Science in the Nation-State: Historic and Current Configurations in Global Perspective, 1800-2010

Ort
Tübingen
Veranstalter
Andreas Franzmann, Tübingen; Axel Jansen, Tübingen/Cambridge; Peter Münte, Bielefeld
Datum
11.09.2014 - 13.09.2014
Von
Axel Jansen, Historisches Seminar, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Anlass der Tagung war die Beobachtung, dass sich die Förderung und Entfaltung der modernen Wissenschaften seit dem 17. Jahrhundert im Rahmen moderner Nationalstaaten vollzieht. Dies ist ein oft diskutierter Umstand, der aber zuletzt an Bedeutung eingebüßt zu haben scheint, weil heute nicht nur supranationale Institutionen wie die EU als Akteure auftreten, sondern weil sich Wissenschaftsfelder und -karrieren, Hochschulen und Kongresswesen noch weiter international orientieren. Gleichzeitig finden diese Entwicklungen statt vor dem Hintergrund des Aufstiegs neuer Wissenschaftsnationen wie Brasilien, China oder Indien, die unter ganz anderen Vorzeichen ihrerseits eine nationale Förder- und Forschungspolitik umsetzen. Welche neuen Merkmale sind in diesen Entwicklungen auszumachen? Ersetzt die EU die nationalen Rahmen oder schafft sie nur einen neuen europäischen Rahmen oberhalb, der den Wettbewerb der nationalen Wissenschaften weiter antreibt? Wie muss man die neueren Entwicklungen vor dem Hintergrund der Geschichte der „klassischen“ Wissenschaftsnationen in Europa und in Nordamerika deuten?

Fragen wie diese waren Gegenstand einer international besetzten Tagung, die vom 11. bis 13. September am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Tübingen stattfand und dort im Zusammenhang mit dem von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekt „Public Context of Science“ veranstaltet worden war. An drei Tagen diskutierten Historiker und Soziologen, Juristen und Politikwissenschaftler aus den USA, Großbritannien, Indien, Österreich, der Schweiz und Deutschland verschiedenste Facetten des Themas.

DIETER LANGEWIESCHE (Tübingen) stellte zum Auftakt Reden von deutschen Universitätsrektoren aus dem 19. Jahrhundert vor und arbeitete an dieser Textgattung die Selbstbilder und Selbstdarstellungen der deutschen Universitäten heraus. Dabei stach hervor, dass die Universitäten als Ort der wissenschaftlichen Betätigung als Vorbild nationaler Einigung wie selbstverständlich empfohlen wurden, aber sich von einer später so prominent gewordenen Bezugnahme auf ein mit dem Namen Humboldts verbundenes „deutsches“ Universitätsmodell („Humboldt-Universität“) keine Spur findet. Langewiesche wertete dies aber nicht als Beleg für dessen Nicht-Existenz, sondern als Ausdruck davon, dass es für Rektoren kulturell, aber auch politisch wenig opportun war, auf ein einheitliches deutsches Universitäts-Modell stilisierend Bezug zu nehmen. Dies hätte der Berliner Universität als der von Humboldt mitgegründeten Hochschule eine Sonderstellung eingeräumt, die die Rektoren der anderen deutschen Universitäten kaum zugestehen wollten.

RUDOLF STICHWEH (Bonn) stellte im Anschluss daran in komprimierter Form die Grundrisse des Verhältnisses von Wissenschaft und Nationalstaat aus der Sicht der Theorie der funktionalen Differenzierung dar. Dabei spannte er einen weiten Bogen, der für die anschließende Debatte immer wieder einen Bezugspunkt darstellen konnte. PETER MÜNTE (Bielefeld) wandte sich dann anhand einer Rede des Mediziners Rudolf Virchow erneut dem deutschen Fall zu. Dabei schilderte er Strategien, Wissenschaft als Vorbild für eine kulturelle Begründung der Einigung der bis zur Reichsgründung staatlich nicht vereinigten deutschen Länder zu empfehlen. Der Betrachtung deutscher Gründungskonstellationen im 19. Jahrhundert folgte eine Schilderung etwa zeitgleicher Vorgänge in den USA durch AXEL JANSEN (Tübingen/Cambridge), der an Alexander Dallas Bache die Rolle dieses Wissenschaftlers und Organisators für die Entstehung eines US-amerikanischen Wissenschaftssystems heraushob. In den 1850er-Jahren bildete die gut vernetzte Gruppe um Bache das Zentrum der amerikanischen Forschungsprofession. Jansen hob heraus, dass es Bache nicht nur darum ging, Wissenschaft durch Forschungs- und Lehrinstitutionen in den USA kulturell und politisch zu verankern und für sie nach Anerkennung zu suchen, sondern dass er die Wissenschaftsprofession als ein wichtiges Element für die stabilisierende Unterfütterung des amerikanischen Nationalstaatsprojekts betrachtete. Dabei kam insbesondere der Gründung der National Academy of Sciences (NAS) während des Amerikanischen Bürgerkrieges 1863 eine herausgehobene Bedeutung zu.

Während Jansens Darstellung 1865 endete, wendete sich JESSICA WANG (Vancouver) der Etablierung sozialwissenschaftlicher Diskurse im Zusammenhang mit der amerikanischen Außen- und Entwicklungspolitik bis etwa 1970 zu. Sie schlug für die Entwicklung von modernisierungsrelevanten Diskursen vor, das späte 19. Jahrhundert mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu verklammern, hier also hinsichtlich einer Epocheneinteilung ganz neue Wege zu gehen. Jessica Wangs Vortrag schlug die Brücke ins 20. Jahrhundert.

VINCENT GENGNAGEL (Bamberg) und JULIAN HAMANN (Bonn) wählten den Ansatz, das Verhältnis von Wissenschaft und Nationalstaat anhand der Entwicklung der Geisteswissenschaften in Deutschland zu untersuchen. Die beiden Soziologen interessierten sich vor allem für Diskurse in der Geschichtswissenschaft, in denen ihre Funktion im nationalen Kontext reflektiert wurde. Dagegen nahm ARNE PILNIOK (Hamburg) eine Darstellung der drei Phasen im Aufbau der EU-Forschungsförderpolitik aus der Zeit Ralph Dahrendorfs bis zu HORIZON 2020 ins Visier und schilderte die anfangs wenig folgenreichen, doch seit 2000 zunehmend komplexer werdenden Forschungsförderungsinstrumente der Europäischen Union, die die nationalen Forschungsförderrahmen nicht nur ergänzen, sondern auch überformen.

KERRY HOLDEN (Montreal) wandte sich mit ungewöhnlichem Material aus Interviews mit Mitarbeitern eines biomedizinischen Labors in London den Folgen der jüngeren Reformen und Kürzungen im britischen Wissenschaftssystem zu. Sie zeigte, wie Wissenschaftler, die den Ansprüchen an messbaren Output von Papers als Forschungsleistungen nicht gerecht werden können, an den Rand der Profession und buchstäblich in Labortrakte abseits der Hauptwege abgeschoben werden. Sie ging der spannenden Frage nach, wie Wissenschaftler persönlich mit dem Scheitern an strikt formal gewendeten Erfolgskriterien umgehen und wie man erklären muss, dass diese Kolleginnen und Kollegen dem Forschungsbetrieb nicht längst den Rücken kehren und anstatt dessen in einer für alle sichtbaren Außenseiterposition im Lehrbetrieb mit nur wenig Aussicht auf eine Rückkehr in ein aktiveres Forschungsleben im Labor dahindarben.

Ein Beispiel für die Auswirkungen der Verwissenschaftlichung der Lebenswelt in Indien schilderte SHIJU VARUGHESE (Gujarat, Indien). In Hinsicht auf das Tagungsthema führte er für Indien die wichtige Unterscheidung einer gestaffelten Öffentlichkeit ein: Während Forschungsthemen und deren Konsequenzen für die politische Öffentlichkeit in Fachpublikationen offen diskutiert werden können, bleibt es schwierig für Wissenschaftler, sich als Intellektuelle an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden. Varugheses Einschätzung freilich war, dass in Indien seit den 1970er-Jahren eine Öffentlichkeit heranreift, die solche Interventionen zunehmend stabilisiert.

Einen eher disziplinengeschichtlichen Zugang wählte der Soziologe ANDREAS FRANZMANN (Tübingen), der am Beispiel der Islamwissenschaften die Transformationen eines Faches diskutierte, das in den Fokus der politischen Medienöffentlichkeit geraten ist, weil sich der Gegenstand des Faches – die islamische Welt, politisierte. Diese Politisierung ist seit etwa 1975 an verschiedenen Stationen und Ereignissen von der Iranischen Revolution 1979 bis zum 11. September 2001 klar auszumachen. Anhand von Interviews, die er mit Islamwissenschaftlern in Deutschland, der Schweiz und in den USA geführt hatte, konnte er zeigen, wie diese Politisierung auf das Fach selbst durchschlug, etwa vermittels der Erwartungen (aber auch Unterstellungen), die an einzelne Islamwissenschaftler herangetragen wird. Er schloss mit Überlegungen zu fachinternen Faktoren einer Resilienz gegenüber politischen Erwartungen, aber auch für einen analytischen Beitrag zu öffentlichen Debatten über den Islam.

Die Tagung schloss mit einem sehr instruktiven Beitrag von TOBIAS WERRON (Hamburg), der für die Wissenschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte Instanzen globaler, transnationaler Vergleiche auszumachen versucht, um deren wachsende Bedeutung herauszuarbeiten. Wie für andere Lebensbereiche auch wird Wissenschaft zunehmend anhand von Kriterien für „Erfolg“ und „Misserfolg“ bemessen, die nicht nur nicht national sind, sondern auch nicht mehr allein durch nationale Organisationen vorgegeben werden. Werron interessierte sich also für die Rückkopplungen einer zunehmend internationalen und globalen Öffentlichkeit auf die (national organisierten) wissenschaftlichen Systeme.[1]

Konferenzübersicht:

Introduction, “Science as a Profession, the Nation-State, and Globalization: New Approaches and Issues“, Andreas Franzmann, Axel Jansen, Peter Münte

Panel 1 - Science and the Nation-State: Historic Configurations
Chair: Axel Jansen (Tübingen/Cambridge)

“State - Nation - University. The “German University Model” as a National Political Legitimation Strategy in Germany, Austria, and Switzerland since the 19th Century”, Dieter Langewiesche (Tübingen)
"Transformations in the Relationship between Nation State and Science: The Theoretical Perspective of Functional Differentiation" (preliminary title), Rudolf Stichweh (Bonn)
"The Competition of Scientific Nations and the Myth of the Kulturnation“, Peter Münte (Bielefeld)

Panel 2 - The Case of the US
Chair: Michael Koch (Tübingen)

“Science in an Emerging Nation-State: Alexander Dallas Bache and American Science, 1810-1865”, Axel Jansen (Tübingen/Cambridge)
“Colonial Crossings: Social Science, Social Knowledge, and American Power, 1890-1970”, Jessica Wang (University of British Columbia, Vancouver)

Panel 3 - Europe and Emerging Nation-States since 1970
Chair: Peter Münte (Bielefeld)

“Humanities in the Nation State. Symbolising Academic Autonomy in Statist and Neoliberal Constellations”, Vincent Gengnagel und Julian Hamann (Bamberg)
“The Institutionalization of the European Research Area: The ‘Second phase’ of the EU Research Policy and its Consequences”, Arne Pilniok (Hamburg)
“The State-Technoscience Duo in India: A Brief History of a Politico-Epistemological Contract”, Shiju Sam Varughese (Central University of Gujarat, Gandhinagar)

Panel 4 - Disciplines in National Contexts
Chair: Axel Jansen

"Moral and Political Economies of Contemporary Bioscience", Kerry Holden (Montreal)
"Transformed by the Subject of Investigation: Islamic Studies after Decolonization”, Andreas Franzmann (Tübingen)

Panel 5 - Dynamics and Problems in a Globalized Science System

“Internationalisation of National Science, Technology and Innovation Policies: De- or Re-enactment of the Nation State?” Nina Witjes and Lisa Sigl (Vienna)
“Universalized Third Parties. On the Production of Global Competition by 'Scientized' Observers since the late 19th Century”, Tobias Werron (Bielefeld)

Concluding discussion

Anmerkung:
[1] Die Tagung soll in einen Aufsatzband mit dem Titel „Legitimizing Science: National and Global Public, 1800-2010“ münden, der im Campus Verlag erscheinen wird.

Zitation
Tagungsbericht: Science in the Nation-State: Historic and Current Configurations in Global Perspective, 1800-2010, 11.09.2014 – 13.09.2014 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 21.04.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5935>.