Wenn die Humanwissenschaften die Alpen befragen. Rückblick und neue Forschungsperspektiven

Ort
Luzern
Veranstalter
Luca Mocarelli / Luigi Lorenzetti, Internationale Gesellschaft für Historische Alpenforschung (IGHA)
Datum
08.05.2015 - 09.05.2015
Von
Heinz Nauer, Historisches Seminar, Universität Luzern

“Die historischen Forschungen, Publikationen und Kongresse zu den Alpen haben in den letzten Jahrzehnten laufend zugenommen und den grossen Gebirgsraum Europas zu einem neuen Arbeitsfeld der internationalen Geschichtswissenschaft werden lassen.”[1] So beginnt ein Manifest, das 1995 in Luzern von Historikern und Historikerinnen aus allen Alpenanrainerstaaten plus Grossbritannien anlässlich der Gründung der „Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung (IGHA)“ verfasst wurde. Die IGHA, welche ihr Zentrum an der Università della Svizzera italiana im Tessin hat, blickt mittlerweile auf ein zwei Dekaden umfassendes Bestehen zurück. Eine internationale und mehrsprachige Tagung nahm das Jubiläum zum Anlass, um nach vorne zu blicken und neue Forschungstendenzen in der historischen Alpenforschung zu diskutieren.

Ein erster Teil der Tagung widmete sich einer Auswahl von aktuellen Forschungsprojekten von Doktorierenden und Postdocs. Ein Schwerpunkt lag auf der Interaktion zwischen den endogenen und exogenen Faktoren der alpinen Geschichte, ein anderer auf den Vorstellungen von Alpen und ihren Beziehungen zur individuellen und kollektiven Lebenswirklichkeit. Die Vorträge waren hinsichtlich untersuchter Zeitperiode und geographischem Untersuchungsraum breit gestreut und reichten von Handelsnetzwerken von Tessiner Familien in Deutschland im 18. Jahrhundert, über die historische Konstruktion der Genferseeregion als „alpine Region“ um 1800, bis zum Einfluss der Alpenreisen von europäischen Monarchen auf die Entwicklung des alpinen Tourismus im 19. Jahrhundert.

Ein zweiter Teil der Tagung betrachtete die Akteure der Alpenforschung, insbesondere die Rolle der wissenschaftlichen Zeitschriften. RENÉ FAVIER (Grenoble), Gründungsmitglied der IGHA, blickte auf die Geschichte der Zeitschrift „Histoire des Alpes“ zurück, welche seit 1996 jährlich erscheint. Er betonte die von Beginn an gepflogene Vielsprachigkeit der Zeitschrift, welche Aufsätze in Deutsch, Französisch, Italienisch und – weit seltener – Englisch publiziert – jeweils mit Zusammenfassungen in einer anderen Sprache des Alpenraums sowie Englisch. Favier teilte die Entwicklung der Zeitschrift, quasi als Pars pro Toto für die Forschungstätigkeit der IGHA, in verschiedene Phasen ein. In einer ersten Phase habe sich die Zeitschrift vor allem einzelnen ausgewählten Regionen im Alpenraum gewidmet. Darauf sei eine räumliche Erweiterung erfolgt und zunehmend auch Vergleiche mit anderen Bergregionen der Welt mit einbezogen worden, so Favier. In einer zweiten Phase habe eine Öffnung hin zu neuen – und durchaus auch vom öffentlichen Diskurs inspirierten – Fragestellungen stattgefunden, was sich in verschiedenen thematischen Bänden äussere, etwa zum Thema Migration (2009) oder natürlichen Ressourcen (2014), welche in den vergangenen Jahren erschienen sind.

Ein dritter Teil der Tagung beschäftigte sich mit den Haupttendenzen der aktuellen Forschung auf verschiedenen Massstabsebenen – regional oder national, alpenweit und mit Blick auf die Berggebiete verschiedener Kontinente und des ganzen Planeten. Im eingangs erwähnten Manifest von 1995 hiess es: „Als Bezugspunkt [der Forschung der IGHA] kommen der Alpenraum und das umliegende Flachland, in zweiter Linie auch weitere europäische und aussereuropäische Gebirge in Betracht.” Die globale Dimension war also bereits ganz zu Beginn der Gesellschaft vorhanden, zumindest als „Nebengleis“, wie JON MATHIEU (Luzern) sagte. Mathieu schilderte in seinem Referat, wie die Auseinandersetzung mit der globalen Dimension seit der erstmaligen Teilnahme an der Weltkonferenz der internationalen Gesellschaft für Wirtschaftsgeschichte 2002 in Buenos Aires innerhalb der Tätigkeiten des IGHA eine gewisse Kontinuität erreichte.

Die „Global history“ als Herausforderung für die historische Alpenforschung spielte bei mehreren Referenten eine zentrale Rolle. LUCA MOCARELLI (Mailand) skizzierte in seinem Referat die „Global history“ als einen möglichen Weg, die alpine Wirtschaftsgeschichte neu zu denken und betonte das Potential eines komparativen Ansatzes, bei welchem Gebirgsregionen der ganzen Welt miteinander verglichen werden. Allerdings sollten die Gebirgsregionen nicht von vornherein als geschlossene Einheiten betrachtet, sondern vielmehr in Beziehung mit dem umliegenden Tiefland analysiert werden, so Mocarelli. Wie und in welchem Mass haben die Gebirgsregionen der Welt zur Entwicklung der, zumeist im Tiefland liegenden, industrialisierten Zentren beigetragen? Vertreter der historischen Alpenforschung werden diese und andere Fragen diesen Sommer in Kyoto am 17. Weltkongress der internationalen Gesellschaft für Wirtschaftsgeschichte diskutieren.

Zwischen Regionalstudien, wie sie mehrere der Doktoranden und der Postdocs an der Tagung präsentierten, und Studien, welche den gesamten Alpenraum in den Blick nehmen oder gar einen globalen Zugang wählen, besteht eine gewisse Spannung. ANNE-LISE HEAD-KÖNIG (Genf) stellte in ihrem Referat fest, dass nur sehr wenige Historiker sich mit dem Alpenraum als Ganzem beschäftigen und fragte, ob die historische Alpenforschung die regionale Dimension überhaupt jemals verlassen habe. Als Beispiel für den Regionalismus führte Head-König unter anderem die zahlreichen Schweizer Kantonsgeschichten an, welche in den letzten beiden Jahrzehnten erschienen sind. PATRICK KUPPER (Innsbruck) sagte, an die Ausführungen von Head-König anschliessend, dass sich der regionale Ansatz mit der alpinen Dimension kombinieren lasse und machte den Vorschlag, dass die einzelnen Aufsätze der Zeitschrift „Histoire des Alpes“ stärker als bisher auch die alpine Region als Ganzes reflektieren und integrieren sollten. Wie einige seiner Vorredner sprach auch Kupper den allgemeinen Trend hin zur „Global history“ an. Er regte an, die englische Sprache in der historischen Alpenforschung künftig stärker zu pflegen. Erstens würde die Multilingualität Forscher aus dem angelsächsischen Raum entmutigen, sich in die Diskussion einzubringen und zweitens seien Publikationen in Englisch unabdingbar, wenn man im Feld der „Global history“ wahrgenommen werden möchte.

In diesem Zusammenhang sei zum Abschluss nochmals das Manifest von 1995 zitiert, wo es heisst: „Die Internationale Gesellschaft für historische Alpenforschung richtet sich mit ihren Absichten und Angeboten an alle Personen und Institutionen, die sich inner- oder ausserhalb des Alpenraums auf wissenschaftliche Weise mit der alpinen Geschichte auseinandersetzen.“

Konferenzübersicht:

Luca Mocarelli (Mailand, I), Introduzione: rinnovare o ripensare la storia delle Alpi?

I. Neue Wege der Forschung. Die Alpen zwischen endogener und exogener Dynamik

Ines Begus (Primorska, SL), Autonomia delle comunità rurali nelle Alpi orientali. Le Valli del Natisone nella Repubblica di Venezia

Francesca Chiesi Ermotti (Genf, CH), Partir pour rester. Dialogue entre transnationalisme et localité dans le cas d`une famille de marchands alpins (18e siècle)

Cécile Combal (Grenoble, F), L`industrie de l`aluminium : une nouvelle structuration démographique et foncière pour les territoires montagnards

Daniela Delmenico (Mendrisio, CH), Autorità comunali e turismo alpino, tra azioni e mediazioni. Gli esempi di Champéry (Vallese) e Madesimo (Valchiavenna), 1870-1970

Gertrud Margesin (Innsbruck, A), Höfe ohne Männer – Die Kriegserfahrungen von Frauen im Kronland Tirol

Gauro Coppola (Trento, I), Diskussion

II. Die Akteure der Alpenforschung: Welche Rolle spielen die Zeitschriften?

René Favier (Grenoble, F), „Histoire des Alpes – Storia delle Alpi – Geschichte der Alpen”: un parcours en devenir

Anne Sgard (Genf, CH), La „Revue de géographie alpine“: un regard centenaire sur les Alpes et les montagnes

Andrea Bonoldi (Trento, I), „Geschichte und Region – Storia e regione”: le dialogue à cheval des Alpes

III. Neue Forschungstendenzen: die Alpen zwischen Vorstellung und Lebenswirklichkeit

Jordan Girardin (St Andrews, UK), Créer une région alpine: la construction mentale de l`espace alpin dans la région lémanique (1750-1830)

Eva Bachmann / Ursula Butz (Luzern, CH), Majestätische Berge ? Monarchie, Ideologie und Tourismus im Alpenraum 1760-1910

Lorenza Gasparella (Rom, I), Portolani Alpini. Immaginazone, immaginario e immagini delle Alpi

Giulia Fassio / Roberta Zanini (Turin, I), Cambiamenti demografici e linguistici in due comunità walser piemontesi: uno sguardo antropologico

Aleksander Panjek (Primorska, SL), Diskussion

Andrea Caracausi / Luca Mocarelli (Padua / Mailand, I), L`AIHA et la divulgation: une expérience avec Wikipedia

IV. Massstäbe der historischen Alpenforschung: die Perspektive der Internationalen Gesellschaft für historische Alpenforschung

Anne-Lise Head-König (Genf, CH), Die regionale Dimension

Patrick Kupper (Innsbruck, A), Die alpine Dimension

Jon Mathieu (Luzern, CH), Die globale Dimension

Anmerkung:
[1] Das Manifest wurde in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Histoire des Alpes“ 1996 veröffentlicht: <http://retro.seals.ch/digbib/view?pid=hda-001:1996:1::99> (2.6.2015). Die Zeitschrift ist auf der Plattform <retro.seals.ch> (2.6.2015) im Volltext online zugänglich (nicht die neusten drei Jahre).

Zitation
Tagungsbericht: Wenn die Humanwissenschaften die Alpen befragen. Rückblick und neue Forschungsperspektiven, 08.05.2015 – 09.05.2015 Luzern, in: H-Soz-Kult, 13.06.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6021>.