Grenzraum und Repräsentation. Impulse zum Verständnis spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Vorstellungs- und Darstellungswelten

Ort
Trier
Veranstalter
Geschichtliche Landeskunde, Universität Trier; Universität der Großregion (UniGR)
Datum
05.03.2015 - 06.03.2015
Von
Nicky Blazejewski, Fachbereich Geschichte, Universität Trier

An den methodischen und empirischen Herausforderungen, welche die Untersuchung von Grenzgebieten speziell in der ‚Interimsphase‘ zwischen späterem Mittelalter und Früher Neuzeit birgt, erprobten sich elf Historikerinnen und Historiker aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg und der Schweiz auf dem Trierer Workshop „Grenzraum und Repräsentation“ am 5. und 6. März 2015. Ausrichter der Veranstaltung war die Geschichtliche Landeskunde der Universität Trier gemeinsam mit der Universität der Großregion (UniGR). Im Fokus standen Praktiken der herrschaftlichen, religiösen und kulturellen Konstruktion von transnationalen und translokalen Grenzräumen. Besonderes Interesse kam der zeitgenössischen Raum- und Grenzwahrnehmung zu. Die Grundlage der Ausdeutung von herrschaftlichen und alltagskulturellen Bedeutungszuschreibungen bildete das breite Spektrum medialer Darstellungen von Grenzsituationen, das von der professionellen Landkarte über die kleinere Gebietskarte und die Augenschein-Karte bis hin zu Quellen der Vertragsdiplomatie und dem Verwaltungsschriftgut reichte.

Ausgehend vom eigenen Standort in der Grenzregion „Saar-Lor-Lux“ führten STEPHAN LAUX und MAIKE SCHMIDT (beide Trier) die Figuren „Grenzraum“ und „Repräsentation“ zurück auf ihre analytischen Potentiale − wie etwa die Beobachtung mesoregionaler Verdichtung durch Herrschaft und Kulturtransfer − und die methodischen Problemstellungen, die der Erforschung stark fragmentierter Räume in der Vormoderne innewohnen. So bedeute die Reflexion über die Wahrnehmung von Räumen die Bereitschaft für eine kulturalistische Öffnung der Untersuchung. Ungeachtet der jüngeren Forschungsansätze müsse die Thematik in den Kontext einer über 100 Jahre zurückreichenden landesgeschichtlichen Reflexion gestellt werden, deren inhärente Politisierung gerade in den historisch umkämpften Grenzregionen besonders stark war und nur bedingt rezipierbare Ergebnisse hervorbrachte.

GESA WILANGOWSKI (Münster) eröffnete die erste Sektion „Umstrittene Grenzen. Raumkonstitution im Konflikt“ mit einem Beitrag zur Konstruktion von Grenzen in der Vertragsdiplomatie des ausgehenden Mittelalters am Beispiel von deutsch-französischen Friedensverträgen. Das Denken in Grenzen wurde erst dann virulent, wenn gewohnheitsmäßige Grenzen, die vor allem lehensrechtliche Bindungen betrafen, überschritten wurden. Der Vertrag an sich war kein zeitgenössisch vorgesehenes Medium der exakten Kartierung des Grenzverlaufs, vielmehr ging es um die Herstellung eines befriedeten Raums. Anschließend stellte MARTIN BERTHOLD (Potsdam) einen lokalen Disput um eine Waldung auf der brandenburgisch-sächsischen Grenze des 17. und 18. Jahrhunderts vor. Die Gegensätzlichkeit parallel bestehender herrschaftlicher Vorstellungen vom Grenzverlauf führte mitunter zu zerstörerischen Unternehmungen im Grenzraum wie der Abholzung von Bäumen mit Grenzmarkierungen. MARCUS PYKA (Lugano) referierte über das wenig erforschte Grenzgebiet zwischen dem Tessin und der Lombardei. Er problematisierte den zuweilen unspezifischen und wenig verbindlichen Charakter früher Grenzziehungen und zeigte die fortschreitende Professionalisierung von Praktiken der Grenzsetzung, speziell im Falle des italienisch-schweizerischen Grenzverlaufs, der durch den Luganersee unterbrochen wurde. Den ersten Workshoptag beendete ANDREAS RUTZ (Münster / Bonn) mit einem Abendvortrag zur Konstituierung von Herrschaftsräumen. Leitgedanke des Vortrages war, dass die Schaffung vormoderner Räume sich nicht in einer bloßen Grenzziehung erschöpfte, sondern durch die Inszenierung zentraler territorialer Orte komplementiert wurde. In diesem Zusammenhang schlug der Referent ein vier Modi umfassendes Ordnungsmodell zur Beschreibung von Grenzen vor, die nämlich verbalen, materiellen, symbolischen und kartografischen Ausdruck hätten erlangen können. Besondere Beachtung schenkte Rutz der Quellengattung Karten, da diese durch die sukzessive Ablegung ihrer symbolischen wie illustrativen Zweckbestimmung im Laufe der Jahrhunderte einem Funktionswandel unterlegen hätten und geradezu zu Leitmedien avanciert seien.

Den Auftakt des zweiten Workshoptages und zugleich der zweiten Sektion „Konstruktionen des Grenzraums. Medien und Praktiken“ unternahm MARTIN UHRMACHER (Luxemburg) mit einem Beitrag zum herzoglich-luxemburgischen und erzstiftisch-trierischen Grenzraum im späten 17. Jahrhundert. Den Fokus richtete er auf die Potenziale des Mediums Karte, das in stark fragmentierten Räumen wie Luxemburg an Darstellungsgrenzen geriet, aber auch auftragsmäßige Vorgriffe seitens der Großmächte auf Grenzgebiete integrieren konnte. Uhrmacher wies auf die Bedeutung von Gebrauchskontexten für die Untersuchung von Altkarten hin und zeigte am Beispiel der ‚Großregion‘, dass wirtschaftliche Bindungen zumeist ausschlaggebend für das Denken in Grenzen waren. JORT BLAZEJEWSKI (Trier) widmete sich in seinem Beitrag der 1789 einsetzenden, revolutionsbedingten Emigration nach Trier und Luxemburg. Aufgrund ihrer geographischen Lage an der französischen Nordost-Grenze dienten diese Städte sowohl als Refugien wie als Relaisstationen auf längeren Fluchtwegen. Mithin hätten Luxemburg und Trier neben dem Emigrantenzentrum Koblenz zur Formierung eines gegenrevolutionären Grenzraumes beigetragen, der sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite stark wahrgenommen wurde. In der dritten Sektion „Grenzziehungen. Verräumlichung und Repräsentation von Herrschaft“ wandte CAMILLE CRUNCHANT (Nancy) sich der Funktionsentwicklung von Grenzen im lothringischen Raum als „territoire de passage“ zu. Die militärische Festlegung von Trennlinien wich hier im 18. Jahrhundert der diplomatisch-administrativen Aushandlung von Grenzen, die unter anderem durch ein sogenanntes „Bureau des limites“ geführt wurden. Prägend für die Region seien seit jeher die durch Herrschaftswechsel bedingten Grenzverschiebungen gewesen. SASCHA STANDKE (Göttingen) befasste sich mit einem Grenzstreit im nordwestdeutschen Raum zwischen Hannover und Corvey im späten 16. Jahrhundert. Anhand von fünf komplementären Karten veranschaulichte er den mehrstufigen Aushandlungsprozess über die jeweils umstrittenen Ämtergrenzen durch eine eigens eingesetzte Kommission. Er lieferte dabei ein frühes und gut dokumentiertes Beispiel für lokal spezifische und zunehmend professionelle Grenzaushandlungen. Im Fokus von DANIEL KAUNEs (Hannover) Vortrag stand das Fallbeispiel einer Augenscheinkarte im Bestand einer Reichskammergerichtsakte mit Zeugenverhörrotulus aus dem 16. Jahrhundert. Kaune zeigte die Nutzung des Augenscheins als Instrument der Beweisfindung während des Prozesses. Sie ist nicht nur eine Referenz im Dissens, sondern zweckmäßiger und höchst situativer Teil der Verhörtaktik. Die Karte diente weniger der Dokumentation eines angeblichen Normzustandes als der Beeinflussung innerhalb der Zeugenbefragung.

Die letzte Sektion „Konfessionsgrenzen? Religiöse Praxis in Grenzräumen“ lenkte den Blick auf die Bestimmungsmodalitäten konfessioneller und damit oftmals auch territorialer Grenzen. THOMAS RICHTER (Aachen) befasste sich mit einem bemerkenswerten Grenzstreit zwischen der katholischen Reichsstadt Aachen und der den Generalstaaten zugehörigen reformatorischen Gemeinde Vaals in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der sich als kapitaler Disput um konfessionelle Hoheit entpuppte. Die gemeinsam genutzte und auf beiden Territorien stehende Kirche stand im Mittelpunkt der Streitigkeiten. Die abschließende Grenzziehung mitten durch das Pfarrhaus schaffte eine vermeintliche Einigung: die Kirche durfte nur noch der protestantischen Kultausübung dienen, der katholische Pfarrer Aachens behielt dafür sein Domizil. Die Grenzziehung provozierte eine massive Abwanderung reformierter Aachener in die niederländische Gemeinde. PHILIPP ZWYSSIG (Bern) zeigte am Beispiel des konfessionell geprägten Graubündens, dass Konfessionsgrenzen keine festgeführten Demarkationslinien waren, sondern im Verlauf des 17. Jahrhunderts über Frömmigkeitsbekundungen gefestigt wurden. Grenzimplementierung vollzog sich über die materiell geprägte Sakrallandschaft sowie über die religiöse Praxis.

In der Abschlussdiskussion bestand Konsens darüber, dass die Behandlung von Grenzen in der Vormoderne zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit einem komplexen Spektrum an Raumdarstellungen führt, das wiederum nach einem multiperspektivischen, das heißt konfessionellen, politischen, kulturellen und technischen Analyseansatz verlangt. Darüber hinaus gewährt die punktuelle Beschäftigung mit Grenzen Aufschlüsse über spezifische Raumwahrnehmungen und Raumwissen. Bei einer Grenze handelt es sich demnach in vielen Fällen keineswegs um einen fest definierten Begriff, sondern vielmehr um eine Projektion, die zu bestimmten Zeitpunkten und Anlässen unterschiedlichen Interpretationen unterlag. Die Beiträge des Workshops bestätigten durchgängig das Spannungsfeld zwischen ideeller und imaginativer Raumvorstellung auf der einen und normativen Regelungen auf der anderen Seite. Von einer linearen Genese von Grenzräumen kann bis weit ins 18. Jahrhundert kaum die Rede sein. Zumindest inmitten kleiner bis kleinster geographischer Konstellationen bildeten sich Grenzen bis zum Ende der Epoche vielmehr durch eine komplexe Verschränkung genossenschaftlicher Praxis und herrschaftlicher Setzung heraus. Angesichts der bevorstehenden Publikation der Bonner Habilitationsschrift Rutz‘ über „Grenzen in der Frühen Neuzeit“ darf man auf eine weitere Systematisierung des komplexen Themas gespannt sein.

Konferenzübersicht:

Stephan Laux / Maike Schmidt (Trier), Begrüßung und Einführung

Panel 1: Umstrittene Grenzen. Raumkonstitution im Konflikt

Gesa Wilangowski (Münster), Grenzen aus Tinte. Konstruktion und Dekonstruktion von Grenzen im Kontext spätmittelalterlicher Vertragsdiplomatie

Martin Berthold (Potsdam), Leben an und mit der Grenze

Marcus Pyka (Lugano), Border or Frontier? Die Grenze zwischen Tessin und Lombardei zwischen symbolischer Machtdemonstration und praktischer Unsichtbarkeit im Alltag

Petra Schulte (Trier), Kommentar und Plenum

Abendvortrag
Andreas Rutz (Münster / Bonn), Herrschaft durch Beschreibung. Grenzen und politische Räume in der Vormoderne

Panel 2: Konstruktionen des Grenzraums. Medien und Praktiken

Martin Uhrmacher (Luxembourg), Karten als Träger von Raumwissen − Der Grenzsaum zwischen dem Herzogtum Luxemburg und dem Erzstift Trier im Bild historischer Karten der frühen Neuzeit

Jort Blazejewski (Trier), Flucht in einen Grenzraum. Emigranten der Französischen Revolution zwischen Trier und Luxemburg

Stephan Laux (Trier), Kommentar und Plenum

Panel 3: Grenzziehungen. Verräumlichung und Repräsentation von Herrschaft

Camille Crunchant (Nancy), De la frontière-zone à la frontière-ligne: de l‘invisible au représenté (1552-1789)

Sascha Standke (Göttingen), Die Transformation der Raumfigur Grenze vom Grenzsaum zur Grenzlinie in Nordwestdeutschland

Nikolaus Ruge (Trier), Kommentar und Plenum

Daniel Kaune (Hannover), Augenzeugen und Augenschein im Prozess – ein Zeugenverhör-Rotulus des Reichskammergerichts im Spiegel seiner Augenschein-Karte (1553-1555)

Panel 4: Konfessionsgrenzen? Religiöse Praxis in Grenzräumen

Thomas Richter (Aachen), Die politische Grenze als konfessioneller Grenzfall. Das Beispiel einer Grenzverschiebung zwischen Reichsstadt Aachen und den Generalstaaten (1661-1664)

Philipp Zwyssig (Bern), Die Vormauer Italiens. Zur kulturellen Repräsentation eines konfessionellen Grenzraums (17. und 18. Jahrhundert)

Helga Schnabel-Schüle (Trier), Kommentar und Plenum

Andreas Rutz (Münster / Bonn), Schlussbemerkung

Zitation
Tagungsbericht: Grenzraum und Repräsentation. Impulse zum Verständnis spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Vorstellungs- und Darstellungswelten, 05.03.2015 – 06.03.2015 Trier, in: H-Soz-Kult, 12.06.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6020>.