Kriegserfahrungen erzählen

Ort
Wien
Veranstalter
Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK), Wien; Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Datum
12.03.2015 - 13.03.2015
Von
Davina Brückner / Christine Waldschmidt, Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Am 12. und 13. März 2015 fand am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien in Kooperation mit dem Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Tagung „Kriegserfahrungen erzählen“ statt. Ausgangspunkt für die Überlegungen war Walter Benjamins Diktum vom nicht mehr erzählbaren Kriegserlebnis (so Benjamin in „Erfahrung und Armut“, 1933, und später in „Der Erzähler“, 1937). Dieses Diktum diente nicht nur als Einordnung der Kriegserfahrung in eine umfassende Krisendiagnose, sondern auch als Anstoß für die Frage nach der (Un)Möglichkeit, persönliche Kriegs- und Gewalterfahrungen mitzuteilen bzw. objektivierbar zu machen.

Vom Krieg erzählen ist weniger der Zugang zur Kriegserfahrung als derjenige zu ihrer Deutung, zu den Anstrengungen ihrer Objektivierung und Archivierung und damit den kulturellen Paradigmen, welche die Erfahrung und ihre erzählerische Gestaltung prägen. Dazu gehören nicht zuletzt die Ausweise und Vermittlungsformen der Authentizität der erzählten Kriegserfahrung. Die Tagung hatte eine kulturwissenschaftliche Perspektive, die bereits durch die Zusammenstellung der Vorträge hergestellt wurde: Jeweils zwei Vorträge waren exemplarisch einem Kriegskontext (dem Hundertjährigen Krieg, dem Dreißigjährigen Krieg und dem Zweiten Weltkrieg) gewidmet, wobei sich stets der Beitrag eines Historikers und eines Literaturwissenschaftlers ergänzten.

HELMUT LETHEN (Wien) griff in seinem Grußwort Benjamins Befund vom Ende des Erzählens und der Stummheit der Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg auf. Er betonte, dass Benjamin das Erzählen ganz explizit im Kontext (einer existentiell ergreifenden) Erfahrung und eines Gedächtnisdiskurses verstehe, während er im Gegensatz dazu die Flut der Publikationen über den Krieg der Kategorie ‚Nachricht‘ oder ‚Information‘ zuordne.

JÖRG ROGGE (Mainz) schloss seine Einleitung an Benjamins Zuschreibung der Unmöglichkeit, die unmittelbare Kriegserfahrung zu erzählen, an. Er hob als ein zentrales Forschungsproblem hervor, dass die Erfahrung in den Erzählungen nicht unmittelbar aufgehe. Es gehe darum, dieses Erzählen, das immer schon gestaltete bzw. gedeutete Erfahrung präsentiert, einerseits auf die Textstrategien der Kommunikation und der Herstellung einer Unmittelbarkeit des Erlebten hin zu untersuchen. Dazu müssten andererseits die methodischen Zugänge ausprobiert werden, die es ermöglichen, diese Textstrategien zu identifizieren. Auf diese Weise kann man die Leistung des Erzählens für die Objektivierung des subjektiv Erfahrenen einschätzen. Damit wird die narrative Verfasstheit der Mitteilung zum Gegenstand sowohl für die literatur- als auch die geschichtswissenschaftliche Analyse. Narrative bzw. Erzählmuster werden dabei als der Ort entdeckt, an dem sich die kulturelle Prägung jeder deutenden Aneignung der Kriegswirklichkeit (in Auswahl- und Bearbeitungsprozessen) manifestiert. Die Tagung unternehme den Versuch zu klären, inwiefern und auf welche Weise im Erzählen und in seinen Mustern die Vermittlung der Erfahrung zu Tage tritt und ob epochenübergreifende Erzählparadigmen für den Ausdruck der Erfahrung von Krieg und Gewalt erkennbar werden.

MARTIN CLAUSS (Chemnitz) untersuchte die Erzählmuster der Darstellung des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) anhand der Chronik des Hennegauers Jean Froissart. Vom Begriff der Erfahrung (‚expérience‘) ausgehend, stellte er fest, dass Erfahrenheit und Kriegserfahrenheit im Speziellen in der Chronik durchweg als positive Eigenschaft dargestellt wird. Grundlegend sei dafür, dass sich der Adel als soziale und militärische Führungsschicht maßgeblich über kriegerische Handlungen definiere. Damit wird Kriegserfahrung zu etwas, so Clauss, dass der Ritter sammelt und nicht etwa erleidet. Analog dazu schreibt Froissart im Prolog zu Buch III, dass die Chronik guten Männern, die sich durch Waffentaten auszeichnen wollen, als Beispiel dienen solle. Zu diesem Zweck sammelte Froissart Augenzeugenberichte von Kriegsteilnehmern beider Seiten, wie etwa den des erfolgreichen und erfahrenen Söldnerführers Bascot de Mauléon. Dieser schilderte Froissart seine Erlebnisse – die überraschenderweise nicht als Gewalthandlung erzählt werden, sondern den ökonomischen Aspekt des Krieges ins Zentrum der narrativen Gestaltung stellen. Buchhalterisch werden Gewinne, etwa durch eingenommene Löse- oder Schutzgelder, und Verluste gegeneinander aufgerechnet. Nur selten berichtet er von Gewalt, etwa, wenn die Söldner in einen Hinterhalt geraten. Wenn von Gewalt erzählt wird, dann nur schemenhaft und emotionslos – sie wird als strategisches und taktisches Mittel dargestellt, das zumindest auf narrativer Ebene der Heroisierung der Aktanten dient. Kriegserfahrung wird dementsprechend nicht kritisch, sondern glorifizierend dargestellt. Die Darstellung der erlebten Gewalt lasse nicht auf eine Traumatisierung der Kriegsteilnehmer schließen, sondern diene im Gegenteil der Heroisierung der Kämpfer, welche den Krieg nicht als Ausnahmezustand, sondern als Raum der ritterlichen Entfaltung und ökonomisches Unternehmen betrachten.

MATTHIAS DÄUMER (Mainz) legte dar, wie die Verbindung von Kriegserfahrungen mit dem Gestus des Zeugnisablegens es erlaubt, den Wahrheitsanspruch historiographischen Erzählens zu thematisieren. Gleichzeitig gelte dies auch für die in der Aufnahme in das kulturelle Archiv (nach Foucault) implizierte Entsprechung zu den Machtstrukturen der Gesellschaft. Dazu wurde Thomas Malorys Le Morte d’Arthur auf die Möglichkeiten gerade des poetischen Sprechens befragt, in der Abweichung von historischer Authentizität ein ‚wahrhaftes‘ Bezeugen zu gewährleisten, indem es über historische Zeugenschaft und Archivierung auf einer Metaebene reflektiert. Dargelegt wurde, wie der Artushof, wo das wahrheitsgemäße Erzählen sich über Belege, Zeugnisse und juridische Verfahren ausweisen muss, in der Lanzelot-Handlung in dieser Funktion zunehmend problematisch wird. Mit Lanzelots Taten und der Ehebruchsgeschichte, die von der Archivierung ausgeschlossen bleiben soll, werden nicht nur die juridischen Verfahren des Beweises und der Archivierung narrativ in Frage gestellt. Auch mit der Darstellung vom Verfall des Artusreiches durch Belagerung und bürgerkriegsähnliche Zustände, die sich als Reflex auf den Niedergang des englischen Heeres im Hundertjährigen Krieg zu erkennen gibt, wird eine Metafiktion der Geschichtserzählung entworfen. Über die Auseinandersetzung mit den Grundlagen historischer bzw. chronikalischer Erzählformen verweise der Text auf die Machtstrukturen, die das Archiv bestimmen. Malory, der wegen verschiedener Delikte bis zu seinem Lebensende in Gefangenschaft verbrachte, gewinne als dadurch vom Archiv Ausgeschlossener eine eigene Stimme.

MATTHIAS SCHNETTGER (Mainz) analysierte anhand zweier zeitgenössischer Chroniken die unterschiedliche Darstellung und Deutung des Sacco di Mantova (1630), welcher als Höhepunkt des Mantuanischen Erbfolgekrieges gilt. Die Besetzung der Stadt durch kaiserliche Truppen und die darauf folgende Plünderung wurde von Zeitgenossen unterschiedlich geschildert und bewertet. Der Mantuaner Bürger und Chronist der Ereignisse Scipione Capilupi stellte die Ursachenforschung in den Vordergrund seines Berichtes. Diese sieht er in den Sünden der Bewohner Mantuas, die infolge derer von Gott mit Regen, Heu- und Nahrungsmangel, Pest und Viehseuchen gestraft werden. Der erzählerische Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung der dadurch entstandenen Leiden und der damit verbundenen Eindrücke. Bei der Darstellung der gegnerischen Truppen betont Capilupi besonders das Plündern, vor allem das Plündern von Klöstern. Von Gewalttaten jenseits dieser Plünderungen berichtet er hingegen nichts. Dieser Darstellung gegenüber steht die Erzählung eines anderen Mantuaner Bürgers, Giovanni Mambrino. Dieser berichtet zwar von Gewalttaten der kaiserlichen Truppen auch gegen Frauen und Kinder, zentral für seine Erzählung ist allerdings die dreitägige Plünderung der Stadt und nicht etwa die vorherigen Kämpfe oder, wie bei Capilupi, die Pest oder Hungersnot. Auffällig ist, dass keiner der beiden Chronisten von Gewaltexzessen, wie etwa in Magdeburg, berichtet. Capilupi stellt die Beschreibung der Seuchen und der damit verbundenen Leiden in den Vordergrund, während für Mambrino die Plünderung der Stadt zentrale Bedeutung annimmt. Dies deckt sich mit der Bezeichnung der Ereignisse, die schließlich als Sacco di Mantova(‚Plünderung Mantuas‘) und nicht etwa ‚Fall Mantuas‘ in das kulturelle Gedächtnis der Region Eingang finden sollten.

ULRICH BREUER (Mainz) verglich die Courasche von Grimmelshausen mit dem Kriegstagebuch des Söldners Peter Hagendorf unter dem Gesichtspunkt der Rolle von Frauen und ihren Handlungsspielräumen im Dreißigjährigen Krieg. In Hagendorfs Tagebuch stellen Frauen lediglich Randfiguren dar, die ganz überwiegend perspektivisch verkürzt als Ehefrauen, Opfer oder Teil der Beute Erwähnung finden. Hagendorf selbst war zwei Mal verheiratet und beide Frauen begleiteten ihn in den Krieg. Die Tätigkeiten seiner Ehefrauen beschreibt er vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten. Einen eigenen Beitrag zum Wohlstand leisteten sie dadurch, dass sie sich maßgeblich an den Plünderungen im Rahmen der Kriegshandlungen beteiligten. Hagendorf berichtet nie explizit von (sexueller) Gewalt gegen Frauen, sondern viel allgemeiner davon, dass man eine Frau als Beute erhalten habe – was dies für die Frau bedeutete, bleibt unklar. Eine Gemeinsamkeit des Tagebuchs von Hagendorf mit Grimmelshausens Courasche besteht darin, dass die weibliche Protagonistin Schutz vor den Söldnern nur in der Heirat finden kann. Folgerichtig wird sie immer dann zum Opfer gewaltsamer Übergriffe, wie etwa einer Massenvergewaltigung, wenn sie gerade unverheiratet ist. Ein deutlicher Unterschied zu Hagendorfs Bericht ist die detaillierte Darstellung von Gewalt und deren Einbindung in die Geschichte, die gleichzeitig das Potential erzählerischer Objektivierung verdeutlicht. Diese entfalte sich in der Kombination von retrospektiver Erfahrungserzählung und der negativen Bewertung dieses Lebenslaufs durch den fiktiven Schreiber. Dieser entwickle als auktorialer Erzähler in den Paratexten eine exkludierende Energie der gegenüber das ‚beichtsweis erzählen‘ der Courasche als Gegenerzählung stehe. Der Vergleich beider Texte verdeutlichte, dass die Textgattung Satire andere Möglichkeiten der Gewaltdarstellung ausschöpfen kann als das Format des Tagebuchs oder der Chronik. Der Modus des Fiktionalen scheint es zu erlauben, Gewalt und Gewalthandlungen detaillierter zu beschreiben, als es in faktualen Erzählungen, zumindest in diesem Zeitraum, der Fall ist.

SÖNKE NEITZEL (London/Berlin) befasste sich in seinem Vortrag mit der Analyse von Abhörprotokollen von deutschen Offizieren in englischer Kriegsgefangenschaft. Anhand dieser konnte Neitzel darlegen, dass Soldaten nicht wie häufig postuliert verstummten, sondern in bestimmten Kommunikationsräumen durchaus über ihre Kriegserfahrungen redeten. Die Auswertung der abgehörten Gespräche zeigt, dass Gewalt und Krieg nie im Mittelpunkt der Unterhaltungen standen, sondern immer die Sinnstiftung des eigenen Handelns und die Verortung dieses Handelns im sozialen Kontext. Bei Gesprächen über Gewalt erscheine deren Beschreibung beiläufig und alltäglich, so werde etwa von „abknallen“, „umbringen“ oder „wegmachen“ geredet. Auffällig sei dabei besonders der distanzierte Umgang mit Verbrechen. Grundsätzlich scheint jede Form von Gewalt vorstellbar gewesen zu sein und Berichte über ausgeübte Gewalt riefen unter den Gefangen selten Überraschung hervor. Auch die eindrückliche Schilderung von Massengewalt, etwa im Rahmen von Erschießungskommandos, erschüttere das Wertesystem der Gefangenen kaum. Dieser scheinbar emotionslose Umgang mit Gewalt erklärt sich, so Neitzel, durch die spezifische Situation der Soldaten, die einen eigenen Referenzrahmen erzeuge, in dem die Gewaltausübung als Norm erscheine und nicht weiter reflektiert werden müsse.

Der Vortrag von MATÍAS MARTÍNEZ (Wuppertal) widmete sich den Text- und Wirkungsstrategien der Landser-Hefte, wobei nicht die ideologische Kritik im Vordergrund stand, sondern die Analyse der eingesetzten narrativen Mittel. Zum einen treten die Landser-Hefte mit einem faktualen Geltungsanspruch auf, der durch diverse Authentifizierungsstrategien – die Suggestion von authentischen Erlebnisberichten aus der Perspektive des einfachen Soldaten und Paratexte, die reale Personen und Waffentechnik aus dem Zweiten Weltkrieg vorstellen – inszeniert wird. Zum anderen lösen die narrativen Haupttexte diese paratextuelle Inszenierung nicht ein. Vielmehr zielen die erzählten Geschichten auf Immersion, was durch den Sprachstil (Dominanz des Szenisch-Dialogischen, Verzicht auf Auffälligkeiten der sprachlichen Konstruktion, deiktische Erzählstrategie) und die Darstellungsmittel erreicht wird: heterodiegetisches Erzählen, stereotype Figuren, die lediglich Handlungsfunktionen repräsentieren, geschlossene Handlung nach dem Muster einer Abenteuererzählung mit Happy End, Heroisierung sowie das Aussparen jeglicher Fragen nach der politischen oder psychologischen Handlungsmotivation. Dadurch werde ein Leserpublikum angesprochen, das gerade keinen Unterschied zwischen Kriegserzählung und Action-Darstellungen sucht und hinsichtlich der Erzählmuster gerne in der eigenen Erwartung bestätigt wird.

Die Diskussionen während der Tagung vertieften anhand der vorgestellten Texte die Frage nach den kulturellen Paradigmen und epochenübergreifenden Erzählmustern (die Heroisierung, die heilsgeschichtliche Einbettung, die Erzählung vom Krieg als Geschäft etc.) und den narrativen Glaubwürdigkeitsstrategien, Authentizitäts- und Objektivitätsausweisen (Augenzeugenschaft, Detaillierung, Anspruch auf vollständige Erfassung). Dabei gingen zahlreiche Beiträge auf den topischen Charakter der Kriegsdarstellung ein, der es im Abrufen der Topoi erlaubt, das Erlebte als Bekanntes zu deuten und vermittelbar zu machen. In der Diskussion wurde der Zusammenhang zwischen kulturellen Erklärungsmustern und der Einordnung der individuellen Kriegserfahrung in diese Muster besonders betont. Diskutiert wurden außerdem die je zeitgenössischen Maßstäbe für die Bewertung von Gewalt im Kontext der Kriegsführung, sowie deren narrative Stilisierung.

Konferenzübersicht:

Helmut Lethen (Wien), Begrüßung

Jörg Rogge (Mainz), Einführung

Martin Clauss (Chemnitz), Krieg der Ritter – Erzählmuster des Heroischen in den Chroniken zum Hundertjährigen Krieg

Matthias Däumer (Mainz), Arthurische Archivierung. Die Objektivierung subjektiver Kriegserfahrungen am Beispiel von Thomas Malorys „Le Morte d'Arthur“

Matthias Schnettger (Mainz), Der Sacco di Mantova (1630) aus Täter- und Opfersicht

Ulrich Breuer (Mainz), „beichtsweis erzählen“. Krieg und Bekenntnis in Grimmelshausens „Courasche“

Sönke Neitzel (London/Berlin), Kämpfen, Töten und Sterben. Kameradengespräche über Krieg und Holocaust

Matías Martínez (Wuppertal), Der trivialisierte Krieg. Über Authentizitätsstrategien in „Landser“-Heften

Zitation
Tagungsbericht: Kriegserfahrungen erzählen, 12.03.2015 – 13.03.2015 Wien, in: H-Soz-Kult, 26.05.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5991>.
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Veröffentlicht am
26.05.2015