Spaniens Städte – Moderne Urbanität seit 2000 Jahren (II): Mittelalter und Frühe Neuzeit

Ort
Hamburg
Veranstalter
Sabine Panzram, Universität Hamburg / Eduardo Manzano Moreno, CSIC Madrid, Toletum. Netzwerk zur Erforschung der Iberischen Halbinsel in der Antike – Network para la investigación sobre la Península Ibérica en la Antigüedad
Datum
16.04.2015 - 17.04.2015
Von
Dominik Kloss / Sabine Panzram, Seminar für Alte Geschichte, Universität Hamburg

Das Warburg-Haus in Hamburg hat sich unter der Ägide des DFG-geförderten Forschungsnetzwerkes TOLETUM in den letzten fünf Jahren wiederholt zu einer Anlaufstelle des zur Iberischen Halbinsel im Altertum arbeitenden wissenschaftlichen Nachwuchses entwickelt und fruchtbaren Debatten Raum gegeben. Um darüber hinaus eine breitere interessierte Öffentlichkeit an den Ergebnissen der aktuellen Spanienforschung teilhaben zu lassen, organisierte es im Sommersemester 2014 in Kooperation mit dem Instituto Cervantes Hamburg eine Vorlesungsreihe zu „Spaniens Städten – Moderne Urbanität seit 2000 Jahren (I): Antike“, die inzwischen auch publiziert vorliegt.[1] Diese fand nun ihre Fortsetzung in einem Studientag, der neben der Spätantike auch das Mittelalter und die Frühe Neuzeit in den Blick nahm und mit einem Abendvortrag von EDUARDO MANZANO MORENO (Madrid) im Instituto Cervantes eingeleitet wurde, in dem er die vermeintlich einträchtige convivencia von Christen, Muslimen und Juden aus einer rezeptionsgeschichtlichen Perspektive thematisierte und zu den bedenkenswerten Schlussfolgerungen kam, dass zur Zeit in Spanien selbst ein diametral entgegengesetztes Geschichtsbild Konjunktur habe und in der islamischen Welt vorzugsweise die Eroberung von Al-Andalus erinnert werde.

Die Forschungen der letzten drei Jahrzehnte – die Resultate der Stadtarchäologie und ein Paradigmenwechsel in der Periodisierung – haben nämlich unser Bild von Städten, die dekadent der „Krise des 3. Jahrhunderts“ erlagen, infolge die Einfälle der „barbarischen“ Invasionen erlitten und schließlich von den Westgoten zerstört wurden, grundlegend modifiziert: Aus der Perspektive der Altertumswissenschaften war die Stärke und Bedeutung der Städte als Herrschaftsträger bis zum Jahre 711 ungebrochen. Nicht Niedergang, sondern Transformation charakterisierte ihre Urbanistik, nicht Wandel, sondern Kontinuität die Funktionen, die ihre sozialen Eliten wahrnahmen. Denn das Ziel der „Barbaren“ war mitnichten die kurzfristige Zerstörung der Städte, Institutionen und Gesellschaft gewesen, sondern vielmehr eine langfristige Integration; sie behielten traditionelle Formen bei und passten diese in den sich wandelnden Handlungszusammenhang ein. Insofern scheint es an der Zeit, nach den Konsequenzen dieser Neubewertung des (spät-)antiken Städtewesens für die folgenden Epochen zu fragen, wie SABINE PANZRAM (Hamburg) einleitend konstatierte: Wenn die Araber, die im Jahre 711 unter Führung von Tariq ibn Ziyad die Meerenge überquerten, sich offenbar mit einem nach wie vor intakten römischen Städtewesen konfrontiert sahen, dann ist die Blüte des arabischen Städtewesens von Al-Andalus im 8./9. Jh. nicht ohne eine Nutzung der römischen Infrastruktur vorstellbar. Welches Verständnis von Stadtentwicklung dominierte also in den folgenden Epochen: Empfanden Zeitgenossen Veränderungen im öffentlichen Raum, in der Bauornamentik oder Bildsymbolik als Wandel, Diskontinuität oder gar als Bruch mit der Tradition, sprich: als Modernität? Und wie verhielt es sich hinsichtlich der Funktion unterschiedlicher Stadttypen: Inwiefern behielt eine Hafenstadt (wie z.B. Cádiz) ihre Funktion unabhängig von dem Herrschaftsgefüge, in das sie sich einordnen musste?

Schlaglichter vorzugsweise auf Wandel in den städtischen Lebenswelten noch in der Spätantike – zwischen dem 4. und 6. Jh. – warf zunächst GISELA RIPOLL LÓPEZ (Barcelona), indem sie die verschiedenen textlich überlieferten Begriffskategorien, die auf bauliche Strukturen von Städten hinweisen, mit archäologischen Befunden verknüpfte. Wenig überraschend weisen Bezeichnungen wie episcopium, parrochia, ecclesia, coemeterium oder xenodochium darauf hin, dass die frühkirchliche Organisation mit Begleiterscheinungen wie Märtyrerkult und Pilgerwesen eine wichtige Stellung innerhalb des städtischen Lebens einnahm. Eine entsprechende Neuausrichtung des Stiftungswesens der lokalen Eliten war vielerorts die logische Konsequenz. Aneignungen respektive Umnutzungen antiker Strukturen finden sich darüber hinaus an vielen Stellen, an denen Kirchen in ehemaligen Tempeln und Spielstätten errichtet wurden (Tarraco), Häuser auf vormaliges Straßenareal ausgriffen (die domus von Bisbe Caçador in Barcino) oder Befestigungsanlagen ältere Forumsbebauung umwidmeten (Pollentia). Infolge äußerte sich JAVIER ARCE MARTÍNEZ (Lille) in einer Fallstudie zu Fragen der Urbanistik von Toletum und Reccopolis. Sicher habe Toletum als urbs regia des Westgotenreiches seine hauptstädtische Funktionen stets beibehalten, und zwar auch nach der Gründung des 120 Kilometer nordöstlich auf einem befestigten Plateau gelegenen Reccopolis. Die Funktion dieser Stadt des Rekkared bleibe ihm jedoch ein Rätsel – das so genannte palatium will er als Speicher interpretiert wissen und sprach sich mithin gegen eine Deutung der Stadt als Residenz aus.

ISABEL TORAL-NIEHOFF (Göttingen) setzte sich in ihrem Überblicksvortrag mit der Frage nach dem analytischen Wert einer Kategorisierung von Städten als „islamisch“ auseinander. Das unter anderem von Jean Sauvaget (1901-1950) und Henri Pirenne (1862-1935) geprägte Konzept, welches gerade für den Nahen Osten vielfach Brüche zur städtischen Entwicklung vorangegangener Epochen implizierte, werde aufgrund seines kolonialistisch-eurozentrischen Hintergrunds aktuell kritisch hinterfragt. Sicher habe es das gleichsam als typisch islamisch verstandene „Sackgassen“-Straßensystem gegeben, wie es sich etwa in Córdoba erhalten habe, aber eben auch andere Formen. Die Iberische Halbinsel prägen Kontinuitäten ebenso wie Diskontinuitäten, und zwar hinsichtlich der Anlage wie der Bedeutung von Städten: Erstere dominierten vor allem im Nordosten und mithin in Städten wie Zaragoza oder Tarragona, letztere im Zentrum – hier wäre Toledo zu nennen, aber auch Neugründungen wie Guadalajara. ENEKO LÓPEZ MARTÍNEZ DE MARIGORTA (Madrid) präsentierte als Fallbeispiel für „arabisierte“ Städte in Al-Andalus die nordwestlich des heutigen Golfes von Almería gelegene Region Kūra de Ilbīra, die durch ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse für die Umayyaden eine wichtige Einnahmequelle darstellte. War jene Region zunächst durch eine dezentralisierte militärische Kontrolle geprägt, wuchs ihr in der Stadt Madīnat Ilbīra im 9. Jh. ein Verwaltungszentrum (Alcazaba) heran, das durch Neubauten, Siedlungskonzentration und die Anlage einer muslimischen Nekropole geprägt wurde, ehe es sich seinerseits ins unweit gelegene Granada verlagerte. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch in älteren, aber erst unter islamischer Oberhoheit erweiterten Städten erkennen.

Für die im Folgenden in den Blick genommenen Jahrhunderte entfiel der von Barbara Schlieben (Berlin) angekündigte Überblick leider. Inwieweit Städte in Al-Andalus ihr Erscheinungsbild im Zuge der beiden größeren erfolgreichen Phasen der christlichen Reconquista verändert haben, hinterfragte MATTHIAS MASER (Erlangen) am Beispiel von Toledo und Sevilla. Dass diese „eroberten Städte“ nach 1085 respektive nach 1248 massive Bevölkerungsrückgänge erlebten und anschließend als grenznahe Orte stark militarisiert und vornehmlich von einem agrarisch geprägten Kriegeradel beherrscht blieben, stellte dabei allerdings nur einen Aspekt dar. Materielle, soziale und bedingt auch institutionelle Kontinuitäten waren etwa in Toledo noch lange nach der muslimischen Kapitulation sichtbar: So wurden Moscheen und andere Bauten erst im 14. Jh. abgerissen, um neue Platzsituationen zu schaffen, während den Toledaner Mozarabern schon 1101 deren Grundbesitz per königlichem Edikt garantiert worden war. Letztlich fand auch die islamische Rechtspraxis im Amt des Alkalden eine dauerhafte Fortsetzung.

In die Frühe Neuzeit führte sodann ANTONIO IRIGOYEN LÓPEZ‘ (Murcia) Charakterisierung der kastilischen Städte unter dem Antiguo Régimen. Gemäß dem Diktum des Isidor von Sevilla, dass Städte mehr durch die ihnen innewohnenden Menschen als durch ihre verbauten Steine gekennzeichnet seien, bemühte er zunächst statistisches Material, um den signifikanten Zuwachs an Städten – Ansiedlungen mit mehr als 5.000 Einwohnern – im frühneuzeitlichen Spanien insgesamt festzuhalten. Neben der Bevölkerungszahl allein, die für Kastilien hingegen eher einen Rückgang der städtischen Entwicklung in dieser Epoche vermuten lasse, könnten Bevölkerungsdichte, Gewerbevielfalt und in diesem Kontext insbesondere die baulich-institutionelle Präsenz der katholischen Kirche zusätzlich auswertbare Informationen bieten. Anhand antiquarischer Quellen wie Stadtansichten sei so etwa am Beispiel Toledos und entgegen der Forschungsmehrheit vielmehr eine Blüte kastilischer Städte vor dem 18. Jh. zu attestieren. Im Laufe des 16. Jh. erlebte dagegen der spanische Atlantikhafen Cádiz bereits einen großen Entwicklungsschub, mit dessen diachroner Rolle für „Silber und Seehandel“ sich KLAUS WEBER (Frankfurt an der Oder) ausschließlich befasste; der reizvolle Vergleich mit Madrid musste leider entfallen. Die wirtschaftsstrategisch günstige Lage des Ortes, der – neben Sevilla – die Warenströme zwischen den amerikanischen Besitzungen und den mittel- und nordeuropäischen Handelspartnern Spaniens kanalisierte, sorgte eben auch für ein kosmopolitisches Klima in dieser Stadt, deren Einbindung in das mediterrane Handelsgefüge offenbar von der Forschung bisher unterschätzt wurde.

Die Schlussbetrachtung von HORST PIETSCHMANN (Hamburg) zielte insbesondere auf das Wirken und mithin auch die Funktion von humanistischen Gelehrten wie zum Beispiel Hieronymus Münzer (1437/47?-1508) für die überregionale Rezeption der Städte Spaniens am Beginn der Frühen Neuzeit. Jedenfalls hat dieser Versuch eines strukturellen Vergleichs zwischen unterschiedlichen Epochen deutlich gezeigt, dass sich die Iberische Halbinsel aufgrund kontinuierlicher Inbesitznahmen (unter anderem durch Römer, Goten, Araber) wie keine andere Region des westlichen Mittelmeerraums für einen Vergleich bzw. eine Gegenüberstellung anbietet. Die Überblicksvorträge und Fallstudien aus der Spätantike, dem arabisch-christlichen Mittelalter und der Frühen Neuzeit sollten Ausgangspunkt einer Diskussion zwischen Althistorikern, Archäologen, Islamwissenschaftlern und Historikern sein, differenzieren helfen und auf Analogieschlüssen beruhende generalisierende Erklärungen zurückweisen. Die geplante Publikation wird diese Diskussion fortführen.

Konferenzübersicht:

Eduardo Manzano Moreno (Madrid), La España de las tres culturas: ¿mito o realidad? Sobre la convivencia de cristianos, árabes y judios en el mundo urbano medieval de la Península Ibérica

Sabine Panzram (Hamburg) / Eduardo Manzano Moreno (Madrid), Begrüßung und Einführung in die Thematik „Towns in Transition“ – Zum Stand der Städteforschung in Spätantike und Mittelalter

Die Stadt in Spanien (4.-7. Jh.)

Gisela Ripoll López (Barcelona), La transformación de la ciudad entre los siglos IV y VI en Hispania

Javier Arce Martínez (Lille), Reccopolis y Toletum

Die Stadt in Al-Andalus (8.-10. Jh.)

Isabel Toral-Niehoff (Göttingen), Gibt es eine islamische Stadt?

Eneko López Martínez de Marigorta (Madrid), La creación de la ciudad como base de la islamización social en el Sudeste de al-Andalus en el periodo omeya

Die Stadt im Gebiet der Reconquista (11.-14. Jh.)

Matthias Maser (Erlangen), Eroberte Städte. Integration und Transformation von Städten im christlichen Expansionsraum

Die Stadt in den Hispaniae (15.-18.Jh.)

Antonio Irigoyen López (Murcia), Ciudades castellanas en el Antiguo Régimen

Klaus Weber (Frankfurt an der Oder), Cádiz und Madrid im 17. und 18. Jh. – die kosmopolitische Seehandelsstadt und das Machtzentrum im kastilischen Hochland

Horst Pietschmann (Hamburg), Schlussbetrachtung

Anmerkung:
[1] Siehe <http://www.toletum-network.com/blog/?page_id=4015#a3> (12.06.2015).

Zitation
Tagungsbericht: Spaniens Städte – Moderne Urbanität seit 2000 Jahren (II): Mittelalter und Frühe Neuzeit, 16.04.2015 – 17.04.2015 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 24.06.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6038>.