History of Heralds in Europe (12th-18th c.): State of the Art and New Perspectives II

Ort
Münster
Veranstalter
Workshop „History of Heralds“
Datum
25.03.2015 - 27.03.2015
Von
Elmar Hofman, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Der zweite Teil des Workshops “History of Heralds”, der vom 25. bis 27. März 2015 in Münster stattfand, knüpfte an die vorläufigen Ergebnisse und Perspektiven aus dem Vorjahr an.[1] Erneut stand die kollaborative Arbeit an einem Buchprojekt im Mittelpunkt, das den bisherigen Forschungsstand zum Heroldsamt zusammenfassen und um innovative, differenzierte Perspektiven erweitern soll. Anlass dazu gab die Beobachtung, so TORSTEN HILTMANN (Münster), dass das Heroldsamt als historisches Phänomen bislang missverstanden worden sei: Die traditionelle Auffassung, dass sich Herolde fast ausschließlich mit Heraldik befassten, sei falsch. Die Referentinnen und Referenten konnten auch in diesem Jahr eindrucksvoll aufzeigen, dass das Heroldsamt in Mittelalter und Frühneuzeit tatsächlich eine wesentlich komplexere historische Entwicklung nahm, die von vielfältigen Aufgaben und Fertigkeiten sowie markanten zeitlichen und räumlichen Unterschieden geprägt war. Die Beiträge der internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen dabei neben der Wahrnehmung der Herolde durch ihre Zeitgenossen auch ihre Funktion im Umfeld der Mächtigen sowie ihre literarischen Interessen als Schriftsteller in den Blick.

In Diskussionsgruppen stand vor allen Dingen der gemeinsame Austausch über die Grundlagen einer neuen Geschichte der Herolde im Mittelpunkt. Da diese Geschichte nicht in einer Vielzahl von Aufsätzen in einem Sammelband, sondern in Form einer kollaborativen Monografie in Ko-Autorenschaft erzählt werden soll, beinhaltete der Workshop auch zwei Hands-On-Sessions, die in den Gebrauch digitaler Werkzeuge zum kollaborativen Schreiben und Kommunizieren einführen sollten.

WIM VAN ANROOIJ (Leiden) betrachtete im Eröffnungsvortrag die Haarlem-Tafeln, die auf 19 Paneelen (von insgesamt 30 Metern Länge) Abbildungen der holländischen Grafen von Dirk bis Maximilian zeigen und von einem Chroniktext begleitet werden. Dabei nimmt die Abbildung eines Herolds einen herausragenden Platz ein: Er eröffnet die Erzählung der Tafeln und spricht, einem Erzähler gleich, die Rezipienten in der ersten Person an. Auch in Abschriften des Chronik-Textes taucht dieser Herold immer wieder als “Erzähler” auf. Seine Rolle ist erstaunlich, denn die Chronik wurde keinesfalls von einem Herold verfasst, sondern vermutlich vom Karmeliten-Prior Johan Gerbranszoon van Leiden. Sollte der Herold dem Gesagten also Glaubwürdigkeit verleihen? Diese Überlegungen führten in der Diskussion auf das Verhältnis von Herolden und Geschichtsschreibung. Eine Aufgabe des Heroldsamtes sei es gewesen, die Taten ihrer Herren festzuhalten und bei entsprechender Gelegenheit zu erzählen. Ein Teilnehmer nuancierte in der anschließenden Diskussion, dass Herolde nicht Experten für Geschichte per se, sondern vor allem für Familie und Genealogie gewesen seien. So hätten im 15. Jahrhundert beispielsweise Herolde in England zunehmend das Schreiben von Familienchroniken übernommen.

Die Wahrnehmung von Herolden in den Chroniken des Jean Froissart untersuchte VINCENT BELLOY (Paris). Darin erscheinen Herolde vor allem als weitgereiste Boten und Überbringer mündlicher und schriftlicher Nachrichten in diplomatischer Mission. Dabei stellt Froissart immer wieder auch die Immunität der Herolde heraus. Das Wissen um Wappen habe den Herolden genützt, welche, nach dem letztlichen Scheitern aller Diplomatie, die Adligen unter den Toten auf dem Schlachtfeld zu identifizieren hatten. Belloy stellte vor allem die durchweg positive Darstellung des Heroldsamtes bei Froissart heraus. Einen möglichen Grund darin sah Belloy in ihrer Funktion als Gewährsleute für bestimmte Taten und Ereignisse, weshalb Herolde für Geschichtsschreiber wie Froissart eine beliebte Quelle dargestellt hätten. In der Diskussion wurde auch der Vortrag von Henri Simmoneau aus dem Vorjahr erneut aufgegriffen, der damals zeigen konnte, dass sich gerade mit den Werken Froissarts die zuvor eher negative Wahrnehmung der Herolde zum Positiven änderte.[2]

Einen theoretischen Zugriff auf den bereits zuvor immer wieder verwendeten Begriff der "Expertise" suchte PIERRE COUHAULT (Paris). Ausgehend von einer Definition des "Experten" unter den Gesichtspunkten des "Wissens", der "Anerkennung" und der "Konsultation", untersuchte Couhault, ob die Herolde im habsburgischen Spanien des 16. Jahrhunderts diese Kriterien eines "Experten" erfüllten. In Bezug auf "Wissen" führte er aus, dass sich Herolde als Bewahrer des Wissens um Wappen, adeliges Verhalten und letztlich ihr Amt selbst verstanden. Dies habe sich in legendenhaften Erzählungen über die Ursprünge ihres Amtes, in der Praxis der Ausbildung von Persevanten sowie in der Sammlung und Übersetzung von Texten ausgedrückt. Im Hinblick auf Anerkennung und Konsultation zeigte Couhault, dass Herolde durch Künstler und Historiker, aber auch durch Adelige zumindest bisweilen als "Experten" zu Rate gezogen wurden. Dies galt insbesondere für Fragen der Organisation von Zeremonien, genealogische aber auch heraldische Auskünfte. Allerdings verwies Couhault auch auf Zweifel an dieser Expertise. Manchmal hätten Herolde Wappen auch durchaus falsch wiedergegeben und seien auch nicht in jedem Fall für die Organisation und heraldische Ausgestaltung von Beerdigungen konsultiert worden.

MIGUEL METELO DE SEIXAS (Lissabon) untersuchte in der Folge die Aufgaben des Heroldsamtes am Hofe des portugiesischen Königs Manuel (1495-1521), das im europäischen Vergleich eine Sonderrolle einnimmt. Die messianischen Machtansprüche des Königs hätten sich auch in den Darstellungen seiner Wappen wiedergespiegelt. Davon ausgehend formulierte Metelo de Seixas die Frage, welche Rolle die Herolde bei dieser Darstellung königlicher Ansprüche hatten. König Manuel entsandte seine Herolde nach Europa, um mittels des gesammelten Wissens über die Heraldik anderer Länder Heroldsamt und Wappenwesen in Portugal zu reformieren. Dazu gehörte auch die Einführung neuer Strukturen für das Heroldsamt. Seitdem gab es drei Wappenkönige, deren Namen auf die drei Reiche des portugiesischen Königs verweisen (Portugal, Algarve und Indien), drei Herolde, deren Namen die drei Hauptstädte dieser Reiche darstellten (Lissabon, Silves, Goa), sowie drei Persevanten, deren Namen sich auf drei Dörfer bezogen (Santarém, Tavira/Ceuta, Cochim). Zwar entsprach diese Einteilung nicht realen politischen Strukturen, spiegelte aber politisch-symbolische Vorstellungen über das Königreich. Damit, so Metelo de Seixas, seien die Herolde im frühneuzeitlichen Portugal zugleich Teil des corpus mysticus des Königs gewesen.

MICHAEL GÖBL (Wien) befasste sich mit den Aktivitäten der Herolde im Heiligen Römischen Reich der Frühen Neuzeit. Dabei blickte er vor allem auf Krönungen und Bestattungen und legte anhand einer Reihe von Beispielen deren Rolle während dieser Zeremonien dar. Zeitgenössische Abbildungen zeigen die Herolde dabei in der Nähe des verstorbenen Kaisers, bekleidet mit einem Tappert mit dem kaiserlichen Wappen. Mitunter verteilten sie dabei auch Geld an die Zuschauer. Göbl interpretierte dieses Auftreten dabei als eine Manifestation der kaiserlichen Herrschaft auch über den Tod hinaus. Darüber hinaus hätten die Herolde kaum weitere Aufgaben gehabt. Die Repräsentation von Stärke und Einheit des Reiches stand im Mittelpunkt ihres Wirkens. In die Planung entsprechender Zeremonien, so scheint es, waren die Herolde im frühneuzeitlichen Reich nicht eingebunden.

JOSÉ ANTONIO GUILLÉN BERRENDERO (Madrid) schritt noch weiter Richtung Gegenwart und diskutierte die Wappenkönige Kastiliens und ihre Werke am Beispiel der Familie Guerra im 17. und 18. Jahrhundert. Berrendero argumentierte, dass die Wappenkönige, die nun zum Teil auch Universitätsabschlüsse vorzuweisen hatten, in ihren Chroniken und Adelstraktaten “imaginierte Gemeinschaften” erschaffen hätten und durch diese als “Akteure der öffentlichen Meinung” fungierten. Dies beleuchtete er am Beispiel von Juan Alfonso Sandoval, einem der bedeutsamsten spanischen Wappenkönige, der sich als äußerst produktiver Schriftsteller betätigte und zahlreiche Werke verfasst hat. Diese seien im Zusammenhang adeliger Repräsentations- und Legitimationszwänge zu verstehen, bei welchen die Werke von Wappenkönigen eine essenzielle Rolle gespielt hätten.

Am Hof von Savoyen, so THALIA BRERO (Genf), wurden Rituale im beginnenden 16. Jahrhundert immer bedeutsamer. Die fürstliche Macht sei ritualisiert worden, und als Zeremonienmeister nahmen Herolde hierbei eine zentrale Stellung ein. Sie wurden zu Spezialisten für Fragen des Zeremoniells schlechthin, wie Brero für den savoyischen Annunziaten-Orden aufzeigte, der den Herolden bedeutende Aufgaben bei der Durchführung des Ordenszeremoniells zukommen ließ. Der Hof von Savoyen im 16. Jahrhundert dürfe daher, so Brero, als goldenes Zeitalter politischer Zeremonie und gleichzeitig als goldenes Zeitalter der Herolde gelten, die bei diesen Zeremonien eine Zentralfunktion besaßen. Brero betonte zugleich, dass die savoyischen Herolde sich in dieser Zeit auch als eifrige Schriftsteller betätigt hätten. Am Beispiel des Archivs des Herolds Jean de Tournai, Wappenkönig Bonnes Nouvelles, konnte Brero die literarischen Interessen des Herolds aufzeigen, die sich zu einem guten Teil auf den Annunzianten-Orden und auf Zeremonien am savoyischen Hof selbst bezogen, aber auch genealogische Texte und Briefe und Informationen zu Zeremonien an anderen Höfen umfassten.

JEAN-CHRISTOPHE BLANCHARD (Nancy) befasste sich seinerseits mit dem literarischen Schaffen von Edmond de Boullay, der zu etwa der gleichen Zeit Herold am Hofe der Herzöge von Lothringen war. Einer normannischen Familie entstammend begann dieser seine Karriere als maître d’écoles und wurde später Persevant am Lothringischen Hofe, wo er wenig später geadelt und zum Herold erhoben wurde, um gegen Lebensende dann noch einmal in französische Dienste überzutreten. Auch er hat zahlreiche Texte von einer erheblichen inhaltlichen Bandbreite hinterlassen. Seiner schriftstellerischen Tätigkeit entsprangen Texte der höfischen Dichtung und religiöse-moralische Beiträge, historiographische und genealogische Texte, Texte zum lothringischen Wappen und zur Heraldik allgemein sowie zum höfischen Zeremoniell, wobei der Fokus hier vor allem auf Bestattungen lag.

Die Rolle von Herolden als Dienstleister unterstrich STEEN CLEMMENSEN (Farum) in seinem Vortrag zum Verhältnis von Herolden und Wappenbüchern. Dieses sei nämlich keineswegs untrennbar miteinander verbunden: Wappenbücher sind nicht immer von Herolden verfasst worden. Und auch die Motivation jener Herolde, die sich tatsächlich als Schreiber von Wappenbüchern betätigten, müsse man in Frage stellen: Wurden Wappenbücher aus einem "antiquarischen Interesse" von Herolden verfasst, um heraldisches Wissen aus eigenem Antrieb festzuhalten und aufzubewahren, oder fertigten sie diese für "geschäftliche Zwecke" an, als Auftragsarbeit oder für den freien Markt? In seinen Analysen stellte Clemmensen fest, dass auch von Herolden verfasste Wappenbücher für "geschäftliche Zwecke" angefertigt und daher für den Verkauf, als Geschenk oder Auftragsarbeit bestimmt gewesen sein müssen. In der anschließenden Diskussion wurde dieser Eindruck mit dem Verweis auf die Werke des englischen Herolds Robert Cooke noch verstärkt, hinter welchen ebenfalls kommerzielle Interessen vermutet wurden. Auch Herolde, so stellte man heraus, behielten die prachtvollen heraldischen Schriften keineswegs aus Eigeninteresse für sich selbst, sondern handelten im Interesse anderer.

Die Vorträge hatten, so wurde im Schlusswort von Torsten Hiltmann zusammengefasst, das Wirken, die Werke und die Wahrnehmung von Herolden in diachroner und europäischer Perspektive in den Blick genommen. Ausgehend davon müssen bestehende Meinungen über die Bedeutung und Gestalt des Heroldsamtes zugunsten eines differenzierten Bildes revidiert werden: Herolde hatten zu keiner Zeit strikt festgelegte Aufgaben. Auch die Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit veränderte sich abhängig von Zeit und Raum. Für die Neuzeitforschung hat sich darüber hinaus auch gezeigt, dass gerade die Werke und Archive von Herolden eine wertvolle Quelle darstellen. Womöglich bilden die Herolde gar selbst einen eigenständigen Autorentypen, dessen Charakteristika noch ihrer Erschließung durch die Fachdisziplinen harren.

Eine Geschichte des Heroldsamtes steht daher vor der Herausforderung, die synchrone Differenzierung und die diachrone Entwicklung des Amtes zugleich zu fassen. Die Lösung dieser Herausforderung muss folgerichtig darin bestehen, die regionalen und zeitlichen Unterschiede in ihrer geschichtlichen Entwicklung herauszuarbeiten. Für diese komplexe, neue Geschichte des Heroldsamtes sollen dieser Workshop und die daraus resultierende gemeinsame Publikation den Grundstein legen.

Konferenzübersicht:

Torsten Hiltmann (Münster), Welcome and Introduction.

Wim van Anrooij (Leiden), Heralds, History and Heraldry: The Case of the Haarlem Panels of the Counts of Holland (1493).

Miguel Metelo de Seixas (Lisbon), Le rôle des hérauts à la cour du roi Manuel Ier de Portugal: enjeux politiques et symboliques.

Steen Clemmensen (Farum), Heralds as antiquarians or for business.

Thalia Brero (Geneva), Maîtres des cérémonies : les hérauts et les rituels de cour (Savoie, XVIe siècle).

Jean-Christophe Blanchard (Nancy), Emond du Boullay et ses écrits.

Pierre Couhault (Paris), Les hérauts étaient-ils des experts ? Le cas de la cour des premiers Habsbourg d’Espagne.

Vincent Belloy (Paris), Hérauts d’armes français, anglais et bourguignons au travers des Chroniques de Jean Froissart. Fonctions et représentations.

Michael Göbl (Vienna), The activities of the heralds in the Holy Roman Empire in early modern times (coronations and funerals from Charles V to Leopold I).

José Antonio Guillén Berrendero (Madrid), The Castilian kings of arms and their books. The example of Guerra´s family.

Marcus Meer (Münster), Hands on Session: Tools for Communication and Cooperative Writing.

Discussion of the Book Project in Working Groups

Questions of Organisation and General Discussion

Anmerkungen:
[1] Siehe zum ersten Workshop auch: Tagungsbericht: History of Heralds in Europe (12th-18th c.), 26.03.2014 – 28.03.2014 Münster, in: H-Soz-Kult, 09.01.2015, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5772> (17.6.2015). Detailliertere Informationen zum Projekt finden sich auf dem eigens für den Workshop eingerichteten Blog: <http://heralds.hypotheses.org/> (17.6.2015).
[2] Henri Simonneau, Le héraut d’armes, personnage de roman (XIIe-XVe siècles). Vortrag gehalten im Rahmen der Tagung "History of Heralds in Europe (12th-18th c.)", 26.-28.03.2014 (siehe Anmerkung 1).

Zitation
Tagungsbericht: History of Heralds in Europe (12th-18th c.): State of the Art and New Perspectives II, 25.03.2015 – 27.03.2015 Münster, in: H-Soz-Kult, 27.06.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6043>.