Everyday Heroism in the United States, Britain, and Germany from the 19th to the 21st Century

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Simon Wendt
Datum
06.03.2015 - 07.03.2015
Von
Matthias Voigt, Institut für England- und Amerikastudien, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die internationale Tagung untersuchte das Phänomen des Alltagsheldentums in den USA, Deutschland und Großbritannien zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und der Gegenwart aus multidisziplinärer Perspektive. Alltagsheldinnen und Alltagshelden wurden hierbei als gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger definiert, die aufgrund tatsächlicher oder ihnen zugeschriebener außergewöhnlicher Taten heroisiert werden. In seinem Eröffnungsvortrag betonte SIMON WENDT (Frankfurt am Main), dass geisteswissenschaftliche Disziplinen das Phänomen des Alltagsheldentums bisher fast vollständig ignoriert hätten. Während Kriegshelden, politische Führerhelden und Superhelden zum Thema unzähliger Studien geworden seien, habe sich die Forschung bisher kaum mit der Heroisierung gewöhnlicher Menschen auseinandergesetzt. Die Tagung beleuchtete Alltagsheldentum vor allem aus geschichts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Im Gegensatz zur Psychologie, die sich in der Regel auf die Frage konzentriert, warum bestimmte Menschen zu Alltagshelden werden bzw. wie alltagsheroisches Verhalten gefördert werden kann, fragte die multidisziplinäre Tagung vor allem nach den sozialen, kulturellen und politischen Funktionen und Bedeutungen von Alltagsheldentum in modernen westlichen Gesellschaften. Konkret wurde am Beispiel USA, Deutschland und Großbritannien untersucht, welche Rolle die Heroisierung gewöhnlicher Bürgerinnen und Bürger in der Legitimierung bzw. Infragestellung sozialer und kultureller Normen spielte und welche gesellschaftlichen Auswirkungen solche Heroisierungsprozesse hatten. Diese drei Länder, so Wendt, böten sich für einen Vergleich an, da sie sowohl Analysen der Funktionen von Alltagsheldentum in Demokratien und Diktaturen als auch Untersuchungen bezüglich der Bedeutung heroischer Zivilisten in industrialisierten Massengesellschaften ermöglichen. Schließlich könnten aufgrund der engen kulturellen und politischen Beziehungen zwischen diesen drei Nationen transnationale Austauschprozesse und deren Auswirkungen auf Vorstellungen von Alltagsheldentum beleuchtet werden.

Die erste Sektion beschäftigte sich mit Alltagsheldentum und Gender. ALICE H. EAGLY (Chicago) untersuchte die Unterschiede zwischen von Frauen und Männern vollbrachten Taten, die als heroisch wahrgenommen wurden, wobei Ihre Daten sowohl aus den USA als auch aus mehreren europäischen Ländern stammten. Beide Geschlechter seien als Heldinnen und Helden geehrt worden, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen. So betonen laut Eagly sozial konstruierte Geschlechterrollen in der Regel Risikobereitschaft bei Männern und gemeinschaftliches Engagement bei Frauen. Soziale Rollentheorie und Evolutionspsychologie lieferten andere Erklärungsmodelle, wonach weibliches Alltagsheldentum eher in relationalen und kommunalen Bereichen zu finden sei (beispielsweise im Falle von Organspenden oder bei Freiwilligendiensten). Diese Bereiche erforderten weniger Physis, beinhalteten aber nicht notwendigerweise weniger Risiko. Der Beitrag von JANICE HUME (Athens) untersuchte den Zusammenhang zwischen Heroisierung und sich wandelnden Geschlechtervorstellungen am Beispiel von Nachrufen in amerikanischen Tageszeitungen im 19. und 20. Jahrhundert. Diese Nachrufe spiegelten kulturelle Ideale wieder, die ähnliche Hierarchisierungen konstruierten, wie sie von Alice Eagly aus der Perspektive der Sozialpsychologie beschrieben wurden.

Die zweite Sektion beschäftigte sich mit Alltagsheldentum in Großbritannien im 19. und 20. Jahrhundert. CRAIG BARCLAY (Durham) untersuchte die Royal Humane Society und die sich wandelnden Vorstellungen von heroischem Mut gewöhnlicher Bürgerinnen und Bürger. Die im 19. Jahrhundert zunehmende Vergabe von Medaillen als Anerkennung für Lebensretter wurde laut Barclay ein fester Bestandteil der Nationalstaatsbildung in Großbritannien, wo nationale Identität durch eine Vielzahl heroischer Narrative gestärkt wurde. BARBARA KORTE und CHRISTIANE HADAMITZKY (beide Freiburg im Breisgau) verglichen britische Arbeiterzeitschriften, die ihrer Meinung nach Mitte des 19. Jahrhunderts die Demokratisierung heroischer Zivilistinnen und Zivilisten vorantrieben und als Mittel sozialer Kontrolle eingesetzt wurden. So propagierten sowohl The British Workman als auch The British Workwoman zivile Tugenden, die vor allem dazu dienen sollten, Arbeiterproteste langfristig zu unterdrücken und geschlechterspezifische Verhaltensnormen zu fördern. Danach ging JOHN PRICE (London) auf die Anerkennung, Erinnerung, und die Konstruktion von Alltagsheldentum im 19. und 20. Jahrhundert ein. Die Anerkennung zivilen Heldentums vollzog sich auf staatlicher, organisatorischer, und alternativ-radikaler Ebene und diente damit verschiedenen Funktionen. Im Gegensatz zur gängigen Forschung vertrat Price die These, dass der Erste Weltkrieg im Hinblick auf Alltagsheldentum keine nachhaltige Zäsur in der Geschichte von Heldentum in Großbritannien darstellte.

Die dritte Sektion behandelte heroische Zivilisten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In seinem Beitrag zu Judenrettern untersuchte KOBI KABALEK (Jerusalem) die Rezeptionsgeschichte von Kurt Grossmans Buch „Unbesungene Helden“ (1957), welches den Anspruch erhob, im Nachkriegsdeutschland als Rollenmodell für moralisches Handeln zu dienen. Am Beispiel dieses Werkes zeigte Kabalek, dass amerikanische Vorstellungen von „everyday heroism“ als Grundlage für deutsche Vorstellungen von „Alltagsheldentum“ dienten. Er deutete damit die transnationalen Dimensionen von Alltagsheldentum an, gab aber zu, dass weitere Forschungen nötig seien, um diese Austauschbeziehungen als historisch prägend benennen zu können.

Die vierte Sektion behandelte Vorstellungen von Alltagsheldentum in den USA im 19. und 20. Jahrhundert. WOLFGANG HOCHBRUCK (Freiburg im Breisgau) hob den Zusammenhang zwischen Alltagsheldentum und der Entstehung der Feuerwehr hervor. Ursprünglich übernahm eine Freiwilligenfeuerwehr der Mittelschicht die Feuerbekämpfung; später wurde die Professionalisierung des Berufsstandes nicht zuletzt durch die Wirtschaft gefördert. Trotz der zunehmenden Technologisierung des Berufsstandes wurde das heroische Bild des Feuerwehrmannes jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht negativ beeinflusst. MATTHIAS GROTKOPP (Berlin) untersuchte danach „heroische Durchschnittlichkeit“ in Filmen von Frank Capra unter Anwendung der Theorien von Stanley Cavell. In seiner Definition von Alltagsheldentum ging Grotkopp von einem moralischen Ideal des Alltags aus, welches gegen Gefahren von außen und innen verteidigt werde. Alltagsheldentum sei somit im Gewöhnlichen eingebettet und mache auf Gefahren aufmerksam, die eine ständig Bedrohung für Institutionen und Gedanken von Demokratie und Freiheit im Alltäglichen darstellten. WILLIAM GRAEBNER (Buffalo) untersuchte die politischen Dimensionen von Alltagsheldentum zwischen der Vietnamkriegsära und der Gegenwart. Vor dem Hintergrund der sozialen Unruhen der 1960er- und 1970er-Jahre in den USA sah der amerikanische Konservativismus traditionelles Heldentum als korrumpiert an und propagierte stattdessen einen Gegenentwurf. Mitglieder der weißen Arbeiterschaft, die das Land durch traditionelle Werte zusammenhielten und gegen Angriffe durch liberale Kräfte verteidigten, wurden in diesem Gegenentwurf als die wahren Helden des Alltags gefeiert.

Die letzte Sektion untersuchte Alltagsheldentum in der amerikanischen Populärkultur. MICHAEL GOODRUM (Colchester) ging auf die Rolle von Alltagsheldentum in Superheldenerzählungen ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg forderte dieser den konservativen Konsens heraus, um eine neue liberale Ordnung zu bilden; nach 9/11 wurde Alltagsheldentum in diesen Erzählungen hingegen zur Basis für gemeinschaftliche Solidarität. MARTIN LÜTHE (Berlin) ging auf die Formen und Funktionen von Alltagheldentum in der amerikanischen Unterhaltungsmusik ein. Lüthe hob hervor, dass Reality-TV, Castingshows, und andere TV-Formate alltägliche Menschen über Nacht in „everyday celebrities“ verwandeln, die zu Alltagshelden stilisiert werden und somit auf den inflationären Gebrauch des Begriffs im 21. Jahrhundert hindeuten. Nach 9/11 tauchten laut Lüthe auch in der Popmusik immer wieder Referenzen zu Alltagshelden aus der Arbeiterschicht auf, die zivilreligiöse Züge trugen und sich sowohl als Protest gegen korrupte Eliten als auch als Ausdruck eines neuen Gemeinschaftsgefühls deuten ließen.

In der Abschlussdiskussion wurde versucht, verallgemeinerbare Antworten auf die Fragen nach der historischen Entwicklung von Alltagsheldentum und seinen sich wandelnden Funktionen zu finden. So scheinen gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger vor allem während als Krisen wahrgenommenen Perioden heroisiert und als Vorbilder gepriesen zu werden. Sie können sowohl zu Verkörperungen nationaler Identität als auch zu Symbolen sozialer Stabilität in Zeiten großer Verunsicherung werden. Dennoch wurde in der Diskussion klar, dass der Vergleich dreier Länder auch die Grenzen solcher Verallgemeinerungen verdeutlichte und die wichtige Rolle genauer Analysen der Heroisierung gewöhnlicher Menschen in ihren jeweiligen historischen Kontexten vor Augen führte. Während die Tagung sicherlich keine abschließenden Antworten auf die Frage nach den Funktionen von Alltagsheldentum in westlichen Gesellschaften liefern konnte, gab sie wichtige Anstöße für die weitere historische Erforschung dieses unterbeleuchteten Themas.

Konferenzübersicht:

Simon Wendt (University of Frankfurt), Studying Everyday Heroism in Western Societies

Panel 1: Everyday Heroism and Gender

Alice H. Eagly (Northwestern University), Everyday Heroism by Women and Men: When and Why Gender Matters

Janice Hume (University of Georgia), Death of the Everyday Hero: Gender Values and Memory in American Newspaper Obituaries

Panel 2: Civilian Heroism in Britain in the 19th and 20th Centuries

Craig Barclay (Durham University), Heroes of Everyday Life: The Royal Humane Society and the Changing Face of Courage in Britain

Barbara Korte / Christiane Hadamitzky (University of Freiburg), Everyday Heroism for the Victorian Industrial Classes: “The British Workman” and “The British Workwoman”, 1860-1880

John Price (University of London), “Heroes of Everyday Life”: The Recognition, Commemoration and Construction of Heroic Civilians in Britain, 1850-1939.

Panel 3: Heroic Civilians in Post-World War II Germany

Kobi Kabalek (Hebrew University, Jerusalem), Rescuers of Jews as “Unsung Heroes”: An American Model for German Moral Figures in post-World War II Germany

Panel 4: Changing Constructions of Heroic Civilians in 19th and 20th-Century America

Wolfgang Hochbruck (University of Freiburg), Volunteers and Professionals: Everyday Heroism and the Fire Service

Matthias Grotkopp (Free University of Berlin), Heroic Ordinariness after Cavell after Capra

William Graebner (State University of New York-Fredonia), After Watergate and Vietnam: The Politics of the Ordinary Hero in a Conservative Era

Panel 4: Everyday Heroism in U.S. Popular Culture

Michael Goodrum (University of Essex), Man and Superman: Everyday Heroism in Superhero Narratives

Martin Lüthe (Free University of Berlin), Beyond the “Working Class Hero”: Forms and Functions of Everyday Heroism in American Popular Music after 9/11

Final Discussion

Zitation
Tagungsbericht: Everyday Heroism in the United States, Britain, and Germany from the 19th to the 21st Century, 06.03.2015 – 07.03.2015 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 28.05.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5994>.