Herrschaft durch Esoterik in der intellektuellen Kultur der Weimarer Republik

Ort
Köln
Veranstalter
Emanuele Caminada/Sidonie Kellerer/Stefan Niklas, Internationales Kolleg Morphomata, Universität zu Köln
Datum
19.02.2015 - 20.02.2014
Von
Leonore Bazinek, Équipe de Recherche Interdisciplinaire sur les Aires Culturelles, Universität zu Rouen

Obwohl der Spiritismusboom des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts allgemein bekannt ist, wurde die Frage, ob etwa esoterische Lehren zur Strukturierung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik beigetragen hätten, nie systematisch untersucht. Ausgehend von der Vermutung, dass der Einfluss von Friedrich Nietzsche (1844-1900) eine maßgebende Rolle in der Entwicklung dieser Welle spielte, sowie den signifikanten Fällen des Kreises um Stefan George (1868-1933) und dem Wirken Martin Heideggers (1889-1976), wollte diese Tagung das Problemfeld als solches sichtbarmachen.

So griff denn auch sofort nach dem Eröffnungsvortrag von ANTHONY STEINBOCK (Carbondale, II), der eine Einführung in die Phänomenologie spiritueller Aktivität darbot, CHRISTIAN BENNE (Kopenhagen) den Fehdehandschuh auf. Er setzte sich zunächst von dem großen Nietzsche-Gedicht Stefan Georges ab. Die Bedeutung dieser Demarkierung wurde im Verlaufe des Vortrags klar: Benne konzentrierte sich auf die methodischen Mängel einer Nietzsche-Lektüre, die diesen stillschweigend zum Sündenbock des Nationalsozialismus macht. Er entfaltete drei Punkte, die seines Erachtens zu berücksichtigen sind, wenn man Nietzsches Texte verstehen möchte. Diese drei Punkte erweisen sich bei genauerer Überlegung als generell von Belang, wenn man um eine Bestimmung des Esoterischen bemüht ist. Als erstes nannte er die editorische und philologische Dimension. Diese geht von der Gestaltung des Buches bis zu eindeutigem Aufgreifen von literarischen Schemata. Benne sieht Nietzsche in der Filiation der romantischen Symphilosophie, die sich an Freunde wendet, mit inedita spielt, an das Publikum appelliert, ohne jedoch dadurch, so konnte man dann folgern, eine esoterische Tradition zu begründen. Dass George, um bei jenem Beispiel zu bleiben, sich selbst begründete, braucht hier nicht gezeigt zu werden. Wenngleich also Nietzsche sich nicht offen durch Hinweise, Zitate und dergleichen in jene Tradition einschreibt, brächte eine aufmerksame Lektüre diesen Zusammenhang an den Tag, ohne den zahlreichen Hinweisen des Autoren darauf, wie er verstanden werden will, wer er ist und wer er nicht ist, Gewalt anzutun. Bevor man also Nietzsche zu dem Esoteriker macht, der diese zerstörerische Lehre entwickelt hatte, die dann seine völkischen Nachfahren ausbuchstabierten, so kann man Bennes Argument verschärfen, sollte man seine literarischen Tricks durchschaut haben, die sich philologisch aufarbeiten lassen – und sollte, so sein zweiter Punkt, sich über die Komplexität seiner Autorenhaltung Rechenschaft abgegeben haben. Die einzelnen Texte antworten und kritisieren einander.

Dem ist mit einer einzigen, leider einschneidenden, Reserve zuzustimmen. Und jene Reserve ist ganz einfach die, dass trotz Bennes richtiger Analyse – methodische Insuffizienz bei der Untersuchung der Nietzsche-Texte von Seiten der Rezeption, enge Anbindung Nietzsches an die frühe Romantik, zahlreiche Hinweise, wie er gelesen und verstanden werden will und bewusst komplexe Konstruktion seiner Texte auf Seiten Nietzsches – lediglich ein großer Schritt in der Nietzsche-Forschung getan wurde. Die extrem rätselhaften, gar gewaltvollen Passagen aber bleiben davon in ihrer Fraglichkeit bis auf Weiteres unangetastet. Nietzsche stilisierte sich selbst zu einem mit esoterischen Zügen ausgestatteten Verkünder. Was war seine Botschaft? Diskutiert wurde ebenfalls, inwieweit er Macht auf Andere ausüben wollte.

Doch nun zu Bennes letztem Punkt, dem Thema des Klanges und des Rhythmus. Vermittels dieser Problematik könnte es gelingen, die Nietzscheforschung sowohl von den Nietzscheanern als auch den Nietzscheisten, sozusagen, zu befreien und nietzscheologisch vorgehen zu lernen. Tatsächlich vertritt Benne, dass Nietzsche einer der bedeutendsten Theoretiker der Metrik und des Rhythmus ist. Ton, Takt, Klang und Rhythmus im lyrischen Werk zu untersuchen, so Benne, diene dazu, dann auch die Funktion des Lyrischen im Prosawerk und damit auch das Leben dieser Texte zu erfassen. Damit war er bei seinem zentralen Begriff angekommen: dem lyrischen Ich. Benne zeigte an Beispielen, wie Nietzsche seine Texte ausfeilte und kam zu dem Ergebnis, dass diese Schreibweise einer Ethik des Perfektionismus gehorcht.

Ausgehend nun vom Begriff des lyrischen Ich kann man tatsächlich eine systematische Untersuchung des Esoterik-Begriffs angehen. Zu unterscheiden wären hier zunächst Lyrik, als Ausdruck subjektiver Stimmungen in allerdings kunstvoller, vorgegebener Form, und Fiktion, der bloßen Dichtung und damit Ausdruck des Ich im Bereich literarischer Kreativität, und dann eben Esoterik, die sich sowohl der Lyrik als auch der Fiktion bedienen kann, aber ergänzt wird durch den Willen unterschwelliger Einflussnahme auf den Leser. Kann man ästhetische Erfindungen vom Bemühen um Verschleierung konkreter Botschaften trennen? Um das Begriffsfeld Esoterik zu präzisieren, seien hier die im Verlaufe dieser 1,5 Tage inmmer wieder angeschnittenen Termini aufgelistet: Mythologie – Mythos; Archaismen; Tote – Lebende; Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft; Metapher; Totalität; nicht zu vergessen ist auch die Magie; Verwandlung – Schlüsselerlebnis – Umgestaltung; andere Realität – höhere Wirklichkeit – Welt; wir – Gemeinschaft – Krieg; Traum – Rausch – Tod; Bejahen; Kunde; höhere Einheit. Der tragende Begriff allerdings war auf dieser Tagung der Terminus des Reiches, der eine eingehendere Studie erfordert als sie hier geleistet werden kann. Wurde also diese inhaltliche Seite auf der Tagung anhaltend diskutiert, so blieb der Bezug zu Weimar eher unausgesprochen, integriert in die Biographien der vorgestellten Persönlichkeiten. Ähnlich war es mit der Frage der Herrschaft durch Esoterik, aber hier zeichnete sich ein recht triviales Ergebnis ab: Esoterik ist auf Machtausübung in einer jeweilig zu bestimmenden und von anderen Formen der Machtausübung abzugrenzenden Weise angewiesen.

Die Beiträge von ROBERT NORTON (Notre Dame) und MARTIN RUEHL (Cambridge) stellten mit Ernst Bertram (1884-1957), der sich aus den Fängen Georges lösen wollte, und Ernst Kantorowicz (1895-1963), dessen Anhängerschaft an Georges Paradigma ihm auf nahezu groteske Weise den Blick für die Realität des Nationalsozialismus verstellte, zwei Fälle vor, in deren Leben jene Notionen bestimmend geworden sind. Beide waren der „Machtergreifung“ Georges bis in die kleinste Faser ihres Lebens ausgesetzt gewesen.

Das packende Referat von JANNIS WAGNER (Frankfurt an der Oder) zu Ernst Jünger (1895-1998) kann man ruhig als beispielhaft für die Artikulation der angesprochenen Fragen bezeichnen. Wagner zeigte am Beispiel der Figur des einsamen Postens in den zwei Fassungen von „Das abenteuerliche Herz“ (1929/1938), wie Jünger konkrete Kriegserlebnisse metaphysisch überhöht. Im Verlaufe dieses Prozesses tilgte er zudem auch die Spuren der nationalen Dimension. Wagner bettete dieses Vorgehen inhaltlich und methodisch in den Kontext der zeitgenössischen Veröffentlichungen ein und verwies auf Verbindungen zu Autoren wie Oswald Spengler (1880-1936); bestand aber auch auf den Einfluss Nietzsches. Seinen Ausführungen konnte man entnehmen, dass Jünger bei seiner Nietzsche-Lektüre nach einer der von Benne inkriminierten Weisen vorging: dem Herauspicken markiger Worte ohne das geringste Bemühen, die Texte verständig und systematisch zu lesen geschweige denn zu bearbeiten.

Wagner ging außerdem den Spuren des Jüngerschen Projektes bis zum aktuellen T-Shirt-Design nach. Jüngers faszinierende Kraft lag, so der Redner, daran, dass er es vermochte, alles in einen größeren Sinnzusammenhang einzubetten, der als eine riesige Abhärtungsmaschine erscheint. Sinn reduziert auf Funktionalität, in einem auf Vernichtung hin angelegten Ganzen, in dessen Rahmen der heroische Kampf abläuft, der letztlich eine Auswahl der Härtesten ist, zum Aufbau einer neuen Rasse.

Der Beitrag von MATHIAS HOFTER (München) zu Ernst Buschor (1886-1961) beleuchtete die hier angeschnittenen Fragen von einer anderen Seite. Er war symptomatisch für die Schwierigkeiten, mit denen man konfrontiert ist, wenn man Lebensläufe untersucht, die vom nationalsozialistischen Reich durchkreuzt wurden. Darauf ist an anderer Stelle im Einzelnen einzugehen. Wenn man sagt, dass Buschor die nationalsozialistische Weltanschauung voll erfasst hat und seine Texte gemäß ihrer Anforderungen erstellt hat, so impliziert dies nicht zwingend, dass er dann auch mit der nationalsozialistischen Politik in allen Einzelheiten einverstanden gewesen sein musste. Es geht zunächst nicht um eine moralische Beurteilung der Person, sondern um die Analyse seiner Schriften. In einem weiteren Schritt kann man dann fragen, wie sich das Gleiten vom Expressionismus zum Nationalsozialismus begründen lässt.

Doch nun zum Vortrag. Hofter vermittelte, entgegen seiner Intention, alle zentralen Informationen, die man braucht, um sehen zu können, dass Buschor dieselbe Weltanschauung, die wir bei Heidegger und Baeumler wiederfinden, und die den Nationalsozialismus trägt, vertritt.[1] So steht beispielsweise seine wissenschaftliche Arbeit unter der Leitidee der Bestimmung des deutschen Wesens, seiner Genese, seiner Konstitution, seiner Aufgabe. Das Ziel ist eine Überwindung der Geschichte durch das Deutsche. Auch greift er bei seiner Suche nach einem gesunden Menschentum auf die griechische Antike als Beispiel zurück. Doch die unmittelbarste und am einfachsten verständliche Beziehung zwischen Buschor und dem Nationalsozialismus ist die Todeskonzeption, eine spezifische Verwebung von Lebenden und Toten. An diesem Punkt schloss er sich denn auch, wie Hofter darlegte, aus der Wissenschaft aus, denn hier musste er (gewaltsam!) Interpretationen griechischer Abbildungen vornehmen, die seine Fachkollegen nicht akzeptieren konnten. EMMANUEL FAYE (Rouen) kam im Rahmen seiner Diskussion des spezifischen Vorgehens von Martin Heidegger ausführlicher auf diese gewaltsame Interpretationsweise zu sprechen. Faye verwies eindringlich auf die Risiken, die dessen Methoden für die Philosophie darstellen. Offen angekündigt in „Sein und Zeit“ (1927), ist deren Basis einfach Zerstörung. Doch das großangelegte Projekt von „Sein und Zeit“ wird letztlich nicht in der angekündigten Weise ausgeführt. Faye zeigte, wie Heidegger damit geschickt eine Selbstmythifizierung in Gang setzte, die er über Jahrzehnte hinweg ausnützen wird.

Faye ging abschließend auf das Kantbuch von 1929 ein. Durch eine mit Kant gegen Kant gerichtete Lektüre entmachtete Heidegger die neukantianische Schule, um dann in den gereinigten Raum mit einer Lehre vorstoßen zu können, die dem Denken letztlich eine radikale Absage erteilt, eine Offensive, so kann hinzugefügt werden, deren siegreicher Ausgang noch heute, allen Anschein nach durch die Auseinandersetzung zwischen Cassirer und Heidegger in Davos im selben Jahr bestätigt, als definitiv gilt.

Doch trotz Heideggers esoterischer Selbststilisierung erörterte Faye einige Elemente seines Sprachgebrauches, die eher darauf verweisen, dass er seine Leser, seine Schüler, in eine radikale Denkunfähigkeit zu führen versuchte. Dazu bediente er sich von Zeit zu Zeit, wenn es ihm geboten erschien (Entmachtung des Neukantianismus) oder wenn die Umstände es aufzwangen (Abwarten, bis er den Lehrstuhl von Edmund Husserl (1859-1938) eingenommen hatte) esoterischer Mittel.

Diesen Ausführungen kann man entnehmen, dass nicht alles, was unterschwellig auf Überwältigung des Anderen zielt, bereits Esoterik ist. Faye grenzte hiermit das wissenschaftstheoretische Feld für eine Bestimmung der Esoterik ab. Er stellte die Zugehörigkeit jener Versuche zielgerichteter Herrschaftswillen, die sich im Durchsetzen auch quasi esoterischer Mittel bedienen, zur Esoterik in Frage. Esoterik ziele, so der Redner, auf die Führung der Seele durch Symbole, was eine gewisse Tiefe der Gedanken, nicht etwa deren radikale Verabschiedung, erfordere.[2]

RICHARD FABER (Berlin) schlug mit seinen Ausführungen zum Stefan-George-Kreis in die gleiche Kerbe: esoterische Stilisierung darf einem nicht von kritischer Analyse, wie es bahnbrechend Robert Minder (1902-1980) und Oskar Maria Graf (1894-1967), jeder auf seine Weise, geleistet haben, abhalten.

Mit Edgar Wind (1900-1971), den SASCHA FREYBERG (Berlin) zum Abschluss der Tagung vorstellte, wurde der ironischen Kritik, vor allem an Heidegger, das Recht eingeräumt und somit die Atmosphäre wieder aufgelockert. Dass diese Kritik in gewisser Weise auch nur „Eingeweihten“ verständlich ist, ist ein anderes Problem. Aber eine „Initiation“, um sie verstehen zu können, ist lohnenswert.

Rückblickend lässt sich festhalten, dass es auf der Tagung gelungen ist, das Phänomen der Esoterik in der intellektuellen Kultur abzustecken und zu problematisieren. Der Zusammenhang mit der Weimarer Republik wurde jedoch, wie bereits erwähnt, noch nicht in der gleichen Weise deutlich. Eine Weiterführung des Projektes hat selbstverständlich das hier Erreichte zu prüfen und zu konsolidieren, und dies sowohl durch nähere Untersuchungen der bereits präsentierten Persönlichkeiten als auch durch Aufnahme von hier nicht behandelten, wie etwa Baeumler. Um nun aber den Zusammenhang zwischen Esoterik und Herrschaft in der Weimarer Republik herausarbeiten zu können, denn das ist ja die Aufgabe, die gestellt ist, wäre es wünschenswert, politologischen Arbeiten einerseits, sowie der Tagebuchliteratur andererseits, einen Platz einzuräumen.

Konferenzübersicht:

Andreas Speer/Dietrich Boschung (Köln), Begrüßung

Emanuele Caminada/Sidonie Kellerer/Stefan Niklas (Köln), Einleitung

Anthony Steinbock (Carbondale, Il), Mysticism, Evocation, and the Phenomenology of Evidence

Respondenz: Martin Zillinger (Köln)

Christian Benne (Kopenhagen), “Wer liest denn, was ich schreibe?” Ist Nietzsche ein Esoteriker?

Respondenz: Bruno Quellenec (Berlin)

Jannis Wagner (Frankfurt an der Oder), Die einsamen Wächter. Sinngebung und Elitismus bei Ernst Jünger

Respondenz: Matthias Schloßberger (Potsdam)

Abendvortrag
Robert Norton (Notre Dame), “Wer je die flamme umschritt, Bleibe der flamme trabant!” Einbindung und Bannstrahl als Herrschaftsmittel im George-Kreis.

Martin Ruehl (Cambridge), Ernst Kantorowicz und die Idee eines “geheimen Deutschlands”

Respondenz: Jürgen Egyptien (Aachen)

Emmanuel Faye (Rouen), Die “Freunde des Wesentlichen” und die Frage des Menschen. Zu Heideggers Schreibstrategien.

Respondenz: Gaëtan Pégny (Berlin)

Richard Faber (Berlin), Deutsch-provinzielle Gestik. Über Georges und anderer esoterisch stilisierte Exoterik

Respondenz: Helmuth Zander (Fribourg)

Mathias Hofter (München), Die Archäologie Ernst Buschors zwischen Moderne und neuer Mythologie

Respondenz: Dietrich Boschung (Köln)

Sascha Freyberg (Berlin), “Zu nebelhaft, um auch nur falsch zu sein”: Mysterien und Radikalaufklärung bei Edgar Wind

Respondenz: Tullio Viola (Berlin)

Anmerkungen:
[1] Dies ist die präzise Formulierung. Denn es gibt, streng genommen, keine nationalsozialistische Weltanschauung, sondern eine Weltanschauung, die den Nationalsozialismus trägt.
[2] Mit der Feuerrede Alfred Baeumlers (1887-1968) vom 10. Mai 1933 zu vergleichen, vgl. „Antrittsvorlesung in Berlin“, in: Männerbund und Wissenschaft, Berlin 1937 (1. Aufl. 1934), 123-138. – Überhaupt war Baeumler der Große Abwesende dieser Tagung, obwohl er maßgeblich an der Inszenierung des (pseudo)esoterischen NS-Szenarios bereits in der Weimarer Republik beteiligt gewesen ist. Oder wird das als bekannt vorausgesetzt?

Zitation
Tagungsbericht: Herrschaft durch Esoterik in der intellektuellen Kultur der Weimarer Republik, 19.02.2015 – 20.02.2014 Köln, in: H-Soz-Kult, 21.05.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5969>.