Kleine Erinnerungen: Räume, Praktiken und Akteure ländlicher Erinnerungen

Ort
Oldenburg
Veranstalter
Forschungsprojekt „Geschichte im Dorf lassen. Nationalsozialismus in deutschen Ortschroniken“, Arbeitsstelle Regionale Geschichtskulturen, Institut für Geschichte, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Datum
16.01.2015
Von
Maria Daldrup, Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen

Erinnerung und Raum in ihrer wechselseitigen Bedingtheit sind zentrale Topoi in den aktuelleren kulturwissenschaftlichen Debatten. Während bislang jedoch vorwiegend großstädtische, nationale und transnationale Räume untersucht wurden, widmete sich der Workshop „Kleine Erinnerungen: Räume, Praktiken und Akteure ländlicher Erinnerungen“ der Arbeitsstelle Regionale Geschichtskulturen am Institut für Geschichte der Universität Oldenburg ländlichen Gegenden. Der Fokus lag hierbei auf einem interdisziplinären Zugang, vor allem ethnologisch, historisch und linguistisch.

In ihrem Einstiegsvortrag betonten DIETMAR VON REEKEN und MALTE THIESSEN (beide Oldenburg), Initiatoren und Leiter der 2011 gegründeten Arbeitsstelle, die Bedeutung von Raum und Erinnerung als Eckpfeiler der Forschung und deren wechselseitige Verbindungslinien. Spezifika ländlicher Alltagspraktiken, Konstruktionen von Räumen und Formen von Erinnerungen – diesen Forschungsdesiderata galt es innerhalb des Workshops methodisch wie theoretisch näher zu kommen.

DIRK THOMASCHKE (Oldenburg) stellte in seinem Vortrag erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Geschichte im Dorf lassen. Der Nationalsozialismus in deutschen Ortschroniken“ vor. Die Analysebasis bilden Ortschroniken, die Thomaschke hinsichtlich ihrer Deutungs- und Erzählmuster wie auch Gestaltungsprinzipien einem systematischen Vergleich unterzieht. Grundsätzlich richten sich solcherart historische Selbstdarstellungen, die durchaus als eigenständiges und im lokalen Raum wirkmächtiges Genre zu verstehen seien, an ein ortskundiges Laienpublikum, dessen Interessen im Alltagsleben, z.B. Landwirtschaft, Gebäuderenovierungen oder Mundartliches, liegen. Ungeachtet nationalhistorischer Entwicklungen, die in Ortschroniken der 1920er-Jahre noch einen zentralen Stellenwert hatten, wird in Ortschroniken nach 1945 eine Art zeitloser Kern des Dorflebens kreiert. Insbesondere in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus scheint die Dorfgemeinschaft in erinnerungskultureller Perspektive allenfalls den „Wellen der Zeit ausgesetzt“, nicht aber aktiv involviert. So wird die innere Abgeschlossenheit des Dorflebens innerhalb von Ortschroniken betont und „Heimat“ entnationalisiert, lokalisiert und eingegrenzt.

Diesen in sich weitestgehend positiv konnotierten Ortserzählungen setzte GESA ANNE TROJAN (Hamburg) eine ambivalentere Erinnerungs- bzw. Verhaltensgemeinschaft entgegen. Sie stellte die Ergebnisse ihrer Analyse der lokalen Erinnerung an einen konkreten Ort nationalsozialistischer Verbrechen vor: dem 1938 gegründeten Konzentrationslager im südöstlich von Hamburg gelegenen Neuengamme.[1] In lebensgeschichtlichen Interviews mit Ortsansässigen aus drei Alterskohorten (geboren während des Nationalsozialismus, in den 1950er- und 1960er-Jahren) erfragte Trojan Formen der Erinnerung. Es zeigte sich im Vergleich, dass der Ort zumeist über ein angenehmes Innen und ein unangenehmes Außen – entlang der Problematik eines „richtigen Sprechens“ über das Konzentrationslager – konstruiert wurde. Individuelle Erinnerungen, familiäre Erzählungen und gesamtgesellschaftliche Muster von „Vergangenheitsbewältigung“ überlagerten sich in der lokalen Erinnerung. Die zunehmende Institutionalisierung von Erinnerung in den 1980er-Jahren erreichte Neuengamme unter anderem durch die Einführung von Jugendworkcamps auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Dies führte aber nicht nur zu einer Verstärkung der Reflexion des Ortes, sondern auch dazu, das Konzentrationslager außerhalb der eigenen, dörflichen Lebenswelt zu verorten. Trojan vermochte es, die erhebliche Bedeutung von lokalen Kleinsträumen für die erinnerungskulturelle Forschung herauszuarbeiten.

DAGMAR HÄNEL (Bonn) skizzierte ein interdisziplinäres Langzeitprojekt des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte im Landschaftsverband Rheinland: „Leben im Dorf“ (Laufzeit: 2010-2021), in dem Erinnerungskulturen und Erinnerungsräume eine zentrale Rolle spielen. Ausgewählte Dörfer im Rheinland werden hierin entlang der Kategorien Raum, Zeit und Soziales einer volkskundlichen und sprachwissenschaftlichen Beobachtung unterzogen. Gerade durch die differenzierte Analyse von Sprache, Symbolen und Ritualen gelingt es dem Projekt die zumeist städtisch-romantisierenden Konstruktionen von Dorf und Dörflichkeit infrage zu stellen. Urbanität, so Hänel, habe den ländlichen Raum ohnehin längst in Form etwa von infrastrukturellen Veränderungen erreicht. Im Mittelpunkt stehen vielmehr konkrete Fragen der Gestaltung und Zuweisung spezifischer Funktionen von Räumen, z.B. Orten der Erinnerung an Gefallene des Ersten Weltkrieges, die „Taktung“ des dörflichen Alltags durch Arbeit und Freizeit oder mögliche Identifikationsflächen für die Konstruktion von Gemeinschaften, wie etwa regelmäßig stattfindende Feste oder Jubiläen.

Den Konstruktionen und Interdependenzen von Ländlichkeit und Geschlecht ging CLAUDIA OLTMANNS (Oldenburg) entlang kulturwissenschaftlicher Praxis- und Raumtheorien und unter Verwendung ethnografischer Methoden wie Feldbeobachtungen und dem bewegten Interview nach.[2] Auf Basis des Vergleichs zweier niedersächsischer Dörfer zeigte Oltmanns Konstituierungsprozesse von Erinnerung, Raum und Körper am Beispiel des Wanderns in der Landschaft und der Inszenierung von Ländlichkeit in lokalen Vereinen. Obwohl in den Bereichen Freizeit und Tourismus Landschaften durch Wanderwege in hohem Maße erschlossen und so geradezu hergestellt werden, ist dieser Prozess im Gegensatz zur städtischen Promenadologie weitgehend unerforscht. So zeigte ihr erstes Beispiel, dass die Materialität des Raumes, seine symbolische Bedeutung, Sinneswahrnehmungen und kulturelle Normen im Wandern ineinandergreifen und hierdurch Natur und Körper reproduziert werden. Das zweite Beispiel fokussierte das dörfliche Sozialleben, für das etwa Landfrauen- und Heimatvereine oder die örtliche Feuerwehr als Agenten sozialer Konstruktion von Raum und Geschlecht gelten können. An (vermeintlichen) Traditionen wie dem Tragen von Fischerhemden, Volkstänzen und Sonnwendfeiern manifestiere sich zugleich die Bedeutung des Dorfes in seiner Inszenierung als Gegenentwurf zur Stadt.

Der Workshopcharakter erlaubte es, Konzepte, Fragen, Unklarheiten zur Analyse ländlicher Raum- und Erinnerungspraktiken vorzustellen und offen zu diskutieren. Der Schwerpunkt lag auf der Diskussion von methodischen und theoretischen Herangehensweisen insbesondere mit Blick auf die Quantität wie Qualität des auswertbaren, heterogenen Untersuchungsmaterials von Ortschroniken, über Zeitzeugen- bzw. bewegte Interviews bis hin zu visuellen Quellen. Der inhaltlich inspirierende Workshop in Oldenburg hat gezeigt, welch großes Potential in der vor allem interdisziplinären Erforschung des ländlichen Raumes gerade auch in der Erweiterung in Richtung Körper, Subjekt oder Gender liegt.

Konferenzübersicht:

Malte Thießen / Dietmar von Reeken (Oldenburg), Einleitung

Dirk Thomaschke (Oldenburg), Der lokale Raum in Ortschroniken und Heimatbüchern

Gesa Anne Trojan (Hamburg), Das Lager im Dorf lassen. Das KZ Neuengamme in der lokalen Erinnerung

Dagmar Hänel (Bonn), Erinnerungsorte in dörflichen Kontexten – Formen, Funktionen und Bedeutungen

Claudia Oltmanns (Oldenburg), Doing Rurality. Interdependenzen von Ländlichkeit und Geschlecht

Anmerkungen:
[1] Gesa Anne Trojan, Das Lager im Dorf lassen. Das KZ Neuengamme in der lokalen Erinnerung, München 2014.
[2] Nina Feltz, Bewegungsräume in biografischen Prozessen. Zugänge durch das „Bewegte Interview“, Hamburg 2007.

Zitation
Tagungsbericht: Kleine Erinnerungen: Räume, Praktiken und Akteure ländlicher Erinnerungen, 16.01.2015 Oldenburg, in: H-Soz-Kult, 30.05.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5996>.
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Veröffentlicht am
30.05.2015
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