19. Bohemisten-Treffen

Ort
München
Veranstalter
Collegium Carolinum, München
Datum
06.03.2015
Von
Maren Hachmeister, Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, Ludwig-Maximilians-Universität München

Mit einer Rekordbeteiligung veranstaltete das Collegium Carolinum am 6. März 2015 das 19. Münchner Bohemisten-Treffen. Über 100 Aktive und Interessierte nutzten das jährliche Forum auch dieses Mal zum Austausch über ihre aktuelle böhmisch-mährische, tschechische, deutschböhmische/sudetendeutsche und slowakische Forschung. Eröffnet wurde die Veranstaltung von ROBERT LUFT (München) und dem Generalkonsul der Tschechischen Republik in München, MILAN ČOUPEK (München), deren einleitende Worte über gemeinsame mährische Archiverfahrungen gleich zu Beginn den kollegialen und konstruktiven Ton der Veranstaltung vorlebten. Dennoch nutzte Robert Luft die Begrüßung auch, um einige „negative Kurznachrichten“ zu überbringen. Zwar bleibe der Münchner Bibliotheksschwerpunkt zur böhmischen Geschichte in der Bayrischen Staatsbibliothek und dem Collegium Carolinum erhalten. Dennoch müsse sich die Fachwelt auch auf Verschlechterungen bibliothekarischer Sammelschwerpunkte in Deutschland vorbereiten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördere künftig nur noch projektgebundene Schwerpunkte und beispielsweise im Rahmen der e-only-policy vor allem den exklusiven Erwerb von digitalen Medien. Dies werde zu großen Veränderungen im Bereich der Schwerpunktbibliotheken führen.

Dass die interdisziplinäre Fachgemeinschaft, die sich beim 19. Bohemisten-Treffen versammelte, ungebrochen groß und erfreulich vielfältig ist, spiegelte sich auch in der Zusammenstellung der Panels wider. Der erste Teil der Veranstaltung handelte von „Inszenierungen und Alltagsleben im Sozialismus“. Moderiert von Christiane Brenner trugen in diesem Panel KRISTINA CHMELAR (Erlangen) und KLÁRA PINEROVÁ (Marburg an der Lahn/Prag) ihre Forschungsprojekte vor.

Der Vortrag von Kristina Chmelar zu ihrem politikwissenschaftlichen Dissertationsthema „Sozialismus ausstellen. Zur Inszenierung staatlich organisierter Erinnerung in Deutschland, Tschechien und der Slowakei“ zeigte – wie die Referentin selbst treffend formulierte –, wie „heiß“ die Erinnerung an den Sozialismus immer noch ist. Anlässlich zahlreicher Ausstellungen zu den 20. bzw. 25. Jubiläen wichtiger Gedenktage zum Jahr 1989 in Deutschland, Tschechien und der Slowakei (sogenannten Jahrestagsausstellungen) untersucht Chmelar Erinnerungspraktiken und Praktiken des Inszenierens von Ausstellungen. Den Vergleich der drei Länder habe sie wegen der interessanten gegensätzlichen Erfahrungen mit Sozialismus und dessen Aufarbeitung gewählt. Während Deutschland eine Ost-West-geteilte Sozialismuserfahrung mit einer gemeinsamen Aufarbeitung des Sozialismus erlebte, durchliefen Tschechien und die Slowakei eine gemeinsame Sozialismuserfahrung mit anschließend geteilter Aufarbeitung. In der Diskussion ging es vorrangig um den theoretischen Unterbau des Projekts, den Chmelar bei Foucault anlegt. Darüber hinaus wurde lebhaft über die Rolle von Deutungskämpfen sowie die Bedeutung des kulturellen Vergessens für die Erinnerung diskutiert.

Das Projekt von Klára Pinerová mit dem Titel „Das Leben im Gefängnis. Soziologische Analyse der Gefängnissubkulturen in der Tschechoslowakei in den 1950er-Jahren“ untersucht das Alltagsleben in Gefängnissen. Mit dem Fokus auf dem besonderen Untersuchungszeitraum der 1950er-Jahre berücksichtigt Pinerová die Dynamik von Gefängnissubkulturen sowie die Entstehung gemeinsamer Identitäten im Gefängnis und wagt sich an Genderfragen (zum Beispiel weibliche Identität, Homosexualität und anderes) heran. Als Forschungsprobleme ihrer Arbeit nannte sie die Konstruktion selbst definierter Lebensgeschichten, die notwendige Anonymisierung von Personen und den allgemeinen Mangel an Quellen. Kritisiert wurde vom Plenum im Anschluss die theoretische Grundlage des Projekts, die Pinerová vor allem bei amerikanischen Soziologen sucht. Bedauert wurde, dass die Quellenlage keine fundierte Analyse der Gefangenen-Argots in diesem Projekt zulässt.

Der zweite Teil der Veranstaltung, moderiert von Volker Zimmermann, bot Raum für „Kurzinformationen von Einrichtungen“. Zuerst präsentierte ALFONS ADAM (Prag) ein Kooperationsprojekt des Instituts Terezínské iniciativy mit der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Geplant ist eine Wanderausstellung zum Thema „Vergessene Orte der NS-Zwangsarbeit in der Tschechischen Republik“. Laut Alfons Adam wurde NS-Zwangsarbeit bisher selten als ein Teil der Regional- oder Lokalgeschichte behandelt. In den letzten 25 Jahren verschwanden unbemerkt viele Orte, an denen NS-Zwangsarbeit stattfand (zum Beispiel Fabrikanlagen). Die Definition von NS-Zwangsarbeit auf dem Land sei sogar so schwer, dass vielmehr danach gefragt werden müsse, wo keine NS-Zwangsarbeit stattgefunden habe. Momentan befindet sich die geplante Wanderausstellung noch in der Phase der Recherche. Insbesondere für Hinweise zu privatem Bildmaterial wären die Organisatoren deshalb dankbar.

Wie schon im Vorjahr informierten an dieser Stelle des Programms CAROLINE FRICKE (München/Regensburg) über die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien sowie ARPINE MANIERO (München) über die aktuellen Pläne im Rahmen des Projekts OstDok (Osteuropa-Dokumente online).

Die Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien wurde 2012 im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Regensburg eingerichtet. Im November 2014 wurde inzwischen der dritte Jahrgang aufgenommen. Fricke betonte, dass sich aus den aktuellen Studiengruppen der Graduiertenschule zahlreiche Promovierende mit einem Exposé beim diesjährigen Bohemisten-Treffen präsentierten. Die Studiengruppen arbeiten zu folgenden Themenkomplexen: „Kultur, Sinn, Orientierung“, „Literatur“, „Migration, Transfers, Kulturkontakt“, „Performativität“, „Social Sorting“, „Wissen, Raum, Umwelt“, „Vielfalt ordnen“ (Emmy Noether-Nachwuchsgruppe) und „Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Internationales Graduiertenkolleg). Abschließend wies Caroline Fricke auf die gemeinsame Sommerschule mit dem Elitestudiengang Osteuropastudien hin, die nach Kirgistan führen wird. Außerdem kündigte sie die Jahrestagung der Graduiertenschule zum Thema „Cultural Hegemonies in Spaces of Diversity“ an, die vom 7. bis 9. Mai 2015 in Regensburg stattfinden wird.

Arpine Maniero stellte das Themenportal „Jan Hus gestorben 6. Juli 1415 – 600 Jahre Konstanzer Konzil“ vor, das voraussichtlich Anfang Juli freigeschaltet wird. Das Themenportal entsteht im Rahmen des OstDok-Projekts und behandelt anlässlich des 600. Gedenktags des Todes von Jan Hus dessen Leben und Lehre, das Konstanzer Konzil sowie die auf seine Hinrichtung folgende Reformbewegung im Königreich Böhmen. Das Portal ist für Studierende und für die Fachgemeinschaft, aber auch für eine breitere Öffentlichkeit gedacht.[1]

Ohne Diskussion folgte die Kurzvorstellung von über 40 eingereichten Exposés zu aktuellen Forschungsvorhaben, bevorstehenden Konferenzen und Ausstellungen. Auf einem langen Tisch ausgelegt, veranschaulichten die diesjährigen Exposés die Vielseitigkeit der Forschungsvorhaben ebenso wie die Ausmaße, die dieses wissenschaftliche „Buffet“ inzwischen angenommen hat.

Nach der Mittagspause ging es im dritten Teil der Veranstaltung um „Regionale und nationale Kontexte kultureller Entwicklungen“. Ulrike Lunow moderierte die Vorträge von ZUZANA GÜLLENDI-CIMPRICHOVÁ (Bamberg) und MANFRED WEINBERG (Prag/Konstanz). In ihrem Habilitationsvorhaben mit dem Titel „Die deutschsprachigen jüdischen Architekten in Böhmen und in der Tschechoslowakei zwischen 1900 und 1939“ beschäftigt sich Güllendi-Cimprichová mit dem ihres Erachtens produktivsten Zeitraum dieser Architektengruppe. Gegenstand ihrer Untersuchung sind Biographien und Werke der Architekten im Vergleich mit ihren deutsch-nichtjüdischen, tschechischen-jüdischen bzw. tschechischen Kollegen, die Beziehungen der einzelnen Vertreter untereinander sowie die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bautraditionen. Grundsätzlich geht es dabei um die Klärung der Frage, welchen Anteil die deutschsprachigen jüdischen Architekten an der Entwicklung der Architektur in der Tschechoslowakei bis 1939 hatten. In der anschließenden Diskussion wurde die Definition von „deutschsprachig jüdisch“ angefochten, die Güllendi-Cimprichová an den Ausbildungsstätten, der Sprache der Baupläne und der Auftraggeber festmacht. Außerdem entbrannte das Interesse des Plenums am Begriff des „organischen Funktionalismus“.

Manfred Weinberg berichtete von den Herausforderungen, denen sich derzeit die Herausgeber eines Handbuchs mit dem vorläufigen Titel „Prager deutsche Literatur im regionalen Kontext“ zu stellen haben. Das Alleinstellungsmerkmal dieses Handbuchs soll die Region, nicht wie üblich die Ausrichtung auf einzelne Autoren oder Gattungen sein. Probleme entstanden insbesondere bei der Betitelung des Handbuchs, da die Konnotation von „Böhmen und Mähren“, den „böhmischen Ländern“ und der „Prager deutschen Literatur“ mit dem Verlag bisher nicht abschließend geklärt werden konnte. Weinberg erläuterte, dass wichtige Bezugsgrößen wie z.B. der „Prager Kreis“ von Max Brod nicht ignoriert werden könnten. Dennoch werde mit diesem Handbuch auch die Ablösung von alten Kategorien, die oft noch auf den nationalsozialistischen Listen verbotener und empfohlener Literatur basieren, angestrebt. Die Beiträge in der Diskussion bezogen sich hauptsächlich auf die Klärung und Abgrenzung der verwendeten Begriffe.

Im letzten Panel wurden zum Thema „Nation, Migrationen, Weltbilder“ zwei Projekte vorgestellt, die im Rahmen der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien bearbeitet werden. Der erste Vortrag von MICHAEL W. DEAN (München/Berkeley), aktuell Gastwissenschaftler der Graduiertenschule, hinterfragte die Tschechoslowakei als „Eine kleine Nation im imperialen Zeitalter“. Der zweite Vortrag von DARINA MAJERNÍKOVA (München) behandelte den Teilaspekt Russlandbilder aus ihrem Dissertationsprojekt „Amerika- und Russlandbilder in der Tschechoslowakei 1948-1992“. Johannes Gleixner moderierte dieses letzte Panel.

Michael W. Dean stellte zunächst das Konzept der „kleinen Nation“ vor. Seines Erachtens ist der Vergleich kleiner Nationen – zum Beispiel Norwegen, Irland, Tschechien – im imperialen Zeitalter durchaus lohnenswert. Insbesondere interessieren ihn mögliche Parallelen zwischen kleinen Nationen und die Frage, ob der tschechische Fall in diesem Vergleich einzigartig ist. Seine Forschung dreht sich in diesem Zusammenhang auch um das Phänomen der Auswanderung. In der anschließenden Diskussion fielen nicht ganz ernst gemeinte Wortspiele über Tschechien als „kleines Imperium“ oder Russland als „kleine Nation“. Michael W. Dean gab zu, dass die begrifflichen Grenzen verschwimmen, stellte jedoch auch klar, dass nicht jede Nation ein Imperium sein konnte.

Darina Majerníkovas Dissertationsprojekt beruht auf der Annahme, dass Fremdbilder diskursive Konstrukte sind, die konkrete Funktionen übernehmen (zum Beispiel Vorbild, Warnung, Legitimierung, Kritik, Zusammenhalt usw.). Hinsichtlich der Amerika- und Russlandbilder in der Tschechoslowakei untersucht sie die Konstruktion und Verbreitung, die Funktionen und die Akteure sowie den Wandel dieser Bilder. In der Diskussion des Vortrags wurden vor allem die Quellen des Projekts besprochen. Zwischen offiziellen und inoffiziellen Fremdbildern – so ein Einwand aus dem Plenum – müsse unterschieden werden. Unpublizierte Leserbriefe an die verwendeten Zeitungen und Zeitschriften könnten ein Gradmesser für die Reaktion der Bevölkerung auf die Medien sein, soweit sie noch aufzufinden sind. Anhand verschiedener Beispiele verteidigte Darina Majerníkova die Aussagekraft ihrer Quellen.

Das Münchner Bohemisten-Treffen wird sich zwar im nächsten Jahr wohl einen neuen Veranstaltungsort suchen müssen. Doch als Raum für Information, Ideen und Austausch in der aktuellen Forschung ist es auch ein Jahr vor dem großen Jubiläum kaum mehr wegzudenken. Abgesehen von der Themenvielfalt, der ausgeprägten Interdisziplinarität und der konstruktiven Atmosphäre für Nachwuchswissenschaftler/innen ist auch der hohe Unterhaltungswert dieser Veranstaltung ein Grund für ihre große Beliebtheit. Beim 19. Bohemisten-Treffen wurden dem Publikum dieses Jahr wieder zahlreiche Spezialthemen an nur einem einzigen Tag geboten.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Robert Luft (München)

Grußwort: Milan Čoupek (Generalkonsul der Tschechischen Republik in München)

Teil 1: Inszenierungen und Alltagsleben im Sozialismus
Moderation: Christiane Brenner (München)

Kristina Chmelar (Erlangen), Sozialismus ausstellen. Zur Inszenierung staatlich organisierter Erinnerung in Deutschland, Tschechien und der Slowakei

Klára Pinerová (Marburg an der Lahn/Prag), Das Leben im Gefängnis. Soziologische Analyse der Gefängnissubkulturen in der Tschechoslowakei in den 1950er-Jahren

Teil 2a: Kurzinformationen von Einrichtungen
Moderation: Volker Zimmermann (München)

Alfons Adam (Prag), Vergessene Orte der NS-Zwangsarbeit in der Tschechischen Republik. Wanderausstellung vom Institut Terezínské iniciativy und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Caroline Fricke (München/Regensburg), Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien LMU München und Universität Regensburg

Arpine Maniero (München), Das Themenportal „Jan Hus gest. 6. Juli 1415 – 600 Jahre Konstanzer Konzil“ im Rahmen von OstDok (Osteuropa-Dokumente online)

Teil 2b: Kurzvorstellungen der Exposés (ohne Diskussion)
Moderation: Robert Luft (München)
Vorstellungen der einzelnen vorliegenden Exposés durch die anwesenden Forschenden – sowie weitere Kurzmitteilungen[2]

Teil 3: Regionale und nationale Kontexte kultureller Entwicklungen
Moderation: Ulrike Lunow (München)

Zuzana Güllendi-Cimprichová (Bamberg), Die deutschsprachigen jüdischen Architekten in Böhmen und in der Tschechoslowakei zwischen 1900 und 1939

Manfred Weinberg (Prag/Konstanz), Das Handbuch „Prager deutsche Literatur im regionalen Kontext“

Teil 4: Nation, Migrationen, Weltbilder
Moderation: Johannes Gleixner (München)

Michael W. Dean (München/Berkeley), Eine kleine Nation im imperialen Zeitalter / A Small Nation in the Age of Empire

Darina Majerníkova (München), Amerika- und Russlandbilder in der Tschechoslowakei von 1948 bis 1992

Anmerkungen:
[1] Über die Plattform ViFaOst wird das Portal unter folgendem Link abrufbar sein: <https://www.vifaost.de/themenportale/>.
[2] Alle Exposés sind im Internet zu finden unter:
<http://www.collegium-carolinum.de/veranstaltungen/bohemisten-treffen/exposes-bohemisten-treffen.html> (21.04.2015).

Zitation
Tagungsbericht: 19. Bohemisten-Treffen, 06.03.2015 München, in: H-Soz-Kult, 30.04.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5947>.