Kinder und Krieg. Epochenübergreifende Analysen zu Kriegskindheiten im Wandel

Ort
Mainz
Veranstalter
Alexander Denzler, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt; Stefan Grüner, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg; Markus Raasch, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Datum
22.03.2015 - 24.03.2015
Von
Kathrin Kiefer / Markus Raasch, Historisches Seminar, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

In den vergangenen Jahren hat das von der Geschichtswissenschaft lange vernachlässigte Thema „Kriegskinder“ in beachtlicher Weise an Bedeutung gewonnen. Die mittlerweile zahlreichen Arbeiten konzentrieren sich aber auf das 20. Jahrhundert, während die Vormoderne kaum beleuchtet wurde. Ein substantieller Dialog der verschiedenen historischen Einzeldisziplinen hat bisher nicht stattgefunden. Bisherige Versuche sind entweder auf die jüngere Vergangenheit beschränkt[1] oder sie besitzen eher anthologischen Charakter, einen systematischen Zugriff entbehrend.[2] Ziel der Tagung war es daher, Grenzen zu überschreiten, eine internationale Perspektive einzunehmen und in einem reflektierten epochenübergreifenden Zugriff nach Kontinuitäten bzw. Diskontinuitäten von „Kriegskindheiten“ zu fragen. Die vielberufene Spezifik des 20. Jahrhunderts sollte auf den Prüfstand gestellt werden. Der thematische Rahmen umfasste in der Folge sowohl Kinder der römischen Kaiserzeit und Imaginationen des Kindes im Kontext der Kreuzzüge als auch Weltkriegskindheiten und Kindersoldaten in gegenwärtigen Kriegen.

In der ersten Sektion „Erziehung und Propaganda“ ging es um die geistige Mobilisierung in Friedens- und Kriegszeiten. Die Analyse zielte auf Obrigkeitshandeln sowie einschlägige Inszenierungsstrategien und Deutungsmuster. In einem instruktiven Vortrag thematisierte ALEXANDER BERNER (Münster) die Funktion von Kindern während des Ersten Kreuzzugs (1096–1099). Mittels diverser Tatenberichte führte er vor Augen, dass der Missbrauch christlicher Kinder sowie deren Entführung und religiöse Umerziehung durch den osmanischen Gegner als Rechtfertigung für den Krieg instrumentalisiert wurde. Im Zeichen des christlichen Reinheitsdiskurses stilisierte die Propaganda Kinder schlechterdings zu Märtyrern. STEFAN KROLL (Rostock) betrachtete die prekäre ökonomische Lage männlicher kursächsischer Soldatenkinder im 18. Jahrhundert. Insbesondere Kinder aus nicht-ehelichen Verhältnissen, die von staatlicher Unterstützung nicht profitierten, litten unter den Verhältnissen. Kroll verwies auf die Gründung von progressiven Erziehungsinstituten, etwa in Dresden, machte aber auch deutlich, dass Soldatenkinder dessen ungeachtet als Opfer einer wenig fürsorglichen Gesellschaft zu betrachten sind. Auch ANDREAS WEISS (Braunschweig) exponierte mit Blick auf Schulbücher des deutschen Kaiserreiches das Opfernarrativ. Er relativierte aber auch die gängige Auffassung, dass die mentale Mobilmachung das oberste Credo der deutschen Schulpolitik dargestellt habe. Vielmehr habe die im Geschichtsunterricht quantitativ wenig relevante Kriegsdarstellung durchaus Friedenswille, ja Altruismus fördern wollen. EBERHARD DEMM (Grenoble) illustrierte demgegenüber die politische Indoktrination von Kindern während des Ersten Weltkrieges im internationalen Vergleich. Er zeigte auf, dass Kinder in allen kriegsführenden Staaten in den Prozess der Militarisierung einbezogen waren. Dabei wirkten sie sowohl als Adressaten wie als Kommunikatoren der staatlichen Propaganda. Auf länderspezifische Unterschiede ging Demm am Rande ein. Auch COLIN GILMOUR (Montreal) beleuchtete Kinder als Zielgruppe und Multiplikatoren von Kriegspropaganda, betrachtete jedoch die Zeit des Nationalsozialismus. Als wichtiges Phänomen der Jugendkultur des „Dritten Reichs” nahm er das Sammeln von Autogrammkarten der „Ritterkreuzträger” in Augenschein. Gilmour erläuterte, wie sich diese im Rahmen der Jugendpropaganda zunächst durchaus beabsichtigte Sammelleidenschaft entgegen aller Erwartungen und Wünsche des NS-Regimes verselbstständigte und für den Postverkehr wie die Ritterkreuzträger selbst sogar hinderlich wurde. Deutlich werde daran manifest, dass sich Jugendliche auch durchaus unabhängig von staatlichem Einfluss zum Multiplikator der an sie gerichteten Propaganda machen konnten. MACHTELD VENKEN (Wien), die sich mit der Behandlung der sogenannten „Zeit der Wirren“ (1605–1618) in zwischen 1918 und 1989 entstandenen polnischen Schulbüchern beschäftigte, machte noch einmal den politisch motivierten Konstruktcharakter von Kriegsdarstellungen deutlich. In der stalinistischen Zeit konzentrierte sich die Schilderung der „Zeit der Wirren“ mithin auf Klassenkampfaspekte, während zuvor und danach völlig andere historische Personen im Fokus standen (etwa der Aristokrat Stanisław Żółkiewski), um Gefühle von Nationalstolz hervorzurufen.

Im Mittelpunkt der zweiten Sektion „Alltag und Erfahrung“ stand das kindliche Erleben des Krieges, wobei der Wandel sozioökonomischer Kontexte und familiärer Konzepte stets mit reflektiert wurde. CHRISTOPH SCHUBERT (Wuppertal) wagte trotz des rudimentären Forschungsstandes einen Blick auf die Konstruktion von Kriegskindheiten in narrativen Quellen der römischen Kaiserzeit. Er verwahrte sich gegen Klischeebilder und erläuterte, dass Kinder in der Antike immer wieder Opfer von kriegerischer Gewalt und Versklavung waren. Zugleich beschrieb er die untersuchte Epoche als eine von einer relativ starken Emotionalität zwischen Eltern und Kindern geprägte Zeit, wobei stets der Fortbestand der Familie handlungsleitend war. Während Schubert darlegen konnte, dass die elterliche Trauer beim Todesfall des Kindes umso intensiver ausfiel je älter das Kind war, erläuterte CLAUDIA JARZEBOWSKI (Berlin) für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor allem mit Hilfe von Selbstzeugnissen, Kinder seien unabhängig von ihrem Alter bedeutsam gewesen. Ungeachtet der nahezu seriellen Todesopfer, die Hunger und Krankheiten als Begleitschereinungen des Krieges von den Familien forderten, wurden Eltern dem Tod ihrer Kinder gegenüber nicht emotionslos. Bisweilen konterkarierten sie sogar den Glauben an die Gottgewolltheit des Leides und versuchten ihre Kinder in Gebieten abseits der Kriegsgräuel in Sicherheit zu bringen. Jarzebowski verwies indes auch auf das harte Schicksal derjenigen Kinder, die als Soldaten oder Kriegsjungen im Tross aufgezogen wurden und an Schlachten teilnehmen mussten. HANS-HENNING KORTÜM (Regensburg) systematisierte in Bezug auf das hohe und späte Mittelalter die Begriffe „Krieg“ und „Kind“. Auch er widersprach der These von der angeblichen Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber ihren Kindern. Zugleich veranschaulichte er die ob der Familienerziehung frühe kriegerische Sozialisation adeliger wie nicht-adeliger Jungen. Er unterstrich, dass Kinder vornehmlich Opfer von Kriegshandlungen waren, die Täterrolle aber nicht ausgeblendet werden darf. Eine Mainzer Forschergruppe, repräsentiert durch DESIREE WOLNY und MARKUS RAASCH (beide Mainz), stellte sodann erste Ergebnisse ihrer unter anderem auf Feldpostbriefen und Kriegserinnerungen fußenden Forschungen zu den Eltern-Kind-Beziehungen in den beiden Weltkriegen vor. Sie betonten die großen Gemeinsamkeiten zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, legten aber auch Wert auf notwendige Nuancierungen: Für die Zeit zwischen 1939 und 1945 sei das Mutterbild stärker durch Selbstdisziplin und Verschlossenheit gekennzeichnet, während sich beim Vater die Fähigkeit zur kritischen Selbstrelativierung verflüchtigte. Auch in Erziehungsfragen lasse sich ein Verhärtungsprozess konstatieren, der zu Differenzierungen im „Eisernen Zeitalter“ mahne. Im letzten Sektionsvortrag widmete sich SUZANNE SWARTZ (New York / Wien) einem wenig behandelten Thema: Dem Überleben jüdischer Kinder, die in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung Polens versteckt lebten. Sie legte dar, wie sich diese Kinder in ihrer psychisch wie physisch höchstbelastenden Situation vielfach untereinander solidarisierten, sich gegenseitig verteidigten, schützten oder auch nur von der Lebensbedrohlichkeit ihrer Lage ablenkten. Auf diese Weise sicherten sie häufig nicht nur das physische Überleben der anderen, sondern trugen gegenseitig auch entscheidend zu ihrer mentalen Rettung bei. Swartz verschwieg die quellentechnischen Herausforderungen nicht und ermunterte zu weiteren Forschungen.

Die dritte Sektion fragte nach psychologischen, politischen, sozialen und kulturellen „Prägungen“ von Kriegskindheiten sowie deren transgenerationaler Weitergabe. BARBARA STAMBOLIS (Paderborn) betrachtete hierzu die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Sie illustrierte die „janusköpfige Zeitheimat“ der Weltkriegskinder, die von einem deutlich gestiegenen Interesse an kindlichen Befindlichkeiten, zugleich aber durch das signifikante Bemühen um Abhärtung und Disziplin gekennzeichnet gewesen sei. Diese „eiserne Zucht“ trat – so Stambolis – ihren im Nationalsozialismus kulminierenden Siegeszug an, trotz größter physischer wie psychischer Belastungen war das Durchhalten der Kinder vorrangig, persönliche Bedürfnisse wurden unterdrückt, über Gefühle nicht geredet. Als Eltern hätten die auf diese Weise Traumatisierten ihr Erbe wiederum an ihre Kinder – die Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs – weitergegeben. LARA HENSCH (Berlin) untersuchte Selbstdarstellungen späterer SA-Männer aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und den frühen 1920er-Jahren. Deutlich stellte sie deren Kompensationsbedürfnis heraus: Da sie zu jung für die aktive Teilnahme am Ersten Weltkrieg gewesen seien, knüpften die SA-Kämpfer in ihren Lebensgeschichten an das Ideal des Frontkämpfers an. Der Krieg perpetuierte sich für sie an der innenpolitischen „Front“ – eine Sichtweise, durch die sie ihren eigenen „Kampf“ sublimierten und eine generationenübergreifende Brücke zu den Weltkriegsteilnehmern schlugen. Danach richtete LU SEEGERS (Hamburg) in vergleichender Perspektive den Blick auf die Halbwaisen in den beiden deutschen Staaten nach 1945. In einem ersten Schritt schilderte sie die schwierige ökonomische und soziale Situation von Kriegerfamilien bis in die 1960er-Jahre. Dann argumentierte sie auf der Basis von Zeitzeugenbefragungen erfahrungsgeschichtlich und zeigte auf, dass Kriegswaisen in Westdeutschland unter besonderer Beobachtung und hohem sozialen Druck standen. Vor allem von kirchlicher Seite wurde das Aufwachsen von vaterlosen Kindern als defizitär und riskant erachtet. Im letzten Vortrag erweiterte MICHAEL PITTWALD (Osnabrück) die Perspektive auf die jüngere Kriegsrealität. Er veranschaulichte das Schicksal von Kindersoldaten, indem er den völkerrechtlichen Rahmen absteckte, sozio-ökonomische Ursachen benannte und anhand von Schilderungen früherer Kindersoldaten in Mosambik die dramatischen physischen und psychischen Folgen des Kriegseinsatzes vor Augen führte. Er machte klar, dass eine Änderung der Situation nur mittels globaler Friedenstrategien zu erreichen sei.

In der Gesamtschau vermochte die Tagung ihrem Anspruch durchaus gerecht zu werden: Der Dialog der verschiedenen historischen Einzeldisziplinen funktionierte ungeachtet aller terminologischen wie theoretisch-methodischen Hürden und zeitigte fruchtbare Erkenntnisse. Zumal in den Bereichen Kinder in der Propaganda, Eltern-Kind-Beziehungen und Kindersoldaten offenbarten sich eindrucksvolle epochenübergreifende Kontinuitäten. Zugleich wurde deutlich, mit welcher Vorsicht Fortschritts- und Modernisierungsdiskurse zu führen sind. Die Eigentümlichkeit der Moderne sollte an einigen Stellen hinterfragt und angesichts der Pluralität von „Kriegskindheiten“ zugleich manche vermeintlich gerade Forschungslinie ins und im 20. Jahrhundert sehr kritisch in Augenschein genommen werden. Das größte Verdienst der Tagung liegt wohl darin, dass sie einen Anfang gemacht hat. In Zukunft wird es darauf ankommen, die Forschung zur Vormoderne noch stärker zu Wort kommen zu lassen, sich klarer von Europa zu lösen und konsequent international vergleichende wie globalhistorische Perspektiven einzunehmen.

Konferenzübersicht:

1. Sektion: Erziehung und Propaganda

Alexander Berner (Münster), Der Erste Kreuzzug und die Kinder

Stefan Kroll (Rostock), Erziehung und Alltag kursächsischer Soldatenkinder im 18. Jahrhundert

Andreas Weiß (Braunschweig), Der Krieg im deutschen Schulbuch (1850-1918)

Eberhard Demm (Grenoble), Kinder und Propaganda im Ersten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich

Colin Gilmour (Montreal), “Autogramm bitte!” Hero-Worship Among German Youth During the Second World War

Machteld Venken (Wien), Narrating the Times of Troubles in Polish history schoolbooks (1918–1989)

2. Sektion: Alltag und Erfahrung

Christoph Schubert (Wuppertal), Kinder im Krieg als Thema der römischen Geschichtsschreibung unter Caesar, Augustus und Tiberius

Hans-Henning Kortüm (Regensburg), Krieg im Mittelalter. Der Blick auf die Kinder

Claudia Jarzebowski (Berlin), „Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.“ Kinder und ihre Erfahrungen im Dreißigjährigen Krieg.

Forschergruppe „Eltern und Kinder im Krieg“ (Mainz), Von Kontinuität und Wandel. Eltern-Kind-Beziehungen in den beiden Weltkriegen

Suzanne Swartz (New York / Wien), Safe Spaces in Hiding Places. Children Protecting Children in Nazi-Occupied Poland, 1939–1945

3. Sektion: Prägungen

Barbara Stambolis (Paderborn), „Kindheit in eisernen Zeiten“. Mentalitätsgeschichtliche und transgenerationale Aspekte von Kriegskindheiten im Ersten Weltkrieg

Lara Hensch (Berlin), „Wir aber sind mitten im Kampf aufgewachsen“. Kindheit und Jugend im Ersten Weltkrieg und „Kampfzeit“ als Marker soldatischer Männlichkeit in Selbstdarstellungen früher SA-Männer

Lu Seegers (Hamburg), Deutsche Kriegswaisen im 20. Jahrhundert. Gesellschaftliche Deutungen und individuelle Erfahrungen

Michael Pittwald (Osnabrück), „Kindersoldaten“. Zur Kontinuität kämpfender Kinder in Kriegen und bewaffneten Konflikten

Anmerkungen:
[1] Z.B. Maria Cristina Giuntella / Isabella Nardi (Hrsg.), La Guerra dei Bambini. Da Sarajevo a Sarajevo, Perugia 1998; Kate Agnew / Geoff Fox, Children at War from the First World War to the Gulf, New York 2001.
[2] Z.B. Dittmar Dahlmann, Kinder und Jugendliche in Krieg und Revolution. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Kindersoldaten Afrikas, Paderborn 2000.

Zitation
Tagungsbericht: Kinder und Krieg. Epochenübergreifende Analysen zu Kriegskindheiten im Wandel, 22.03.2015 – 24.03.2015 Mainz, in: H-Soz-Kult, 08.06.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6012>.