Osteuropaexperten und Politik im 20. Jahrhundert

Ort
Marburg
Veranstalter
Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker (VOH); Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO); Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung
Datum
19.02.2015 - 20.02.2015
Von
Hans-Christian Petersen, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg; Jan Kusber, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg Universität-Mainz

Der Krieg in der Ostukraine, die Eskalation der Krise im östlichen Europa mit ihrer Aktualisierung von Dichotomien und Stereotypen, rasante Entwicklungen von Geschichtskulturen und die Rolle von Experten in diesen Entwicklungen zwingt alle mit dem östlichen Europa befassten Wissenschaftsdisziplinen, über die Rolle von selbsternannten oder gefragten Experten nachzudenken. Diese aktuelle Konstellation war Anlass für eine Tagung des Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker (VOH), der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) und des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung, die von Jörn Happel, Heidi Hein-Kircher und Jan Kusber am 19. und 20. Februar 2015 im Herder-Institut, Marburg, organisiert wurde. Die Veranstalter wollten in einem vorausgegangen Call for Papers wissen, welche Rolle so genannte Ost-Experten in unterschiedlichen institutionellen Kontexten erfüllten und welche Funktionen sie in der Nähe von Politik und Öffentlichkeit einnahmen. Es sollte diskutiert werden, wie ihre Motivationen waren, ob Politiker ihnen zuhörten, wie ihr Wissen in die Politik einfloss, und welche Bedeutung sie insbesondere nach der Revolution von 1917 in unterschiedlichen Systemen hatten.

In seiner fallbeispielbasierten Einführung arbeitete JAN KUSBER (Mainz) anhand der Beispiele von Otto Hoetzsch und Boris Meissner heraus, dass sich Experten zwischen Wissenschaft und Politik bewegen konnten. Experten, so Kusber, zeichneten sich durch die Exklusivität der Ressourcen Wissen und Erfahrung aus. Wurde und wird die Exklusivität angezweifelt, wird das Expertentum prekär; werden Wissen und Erfahrung weder durch eine mehr oder weniger große Öffentlichkeit noch durch ‚die Politik‘ abgefragt, verliert der Experte seinen Status. Nicht die Eigenwahrnehmung, sondern die Fremdwahrnehmung ist hier entscheidend. Nicht alle, die in dem gegenwärtigen Krieg in der Ostukraine als Experten gehandelt werden, gelten in der jeweiligen Fachcommunity als solche. Menschen, in diesem Fall vor allem Medienredakteure, müssen glauben, es handele sich um Experten – oder zumindest um „Public intellectuals“, denen eine Einordnungskompetenz aktueller Problemlagen zugetraut wird.

PETER HASLINGERs (Marburg) stärker konzeptionell orientierte Einführung fragte nach der Gruppenkonstituierung über Institutionen, nach dem Habitus von Experten und nach der Sprache. Er arbeitete heraus, dass die Experten – seine Beispiele rekurrierten auf ostmitteleuropäische Expertenkulturen der Zwischenkriegszeit – einen Transferbeitrag leisten mussten, indem sie sprachliche Komplexität reduzierten. Haslinger erläuterte instruktiv und luzide Professionalisierungs-, Spezialisierungs- und Differenzierungsprozesse der Experten zwischen Wissenschaft und Politik. In ihnen begannen Experten Nachfragesituationen zu modellieren, um ihre Bedeutung zu behaupten. Und er wies darauf hin, dass Expertentum lange männlich konnotiert worden sei.

In der ersten von Jan Kusber moderierten Sektion, die sich Experten widmete, die sich mit dem Raum beschäftigten, waren gleich zwei Vorträge Eugeniusz Romer (1871-1954) gewidmet, der als der Begründer einer nationalen polnischen Geographie gilt und in der Zwischenkriegszeit zu einem Public Intellectual avancierte. BENJAMIN CONRAD (Mainz) stellte Romer überzeugend als einen Experten vor, der vor dem Ersten Weltkrieg an der historisch-geografischen Verortung eines polnischen Staates durch Schriften und Atlanten mitwirkte. Romer hing dem Gedanken eines weiträumigen, neu zu gründenden polnischen Staates an, was ihn innerhalb der polnischen Delegation in Paris anschlussfähig machte, während er für die Konferenz von Riga, die den polnisch-sowjetischen Krieg beendete und maßgeblich für die polnische Ostgrenze war, keinen Einfluss erlangte. STEVEN SEEGEL (Greely) widmete sich Romer in der Zwischenkriegszeit, in der er an der nationalen Wissenschaft arbeitete. Seegel stufte Romer als „Public Intellectual“ ein, der im angloamerikanischen und französischen Kontext von Bedeutung sei. Haslinger folgend, schilderte er Romers Arbeit in der Geographie als eine männliche Praxis und sprach in Bezug auf männliche Gruppen in der Feldforschung und Romers erotisches Verhältnis zur Kartographie in Anschluss an Anne Laura Stoler von einer „gendered colonial experience“. Romer sei kein Einzelfall gewesen, dies habe etwa auch für Friedrich Ratzel gegolten.

MARTIN MUNKE (Chemnitz) beleuchtete die Verstrickungen des Russlanddeutschen Georg Leibbrandt (1899–1982) in die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik. Er charakterisierte diesen archetypischen Vertreter systematisierend als einen weltanschaulichen Experten, der sich selbst den Institutionen andiente, der aus einer konsequenten Volkstumsforschung die nationale Dekomposition der UdSSR anstrebte und der, wiewohl als Teilnehmer der Wannsee-Konferenz hoch kompromittiert, nach dem Zweiten Weltkrieg als Lobbyist versuchte, seinen Expertenstatus zu wahren. Seine Tätigkeit für die „Publikationsstelle Ost“ bleibt ein Beispiel für die fatalen Konsequenzen, die Expertentum haben kann.

JÖRN HAPPEL (Basel) stellte Gustav Hilger vor, der durch seine reiche Sowjetunionerfahrung und durch seine Netzwerke vor Ort (Čičerin, Litvinov, Radek u.a.) zu einem Experten avancierte, der Systemwechsel und den Zweiten Weltkrieg überstand. Er galt in der Weimarer Republik und nach 1933 als Wirtschaftsexperte, war bei der Aushandlung des Molotov-Ribbentrop-Paktes zugegen und diente seit 1953 der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes und dem US-Geheimdienst. Hilger sah sich selbst als „Konsultant“.

HANS-CHRISTIAN PETERSEN (Oldenburg) betonte in seinem Kommentar zu dieser Sektion die Bedeutung der historischen Zeitkontexte, insbesondere mit Blick auf das jeweilige (Selbst)Verständnis der wissenschaftlichen Objektivität der Experten. Er riet dazu, mittels „biographischer Sonden“ Kontinuitäten, Modifikationen und Brüche in den Blick zu nehmen und ein besonderes Augenmerk auf die Relevanz personaler Netzwerke zu legen.

Ein Höhenpunkt der Tagung war sicher der autobiographisch angelegte Abendvortrag von WOLFGANG EICHWERDE (Berlin / Bremen), der sich hinsichtlich seiner Arbeit über die Restitution von Kulturgütern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als „Experten aus Zufall“ bezeichnete. An zahlreichen anschaulichen Beispielen erläuterte er plastisch, wie sich das Verhältnis von Experte, Apparat und Politik in der praktischen Arbeit gestalten kann und wie der Experte im besten Falle als kultureller Mittler wirken, wie er aber auch an den politischen Vorgaben scheitern könne.

In der von Heidi Hein-Kircher (Marburg) moderierten Sektion „Wissen“ trug zunächst MACIEJ GÓRNY (Warszawa) über rassenanthropologische Osteuropaexperten im Ersten Weltkrieg vor. Sein Beispiel war vor allem der österreichische Anthropologe Rudolf Pöch, der bei der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien beantragte, Kriegsgefangene vermessen zu dürfen, um pseudowissenschaftlich Rassemerkmale ermitteln zu können und so einen Beitrag zur Erforschung des Ostens im Krieg leisten wollte. Der Erfolg des Projektes war anhaltend, auch für die die NS-Rassenkunde war Pöch ein Referenzpunkt und noch in der Republik Österreich wurde mit den Daten gearbeitet. Górny betonte, dass sich aber auch anthropologische Experten aus Osteuropa, etwa Ukrainer, als Erben dieser Forschungstradition sahen.

Der Beitrag von AGNES LABA (Marburg), krankheitshalber vorgetragen von Heidi Hein-Kircher, beschäftigte sich mit dem Funktionswandel deutscher Polenexpertise zwischen 1916 und 1919 am Beispiel des Geographen Max Friederichsen. Er war Leiter der Landeskundlichen Kommission des Generalgouvernements Warschau. Diese Kommission und Friederichsens Publikationen nach 1918 bildeten dabei den roten Faden der Analyse: Weder hatte Friedrichsen zuvor eine Polenexpertise, noch konnte er Polnisch. Durch seine Arbeit wurde er jedoch nach 1918 zu einem führenden Deutschtumsgeographen.

SEBASTIAN PAUL (Marburg) stellte mit Jaromír Nečas einen Experten vor, der einen wesentlichen Beitrag dazu leistete, das Gebiet der Podkarpatska Rus, also den Osten des neuen tschechoslowakischen Staates, zu erforschen und damit eine für die Regierung notwendige Wissensproduktion zu leisten. Nečas war ein Beispiel für einen Experten mit einem dezidierten Regionalinteresse, dem seine Arbeit als Entree in die Politik diente. Als Abgeordneter in Prag verlor er dann seinen Experten-Status.

BENNO NIETZEL (Bielefeld) fragte nach Expertengruppen in der wissenschaftlichen Kommunikationsforschung in den USA, Deutschland und der Sowjetunion zwischen den 1920er- und den 1950er-Jahren. Den Ausgangspunkt bildete die Situation des frühen Kalten Krieges, als Expertise über den bislang weitgehend unbekannten Feind zu einer wichtigen Ressource für politische Entscheidungen und die systematische Beobachtung des Gegenübers zu einer Praxis sowohl von Forschungs- als auch von Geheimdiensteinrichtungen wurde. Vor allem während der 1950er-Jahre richteten sich innerhalb der amerikanischen Administration große Erwartungen an Formen von „Psychological Warfare“, das zu einem Schlüsselbegriff politischer Planung avancierte.

SOPHIA DAFINGER (Augsburg) setzte die Diskussion um Osteuropaexpertise in den USA mit Leon Gouré fort, der als Experte für sowjetische Militärstrategie in den USA des Kalten Krieges für die RAND Corporation arbeite. Sie avancierte zum Durchlauferhitzer für ambitionierte junge Akademiker, die von der Arbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Militär fasziniert waren. Der 1922 in Moskau geborene Leon Gouré war einer von ihnen.

In seinem Kommentar zu dieser Sektion stellte PETER HASLINGER (Marburg) eine Typologisierung von Experten vor. Er schlug anhand der vorgestellten Expertenbeispiele die Unterscheidung in „Papierexperten“, „Praxisexperten“ und „Methodenexperten“ vor, deren Wissen in unterschiedlichen Kontexten Relevanz gewann. Auch mit Blick auf gegenwärtige Konstellationen verwies er darauf, dass Umbruchs- und Konfliktsituationen eine je neue Marktlage für Experten schufen. Und er machte auf die Verwendungsoffenheit der von Experten gewonnen Materialien und Daten aufmerksam.

Die letzte Sektion zum Thema „Orient“ musste wegen eines Referentenausfalls reduziert werden. DIRK SCHUSTER (Potsdam) widmete sich dem sowohl vor 1933 als auch nach 1945 hochangesehen Islamwissenschaftler Hans Heinrich Schaeder (1896-1957), der sich als Ostexperte im Dienste Himmlers, Rosenbergs und der „Deutschen Christen“ sah. Seine Interpretation des Iran als „arisches Ur-Reich“ trug dazu bei, eine zukünftige deutsche Vorherrschaft über den Orient zu legitimieren. Schaeder, dessen Antrieb ein unverhohlener Antisemitismus und Antikommunismus war, engagierte sich mit Vorträgen und Artikeln für das von den „Deutschen Christen“ gegründete „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ und beteiligte sich prominent am sogenannten „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“, in dem er über die bolschewistische Weltgefahr zu arbeiten begann.

In seinem Kommentar wies ZAUR GASIMOV (Istanbul) zum einen auf die Funktionalisierung von scheinbar entlegenen Themen für aktuelle politische und ideologische Themen sowie auf Netzwerke von Experten hin, die nicht immer an Wissenschaftskonstellationen gekoppelt sein mussten. In der anschließenden Diskussion wurde von Hans-Christian Petersen (Oldenburg) auf die Historikerin Hildegard Schaeder aufmerksam gemacht, die im Gegensatz zu ihrem Bruder Hans Heinrich der Bekennenden Kirche angehörte und als eine von ganz wenigen ‚Ostexperten‘ den Weg in den Widerstand wählte.

In der von Jan Kusber (Mainz) moderierten Schlussdiskussion wurde zum einen mehrfach der Wunsch betont, die Zahl der Fallbeispiele zu erweitern, um insbesondere transnationale Netzwerke und Migrationswege von Experten und Wissen erhellen zu können. Malte Rolf (Bamberg) plädierte für eine Strukturgeschichte der Akteurskonstellationen, um deren Wechsel zwischen den Milieus, zwischen Apparaten, Institutionen der Wissenschaft und öffentlichem Raum herausarbeiten zu können. Die lebhaften Diskussionen am Schluss wie auf der Tagung überhaupt unterstrichen die Relevanz des Themas – eine Publikation ist in Planung.

Konferenzübersicht:

Jan Kusber, Mainz - Einführung
Peter Haslinger, Marburg / Gießen - Wissen und Politik, Experten und Expertenkulturen
Diskussion

Sektion I „Raum“
Moderation: Jan Kusber, Mainz

Benjamin Conrad, Mainz - Eugeniusz Romer als Experte für Geografie auf den Friedenskonferenzen von Paris und Riga 1919–1921
Steven Seegel, Greely - Von From Explorer to Expert: Gender, Geography, and Knowledge in the 'Polish' Case of Eugeniusz Romer during the Interwar Period
Martin Munke, Chemnitz - „Sammlung Georg Leibbrandt“ und „Publikationsstelle Ost“ –
Raumordnungsprojekte im Nationalsozialismus zwischen Wissenschaft und Politik
Jörn Happel, Basel - Der Konsultant. Gustav Hilger erklärt die Sowjetunion
Kommentar: Hans-Christian Petersen, Oldenburg

Abendvortrag

Wolfgang Eichwede, Bremen/Berlin - Das Schicksal der Kunst im Zweiten Weltkrieg als Problem der heutigen Diplomatie? Zum Verhältnis von Expertise und Politik

Sektion II „Wissen“
Moderation: Heidi Hein-Kircher, Marburg

Maciej Górny, Warszawa/Jena - „Die Pflicht, diese Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen“.
Rassenanthropologische Osteuropaexperten seit 1914
Agnes Laba, Marburg - „Das Polentum im Spiegel deutscher Wissenschaft“ – Funktionswandel deutscher Polenexpertise zwischen 1916 und 1919
Sebastian Paul, Marburg Politischer Aufstieg durch Verwissenschaftlichung. Jaromír Nečas (1888-1945) als Ost-Experte und der Klub přátelů Podkarpatské Rusi
Benno Nietzel, Bielefeld - Kommunikationsforschung hinter dem Eisernen Vorhang: Psychological Warfare, Politik und Osteuropa-Expertise in den USA 1945-1960
Sophia Dafinger, Augsburg - Leon Gouré – Experte für sowjetische Militärstrategie in den USA des Kalten Krieges
Kommentar: Peter Haslinger, Marburg/Gießen

Sektion III „Orient“
Moderation: Jörn Happel, Basel

Dirk Schuster, Potsdam - Hans Heinrich Schaeder. Ostexperte im Dienste Himmlers, Rosenbergs und der Deutschen Christen
Kommentar: Zaur Gasimov, Istanbul

Abschlussdiskussion
Moderation: Jan Kusber, Mainz

Zitation
Tagungsbericht: Osteuropaexperten und Politik im 20. Jahrhundert, 19.02.2015 – 20.02.2015 Marburg, in: H-Soz-Kult, 01.07.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6058>.
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Veröffentlicht am
01.07.2015