Thalassokratographie – Rezeption und Transformation antiker Seeherrschaft

Ort
Berlin
Veranstalter
Hans Kopp / Christian Wendt, Exzellenzcluster Topoi, Freie Universität Berlin
Datum
29.05.2015 - 30.05.2015
Von
Laura Kersten, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Die internationale Tagung hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Rezeption und die Transformation der Idee von antiker Seeherrschaft zu untersuchen. Dabei sollten nicht nur verschiedene Beispiele von Rezeptionen präsentiert werden, die sich dezidiert auf die Antike beziehen, sondern es sollte auch danach gefragt werden, inwiefern antike Seeherrschaftsvorstellungen durch Rezeption und Aneignung selbst verändert wurden und diese so erfolgte Transformation antiker Ideen letztendlich zur Konstruktion unserer Vorstellung von antiker Seeherrschaft beigetragen hat. Um diesen Fragenkomplex zu bearbeiten, wurden die verschiedenen Vorträge in drei Sektionen unterteilt, die sich erstens mit den „Wegen der Rezeption“, zweitens mit „Identität und Legitimation“ und drittens mit „Alterität und Mahnung“ beschäftigten. Die Vortragsthemen behandelten dabei sowohl bereits antike Rezeptionen als auch neuzeitliche Vorstellungen und Aneignungen von antiker Seeherrschaft.

Vor dem Beginn der ersten Sektion hielt HARTMUT BÖHME (Berlin) einen Vortrag über die Transformation antiker Ozean-Bilder, der gleichzeitig eine Einführung in das Tagungsthema darstellte. In einem ersten Schritt betonte Böhme, dass am Anfang der europäischen Geschichte die Angst vor dem Element Wasser, das immer wieder mit Katastrophen in Verbindung stand, prägend war. Dieser Angst vor den Elementen begegnete der Mensch durch die Entwicklung von Technik, die die Elemente letztendlich zähmen sollte. In einem zweiten Schritt arbeitete Böhme heraus, wie zentral die Entwicklung der Schifffahrt für die Entwicklung Europas gewesen sei. So seien Seemacht und Seehandel die zentralen Motoren eben dieser Entwicklung gewesen, die durch Expansion bzw. Globalisierung und deren Rückwirkung auf Kultur und Politik Europa geprägt hätten. In einem dritten Schritt gelang es Böhme schließlich, am Beispiel von Humboldts Überlegungen zu Kolumbus‘ Amerikaentdeckung das Phänomen der Transformation zu problematisieren. Humboldt habe die Fahrt des Kolumbus als Phantasiereise verstehen wollen, da Kolumbus auf Grund des Studiums von Texten, die über die antiken Quellen berichten, glaubte, er habe Indien entdeckt. Die Entdeckung eines neuen Kontinents sei also unter Annahmen entstanden, die durch eine Transformation antiker Ozean-Bilder hervorgebracht wurden.

Die erste Sektion der Tagung, die anhand von drei Vorträgen die Rezeptionsvorgänge antiker Seeherrschaft genauer untersuchen sollte, wurde von SARAH WALTER (Berlin) mit einem Vortrag zur Rolle von Abfolgeideen als einem Element der Rezeption von Seeherrschaft eröffnet. Walter stellte einige antike Quellenausschnitte vor, die als Narrative der Abfolge von antiken Seeherrschaften verstanden werden könnten oder zumindest in dieser Weise ausgelegt wurden. Darauf aufbauend stellte sie die Frage, ob man derartige Darstellungen als maritime Genealogie oder als maritime Sukzession, das heißt als eine Abfolge, die vor allem über verwandtschaftliche Abstammung oder mittels einer eher offenen Abfolgeidee konstruiert wird, begreifen könne, wobei Walter zu letzterem tendierte. Die Konstruktion von Seeherrschaft als Sukzession bedinge allerdings bestimmte Modi der Darstellung, deren zentrales Merkmal die Herstellung einer lückenlosen Folge von Seemächten sei. HANS KOPP (Berlin) beschäftigte sich mit der Rezeption und Transformation des antiken Vokabulars von Seeherrschaft in der Neuzeit (16. - 18. Jahrhundert). Indem Kopp mehrere neuzeitliche Autoren vorstellte, gelang es ihm nicht nur zu zeigen, wie das Wort thalassokratia wiederentdeckt und popularisiert wurde, sondern auch, wie das weitere antike Vokabular von „Seeherrschaft“ durch semantische Überlegungen mit teils neuer Bedeutung versehen wurde. Auch wenn heute die Ergebnisse der verschiedenen Schriften dieser neuzeitlichen Autoren nicht mehr unbedingt relevant seien, so hätten sie doch durch ihre semantische Interpretation bestimmte antike Autoren mit dem Thema der Seeherrschaft verbunden und so eine Art Kanonisierung betrieben. BARRY STRAUSS (Ithaca) stellte drei moderne Marinetheoretiker (Alfred T. Mahan, Stansfield Turner, Colin S. Gray) vor, die alle für ihre jeweilige Strategie die Wichtigkeit der Marine betont und zur Bestätigung etwa der Bedeutung des Seekriegs auf die Antike Bezug genommen haben. Dabei fanden die verschiedenen Marinetheoretiker in der Antike jeweils das, was ihre eigenen strategischen Überlegungen bestätigt habe, auch wenn die Relevanz der Antike innerhalb der Argumentationen nicht zu hoch veranschlagt werden dürfe.

Die zweite Sektion der Tagung behandelte die Frage, wie Identität und Legitimität durch einen positiven Bezug auf antiken Seeherrschaftsvorstellungen hergestellt werden konnten. Der erste Vortrag dieser Sektion von KAIUS TUORI (Helsinki) beschäftigte sich mit der Rezeption der römischen Rechtstradition durch Hugo Grotius in seiner Schrift Mare liberum. Zwar habe es kein römisches Recht über die See gegeben, aber es sei eine römische Auffassung gewesen, dass die See Gemeinbesitz sei und qua Natur niemandem gehören könne. Grotius habe dieses römische Rechtsdenken tendenziös ausgelegt und für seine eigene rechtliche Argumentation benutzt, um das Meer als offenen Handlungsraum zu deklarieren. LOUIS SICKING (Leiden/Amsterdam) zeigte in seinem Vortrag, wie im 16. Jahrhundert verschiedene niederländische Machthaber ihren Seeherrschaftsanspruch durch antike Inspirationen ausdrückten, z.B. indem sie Neptun als Symbol ihrer Seeherrschaft benutzten. Dieser Aspekt lässt sich in vielen Facetten zeigen, etwa in der Malerei, wie eine detaillierte Interpretation des Gemäldes „Neptun und Amphitrite“ von Jan Gossaert (1516) belegte. JOSHUA DERMAN (Hong Kong) stellte zwei Autoren (Carl Schmitt und Ernst Wolgast) vor, die im Dritten Reich eine Theorie der Thalassokratie entworfen hätten, indem sie eine Dichotomie von Land- und Seemacht konstruierten. Schmitt und insbesondere Wolgast stützten sich dabei wesentlich auf antike Vorbilder und projizierten die Idee der antiken Seeherrschaft auf Großbritannien, um letztendlich politische Schlussfolgerungen für ihre eigene Gegenwart zu ziehen. Mit ihrem Beitrag zur Debatte über Luftmacht im 20. Jahrhundert zeigte EDITH FOSTER (Strasbourg), indem sie fiktionale und nicht-fiktionale Werke analysierte, wie die Idee der Luftmacht durch die Seemachtsvorstellung des thukydideischen Perikles geprägt worden sei. Hier war besonders anschaulich, wie unter anderen der Thukydidesübersetzer Rex Warner direkte Parallelen in seine Science-Fiction-Literatur einfließen lässt.

Als dritte Sektion der Tagung wurde dem Rezeptionszweck der Identität und Legitimation die Bezugnahme, die sich auf Alterität und Mahnung beruft, dichotom gegenübergestellt. ERNST BALTRUSCH (Berlin) behandelte die Rezeption der griechischen Seemacht in Rom. So hätten die Römer Seemacht zwar als notwendige Bedingung ihres Weltreichs verstanden und die Kompetenz der Griechen zur See zu schätzen gewusst, allerdings das Meer selbst auch (wie früher z.B. Plato) als Risikofaktor wahrgenommen und die reine Ausrichtung eines Staates auf das Meer abgelehnt. Aus der Beschäftigung mit der griechischen Seemacht hätten die Römer also lernen, sie allerdings nicht nachahmen wollen. Daraufhin stellte BEN EARLEY (Cambridge) Autoren aus dem 18. Jahrhundert (James Abercromby, William Barron, William Meredith, Adam Smith, John Symonds) vor, die sich alle auf Thukydides beriefen, um während der Amerikanischen Revolution Strategien zu entwickeln, die eine Loslösung der amerikanischen Kolonien von Britannien verhindern sollten. Dabei habe man aus den Fehlern der Athener, die ihre Vormachtstellung bzw. Herrschaft über die griechischen poleis wieder verloren hatten, lernen wollen, indem man insbesondere die Verfehlungen des „Seereichs“ Athen zu vermeiden versuchte. Der letzte Vortrag der Tagung, der von CHRISTIAN WENDT (Berlin) gehalten wurde, beschäftigte sich mit dem Diskurs, der die Möglichkeit der menschlichen Herrschaft über das Meer in Frage stellt. Ausgehend von Aischylos‘ und Herodots Darstellung von Xerxes am Hellespont, der das Meer für den Zusammenbruch seiner Brücke strafen wollte, worauf der Niedergang des Perserreichs gefolgt sei, entwickelte Wendt einen Transgressionsdiskurs. Dieser habe nicht nur in der Antike stattgefunden, wie durch zahlreiche weitere Beispiele belegt wurde, sondern sei in der Neuzeit wieder aufgenommen und fortgeführt worden, wie Bezüge auf Hans Blumenberg, Theodor Fontane, Thomas Hardy und Ernst Jünger zeigen konnten.

Die Vorträge der Tagung „Thalassokratographie“ konnten also wesentliche Prozesse der Rezeption und Transformation antiker Seeherrschaft exemplarisch verdeutlichen. So wurde immer wieder gezeigt, wie die Rezipienten vermeintlicher antiker Seeherrschaftsvorstellungen stets das fanden, was sie für ihre eigene Argumentation und historische Situation benötigten. Dabei fungierte die Idee antiker Seeherrschaft sowohl als positives Vorbild, über das man sich zu identifizieren oder legitimieren suchte, als auch als negatives Vorbild, aus dem man lernen wollte, von dem man sich aber auch gleichzeitig abzusetzen versuchte. Ebenso konnte die Rezeption dazu führen, dass die Möglichkeit der Herrschaft über die See als solche negiert wurde. Die Konferenz konnte also zeigen, dass die Idee von antiker Seeherrschaft flexibel einsetzbar und vor allem wandelbar war. Darüber hinaus gelang es in den Vorträgen immer wieder zu problematisieren, inwiefern die Rezeption antiker Seeherrschaft die Perspektive auf historische Konstellationen verändert hat und die Transformation unseren Zugriff auf die Idee antiker Seeherrschaft in gewisser Weise beeinflusst. Insofern konnte die Betrachtung der Rezeption und Transformation auch ein Stück weit zu einer differenzierteren Bewertung des Konzepts antiker Seeherrschaft beitragen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung / Welcome

Prolog / Prologue

Hartmut Böhme (Berlin), „Jeder hat noch in den Alten gefunden, was er brauchte, oder wünschte; vorzüglich sich selbst.“ – Transformationen antiker Ozean-Bilder am Beispiel von Kolumbus und Alexander von Humboldt

Panel 1: Wege der Rezeption / Ways of Reception

Sarah Walter (Berlin), Maritime Sukzessionen – maritime Genealogien? Abfolgeideen als Element der Rezeption von Seeherrschaft

Hans Kopp (Berlin), „Die meiste Verwirrung kam durch die alte Geschichte“: Rezeption und Transformation des antiken Vokabulars von „Seeherrschaft“ in der Neuzeit

Barry S. Strauss (Ithaca), Modern Navalist Thinkers and Antiquity

Panel 2: Identität und Legitimation / Identity and Legitimacy

Kaius Tuori (Helsinki), The Savage Sea and the Civilizing Law: The Roman Law Tradition and the Rule of the Sea

Louis Sicking (Leiden/Amsterdam), Ancient Inspiration: The Representation of Seapower in the Netherlands in the Sixteenth Century

Joshua Derman (Hong Kong), The Idea of Thalassocracy in Nazi Germany

Edith Foster (Strasbourg), The Empire of the Air: Pericles, Air Power, and Science Fiction after 1918

Panel 3: Alterität und Mahnung / Alterity and Admonition

Ernst Baltrusch (Berlin), „anfällig für Korruption und Sittenverfall“? Die Rezeption griechischer Seemacht in Rom

Ben Earley (Cambridge), The British Reception of Thucydides during the American Revolution

Christian Wendt (Berlin), Xerxes am Tay oder: „Bedenke, Du bist nur ein Mensch!“

Zitation
Tagungsbericht: Thalassokratographie – Rezeption und Transformation antiker Seeherrschaft, 29.05.2015 – 30.05.2015 Berlin, in: H-Soz-Kult, 25.07.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6091>.