ghettos und die damit einhergehende Verschiebung von einem Helden- zu einem Opferdiskurs ein. Dabei wurden die Herausforderungen bei der Anwendung aktueller Rechts- und Verwaltungsvorschriften auf die Folgen der NS-Herrschaftspraxis deutlich.

Am Abend skizzierte ANDREAS WIRSCHING (München) in einem öffentlichen Vortrag nach einer Einführung von ANDREAS NACHAMA (Berlin) seine Überlegungen zum postheroischen Zeitalter im 21. Jahrhundert. Wirsching hob hervor, dass die Forschung zum Thema Postheroismus erst am Anfang stehe und vor allem vor dem Hintergrund einer notwendigen europäischen Identität untersucht werden müsse. Ganz generell sei jedoch, wenigstens für Westeuropa, ein Wandel der Erinnerungskultur vom „Sacrificium“ („Helden“) zur „Victima“ („leidende Opfer“) festzustellen.

Der zweite Konferenztag beschäftigte sich zunächst mit dem Thema „Erzwungene Migration“. Unter der Leitung von RANDALL HANSEN (Toronto) sprach MATHIAS BEER (Tübingen) über erzwungene deutsche Migration nach 1945 und die hiesige Erinnerungskultur, die sich durch ihre politische Brisanz noch im Entwicklungsstadium und auf der Suche nach der richtigen Positionierung befinde. BRIGITTE NEARY (Spartanburg/South Carolina) schilderte die traumatisierenden Erlebnisse deutscher Frauen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges anhand von Zeitzeugenberichten und die Schwierigkeit der Einbeziehung dieser Frauen in den deutschen Opferdiskurs. MORITZ FLORIN (Erlangen) belegte, wie die tschetschenische Minderheit im Nordkaukasus, nach Entwicklung eines eigenen Narrativs in der poststalinistischen Sowjetunion, im heutigen Russland um ihre staatliche Anerkennung als Opfer von Kriegsverbrechen kämpft. SÖREN URBANSKY (München) charakterisierte die Konstruktion von Opfernarrativen im Nordosten Chinas infolge des Russisch-Chinesischen Krieges um 1900 sowie den Korea-Krieg der 1950er-Jahre und stellte fest, dass heutige Verhältnisse von Staaten zueinander eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob Opfergruppen in der zeitgenössischen Erinnerungskultur eher als Opfer oder als Helden dargestellt werden. LORI WATT (St. Louis/Missouri) sprach über die Auswirkung der Umsiedlung von Millionen Menschen in Ostasien infolge der japanischen Kapitulation und des Potsdamer Abkommens im Zweiten Weltkrieg. Sie hob hervor, dass das Nebeneinander von Opfergruppen zu einem Ausschluss der japanischen Rückkehrer, die aus den alten Kolonien “repatriiert” wurden, aus dem Mehrheitsdiskurs führte.

Nach einer gemeinsamen Führung durch die Dauerausstellung der Topographie des Terrors ging es am Nachmittag um das Thema Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg. Unter der Leitung von MAGNUS BRECHTKEN (München) stellten RANDALL HANSEN (Toronto), YUKI TANAKA (Hiroshima) und JAMES ORR (Lewisburg/Pennsylvania) ihre Forschungsergebnisse zur immensen Zerstörung durch Luftbombardements vor. Randall Hansen beleuchtete die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg und hielt fest, dass die vollständige Zerstörung des zivilen Lebens und der Infrastruktur in Städten wie Hamburg, Dresden oder Köln erst nach der Eroberung des Luftraums durch die Alliierten in Gestalt von Flächenbombardements, die zwischen 400.000 und 600.000 Menschenleben forderten, geschah. Diese Form der Bombardierung habe laut Hansen Standards der Kriegführung zu dieser Zeit verletzt. Dadurch wurde auch ein Teil der deutschen Bevölkerung zu Opfern. Yuki Tanaka widmete sich anschließend dem dominierenden Narrativ von den “notwendigen” Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 und ging auf die psychologischen und physischen Auswirkungen solcher Kriegsgewalt auf die Entstehung eines japanischen Opfernarrativs ein. Der zeitgenössische Opferdiskurs sei insgesamt durch die Verhinderung einer Anerkennung eigener Taten nicht fruchtbar. James Orr ging auf die japanische Erinnerungskultur hinsichtlich der Atombomben-Katastrophe von 1945 ein und stellte fest, dass die Darstellung der japanischen Kriegsopfer noch heute heroisch aufgeladen werde. Jedoch seien dort auch Tendenzen hin zu einer “Entheroisierung” der japanischen Kriegsteilnehmer zu erkennen.

Das vierte Panel des Tages unter dem Vorsitz von MARKUS OTTO (Braunschweig) widmete sich der Darstellung von Opfergruppen in den „bildenden Medien“. Dabei gab WILLIAM NIVEN (Nottingham) einen vergleichenden Einblick in die Darstellung des Holocausts sowie der Flucht und Vertreibung deutscher Minderheiten in west- und ostdeutschen Filmen der Nachkriegszeit. Er hob hervor, dass eine ausgewogene Herangehensweise an das Thema der deutschen Flucht und Vertreibung nahezu automatisch zu einer Vernachlässigung des Holocausts in beiden Ländern geführt habe und plädierte für eine Überwindung der dominierenden „Opferkonkurrenz“ durch eine erneut verstärkte Auseinandersetzung mit der Täterperspektive. BARBARA CHRISTOPHE (Braunschweig) ging in ihrem Paper auf die Darstellung litauischer Partisanenkämpfer im Zweiten Weltkrieg im dortigen Bildungssystem ein. Sie konstatierte, dass eine verzerrte Repräsentation dieser Opfergruppe aufgrund eines verzerrten heroischen Diskurses in einer postkommunistischen Gesellschaft weiterhin virulent sei. Schließlich stellte DENISE BENTROVATO (Braunschweig) die Schwierigkeiten bei der bildungspolitischen Aufarbeitung des Genozids in Ruanda von 1994 dar. Sie hob hervor, dass die Dominanz einer „Gedenkindustrie“ zu einem feststehenden Narrativ führe. Dieses teile Opfer und Täter klar auf und verhindere einen kritischen Diskurs über die spaltende Wirkung eines solchen Narrativs.

Den letzten Konferenztag eröffnete THOMAS LINDENBERGER (Potsdam) als Vorsitzender des fünften Panels, das sich mit der Darstellung von Opfergruppen in der Popkultur und im Dokumentarfilm befasste. Dabei ging MICHAEL BERRY (Santa Barbara/California) auf die fotografische und kinematographische Darstellung des Nanking-Massakers von 1937 ein, bei der sich in den letzten Jahren ein deutlicher Wandel von einer leidenden Opferdarstellung hin zum widerstandsfähigen Helden feststellen lasse. LILIANA RUTH FEIERSTEIN (Berlin) sprach über die filmische Darstellung verschwundener Bürger in der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 (den „Desaparecidos“) aus jüdischer und christlicher Sicht. Dabei würden vor allem aus jüdischer Perspektive direkte Vergleiche zwischen dem zahlreichen Verschwinden jüdischer Argentinier mit der NS-Diktatur und ihren katastrophalen Folgen für das europäische Judentum gezogen. Schließlich führte PETER CARRIER (Braunschweig) Beobachtungen des Georg-Eckert-Instituts für Schulbuchforschung und der UNESCO zur Darstellung des Holocausts in Schulbüchern aus. Diese bewegten sich dabei häufig auf einer Schwelle zwischen De- und Rekontextualiserung des Holocausts, an dem sich auch die Authentizität der Darstellung entscheide.

Auf dem Abschlusspodium, geleitet von JEAN-MICHEL CHAUMONT (Leuven), sprach zunächst JIE-HYUN LIM (Seoul) über Opferkonkurrenz in einem transnationalen Erinnerungsfeld. Dabei plädierte er für einen Versuch, die Entstehung von Opfergruppen im 20. Jahrhundert aus einer postkolonialen Perspektive zu betrachten, damit gegenseitige Empathie unter den zahlreichen Gruppen die so häufige Opferkonkurrenz überwinden könne. MICHAEL SCHWARTZ (Berlin) referierte im letzten Vortrag über die Darstellung von Opferidentitäten im öffentlichen Raum und hob hervor, dass die Forschung zu authentischen Opfern eine Kerndisziplin der Geschichtswissenschaft sein müsse, welche dafür den gemeinhin verbreiteten öffentlichen Konstruktionen von Opfergruppen kritisch-dekonstruierend gegenübertreten müsse. Dies gelte für Hierarchisierungen und Ausgrenzungen von Opfer-Gruppen ebenso wie für die aktuelle Tendenz des Versuchs einer Perfektionierung „makelloser“ Opfer-Identitäten. Bei der Abschlussdiskussion wurde in zahlreichen Wortbeiträgen offensichtlich, dass die länder- und regionenübergreifende Erforschung der Authentizität von Opfergruppen noch am Anfang steht, wobei einige Aspekte wie zum Beispiel die Rolle des Internets und der sozialen Medien als Desiderate charakterisiert wurden. Einig waren sich die Anwesenden darin, dass ein globaler Ansatz zur Erforschung der Identität und Authentizität der zahlreichen Opfergruppen des 20. Jahrhunderts immer auch eine selbstreflexive Komponente erfordert sowie immer von der jeweiligen Deutungshoheit in den einzelnen Regionen der Welt abhängig ist.

Konferenzübersicht:

Conference Opening:
Magnus Brechtken (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Panel 1: Victims of Genocide, Massacres and War Crimes
Chair : Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung-Potsdam)

Ingo Loose (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), Eastern European Shoah Victims and the Problem of Group Identity

Tatiana Voronina (European University St. Petersburg), „Heroes or Victims“: The Politics of Memory in Blockade Associations in Russia

Daqing Yang (George-Washington-University, Washington D.C.), Japanese War Atrocities and the Construction of Victim Identities in China

Satoshi Nakano (Hitotsubashi-University Tokio), The death of Manila in World War II and Postwar Commemoration

Jürgen Zarusky (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), History on Trial before the Social Courts: Holocaust-Survivors, German Judges and the Struggle for „Ghetto Pensions“

Public Lecture
Introduction: Andreas Nachama (Stiftung Topographie des Terrors)

Andreas Wirsching (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), Vom Heldentod zum leidenden Opfer? Überlegungen zur „postheroischen“ Erinnerungskultur

Panel 2: Forced migration
Chair: Randall Hansen (Munk School of Global Affairs, University of Toronto)

Mathias Beer (Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen), Rhetorics of Victimization. German Forced Migrants after World War II

Brigitte Neary (University of South Carolina Upstate), „Herstory“ – The Traumata of East European German Women Towards and Following the End of World War II

Moritz Florin (University of Erlangen-Nürnberg), The Chechen and Ingush in Central Asia (1944-1956). Victim Narratives and Identities

Sören Urbansky (Ludwig-Maximilians-Universität München), Are they all the same? The production of Victim Narratives in Memorials in North East China

Lori Watt (Washington-University St. Louis/Missouri), Post World War II Repatriations in East Asia in History and Memory

Panel 3: Aerial Bombing
Chair: Magnus Brechtken (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Randall Hansen (Munk School of Global Affairs, University of Toronto), Allied Perpetrators, German Victims? The Bombing War 1942-1945

Yuki Tanaka (Hiroshima-City-University), Juxtaposing the Atomic Bombing of Japan and Japanese War Atrocities during World War II

James Orr (Bucknell-University, Lewisburg/Pennsylvania), Victimhood in Japan

Panel 4: Images of Victims in Educational Media
Chair: Markus Otto (Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig)

William B. Niven (Nottingham-Trent-University), Multidirectional Memory? Flight, Expulsion and the Holocaust in West and East German TV and Cinema

Barbara Christophe (Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig), Representation of Lithuanian Post-War Partisans in Educational Media and Practice

Denise Bentrovato (Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig), Representing Genocide: Education and the Politics of Victimhood in present-day Rwanda

Panel 5: Narratives of Victimization in Popular Cinema and Documentaries
Chair : Thomas Lindenberger (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Michael Berry (University of California Santa Barbara), Shooting the Enemy: Photographic Attachment in Nanjing Massacre Cinema and the Curious Case of Scarlet Rose

Liliana Ruth Feierstein (Humboldt-University of Berlin), Echoes from Europe. Jewish and Catholic Narratives in Films about the Desparecidos in Argentina

Peter Carrier (Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig), De- and Recontextualising the Holocaust in Curricula and Textbooks. A Report by UNESCO and the Georg Eckert Institute

Panel 6: Methodological and Theoretical Approaches and Final Discussion
Chair: Jean-Michel Chaumont (University Louvain)

Jie-hyun Lim (Hanyang-University Seoul), The Contested Victimhood in Transnational Memory Space

Michael Schwartz (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), Victim Identities in the Public Sphere : Patterns of Shaping, Ranking and Reassessment

Zitation
Tagungsbericht: Authenticity and Victimhood in 20th Century History and Commemorative Culture, 11.12.2014 – 13.12.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 17.04.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5922>.